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Aufgabe 3

Aufgaben
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Interpretation eines Kurzprosatexts

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Alfred Polgar (1873-1955), Auf dem Balkon




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Auf dem Balkon des hoch überm See gelegenen friedvollen Häuschens, dessen Fenster die Sommer-Abendsonne spiegelten (wie in ruhigen Atemzügen entließ der Schornstein Rauch), tranken gute Menschen guten Wein. Es war eine Gesellschaft von geistig anspruchsvollen Leuten, bewandert in den Vergnügungen des Denkens, gewohnt, hinter die Dinge zu sehen, nicht nur aus dem Glauben, sondern auch aus dem Zweifel Süßes zu schmecken und an der Wirklichkeit die Unwirklichkeit, die in ihr steckt, mit wahrzunehmen. Die auf dem Balkon waren nicht taub für den Jammer der Welt, und wenn ihr Herz auch zuweilen, müde des Gefühls, in harten Schlaf sank – die Natur fordert ihre Rechte, sagt man in solchem Fall –, so war es doch ein Schlaf, der sich mit qualifizierten Träumen ausweisen konnte, Träumen von Gutsein oder zumindest von Gutseinwollen.
Die Aussicht vom Balkon war zauberisch schön, besonders für den Hausherren, der ein reicher Mann war, vor gemeinen Nöten sicher, soweit das die aus allen Fugen geratene Wirtschaft der aus allen Fugen geratenen Zeit zuließ. Er sah über den kleinen europäischen See hinüber bis nach Südafrika, wo ihm in blühenden Kupferminen die Dividende reifte.
Die Sonne war von dem Häuschen weggeglitten, sie färbte nur noch die westlichen Gipfel, und langsam überschleierte das durchlässige Dunkel der Julinacht Tal und Berg. Man machte Licht. Gewiß wären die Falter hineingeflogen und verbrannt, wenn es nicht Licht von Glühbirnen gewesen wäre, die so poetischen Faltertod nicht ermöglichen. Das enttäuschte Kleingetier wurde lästig. „Die Natur hat leider ihre Mucken und Mücken“, sagte jemand. Aber das verdarb den anderen die gute Laune nicht.
Tief unten, am anderen Ufer des Sees, ringelte sich (ein gliederreiches Würmchen, jetzt Glühwürmchen) der Eisenbahnzug die vorgezogene Spur entlang. Aus der weiten Schau betrachtet, kam er äußerst langsam vorwärts trotz seiner hundert Kilometer Geschwindigkeit.
Die Dame in der Gesellschaft fand, er sähe aus wie ein Spielzeug. Das konnte man wohl sagen, ja das mußte geradezu gesagt werden.
Trotzdem nahm die Konversation eine Wendung ins Ernste. Man sprach vom Elend der Welt. Ein wenig passendes Thema für solch' freundliche Stunde. Sie machte es so leicht, fernes Elend zu vergessen, daß es fast wie Taktlosigkeit gegen sie erschien, sich seiner zu erinnern.
Unten am jenseitigen Seeufer schlupfte der Glühwurm-Expreß in ein Erdloch; man sah auf der andern Lehne des Bergs das Loch, aus dem er wieder herauskommen mußte. „Wie ein Maulwurf gräbt er sich durch“, sagte die Dame.
Man sprach von Greultaten, im Nachbarland an Schuldlosen verübt, und von der Grausamkeit der Menschen, die machten, daß solches geschah. Man sprach nicht von der schauerlichen Seelenruhe der andern anderswo, die es, ungestörten Schlafs und ungestörter Verdauung, geschehen ließen.
Der Schriftsteller unter den Gästen äußerte: „ Wer seine Kinder liebt, setzt sie nicht in die Welt.“ … „ Zumindest nicht in diese“, fügte ein anderer Gast hinzu.
Die Luft roch nach Sommer-Quintessenz, auch zart nach Gebratenem.
Unten kroch das Bähnlein aus der Erdhöhle. Putzig und lieblich war das. Der Dame fiel nichts dazu ein, sie guckte mit stummer Frage den Schriftsteller an, der leicht und ein wenig beschämt die Achseln hob und wieder fallen ließ. Es kam jetzt von der entgegengesetzten Seite her auch ein Eisenbahnzug, in weiten Kehren bergabwärts. Er sah aus wie eine Schlange, hell punktiert, mit feuerroter Schwanzspitze.
Dann geschah etwas Überraschendes. Die beiden Züge glitten nicht, wie zu erwarten war, aneinander vorbei, sondern geradewegs aufeinander los, Kopf gegen Kopf. Und plötzlich erloschen in beiden Zügen die Lichter. Abendschatten und Nebel über der Szene verhinderten zu sehen, was dort sich ereignet hatte.
Ein Unglück ohne Zweifel, ein Eisenbahnzusammenstoß. Der Gesellschaft auf dem Balkon schien es, als wehe der Abendwind etwas von den Geräuschen des Krachens und Splitterns her, die solchen Vorfall begleiten. Alle waren aufgesprungen, standen an der Brüstung des Balkons, starrten, hoffnungslos bemühten Blicks, zu dem Schauplatz der Katastrophe hinüber. Wisse vielleicht jemand von einem ihm Nahestehenden, der Passagier eines der beiden Züge gewesen sein könnte? Nein, glücklicherweise. Nur ganz fremde Menschen – die Gesellschaft fühlte das mit Beruhigen und Dankbarkeit – fielen der Katastrophe da unten zum Opfer. Vielleicht nicht einmal Landsleute. Man stellte sich vor: Tote und Verstümmelte – aber, gottlob, man sah sie nicht. Schmerz und Qual – aber man spürte sie nicht. Jammer und Hilferufe – aber man hörte sie nicht.
So verblaßten die Unglücksbilder bald wieder. Und der Wein in den Gläßern wurde durch sie nicht sauer. Lieber Himmel, wenn einen alles aufregen wollte, was Gott und die Menschen über die Menschen verhängen! Man muß es hinnehmen und denken: Heute dir, morgen, hoffentlich erst übermorgen, oder womöglich gar niemals, mir.
„Von so weit gesehen“, sagte die Dame „ schien selbst der Zusammenstoß eine Spielzeug- Affaire.“ Der Hausherr präzisierte den Eindruck ähnlich, etwa so, daß aus der Ferne auch das Grausige nicht grausig wirkte. Damit kehrte das Gespräch zwanglos zu den früheren Themen, die eines politischen Beigeschmacks nicht entbehrten, zurück.
Erstveröffentlichung 1936
Aus: Alfred Polgar: „Irrlicht“. In: Kleine Schriften, Bd. 3. Hg. v. Marcel Reich-Ranicki.
Reinbek bei Hamburg 2004 (Rowohlt Taschenbuch Verlag), S. 200 ff.
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
  • Interpretiere den Text.
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Thema:

Alfred Polgar (1837 - 1955), „Irrlicht“. In: Kleine Schriften, Bd. 3 Hg. v. Marcel Reich-Ranicki‚Reinbek 2004 (Rowohlt Taschenbuch Verlag), S. 200 ff.

Aufgabenstellung:

$\blacktriangleright$  Den Text interpretieren.

Tipp

$\blacktriangleright$ Erster Schritt: Vorarbeit

Um einen Text möglichst gut interpretieren zu können, ist es sehr wichtig, dass du inhaltlich alles (bzw. so viel wie möglich) verstanden hast. Nimm dir also ruhig viel Zeit für die Vorarbeit.
Das Lesen des Textes nach der Drei-Schritte-Methode empfiehlt sich hier:
    1. Im ersten Schritt „scannst“ du den Text gewissermaßen, d.h. du liest ihn sehr schnell, um einen ersten Eindruck davon zu bekommen.
    2. Im zweiten Schritt liest du ihn sorgfältiger und klärst Unklarheiten. Du kannst jetzt auch schon anfangen, Schlüsselbegriffe und sehr wichtige Textpassagen zu markieren. Beachte hierbei aber die Regel „weniger ist mehr“. Ein Text, bei dem der Großteil markiert ist, bringt dir nicht viel.
    3. Beim dritten Lesen brauchst du dich nun nicht mehr nur auf den Plot (also den Inhalt in stark verkürzter Form) zu konzentrieren, da du diesen bereits erfasst hast. Du kannst jetzt auf Details achten, wie z .B. Metaphern, die dir bei den vorherigen Durchgängen noch nicht aufgefallen sind, o. Ä.
Auf einem Thesenpapier kannst du dir nun Notizen machen, die ungefähr dem Argumentationsaufbau bzw. der Struktur deiner Interpretation folgen. Wenn du Schwierigkeiten damit hast, einen Text relativ frei zu verfassen, mache dir so viele Notizen wie möglich. Auch wenn du dadurch viel Zeit für die Vorarbeit benötigst, helfen sie dir jedoch später ernorm beim Verfassen deiner Interpretation.

$\blacktriangleright$  Zweiter Schritt: Das Verfassen der Interpretation
Wenn du mit der Vorarbeit fertig bist, beginnt die eigentliche Textinterpretation. Wenn du nicht mehr genau weißt, was man dabei beachten muss, kannst du dir bei DeutschLV im Basiswissen das Skript zur Textinterpretation anschauen.
Wie jeder andere Text auch, besteht eine Textinterpretation aus Einleitung, Hauptteil und Schluss.

Wichtig bei einer Interpretation ist: Es gibt nicht die eine richtige Lösung und alle anderen sind falsch, so wie du es von einer Mathe-Aufgabe kennst.

Die meisten Texte lassen sehr viel Interpretationsspielraum; wichtig ist, dass du deine Interpretation begründest! Solange du dies machst und dich an gewisse, unbestreitbare historische Fakten hältst, wie bei Alfred Polgars Kurzprosatext beispielsweise die Vorkriegszeit des Zweiten Weltkriegs, bist du mit deiner Interpretation auf der sicheren Seite.

Einleitung

  • Name des Autors
  • Titel des Textes
  • Erscheinungsjahr
  • Textgattung
  • Wirkungsabsichten des Textes
  • Hinführung zum Haupttteil (nicht mehr als wenige Sätze!)
  • wichtig: die Einleitung kurz halten!
Hauptteil

  • Inhaltsangabe
  • Interpretationshypothese
  • formale Analyse des Textes
  • Interpretation des Textes
Schluss

  • Schlusssatz

Beim Verfassen von Einleitung, Hauptteil und Schluss kannst du die Faustregel 10% - 80% - 10% im Kopf behalten: 10% deines Textes sollten die Einleitung sein, der Hauptteil sollte mit 80% natürlich den längsten Part deines Textes einnehmen und 10% der Gesamtanzahl der Wörter für den Schluss sollten genügen.

Einleitung
10 %
Hauptteil
80 %
Schluss
10 %
Einleitung
10 %
Hauptteil
80 %
Schluss
10 %
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Thema:

Alfred Polgar (1837 - 1955), „Irrlicht“. In: Kleine Schriften, Bd. 3 Hg. v. Marcel Reich-Ranicki‚ Reinbek 2004 (Rowohlt Taschenbuch Verlag), S. 200 ff.

Aufgabenstellung:

$\blacktriangleright$ Interpretiere den Text.

Geschieht etwas Tragisches, so schaut die Gesellschaft oftmals lieber weg, als in Aktion auszubrechen und zu handeln. Die Verantwortung wird einem anderen zugeschoben, man selbst kann ja schließlich nichts unternehmen, man ist ja auch nicht selbst betroffen - so reden sich viele Menschen ein beruhigtes Gewissen ein, wenn sie einen Unfall beobachten, anderen Hilfe verwehren oder wenn es beispielsweise um politische Themen geht.
Diese Problematik steht im Zentrum der Kurzgeschichte Auf dem Balkon, welche auf das Jahr 1936 datiert und von Alfred Polgar verfasst wurde. Die Kurzgeschichte beschreibt eine sich auf dem Balkon befindende Gesellschaft und deren Reaktion auf ein Zugunglück, welches sie am Rande beobachten. Polgar kritisiert dadurch eine passive und oberflächliche Gesellschaft, die sich auf ihrem eigenen Wohl ausruht und der es gleichgültig ist, wenn andere sich einem Leid ausgesetzt sehen.
Die Kurzgeschichte kann in drei Sinnabschnitte gegliedert werden - diese werden durch zwei Wendepunkte in der Handlung unterteilt. Der erste Sinnabschnitt (Z. 1-21) widmet sich der Charakterisierung der Figuren. Der Ort der Handlung wird beschrieben, die Gesellschaft befindet sich auf dem Balkon eines Häuschens und unterhält sich. Polgar malt ein idyllisches Bild: Das Haus überblickt einen „europäischen“ See (Z. 14), es ist von Bergen und Tälern umgeben (vgl. Z. 17) - insgesamt ein gemütlicher, friedlicher „Sommer-Abend“ (Z. 2).
Die Gesellschaft wird von einem „reiche[n]“ Hausherr (Z. 12) unterhalten, ihr gehört unter anderem eine Dame und ein Schriftsteller an. Der Hausherr wird als wohlhabend beschrieben, der „vor gemeinen Nöten sicher [war], soweit das die aus allen Fugen geratene Wirtschaft der aus allen Fugen geratenen Zeit zuließ“ (Z. 12ff.). Die Wiederholung der Redensart „aus allen Fugen geraten“ deutet darauf hin, dass nicht nur die Wirtschaft, sondern auch das allgemeine Leben sowie der Zusammenhalt zwischen den Menschen abhanden gekommen ist. Bereits an dieser Stelle kritisiert Polgar den reichen Hausherren: durch die Metapher „gemeine[…] Nöte“ macht er bewusst, dass den Hausherren die Nöte und Sorgen des gemeinen Volkes, also der Unterschicht oder der Leidenden, in keinster Weise tangieren. Dies wird durch die Metapher „Er sah über den kleinen europäischen See hinüber bis nach Südafrika, wo ihm in blühenden Kupferminen die Dividende reifte.“ (Z. 13ff.) unterstrichen. Südafrika ist als Dritte-Welt-Land bekannt, in welchem Armut herrscht und das keinesfalls als blühend betrachtet werden kann. Die Antithese „blühende[…] Kupferminen“ (Z. 14) hebt dies besonders hervor. Dass die „Dividende“ (Z. 15) vermutlich von ausgebeuteten Arbeitern ausgehoben wird, ist dem Hausherren gleichgültig, für ihn zählt nur der Profit; Empathie sucht man hier vergebens.
Insgesamt werden die Figuren vom Autor Polgar mit äußerst positiven Attributen beschrieben. Alle sind „geistig anspruchsvoll[…]“ (Z. 3f.) und „gute Leute“ (Z. 3). Dass die Gesellschaft gehoben ist wird durch den „guten Wein“ (Z. 3), den sie trinken, und ihr Standpunkt auf dem Balkon symbolisch deutlich. Zudem ist sie „bewandert in den Vergnügungen des Denkens, gewohnt, hinter die Dinge zu sehen, nicht nur aus dem Glauben, sondern auch aus dem Zweifel Süßes zu schmecken“ (Z. 4ff.). Durch die hyperbolische, hypotaktische Struktur der Sätze wirken die Beschreibungen besonders ausführlich und vordergründig positiv, wenn gleichzeitig auch eher unglaubwürdig. Die Metapher „aus dem Zweifel Süßes zu schmecken“ (Z. 5f.) hebt dabei hervor, dass die Figuren innerhalb dieser Gesellschaft durchaus als schadenfroh betrachtet werden können. Jedoch scheint der Autor die Gesellschaft vor Kritik in Schutz zu nehmen - was zweifelsohne als implizite Kritik aufgefasst werden kann.
In einer Passage wird postuliert, dass die Gesellschaft ja „nicht taub für den Jammer der Welt“ (Z. 7) sei, sondern nur „müde des Gefühls“ (Z. 8), weswegen es in einen „harten Schlaf“ (Z. 8) sinke. Hierbei wird das antithetisch Herz personifiziert, denn das Herz steht in der Regel symbolisch für Wärme, Liebe und Mitgefühl - Gefühle, die keiner der anwesenden Figuren zu besitzen scheint. Zusätzlich wirkt die Metapher „harte[r] Schlaf“ (Z. 8), als ob sich die Figuren vor dem Leid der Welt verschlossen hätten, um selbst nicht darunter leiden zu müssen, denn die Tätigkeit des Schlafens suggeriert eine zwangsläufige Passivität. Trotzdem wird auch der Schlaf durch „qualifizierte[…] Träume[…]“ (Z. 9f) charakterisiert, eine weitere Andeutung auf die Intellektualität der Gesellschaft. Doch der Intellekt hängt nicht zwangsläufig mit der Empathie einer Person zusammen, wie Polgar durch die Metapher „Träumen […] von Gutseinwollen“ (Z. 10) erklärt. Empathie oder gute Taten zu vollbringen wird für die Figuren der Gesellschaft immer nur ein nicht realisierbarer Traum bleiben.
Dies wird außerdem durch eine Szene verdeutlich, in der ein Falter von den Glühbirnen der Straßenlaternen angezogen wird. Die Gesellschaft bemangelt, dass er nicht wie bei einer regulären Kerze verbrennen würde. Der Autor Polgar ironisiert die Szene und verspottet dadurch die enttäuschte Gesellschaft: „Gewiß wären die Falter hineingeflogen und verbrannt, wenn es nicht Licht von Glühbirnen gewesen wäre, die so poetischen Faltertod nicht ermöglichen“ (Z. 18ff.). Die Falter werden von den Figuren als „lästig“ (Z. 20) empfunden, hätten diese ihren Tod durch die Verbrennung gefunden, so wäre dies für die Gesellschaft geradezu poetisch angehaucht. Demnach empfindet es die Gesellschaft als rechtmäßig und des Daseins der Tiere würdig, wenn Falter ihren Tod durch Verbrennung finden. Diese geringfügige Enttäuschung dämpft die Laune der gehässigen Figuren jedoch nicht (vgl. Z. 21). Diese Szene steht zudem stellvertretend für andere vom Leid gebeutelte Menschen, denen die Gesellschaft genauso gehässig und selbstgerecht begegnet wie dem Falter.
Der zweite Sinnabschnitt (Z. 22-47) ist von tragischeren Gesprächsthemen geprägt und verdeutlicht zunehmend das fehlende Bewusstsein der Gesellschaft. Deren Distanz zum generellen Geschehen kommt räumlich - durch ihre erhobene Position auf dem Balkon - sowie auch emotional zum Tragen. Antithetisch konfrontiert der Autor die Indifferenz der Menschen auf dem Balkon, denn sie unterhalten sich über das „Elend der Welt“ (Z. 28), obwohl dies ein inadäquates Thema für diese „freundliche Stunde“ (Z. 29) darstellt. Ironisch kommentiert Polgar, dass genau jene freundliche Stunde es „so leicht [mache], fernes Elend zu vergessen, dass es fast wie Taktlosigkeit gegen sie erschien, sich seiner zu erinnern“ (Z. 29ff.). Direkt beschreibt Polgar, dass dieses Elend der Gesellschaft fern ist, sie sich auch gar nicht damit identifizieren kann, denn die „Greueltaten“ (Z. 35) würden ja nur an Schuldlosen im Nachbarland verübt. Man könnte die Vermutung anstellen, dass es sich hierbei um den Terror des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland handelt in Anbetracht des Erscheinungsdatums der Kurzgeschichte. Es wird klar deutlich, dass die Gesellschaft keinerlei Bezug zu diesen Taten oder zu dem Leid der Betroffenen herstellen kann: für sie ist das Geschehnis so weit weg, dass nur von Greueltaten gesprochen werden kann, Mitgefühl jedoch zu viel verlangt sei.
Die Distanz wird des Weiteren durch ein Ereignis, welches sich am anderen Ende des Sees abspielt, hervorgehoben. Die Dame beobachtet einen Zug, der in einen Tunnel einfährt. Sie vergleicht ihn mit einem „Spielzeug“ (Z. 26), der sich „wie ein Maulwurf“ (Z. 33f.) durch den Berg gräbt. Generell scheint die Dame realitätsfern zu sein, denn als ein andere Gast beteuert, dass man Kinder, die man liebt, erst gar nicht auf die Welt bringen sollte (vgl. Z. 39f.), wendet sich die Dame lieber dem „[putzig und lieblichen] Bähnlein“ (Z. 42) zu. Der Gebrauch des Diminutivs lässt sich auf die kindliche Auffassungsgabe der Dame zurückführen, die das Geschehen auf der Welt gar nicht wie ein mündiger Erwachsener begreifen kann. Für sie gleicht die Bahn einer Modell-Eisenbahn, die nicht das reale Geschehen abbildet. Das kleine Bähnlein steht der entgegenkommenden Bahn antithetisch gegenüber. Die zweite Bahn gilt als Personifizierung des Bösen, wird sie doch mit dem biblischen Motiv der Schlange (vgl. Z. 46) charakterisiert. Sie ist außerdem „hell punktiert, mit feuerroter Schwanzspitze“ (Z. 46) und steht damit im starken Kontrast zu „Glühwurm-Expreß“ (Z. 32). Denn beide Bahnen sind hell erleuchtet, ihre Illumination wird jedoch ausgesprochen gegensätzlich dargestellt. Es ist wahrscheinlich, dass Polgar hier versucht, die Gegensätzlichkeit des Nationalsozialismus und dessen Bekämpfer wie auch Unschuldiger Dritter herauszukristallisieren.
Im dritten Sinnabschnitt (Z.48-68) wird die Zugkatastrophe beschrieben. Das Aufeinanderprallen der beiden Züge geht jedoch gänzlich unkommentiert vonstatten - sie fahren „Kopf gegen Kopf“ (Z. 48) aufeinander zu und kollidieren, was die Gesellschaft überrascht (vgl. Z. 47). Es scheint, als habe sie das Geschehnis nicht vorhersehen können, obwohl die Dame die zwei Bahnen ja im Detail beobachtet hatte. Hierin lässt sich eine Anspielung auf den Zweiten Weltkrieg vermuten, der genauso „überraschend“ auf die Beteiligten hereinbrach wie das Zugunglück. Polgar ironisiert dabei die völlig weltfremde Auffassung sowohl der Gesellschaft, als auch derer, die nie an einen Zweiten Weltkrieg geglaubt hatten. Den Aufprall bekommt die Gesellschaft jedoch gar nicht mit, denn die Natur und ihre Distanz schützt sie davor - „Abendschatten und Nebel“ (Z. 49) stehen zwischen ihnen und den Zügen. Nur der Wind trägt der Gesellschaft „etwas von den Geräuschen des Krachens und Splitterns“ (Z. 52f.) zu. Daraufhin springen alle Gäste auf und versuchen, das Geschehene zu erblicken. Doch ihre abgeschottete Position auf dem Balkon lässt dies nicht zu, ein potentielles Eingreifen ist unmöglich. Der Balkon steht hier symbolisch für die räumliche, aber auch die emotionale Distanz, die diese Menschen prägt. Sie lassen das Unglück nicht an sich heran, beruhigen sich damit, dass „glücklicherweise“ nur „ganz fremde Menschen“ (Z. 56f.) in die Katastrophe verwickelt seien. Angesichts des Todes Fremder - gar nicht mal der eigenen Landsleute (vgl. Z. 58) - von Glück zu sprechen ist völlig fehl am Platz und zudem höhnisch. Polgar nutzt ein Trikolon, um die Distanz der Gesellschaft darzustellen. „Tote und Verstümmelte“, „Schmerz und Qual“, „Jammer und Hilferufe“ (Z. 59f.) werden weder gesehen, gehört und erst recht nicht gespürt - dies ist der Gesellschaft gerade recht, denn so finden sie eine Ausrede, um die „Unglücksbilder“ (Z. 61) schnell verblassen zu lassen. Der Erzähler kommentiert: „Lieber Himmel, wenn einen alles aufregen wolle, was Gott und die Menschen über die Menschen verhängen!“ (Z. 62ff.) Dies gleicht einer Ausrede und durch die Ironie verurteilt er gerade jene Menschen auf dem Balkon, denn sie lassen Unglücke wie unbedeutende Randgeschehnisse aussehen. Somit kritisiert Polgar außerdem, dass es die Menschen seien, die Unglücke verursachten - willentlich, indem sie Böses tun und passiv, indem sie es geschehen lassen. Das Bild des guten Menschen, welches sich die Figuren selbst zuschreiben, wird von ihnen selbst jedoch genauso zerstört durch ihre zynische Passivität in Anbetracht des Zugunglücks. Dass dieses in keiner Weise tangiert wird auch dadurch deutlich, dass sie ganz unverfangen ihr ursprüngliches Gespräch wieder aufnehmen. Das Unglück wird als „Spielzeug-Affaire“ (Z. 66) abgetan und ist - aus der Ferne betrachet - nicht einmal mehr grausig ist (vgl. Z. 67).
Alfred Polgars Kurzgeschichte Auf dem Balkon thematisiert zweifelsohne die Wegschau-Mentalität, die während der Zeit des NS-Regimes herrschte. Durchaus zynisch kommentiert er, dass das Unglück, welches den Menschen wiederfährt, als natürlich und normal angesehen wird. Empathie sucht man hier vergebens, denn jeder ist sich selbst der Nächste. Denn solange die Greueltaten einen nicht selbst betreffen kann man auch beruhigten Gewissens schlafen. Vor dieser grausamen Einstellung warnt Polgar in seiner Kurzgeschichte doch - er hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Kurzgeschichte schon vor über 80 Jahren veröffentlicht wurde, denn diese Thematik ist auch heute noch relevant. Empathie zu zeigen verleiht uns Menschlichkeit, Unglücke aus der Ferne zu beobachten und nicht zu reagieren macht uns hingegen zu selbstgefälligen Monstern. Denn indem wir uns dafür entscheiden, eine Katastrophe nicht an uns heranzulassen und davon nicht beeinflusst zu werden, oder gar sie zu ignorieren, sprechen wir der Katastrophe ihre Relevanz ab.
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