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Aufgabe 1

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Interpretation und Vergleich der Pflichtlektüren („Werke im Kontext“)

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Peter Stamm (*1963): Agnes
Max Frisch (*1911 - †1991): Homo faber
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
  1. Interpretiere die Textstelle; beziehe das für das Verständnis Wesentliche aus der vorangehenden Handlung ein.
  2. Stamms „Agnes“ und Frischs „Homo faber“:
    Erörtere in einer vergleichenden Betrachtung, inwieweit Agnes und Hanna als selbstbestimmt handelnde Figuren gelten können.
Bitte beachte, dass der Schwerpunkt der Gewichtung auf der zweiten Teilaufgabe liegt.
$\,$
Material
Peter Stamm: Agnes
Wirklich trug Agnes das blaue kurze Kleid, als sie am nächsten Tag zu mir kam. Es war kühl, und es regnete, aber sie sagte: „Befehl ist Befehl“, und lachte nur, als ich mich entschuldigte.
„Wir gingen ins Wohnzimmer, und Agnes umarmte und küßte mich lange, als habe sie Angst, mich zu verlieren“, zitierte ich. Und wie ich es geschrieben hatte, umarmte mich Agnes, nur lachte sie dabei und
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hatte keine Angst. Ich machte mich los und ging in die Küche, um das Essen fertig zuzubereiten.
„Kann ich helfen?“ fragte sie.
„Nein“ sagte ich. „Agnes saß im Wohnzimmer und hörte meine CDs, während ich das Abendessen kochte.“ Ich hatte eine Flasche Champagner gekauft, obwohl keiner von uns sich viel daraus machte.
„Warum so feierlich?“ fragte Agnes.
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„Es war ein ganz besonderer Tag für uns. Ich hatte beschlossen … Aber erst wollen wir essen. “
„Das ist gemein“, sagte sie, „erst machst du mich neugierig, und dann …“
„Es tut mir leid“, sagte ich, „wir reden erst nach dem Essen darüber.“
Wir sprachen über anderes, aber ich merkte, daß Agnes gespannt war, was passieren würde. Sie aß schneller als sonst, und als wir fertig waren, räumten wir den Tisch nicht ab und ließen das schmutzige
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Geschirr stehen. Ich setzte mich aufs Sofa und zog ein Blatt Papier aus der Tasche.
„Komm“, sagte ich, aber Agnes setzte sich auf einen Stuhl beim Fenster.
„Erst will ich wissen, was ich zu tun habe“, sagte sie, „ich möchte keine Fehler machen. “
Von meinem Platz aus konnte ich ihr Gesicht nicht sehen. Ihre Stimme klang seltsam kühl.
„Fang an“, sagte sie, „lies!“
20
„Wir saßen nebeneinander auf dem Sofa“, las ich und wartete einen Moment. Aber Agnes rührte sich nicht, und ich fuhr fort: „Agnes lehnte sich mit dem Rücken an mich. Ich küßte ihren Nacken. Ich hatte lange über diesen Augenblick nachgedacht, aber als ich sprechen wollte, hatte ich alles vergessen. Also sagte ich nur: ‚Willst du zu mir ziehen?‘ Ich hielt inne, wartete und schaute Agnes an. Sie sagte nichts.
„Und?“ fragte ich.
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„Was sagt sie?“ fragte sie.
Ich las weiter: „Agnes setzte sich auf und schaute mir ins Gesicht. ‚Meinst du das wirklich?‘, fragte sie. ‚Natürlich‘, sagte ich. Ich wollte dich schon lange fragen. Aber ich habe gedacht … du bist so selbständig …“
Agnes stand auf und kam zum Sofa. Sie setzte sich neben mich und sagte: „Meinst du, daß das gutgeht?“
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„Ja“, sagte ich, „als wir am See waren … wir waren uns so nahe, und seitdem fühle ich mich oft allein in dieser Wohnung. Könntest du hier wohnen? Ich meine … wir hätten mehr Platz als bei dir.“
„Ja“, sagte sie. „Ja. Ist es gut so? Bist du zufrieden?“ Sie lachte wieder und sagte: „Zeig, wie es weitergeht.“ Sie nahm mir das Blatt aus der Hand, las und sagte entrüstet: „Dankbar? Warum soll ich dir dankbar sein?“
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Sie boxte mir in die Rippen.
„Es war nur ein Spaß“, sagte ich, „ich habe es wieder gelöscht.“
„Da, das gefällt mir schon besser“, sagte sie. „Wir tranken Champagner. Dann liebten wir uns, und um Mitternacht gingen wir hinauf aufs Dach und schauten uns die Sterne an.“
Es regnete in jener Nacht, und wir saen die Sterne nicht. In ihrem kurzen Kleid holte sich Agnes auf dem
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Dach eine Erkältung. Ende September aber zog sie bei mir ein. Der Vertrag für ihre Wohnung lief noch bis zum nächsten Frühjahr, und so ließ sie den größten Teil ihrer Sachen dort und brachte nur zwei Koffer mit Kleidern, ihr Cello und einige persönliche Dinge mit.
Aus: Peter Stamm: Agnes, Fischer Taschenbuch, Frankfurt a.M., 2012, S. 64ff.
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Aufgabe 1

Interpretation und Vergleich der Pflichtlektüren („Werke im Kontext“)

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Peter Stamm (*1963): Agnes
Max Frisch (*1911 - †1991): Homo faber
1.
Der Roman Agnes, geschrieben von Peter Stamm und erschienen im Jahr 1998, thematisiert die Liebesgeschichte zwischen einem Ich-Erzähler - der durchweg anonym bleibt - und der jungen Physikerin Agnes. Innerhalb des Romans wird der Beginn, die Entwicklung und auch die Beendigung ihrer Beziehung beschrieben. Dabei werden immer wieder Motive wie Tod, Liebe, Fremdheit, Spuren und Kälte eingeflochten.
Agnes und der sich Mitte 40 befindende Erzähler, ein Sachbuchautor für historische Themen, lernen sich in einer Bibliothek kennen und die beiden kommen nach nur wenigen Wochen zusammen. Mit dem Erzähler, dessen Name mit E. abgekürzt wird, macht Agnes erste sexuelle Erfahrungen. Ihre Beziehung bleibt recht unpersönlich, leidenschaftslos und steril, sie wissen kaum etwas über die Vergangenheit des jeweils anderen, doch sprechen sie oft über profunde Themen wie den Tod. Um eine Gemeinsamkeit mit E. zu teilen, zeigt Agnes ihm eine von ihr geschriebene Kurzgeschichte, die unter anderem die innere Distanziertheit zwischen ihr und E. bei gleichzeitiger körperlicher Nähe betont. Kurz darauf bittet Agnes E., eine Geschichte über sie zu schreiben: Sie will vor allem erfahren, was der Erzähler von ihr hält. Ihr Wunsch nach einer Liebesgeschichte und die Forderung, dass ihr Porträt stimmen und nett sein müsse, lassen eine gewisse Erwartungshaltung zwischen Realitätssinn und Wunschdenken erkennen. Der Schriftsteller, der seine Liebe zu einer ihm fremd bleibenden Agnes als Abhängigkeit erlebt, macht diese schließlich zu seinem Geschöpf und verfügt über sie, wie ein Vater die Zukunft seiner Tochter plant. An dieser Stelle setzt die Handlung der vorliegenden Textstelle ein.
Agnes erscheint in einem blauen Kleid - offenbar ein Befehl E.s. Sie folgt seinen literarischen Anweisungen und küsst ihn, jedoch nicht ängstlich, wie es E.s Geschichte vorsieht, sondern mit einem Lachen. Während E. kocht, sitzt Agnes auf der Couch und hört sich CDs an. E. erläutert, dass dieser Tag ein ganz besonderer sei, erklärt Agnes auf ihre Frage hin aber nicht warum dies so sei und schiebt das Abendessen vor, um einer Antwort auszuweichen. Agnes ist während des Essens abgelenkt und angespannt und räumt auch wie normalerweise gewohnt, nicht den Tisch ab. Obwohl sie neugierig ist, will sie trotzdem alles richtig machen und keine Fehler begehen. E. gesteht, dass er über dieses Thema lange nachgedacht hatte, fragt Agnes aber schließlich nur, ob sie zu ihm ziehen wolle. Agnes gibt daraufhin keinerlei Antwort, sondern fragt, was die fiktive Agnes wohl antworten würde. E. druckst herum und gibt fadenscheinige Gründe für ein Zusammenziehen. Agnes stimmt schließlich zu, ist aber entrückt, wenn E. ihr literarisch vorgibt, dankbar für dieses Angebot sein zu müssen. Sie verbringen den Abend nicht wie in der fiktiven Geschichte vorgegeben auf dem Dach unter den Sternen, denn es regnet und Agnes holt sich eine Erkältung. Schließlich zieht Agnes zu dem Erzähler.
Dass Agnes wie von ihrem Partner E. bestimmt in dem blauen Kleid bei ihm auftaucht und dabei anmerkt, dass „Befehl […] Befehl“ (Z. 2) sei, kann zwar als spielerische Aussage gesehen werden. Trotzdem kann ihr auch eine tiefere Bedeutung zugedacht werden: als erstes Anzeichen einer Akzeptanz der ihr zugedachten Rolle. Dieser Prozess setzt sich durchgehend fort, denn Agnes fragt nach Verhaltensinstruktionen, als sie auf die Mitteilung E.s wartet, denn sie will „keine Fehler machen“ (Z. 17). Ein starker Kontrast dazu ist die ihr zugeschriebene Selbstständigkeit (vgl. Z. 27). Dies passt auch zur generellen Unsicherheit des Erzählers, der die tiefgreifende Frage eines Zusammenlebens zunächst innerhalb der literarischen Fiktion stellt - vermutlich um eine negative Entgegnung vonseiten Agnes zu verhindern - und dann zusätzlich in der Realität mit recht unbeholfenen Paraphrasen wiederholt. Zudem entschuldigt er sich zu Beginn für die Vorschrift der Kleiderordnung (vgl. Z. 2), was die Unsicherheit noch unterstreicht. Bereits in diesem Textausschnitt existiert eine gewisse Distanz zwischen dem Erzähler und Agnes, die erkennen lässt, dass ihre Beziehung sehr unpersönlich ist und sie sich nicht wirklich kennen. So schreibt E. Agnes eine gewisse Verlustangst in der Fiktion zu (vgl. Z. 3f) und attestiert ihr Dankbarkeit, die auf das Angebot des Zusammenziehens folgen soll (vgl. Z. 33). Auf ihre Empörung weicht er lediglich aus, indem er erklärt, dass es alles ein Spaß gewesen sei (vgl. Z. 36). Die Kommunikation zwischen Agnes und E. kann insgesamt als vornehmlich wortkarg empfunden werden, da sie aus kurzen und teils elliptischen Sätzen und kurzen Fragen besteht. Immer wieder fließt dabei die Geschichte des Erzählers mit ein, der diese versetzt mit der Realität verknüpft.
Insgesamt wird in dem vorliegenden Ausschnitt die zunehmende Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion deutlich. Zum Einen kann man dies daran festmachen, dass Agnes die Zuschreibungen und Bestimmungen des Erzählers mit einem Lachen quittiert (vgl. Z. 2/4/32). Sie nimmt ihre Rolle nicht vollständig ernst und sieht sie eher als Spiel an. Anstatt mit Leidenschaft in ihrer fiktiven Persönlichkeit aufzugehen - wie sie es sich gewünscht hat - ist sie „kühl“ (Z. 18) und folgt den Anweisungen nicht mehr (vgl. Z. 20). Es wird deutlich, dass der Ich-Erzähler durch die Fiktion eine seinen Wünschen entsprechende Realität zu konstruieren versucht. So hat er eine Flasche Champagner gekauft, obwohl weder er noch Agnes sich etwas daraus machen. Demnach hat der Champagner Symbolcharakter, denn er steht sinnbildlich für den Versuch E.s eine Realität zu erzwingen, die gar nicht existieren kann. Es ist auch zu vermuten, dass E. sich der Tatsache bewusst ist, dass Agnes eigentlich eine selbstständig handelnde Person ist, die sich nicht zwangsläufig auf einen Identitätsverlust einlassen würde. Dies wird klar, als E. nur in der Fiktion die Frage stellt, ob Agnes zu ihm ziehen will. Er ist unsicher und hat sowohl Respekt vor ihrer Selbstständigkeit, als auch vor ihrer Antwort (vgl. Z. 27), weshalb er ihr in der Geschichte die Zusage bereits vorgibt. Agnes hat außerdem keinerlei eigene Meinung mehr und kann nicht mal eine wichtige Entscheidung, wie die nach des Zusammenziehens mit ihrem Partner, treffen. Der Erzähler erlangt also fast vollends die Macht über sie, denn Agnes nimmt die Gefahr, die von ihrem Umstand ausgeht, nicht wahr - Realität und Fiktion verschmelzen immer mehr miteinander.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es bereits in diesem Textausschnitt zu grundlegenden Konflikten zwischen Agnes und dem Erzähler kommt - der Leser ahnt, dass noch mehr Unstimmigkeiten auftauchen werden. Gleichzeitig wird die romantisierte Beziehung in der Fiktion (durch die fiktive Nacht unter dem Sternenhimmel) durch die harte Realität (durch die regnerische Nacht und Agnes Erkältung) kontrastiert. Diese Textstelle ist für den weiteren Verlauf der Geschichte wichtig, denn sie gibt eine Vorschau der Konflikte zwischen Agnes und dem Erzähler, wenn sie von der fiktiven Rolle abweicht.
2.
Zwischen den Romanen Agnes von Peter Stamm und Homo faber von Max Frisch werden viele Parallelen gelegt: beide thematisieren beispielsweise eine Liebesgeschichte, die tragisch endet. Auch die Frauenfiguren weisen Gemeinsamkeiten auf - so unterliegen die Protagonistin Agnes im gleichnamigen Roman und Hanna in Homo faber bestimmten Rollen, die ihnen extrinsisch zugewiesen werden. Die beiden Figuren sollen im Folgenden unter dem Aspekt der Frage der Selbstbestimmung miteinander verglichen werden.
Handeln Personen selbstbestimmt, so steht dies im Kontext mit den Begriffen Freiheit, Bewusstheit und Verantwortung für Entscheidungen und das eigene Leben. Die ausgewählte Textstelle beschreibt die Ambivalenz der Figur Agnes. Die Protagonistin ist grundsätzlich und bis zu einem gewissen Grad bereit, Vorgaben oder Anweisungen von dem Erzähler E. zu befolgen. Trotzdem ist sie eine eigenständige, junge Frau, die in der Naturwissenschaft ihre Leidenschaft gefunden hat und sich Doktorandin der Physik nennen darf. Agnes besitzt allerdings auch eine künstlerische Seite - ist der Musik, Malerei und Literatur zugetan und besitzt reflektierte, ernste und strenge Ansichten. Betrachtet man diese Charaktereigenschaften, so vermutet man in Agnes eine selbstbestimmte junge Frau, die sich im Angesicht ihrer Schwangerschaft für ihr Kind entscheidet, obwohl ihr Partner der Entscheidung kritisch gegenübersteht. Auf der anderen Seite bittet sie den Erzähler, von ihr ein literarisches Porträt von ihr zu zeichnen. Dies nutzt sie als eine Form der Selbstvergewisserung und im Laufe der Handlung verschärft sich dieses Porträt immer mehr und aus der fiktiven Agnes wird die reale Agnes - sie gibt durch diesen Prozess ihre Verantwortung für sich selbst und ihr Leben komplett in die Hände des Erzählers, der sie schließlich zu seinem Geschöpf macht. Es gibt diverse Aspekte, die eine Erklärung für Agnes' Verhalten liefern. Zum Einen hat sie große Angst vor einem Kontrollverlust beim Lesen von Büchern hat - laut ihr haben diese eine zu große Macht über sie und verhalten sich wie Gift in ihrem Körper. Ihre permanenten Angstgefühle und die pedantische Ordnungsliebe weisen außerdem auf innere Zwänge hin, die Agnes ihrer Selbstbestimmtheit berauben. Auch durch das literarische Experiment lässt sie sich ihre Selbstständigkeit nehmen, sie wird sogar ohne Details über ihren Ex-Freund oder ihre Todesangst porträtiert, denn der Erzähler kreiert Agnes als ideale Partnerin nach seinen eigenen Vorstellungen. Grund für die Kreation der literarischen Agnes ist jedoch die reale Agnes, die wissen will, was E. von ihr hält und die sich wünscht, von einer fremden Einheit neu erfunden zu werden. Sie hat nicht mal eigene Vorstellungen dessen, wie sie sein soll oder will - ja, sie folgt sogar den literarischen Anweisungen, obwohl diese teilweise von ihren eigenen Einstellungen, Interessen oder Ansichten divergieren. Selbst als sie ungeplant schwanger wird, werden diverse Entscheidungen von ihr abgenommen: sie wird von ihrem Partner verlassen und muss zwangsläufig das Kind alleine groß ziehen - keinesfalls entscheidet sie sich eigenständig hierfür. Selbst als sie eine Fehlgeburt erleidet, handelt sie nicht selbstständig, sondern kommt wieder mit E. zusammen, zieht sogar wieder zu ihm und gemeinsam malen sie eine literarische Familienidylle, in der ihr Kind noch lebt. Agnes spielt also das Spiel der literarischen Fremdbestimmung weiter, obwohl sie psychisch darunter leidet, dass sie ihr Kind verloren hat. Dieses Ereignis bestimmt sie so sehr, dass sie für das tote Kind Spielzeug kauft. Dabei fühlt sie die Verurteilung anderer Menschen, die laut Agnes sie verurteilen, weil sie genau wüssten, dass Agnes eben nicht schwanger ist. Agnes lässt sich hier also von drei Einheiten bestimmen: dem Erzähler, der eine fiktive Wirklichkeit schafft, in der das Kind noch lebt; von dem nicht-existenten Kind selbst, für das sie Sachen kauft; und von den Menschen, die sie angeblich verurteilen. Agnes hat hier jegliche Verantwortung für ihr Leben abgegeben.
Obwohl Agnes insgesamt die Verantwortung für sich selbst an andere übergeben hat, gibt es doch Momente, in denen sie sich aktiv für sich und auch generell selbst entscheidet. Der Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben legt sie schließlich, als sie losgelöst von ihren Eltern in Chicago lebt und dort eigenständig ihr Physikstudium beendet. Als sie sich in den Erzähler verliebt, bleibt sie außerdem weiterhin in ihrer Wohnung wohnen und entscheidet auch selbst, wann und dass sie ihre Jungfräulichkeit an den Erzähler übergibt. Auch handelt sie selbstbestimmt, als sie den Erzähler verlässt, nachdem dieser der ungeplanten Schwangerschaft Agnes nicht akzeptieren will. Zudem besteht die Möglichkeit, dass sie erkannt hat, wie krank der Ich-Erzähler ist, der ihr sogar ihren eigenen Tod vorschreibt und ihn deswegen verlässt. Es gibt auch die Option, dass Agnes den Suizid als Lösung vom Erzähler wählt, was auch für ihre Selbstbestimmtheit spricht.
Im Unterschied zu Agnes erscheint Hanna als Frau, die sich selbstbewusst zu behaupten weiß. Auch sie wird ungeplant schwanger mit Faber, doch sie widersetzt sich des Rates von Faber, die Schwangerschaft abzubrechen und trennt sich von Faber, sowie auch Agnes sich von ihrem Partner trennt. Beide wollen sich nach zuverlässigeren Partnern umsehen und treten in Kontakt mit alten Freunden. Agnes hat vor zu ihrem Ex-Freund Herbert zu gehen, von dem sie glaubt, dass er sie immer noch liebt. Hanna hingegen reist zu Walters Freund Joachim, der die Abtreibung vornehmen soll. Doch sie entscheidet sich dagegen, trägt das Kind aus und heiratet Joachim. Ihre Tochter Sabeth erzieht sie daraufhin in alleiniger Verantwortung und sie lebt ausschließlich für ihr Kind. Sie will auch gar keinen Vater für Sabeth, weswegen sie die Schwangerschaft vor Walter Faber geheim hält und das Kind austrägt, ohne dass er davon Kenntnis hat. Als Joachim anbietet, eine Vaterfigur für Sabeth sein zu wollen, lehnt sie dies vehement ab aufgrund ihres Alleinerziehungsanspruches und der Tatsache, dass Sabeth ausschließlich „ihr Kind“ sei. Zudem lässt sie sich sterilisieren. Generell setzt sie ihre Interessen durch und zwingt den Technik-liebenden, rationalen Walter zum Theaterbesuch. Unabhängig von Männern lebt sie ihr Leben nach ihren Vorstellungen: sie verlässt Herrn Piper - ihren zweiten Ehemann - aufgrund politischer Diskrepanzen und zieht mit Sabeth nach Griechenland, wo sie als Doktorin im Archäologischen Institut arbeitet. Auch Faber konstatiert ihr aufgrund ihrer beruflichen und persönlichen Eigenständigkeit ein fortschrittliches und zufriedenstellendes Leben, welches Hanna auch gut ohne ihn führen kann. Ihre starke Persönlichkeit und ihre Standpunkte macht sie immer wieder deutlich, sie hält nichts von Statistik, fokussiert sich auf ein anti-technisches und mystisches Weltbild und kann es nicht mit sich selbst vereinen, dass ihr zweiter Ehemann parteitreu ist, weswegen sie ihn verlässt. Auch später sagt Hanna Faber ihre Meinung und hält ihm mit einer logischen Analyse die Fehler, die er in seinem Leben begangen hat. Trotzdem reflektiert sie sich auch selbst und gibt zu, dass sie ihr Handeln und die tragischen Folgen selbstkritisch überdenkt - schließlich bittet sie Faber sogar um Verzeihung.
Wie auch Agnes ist Hanna jedoch als ambivalente Figur anzusehen, denn auch ihre Selbstbestimmtheit ist von der Erfüllung bestimmter Rollenklischees getrübt. So muss beispielsweise ihr plakatives Verständnis der Geschlechterbeziehung und der von ihr stammende Grundgedanke der Frau als Proletarier der Schöpfung, genannt werden. Darauf basiert außerdem ihr Konzept als Mutter, die das Kind komplett für sich alleine beanspruchen darf und auch muss und die sich auch nicht vor dem tatsächlichen Vater rechtfertigen muss. Hanna bekommt quasi das Bild der alleinerziehenden Frau von Faber aufgesetzt, weshalb sie ihr Leben lang danach handelt und aufgrund dieser Basis gar nicht mehr eigenständig handeln kann. Dadurch, dass sie wegen ihrer Schwangerschaft verlassen wird und gezwungen ist, Sabeth alleine aufzuziehen, entscheidet sie auch nicht selbstbestimmt, Sabeth alleine groß zu ziehen, sondern sie reagiert lediglich auf die Inakzeptanz Fabers. Zudem muss angemerkt werden, dass Hanna keinesfalls aus eigenem Willen nach Griechenland zieht, denn sie muss aufgrund der prekären politischen Lage und ihrer gescheiterten Beziehung zu Herrn Piper fliehen. Von Selbstbestimmung kann hier in diesem Fall keinesfalls die Rede sein. Letztlich liegt ihre Unfähigkeit, eine Beziehung mit einem Mann aufrechtzuerhalten in der körperlichen Unterlegenheit ihrem jüngeren Bruder gegenüber begründet, denn sie sucht zwanghaft danach, Macht über Männer auszuüben - dies ist auch ein Grund, warum sie mit dem blinden Armin für einige Zeit zusammen ist. Hanna unterliegt also einem Ereigniss, das in ihrer Vergangenheit liegt, welches aber immer noch verheerende Auswirkungen auf ihr Leben hat; sie ist also nicht frei, über sich selbst zu bestimmen, sondern wird hauptsächlich von verschiedenen Umständen bestimmt.
Hanna nimmt im Gegensatz zu Agnes ihr Leben selbst in die Hand und lebt es nach ihren eigenen Vorstellungen - Agnes macht dies nur eingeschränkt. Bevor sie jedoch den Protagonisten der jeweiligen Romane und auch ihren Partnern begegnen, führen sie ein insgesamt betrachtet ein selbstbestimmtes Leben. Dabei wird Hannas Leben von einem äußeren Zwang bestimmt, da sie als Jüdin aus Deutschland fliehen muss aufgrund der Gefahr, die durch das an Macht gewinnende Nazi-Regime ausgeht. Es finden sich einige Gemeinsamkeiten zwischen Agnes und Hanna: beide sind beruflich erfolgreich und streben dadurch nach Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit von eventuellen Partnern. Beide sind außerdem kulturell interessiert. Prinzipiell lehnen sie sich auch gegen eine Fremdbestimmung durch ihre Partner auf: sie befolgen nicht deren Ratschläge was die ungewollte Schwangerschaft betrifft, sondern sie entscheiden sich für das Kind und gegen ihren Partner. Allerdings kehrt Agnes nach der Fehlgeburt zu dem Erzähler zurück und macht sich erneut abhängig von ihm und seiner fiktiven Geschichte über sie. Hanna hingegen baut sich erfolgreich eine unabhängige Existenz losgelöst von Faber auf. Sie ist primär unabhängig, weil sie sich nicht an ihre Partner bindet. Auf der anderen Seite ist diese Ausgangslage schon vorbestimmt wie auch ihr Verständnis der Geschlechterrollen. Sie ist darauf fixiert, diese zu erfüllen und lebt deswegen nur noch in der Rolle als Mutter, nicht mehr aber als Individuum. Diese Erfahrung kann Agnes gar nicht machen, da sie eine Fehlgeburt erleidet. Obwohl auch Hanna - wie Agnes - nach dem Unfall wieder auf ihren Partner Walter Faber zugeht, agiert sie hier selbstbestimmt - sie reflektiert sowohl Walters als auch ihr eigenes Verhalten. Agnes erscheint zwar auch als reflektierende Figur, trotzdem stellt sich die Frage, inwiefern sie dazu fähig ist, ihr Verhältnis zu dem Erzähler logisch und rational zu analysieren.
Vergleicht man die beiden Frauenfiguren Agnes und Hanna, so fällt auf, dass zwischen ihnen viele Parallelen verlaufen. Beide entscheiden sich für das Kind und gegen den Partner und erscheinen so als selbstbestimmte Charaktere, denn sie treffen einschneidende Entscheidungen unabhängig von ihrem Partner - Agnes entscheidet sich dafür, das Kind zu behalten, Hanna trägt das Kind aus und verschweigt dies zudem. Trotzdem ist Hanna aufgrund äußerer Einflüsse oftmals zur Handlung gezwungen, was gegen eine kontinuierliche Selbstbestimmtheit spricht. Agnes agiert zwar insgesamt weniger eigenständig, doch ist sie in ihrer finalen Entscheidung, den Erzähler endgültig zu verlassen - ob durch Suizid oder einfach durch ihr Verschwinden, Hanna voraus.
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