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Weimarer Klassik

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Die Weimarer Klassik stellt die Zeit zwischen 1786 (Goethes Italienreise) und 1805 (Schillers Tod) dar. In dieser Zeit entstanden durch die bereits genannten Autoren sowie Herder (1744-1803) und Wieland (1733-1813) eine Vielzahl von Werken, die die deutsche Kultur und die deutsche Identität nachhaltig prägten. Dies entsprach durchaus den Absichten Goethes (1749-1832) und Schillers (1759-1805): Sie wollten eine zeitlose Kunst erschaffen, die sich nicht nur auf aktuelle Ereignisse bezieht, sondern das Wesen des Menschen insgesamt behandelt. Sowohl ihre eigenen Lebensläufe als auch der damalige Lauf der Geschichte beeinflusste die beiden bei der Ausarbeitung ihres neuen Kunstverständnisses und Menschenbildes.
Die ehemaligen Stürmer und Dränger waren keine Rebellen mehr, sondern anerkannte Geistesgrößen ihrer Zeit – als von Weimarer Adeligen unterstützte Autoren waren sie nun selbst Teil des Establishments, Goethe nahm sogar eine sehr wichtige Position in der Weimarer Regierung ein. Die Unbändigkeit des Gefühls und die Idealisierung außergesellschaftlichen Eingebrötlertums war abgeflaut, die ungestüme Jugend der beiden vorbei. Neue Formen und neue Bilder fand Goethe bei seiner Italienreise, als er die Zeugnisse der Antike und ihrer Kultur selbst erlebte und entdeckte. Beide erlebten zudem einen gewaltigen Umbruch: die Französische Revolution. Schiller, der zuerst die Revolution und ihre Ziele (Gleichheit, Gerechtigkeit, Volkssouveränität) unterstützte, sah den Terror durch Robespierre mit Schrecken. Es erwuchs in ihm die Ansicht, dass es nicht der gesellschaftliche Umsturz sein könne, der die Welt verbessert.
Goethe und Schiller kamen sich nun künstlerisch entgegen und arbeiteten als Freunde eng zusammen. So entstand ein eigenes, klassisches Menschenbild. Sie waren der Meinung, dass der Mensch durch „edle Einfalt, stille Größe“, die in der antiken Kunst zu finden war, zum „schönen wahren Guten“ erzogen werden könne – durch die ästhetische Kunst zum besseren Menschen also. Die Kunst sollte die zersplitterte und in verschiedene politische wie berufliche Bereiche geteilte Menschheit zu einem harmonischen Ganzen verbinden. Moral und Kunst sollten deshalb eins sein. Dem Dichter wurde die Aufgabe zuteil, das Gefühl des Sturm und Drang und das erzieherische, vernünftige Wesen der Aufklärung zu verschmelzen. Als Vorbild diente die Antike, deren Kunst immer noch als stilbildend und ewig galt.
Die Liebe war ein Thema der Weimarer Klassik, aber nicht deren zentrales Motiv. Als Grunderfahrung wurde sie aufgegriffen und behandelt, doch wurde sie stets im Rahmen einer Kunst behandelt, die den Menschen auch moralisch ein Vorbild sein soll. Die Zeit der selbstvergessenen, zwanglosen Liebe des Sturm und Drang war vorbei, Schiller und Goethe betrachteten diese nun als gereifte Erwachsene auch unter dem Blickwinkel der Vernunft. Humanität und die Einhaltung sittlicher Normen wurden als Bestandteil einer „gesunden“ Liebe angesehen.

Sprache und Form

Goethe und Schiller orientierten sich formal und sprachlich stark an der römischen und griechischen Antike. Oden, Hymnen, Distichen (ein römisches Versmaß, wonach einem Hexameter mit sechs Hebungen ein Pentameter mit fünf Hebungen folgt, metrisch dominiert der Daktylus) waren beliebte Formen, daneben noch die neuere Gattung der Ballade. Viele klassische Gedichte zeichnen sich durch ein freies Reimschema und einen freien Rhythmus aus, Goethe und Schiller beschränkten sich nicht auf die strengen Vorschriften des Barock.
Die pathetische und hohe Sprache war essentiell für die Weimarer Klassik, der starke, subjektive Gefühlsausdruck des Sturm und Drang wurde von einem gemäßigteren, ruhigeren und nachdenklicheren Ton ersetzt: Die Lyrik sollte Würde ausstrahlen und den Leser lehren oder zum Nachdenken reizen. Schiller und Goethe bemühten sich, klassische rhetorische Stilmittel zu verwenden, so zum Beispiel die Antithese oder die Correctio. Goethe und Schiller verwendeten eine verständliche Symbolik, da sie wert legten auf eine klare Ausdrucksweise.

Beispiel für die Liebeslyrik der Weimarer Klassik

  • Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe,
  • er stürmt ins Leben wild hinaus,
  • durchmißt die Welt am Wanderstabe,
  • fremd kehrt er heim ins Vaterhaus.
  • und herrlich in der Jugend Prangen,
  • wie ein Gebild aus Himmelshöhn,
  • mit züchtigen, verschämten Wangen,
  • sieht er die Jungfrau vor sich stehn.
  • Da faßt ein namenloses Sehnen
  • des Jünglings Herz, er irrt allein,
  • aus seinen Augen brechen Tränen,
  • er flieht der Brüder wilden Reihn.
  • Errötend folgt er ihren Spuren
  • und ist von ihrem Gruß beglückt;
  • das Schönste sucht er auf den Fluren,
  • womit er seine Liebe schmückt.
  • O zarte Sehnsucht, süßes Hoffen,
  • der ersten Liebe goldne Zeit!
  • Das Auge sieht den Himmel offen,
  • es schwelgt das Herz in Seligkeit;
  • Oh, daß sie ewig grünen bliebe,
  • die schöne Zeit der jungen Liebe!
  • (Auszug aus dem Lied von der Glocke von Friedrich Schiller)
Das lyrische Ich thematisiert die Liebe (orange markiert) von einer distanzierten Position aus: Es geht um die Liebe des Menschen an sich, nicht um seine aktuelle Situation. Der Auszug steht stellvertretend für die junge Liebe insgesamt, wobei diese nun mit einiger Erfahrung betrachtet wird. Der Jüngling kann als Typus des Stürmer und Dränger gewertet werden. Er zieht allein und selbstsicher durch die Welt, er verliebt sich, es drängt ihn in die Natur (grün markiert), er ist von seiner Liebe erfüllt. Sehnsucht (violett markiert), Natürlichkeit, Zuneigung, aber auch Schmerzen (braun markiert) – dies sind individuelle Erfahrungen. Die Liebe erweitert die Wahrnehmung des Jünglings, sie scheint ihm vom Himmel (blau markiert) zu kommen, welcher ihm nun offen erscheint. Der Konjunktiv am Ende verdeutlicht aber, dass die junge Liebe ein Wunschbild ist und nicht ewig währen kann. Die Liebe wird hier also gefühlvoll thematisiert, mit Respekt vor der Jugend, aber auch mit dem Ausblick auf das Scheitern jugendlicher Liebe. Darüber hinaus finden sich auch die Wertvorstellungen Schillers wieder: Der Jüngling ist „züchtig“ und „verschämt“, nicht etwa lüstern und anzüglich. Die Jungfrau verdeutlicht die Unschuld und Reinheit der jungen Liebe.
Hier wird nicht mehr nur das subjektive Erleben behandelt, sondern vom subjektiven Erleben auf das ganze Thema geschlossen. Die Natursymbolik aus dem Sturm und Drang bleibt in abgeschwächter Form enthalten, der Blick erweitert sich über das Individuelle hinaus zum Hohen und sogar Göttlichen. Dem Prinzip der „edlen Einfalt, stillen Größe“ entspricht der verständliche, relativ schlichte aber doch hohe Sprachstil des Gedichts.

Fazit

Die Liebeslyrik der Klassik beschreibt weniger das momentane Empfinden des lyrischen Ichs, als sie die Liebe insgesamt thematisiert. Das wahre Gefühl wie auch Moral, Anstand und Vernunft sollen ein Gesamtbild der Liebe entwickeln. Der Sturm und Drang hallt in der Natursymbolik nach, doch bezweckt die Weimarer Klassik nicht die Befreiung des Subjekts von allen Zwängen, sondern die Reifung und Bildung des Charakters. Die Liebe bietet sich als Motiv an, da die Weimarer Klassik die Harmonie des Seins wiederherstellen möchte – sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Adelige wie Bürger sind für die Liebe empfänglich.
Die Weimarer Klassik bleibt zwar zeitlos, doch weitgehend auf Schiller und Goethe (s.o.) beschränkt. Sie hat zwar einigen Anklang in der Bevölkerung gefunden, doch zumindest in der Liebeslyrik bleibt ihr Einfluss gering. Als Epoche ermöglicht sie aber einen gesamtheitlichen Blick auf die Liebe.
#liebeslyrik#weimarerklassik
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