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Rokoko

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Rokoko oder Anakreontik

Der Rokoko oder die Anakreontik währte von etwa 1720 bis 1785. Er entwickelte sich aus dem Barock, übernahm das Carpe diem und den vorherrschenden Pathos. Das „Memento mori“ hatte aber keine Bedeutung mehr, der Dreißigjährige Krieg war weitgehend vergessen, in Europa herrschten relativ stabile Verhältnisse. Der Rokoko widmete sich nun ganz der Freude und dem Vergnügen: Alkohol, die gesellige Runde, Natur, Liebe, Sex – dies waren beliebte Themen der Lyrik. Die Liebeslyrik stand somit nicht mehr unter dem Zeichen der Wehklage und der Vergänglichkeit, sondern unter dem Zeichen des Genusses, des sinnlichen Erlebens. Sie wollte von einem tristen Alltag entfernt sein, die Leser unterhalten, keine christliche Moral verbreiten. Derbe Späße und sexuelle Anspielungen wurden nicht mehr kollektiv verachtet, sondern in die Lyrik aufgenommen.
Die Lyrik des Rokoko wird auch Anakreontik genannt, denn sie berief sich auf den griechisch-antiken Dichter Anakreon (ca. 575-495 v. Chr.).
Dessen Gedichte über den Wein, die Liebe und die Natur, gepaart mit der griechischen Götterwelt, entsprachen dem Lebensgefühl einer vom Barock beeinflussten, aber in der Summe lebensfroheren Generation von Lyrikern. Dabei sollte man die Dichter nicht mit ihren Werken gleichsetzen – die Anakreontiker thematisierten in ihren Gedichten nicht ihr eigenes Leben, sondern schufen eine imaginäre dichterische Welt, die von ihrem Leben entfernt war, die Spaß und Freude der Leser bezweckte. Dazu bedienten sie sich des Bildes einer friedlichen antiken Landschaft, die von mythischen Wesen und Hirten bewohnt wurde – die Anakreontik ist deshalb auch mit der sogenannten Gattung der Schäferdichtung verwandt, die das Leben der ländlichen Bevölkerung und deren als natürlich wahrgenommene Liebe beschreibt.
Liebeslyrik: Rokoko
Abb. 1: Solche Landschaften sind der Schauplatz anakreontischer Dichtung.
Quelle: Claude Lorrain (1600-1682)
Liebeslyrik: Rokoko
Abb. 1: Solche Landschaften sind der Schauplatz anakreontischer Dichtung.
Quelle: Claude Lorrain (1600-1682)

Sprache und Form

Während man sich im Barock an der Sonettform Petrarcas orientierte, stand nun der antike Dichter Anakreon für die Liebeslyrik des Rokoko Pate. Das Sonett wurde daher von der altertümlichen Ode abgelöst. Eine Ode wird durch den gehobenen Sprachstil, ihre Länge, das häufige Fehlen von Endreimen und ein nicht immer regelmäßiges Metrum ausgezeichnet. Anakreontische Gedichte entfernen sich aber bisweilen von der Ode, da sie auch oft nicht strophisch gegliedert sind.
Das Versmaß des Alexandriners findet sich nicht in der Liebeslyrik des Rokoko, vielmehr bediente man sich zumeist drei- bis vierhebiger Jamben, also wesentlich kürzerer Verse, die durch ihren springenden und tänzelnden Rhythmus die Unbeschwertheit der Liebe auf dem Lande darstellen sollten.
Die Anakreontik stützte sich auf ähnliche Symbole wie der Barock, nur dass die christliche und geistliche Komponente wegfiel. Die Sprache reicht von gefühlvoll-verziert und gehoben bis hin zur Anzüglichkeit und dem derben Scherz – teilweise sogar im selben Gedicht.

Beispiel für die Liebeslyrik der Anakreontik

  • Sieh', wie dort ein kleiner Vogel
  • Auf dem Myrthenzweige sitzt,
  • Lauschend in die Ferne siehet
  • Und den Mund zum Pfeifen spitzt!
  • Denkt er Mädchen, deren Busen
  • Nicht sein schärfster Pfeil durchdrang,
  • Hier im Garten zu besiegen
  • Mit harmonischem Gesang?
  • O, du holder kleiner Vogel,
  • Meine Magdalis ist hier:
  • Pfeif' ein Liedchen, liebster Vogel,
  • Und ihr Herz erpfeife mir!
  • (Amor ein Vogel von Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803))
In diesem Gedicht vereinen sich gleich mehrere Merkmale der Anakreontik. Formal lässt sich die Gliederung in relativ kurze Strophen erkennen. Es reimen sich jeweils nur der zweite und der vierte Vers einer Strophe. Inhaltlich fällt vor allem die Verwendung von Bildern aus der Natur (grün gekennzeichnet) auf: Wir befinden uns in einem Garten, ein Vogel singt auf einem Myrthenzweige (der der griechischen Liebesgöttin Aphrodite geweiht war!), es ertönt der natürliche, harmonische Gesang des Vogels. Der Titel weist diesen als Amor, den römischen Gott der Liebe – so stellt der Dichter eine Verbindung zur antiken Götterwelt her. Liebe (orange markiert) und Natur verschmelzen in diesen Bildern, sie sind eins. Trauer gibt es nicht, nur eine ahnungsvolle Sehnsucht (violett gekennzeichnet) nach der Liebe bzw. einen Drang in die Ferne. Der doch kriegerisch anmutende Pfeil des Amor, der die Getroffene sich verlieben lässt, zeigt keine Wirkung, weshalb der Gott es mit seinem lieblichen Gesang versucht. Das lyrische Ich erbittet nun von Amor, mit dessen Lied das Herz seiner Angebeteten für sich „erpfeifen“ zu lassen. In einer solchen Redewendung tritt uns der Scherz und die Fröhlichkeit der Anakreontik entgegen – das lyrische Ich hofft darauf, dass Amor als Kuppler wirkt, seine Bitte wirkt nicht (im modernen Sinne) romantisch, sondern spaßend. Das tiefe, auch verletzlich machende Wesen der Liebe wird hier nicht erwähnt, nur das Vergnügen durch die Liebe zählt. Die saloppe Ausdrucksweise steht dem durch Amor repräsentierten Göttlichen nicht entgegen, der Wandel von hoher zu profaner Sprache geschieht plötzlich.

Fazit

Das Transzendente, Christliche und Geistliche des Barock fehlt in der Liebeslyrik der Anakreontik. Stattdessen entwerfen die Dichter das Bild einer antiken, friedvollen und heiteren Landschaft. Der Fokus liegt auf dem Erleben und der Heiterkeit, die das lyrische Ich empfindet. Geselligkeit, Freude und Liebe sind die zentralen Themen. Das Motiv der Liebe wird auf die Lustgewinnung und den Scherz reduziert. Alexandriner und Sonett verlieren in dieser Strömung ihre Bedeutung, während der Pathos und die Symbolik aus dem Bereich der antiken Mythen und der Natur erhalten bleiben und nun in konzentrierter Form verwendet werden. Wichtige Dichter der Anakreontik sind Johann Wilhelm Ludwig Gleim (s.o.), Johann Nikolaus Götz (1721-1781), Johann Peter Uz (1720-1796) sowie einige Stürmer und Dränger in ihren jungen Jahren – so zum Beispiel Goethe (1749-1832), Schiller (1759-1805) und Lenz (1751-1792).
Hier zeigt sich auch der Einfluss der Anakreontik: Der Sturm und Drang beruft sich ebenfalls auf das Gefühl, Natursymbolik und die antike Götterwelt finden sich selbst im Spätwerk Goethes.
Bildnachweise [nach oben]
[1]
Public Domain.
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