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Aufgabe 3

Aufgaben
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Dramatik

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Urs Widmer (*1938 - †2014): Top Dogs (1997)
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
  1. Fasse den Inhalt der Szene zusammen.
  2. Analysiere Deérs Gesprächsverhalten.
  3. Deér weigert sich, seine Situation zu akzeptieren. Diskutiere, ob diese Reaktion nachvollziehbar ist.
    oder
    Verfasse einen formalen Brief Deérs an seinen ehemaligen Chef, in dem er darlegt, warum er seine neue Situation nicht akzeptieren kann.
$\;$
Material
Urs Widmer: Top Dogs (1997)
Vorbemerkung: Das folgende Gespräch, das der ersten Szene des Schauspiels entnommen ist, findet in einer Outplacement[1]-Firma statt.
WRAGE energisch auftretend Herr Deer! Sie sind also Herr Deér. Wrage.
DEÉR Guten Tag, Frau Wrage.
WRAGE Ich bin Beraterin der NCC, “New Challenge Company”. Sie haben sich für die erste Begegnung just unser wöchentliches informelles Treffen ausgesucht. Gut. Sehr gut. Wir nennen das die
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Gipfelkonferenz. Es gibt Gipfeli[2] für alle, Sie verstehen. Gipfelkonferenz.
DEÉR Sehr gut!
Heiterkeit. Allerdings versteht Deer nur Bahnhof.
WRAGE Bedienen Sie sich. Es gibt auch Kaffee.
DEÉR Danke. Die oberste Etage hat mich gebeten, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Wir hatten ein
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ausführliches Gespräch. War gut und intensiv. Doch. Haben nochmals die ganzen Probleme durchgesprochen, wie mein Arbeitsbereich im Catering genauer definiert werden könnte. Und ich soll mich bei Ihnen kundig machen, inwieweit irgendein Synergieeffekt zwischen meiner und ihrer Arbeit herstellbar ist.
WRAGE Nun, im Groben wissen Sie natürlich Bescheid.
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DEÉR Sehr im Groben. Sie müssen mir das mal ganz genau erklären. Das mit Ihrer NCC lag am Schluss plötzlich auf dem Tisch, ziemlich abrupt.
WRAGE Deswegen sind Sie ja da, klar.
DEÉR Ich sage meinen Mitarbeitern immer: Sie müssen mit der Lupe hinschauen. Der Teufel steckt im Detail. Und daran halte ich mich natürlich auch selbst.
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WRAGE Herr Deér, die NCC ist eins der größten Outplacement-Unternehmen am Markt, Lizenzträger der “Myer Myer Boswell” in New York. Das sichert uns einen Marktvorsprung im Know-how und, wichtiger noch, eine einzigartige internationale Vernetzung.
DEÉR Verstehe.
[…]
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WRAGE Was alle Damen und Herren hier verbindet: Sie sind vom Verlust ihres Arbeitsplatzes betroffen und erwarten von uns eine optimale Unterstützung bei ihrer Karrierefortsetzung in einem anderen Unternehmen.
Deér nimmt die anderen wie neu wahr; als hätten sie die Lepra Die da, die stehen alle auf der Straße?
WRAGE Hier ist jeder in der gleichen Lage.
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DEÉR Ja. Das kommt jetzt immer häufiger vor.
WRAGE Sehr gut! Was leistet unsere Organisation, und wie leistet sie es? […] 1986 vermittelten wir ganze fünfzehn Herren! Waren bereits zwei Damen unter den Herren. Kleine Heiterkeit. Heute haben wir mehr als neunhundert Klientinnen und Klienten per annum[3], und wir haben unsre Tätigkeit auch auf nicht deutlich qualifizierte Arbeitsplätze aus dem untern Segment ausgedehnt. Wir bieten jetzt dreitägige Crash-
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Programme in Gruppen an, für eine erfolgreiche berufliche Neuorientierung auch im LOW-SALARY-Bereich[4].
DEÉR Die da?
WRAGE Nein, nein. Die Damen und Herren haben alle der Leitungsebene angehört. “Top Dogs”. Ihre Preisklasse, wenn ich das mal so flapsig sagen darf. Unser
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Kerngeschäft bleibt die intensive Arbeit mit Klienten wie Ihnen. Deér versteht “wie ihnen”, das heißt wie mit denen da, nickt anteilnehmend. Wir führen sogar das SENIOR-EXECUTIVE[5]-PROGRAMM, das von Konzernchefs in Anspruch genommen wird. Stellenlos gewordene Persönlichkeiten der Führungsspitze.
DEÉR Mußte ja selber Mitarbeiter entlassen. Als wir das Catering auslagerten, neunzehnzweiundneunzig, haben wir mehr als tausend Stellen abgebaut. Gute Leute, waren zum Teil seit Jahren dabei gewesen. Ist
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ein menschliches Problem, so was. Andererseits, im Kader, das ist einfach im Anforderungsprofil, so was wegstecken zu können.
WRAGE Ich muss sagen, Herr Deér. CHAPEAU[6]! […]
DEÉR vertraulich Denen da geb ich keine Chance. Zu alt, zu unbeweglich, zu teuer.
WRAGE Sagen Sie das nicht. Wir hatten einen Herrn, Mitte fünfzig, der tauchte fünfmal wieder hier auf.
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[…] Heute ist er Direktor eines führenden Touristikunternehmens und verbringt die meiste Zeit an sonnenüberfluteten Sandstränden. Heiterkeit.
DEÉR Ist bei mir nicht drin, Ferien. Bin ja ursprünglich Maschineningenieur. Workaholic. Dass ich bei der Swissair gelandet bin, an der Front zuerst, dann im Catering, hat sicher damit zu tun. Sechzehnstundentage. Wer beim Catering dabei sein will, muss Tag und Nacht am Ball sein. “Lead, follow or get out of the way”,
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nicht wahr. Lacht.
WRAGE Gut. Wie im Konkreten läuft also unsre gemeinsame Arbeit ab? Wir stellen unsern Klienten hier eine Infrastruktur zur Verfügung, ähnlich der, die sie von ihrem frühern Arbeitgeber her gewöhnt sind. Computer, Fax, Telefon, Sekretariat für alle Schreibarbeiten, Fachliteratur, Kaffeemaschine und und und. Stellensuche ist ein Full-time-Job. Das werden Sie bald feststellen.
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DEÉR Ja, sicher. Schweigen. Kann ich mir vorstellen. Schweigen. Wieso werde ich das bald feststellen?
WRAGE Ja was denken Sie, weshalb Sie hier sind, Herr Deér?
DEÉR Sagte ich Ihnen. Ich soll in Erfahrung bringen, inwieweit wir unsre Arbeitsbereiche füreinander nutzbar machen können.
WRAGE Wieso wohl zahlt Ihre Firma dreißigtausend Franken dafür?
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DEÉR Wofür?
WRAGE Sie sind entlassen worden! Herr Deér! Entlassen!
DEÉR Ich??!
WRAGE Ja. Sie.
DEÉR Entlassen? – Hören Sie. Das hätte man mir gesagt.
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WRAGE Man hat es Ihnen gesagt!
DEÉR Wer? Wann?
WRAGE Sie haben es nicht gehört.
DEÉR Aber.
WRAGE Nicht verstanden.
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DEÉR Aber das gibt es doch nicht, dass einer das nicht hört. Dass er entlassen worden ist.
WRAGE Doch. Oft. Kopf hoch, Herr Deér. Wir haben bis heute noch jeden Klienten vermittelt. Sozusagen jeden.
DEÉR Ich will Ihnen mal was sagen, liebe Frau Wrage. Natürlich hat sich die Swissair verändert in den knapp dreißig Jahren, die ich nun mal dabei bin. Ich sehe auch, was bei der Swissair läuft. Was wollen Sie? Eine
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Airline muss international kompetitiv sein, ohne Heimatsentimentalität. Aber, Frau Wrage! Für uns langjährige Mitarbeiter ist die Swissair trotzdem so was wie die Schweiz selber. Immer noch. Kennen Sie das nicht, das Herzklopfen, wenn Sie in Bangkok plötzlich das Schweizerkreuz auf dem Flugfeld sehen? Die Swissair, das sind wir. Sie und ich. Das ist wie ein Körper. Ich bin die Hand oder das Bein, das können Sie nicht einfach so wegamputieren. Wer bei der Swissair ist, der ist daheim. Der arbeitet zu Hause, im eigenen
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Haus, für das Land, für uns alle. Wir sind eine Familie. Wir gehören alle zusammen. Auch wenn das Catering jetzt ein autonomer Bereich ist, wir sind Swissair-Männer und -Frauen. Einer wie ich ist bei der Swissair sein Leben lang. Sie können ja auch nicht sagen, der Vater, die Mutter, die Geschwister, die sind jetzt nicht mehr meine Familie. Die sind Ihr Schicksal.
WRAGE Herr Deér. Jede Entlassung ist auch eine Chance. Sag ich den Damen und Herrn hier auch immer
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wieder.
DEÉR Im guten wie im bösen.
WRAGE Die Unternehmen entlassen nicht nur, sie suchen auch. Verzweifelt! Mit der Lupe oft! Leistungsorientierte, flexible und belastbare Mitarbeiter. Mobil. Begeisterungsfähig. Wie Sie, Herr Deér. Wie ein jeder und eine jede hier.
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DEÉR Als ich anfing, flogen wir noch mit der Constellation[7]. Wir waren Jahr für Jahr die airline number one. In meiner Zeit wurden die Destinationen nach Afrika und Fernost massiv ausgebaut.
WRAGE Jetzt müssen wir das Vertrauen entwickeln, dass es für Sie in dem Maße leichter wird, Ihre Karrierefortsetzung erfolgreich zu gestalten, wie Sie sich durch den emotionalen Prozess der Enttäuschungsverarbeitung durcharbeiten. Verstehen wir uns, Herr Deér?
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DEÉR Natürlich verstehen wir uns, Frau Wrage. Ich habe damals die Reorganisation im Catering selber maßgeblich begleitet. War sogar meine Initiative, kann man in gewisser Weise so sagen. Mir war klar, dass wir hier schwarze Zahlen schreiben konnten, anders als im reinen Flugbetrieb. Heute sind wir grundsolide. Das ist nicht wie bei der Mutter.
WRAGE Sie müssen jetzt zu Ihren ureigensten Gefühlen finden, Herr Deér.
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DEÉR Tu ich, tu ich. Ich habe damals auch durchgedrückt, dass wir eine Arbeitsbereichsanalyse gemacht haben, Büro in London, Top-Adresse. Hatten dann allerdings wenig Ahnung von den spezifischen Anforderungen hier in der Schweiz. Die haben manchmal mit mir geredet, als ob ich den ganzen Tag nur die Gabeln und Löffeln zählen würde, die Löffel und Gabel, meine ich, die Teller und Tasser. Tassen.
WRAGE Herr Deér. Ich verstehe Ihre Erregung sehr gut.
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DEÉR erregt Ich bin nicht erregt! Ich bin völlig cool! Der Catering-Bereich setzt im Jahr mehr als eine Million Mahlzeiten um, worldwide. Wir beliefern siebenunddreißig Airlines, von der Singapore bis zur Edelweiß.
WRAGE Sie sehen ja selbst, wie Sie das emotional involviert.
DEÉR Catering ist ein hochsensibler Bereich. Ich weiß nicht, ob Sie das wirklich überblicken, liebe Frau
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Wrage. Ich muss nicht mit Ihnen zusammenarbeiten.
WRAGE Natürlich müssen Sie das nicht, …
DEÉR … Da gibt es Dutzende von Firmen wie Ihre, die würden mit Handkuss mit der Swissair zusammenarbeiten … Mit Handkuss … mit Handkuss…
WRAGE … aber überlegen Sie sich unüberlegte Schritte zweimal. Sie sind jetzt geschockt. Wir unterstützen
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Sie nicht nur logistisch, sondern auch psychologisch.
DEÉR Und wir haben riesige Zuwachsraten, wir sind in nur vier Jahren das drittgrößte Catering-Unternehmen der Welt geworden. Alles lief problemlos. Und dann höre ich, dass sie einen SAS[8]-Mann holen wollen, exakt meine Qualifikation. Einkauf, auch er. Ohne mich in der Sache auch nur zu begrüßen. Hab den sogar schon gesehen. In meinem Büro. Saß darin als seis seins.
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WRAGE Ist seins.
DEÉR Saß an meinem Schreibtisch! Füße drauf, im Stuhl zurückgelehnt, telefoniert dröhnend! Wie kommt der dazu?
WRAGE heftig Es ist sein Büro!
DEÉR ebenso, Echo Das ist mein Büro!
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WRAGE Sie haben kein Büro mehr!
DEÉR Da könnten Sie Recht haben! Lange mach ich das nicht mehr mit! Nicht mehr lange!
Aus: Urs Widmer: Top Dogs, Zürich: Verlag der Autoren 2004, S. 8-18 (überarbeitet)

[1] Outplacement (engl.): eine von Unternehmen finanzierte Dienstleistung für ausscheidende Mitarbeiter, die als professionelle Hilfe zur beruflichen Neuorientierung angeboten wird
[2] Gipfeli (schweizerdt.): Croissant
[3] per annum (lat.): jährlich, pro Jahr
[4] Low-Salary-Bereich: Niedriglohnbereich
[5] senior executive (engl.): leitender Angestellter
[6] Chapeau! (frz. Redensart): sinngemäß: Hut ab! Respekt!
[7] Constellation: Flugzeugtyp
[8] SAS: skandinavische Fluggesellschaft
#dialektischeerörterung#brief#analysieren#zusammenfassen#drama
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Aufgabe 3

Dramatik

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Urs Widmer (*1938 - †2014): Top Dogs (1997)
1.
Die vorliegende Szene des Dramas Top Dogs von Urs Widmer, datiert auf das Jahr 1997, beschreibt ein Gespräch zwischen einer Angestellten der Firma NCC - eines Outplacements-Unternehmens - und einigen kürzlich entlassenen Topmanagern, die durch das Gespräch auf das weitere Vorgehen und die Weitervermittlung vorbereitet werden sollen. Hauptsächlich geht es um Deér, ein ehemaliger leitender Angestellter der Airline Swissair und Wrage, die für den Prozess verantwortlich ist.
Die Szene beginnt damit, dass sich Wrage sich selbst und ihr Unternehmen kurz vorstellt. Deér, der für das Catering der Airline zuständig war, geht davon aus, dass er sich um eine Synergie zwischen seinem Arbeitgeber und der Outplacement-Firma bemühen soll. Er versteht nicht, dass er entlassen wurde und sich nun in besagter Firma befindet, um die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu vereinfachen. Wrage erklärt erneut die Funktion ihres Unternehmens, doch Deér zeigt sich völlig indifferent gegenüber der Tatsache, dass er seinen Job verloren hat. Er geht sogar soweit, die anderen anwesenden Manager aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit herabzuwürdigen. Als ihn Wrage damit konfrontiert, dass auch er keinen Job mehr habe, leugnet er dies. Deér stellt dies sogar infrage, denn schließlich habe er alles für Swissair gegeben. Er fährt fort, indem er diverse Aufgaben vorstellt, die er dort übernommen hat und über diverse Erfolge der Firma spricht. Auf Einwürfe von Frau Wrage geht er nicht ein. Deér ist immernoch überzeugt davon, dass er nicht entlassen worden sei und kündigt an, die Verhandlungen über eine etwaige Zusammenarbeit der beiden Firmen zu beenden. Das Gespräch droht zu eskalieren und Deér erklärt, dass er diese Spiele nicht mehr mitmacht und er droht, selbst zu kündigen.
2.
Das Gespräch zwischen Deér und Wrage beginnt damit, dass Deér nach seine Position als Art Vermittler zwischen seinem Unternehmen und der Outplacement-Firma klar ausdrückt (vgl. Z.12). Er grüßt die Angestellte kurz, aber freundlich. Eigentlich weiß er gar nicht, warum seine Firma ihn dorthin geschickt hat. Diese Verunsicherung zeigt sich beispielsweise durch die Regieanweisung „Allerdings versteht Deér nur Bahnhof.“ (Z. 7). Auch einige Ellipsen und Floskeln wie etwa „Kann ich mir vorstellen“ (Z. 60), „War gut und intensiv. Doch“ (Z. 10) oder „Verstehe“ (Z. 23) verstärken die Unsicherheit und gleichzeitig die Begriffsstutzigkeit Deérs. Um dies jedoch zu überspielen, wiederholt er die Aussagen Wrages fast papageiartig: „“Sehr im Groben." (Z. 15), „Sehr gut!“ (Z. 6).
Deér zeigt sich während des Gesprächs als kollegialer, aber auch als skrupelloser Abteilungsleiter. Dies zeigt sich durch parataktische oder elliptische Anmerkungen wie beispielsweise „Ich sage meinen Mitarbeitern immer: Sie müssen mit der Lupe hinschauen“ (Z. 18) oder „Mußte ja selber Mitarbeiter entlassen. Als wir das Catering auslagerten, neunzehnzweiundneunzig, haben wir mehr als tausend Stellen abgebaut. Gute Leute, waren zum Teil seit Jahren dabei gewesen. Ist ein menschliches Problem, so was. Andererseits, im Kader, das ist einfach im Anforderungsprofil, so was wegstecken zu können.“ (Z. 43). So hebt er sich auch von den anderen Managern ab, die sich in der gleichen Lage wie er befinden. Er ist regelrecht angewiedert von deren Arbeitslosigkeit (vgl. Z. 27/37) und erklärt, dass diese überhaupt keine Chance hätten, jemals wieder eine Arbeitsstelle zu finden. Dass er dabei seine eigene Entlassung ignoriert und somit in die gleiche Kategorie wie seine Mitstreiter fällt, bemerkt er gar nicht. Auch die Einwände Wrages nimmt er nicht wahr.
Deér ruht sich außerordentlich auf seiner Anstellung bei der Swissair aus. Seine Identifikation mit diesem Unternehmen ist extrem hoch, er sieht es sogar ähnlich wie sein Heimatland an. Ganz rührselig erzählt er von dem Herzklopfen, das er verspürt, wenn er in einem anderen Land eine Maschine der Swissair sieht (vgl. Z. 82f.). Er ist praktisch untrennbar von diesem Unternehmen, was er durch Vergleiche zu verdeutlichen versucht: „Ich bin die Hand oder das Bein, das können sie nicht einfach wegamputieren!“ (Z. 83f.). Hiermit jedoch bestätigt er, dass er eigentlich genau weiß, warum er sich in der Outplacement-Firma befindet und dass er tatsächlich entlassen wurde. Er will es nur offenbar nicht wahrhaben. Als er direkt mit seiner Entlassung von Wrage konfrontiert wird, leugnet er dies vehement. Regelrecht wütend wird er nach der Frage „Wieso werde ich das bald feststellen?“ (Z. 60). Der Frage folgt ein Schlagabtausch: „Wofür?“ „Ich??!“, „Entlassen? – Hören Sie. Das hätte man mir gesagt.“ (Z. 65ff.). Mit diesen elliptischen Fragen versucht Deér der unausweichlichen Situation zu entgehen. Weiterhin betont er immer wieder seine Einsatzbereitschaft ohne Rücksicht auf Verluste und seine Leidenschaft, mit der er die Swissair und deren Umsatz vorangetrieben hat. Es ist für ihn demnach fast unmöglich, dass er entlassen wurde, da er ja elementar wichtig ist.
Als Deér schließlich sich immer mehr in seinem Verleugnungskonstrukt verheddert, wird er immer emotionaler. Dies äußert sich durch diverse Wiederholungen wie „Tu ich, tu ich.“ (Z. 105) oder etwaige Versprecher („Gabeln und Löffeln […] Teller und Tasser“ (Z. 108)). Er sieht jedoch nicht einmal, wie gereizt er reagiert und gibt an, dass er doch völlig cool wäre (vgl. Z. 110). Auf die Aussage Wrages, dass er überhaupt kein Büro mehr habe, entgegnet Dreér trotzig, dass er wohl lieber kündige, als diese Spielchen noch länger mitzumachen (vgl. Z. 131).
Insgesamt ist Deér immer noch der Auffassung, ein aktives Mitglied der Swissair-Belegschaft zu sein. Wrage, die ihm eigentlich dabei helfen sollte, wieder einen Platz auf dem Arbeitsmarkt zu finden, versagt in ihrer eigentlichen Aufgabe. Die Aussage, dass Deér entlassen wurde, tangiert ihn überhaupt nicht und er beharrt auf seinem Standpunkt, nur der Vermittler zwischen Swissair und der NCC zu sein.
Aufgabe 3
3a.
Beurteilung der Nachvollziehbarkeit Deérs Reaktion
Die Einordnung der Frage, ob Deérs Reaktion auf seine Entlassung nachvollziehbar sei, ist durchaus schwierig. Seine Situation scheint recht surreal, unglaubwürdig und teils auch inauthentisch, sodass sie für den Zuschauer nicht wirklich nachvollziehbar ist. Es gibt allerdings diverse Gründe, die für seine Reaktion sprechen.
Man kann Deérs Situation in Teilen durchaus nachvollziehen, denn offenbar wurde Deér nicht ordentlich über seine Entlassung informiert. Schließlich kam er ja zu der Outplacement-Firma, um als Vermittler zwischen seiner Firma Swissair und der NCC zu fungieren und mögliche Synergien herzustellen. Es kommt ihm ja schleßlich nicht einmal ansatzweise in den Sinn, dass diese Firma ihm bei der Vermittlung eines Arbeitsplatzes helfen soll. Er zeigt sich verwirrt, als Wrage ihm mitteilt, dass er entlassen wurde, denn er ist der Überzeugung, dass er dies mitbekommen hätte.
Zudem ist Deér von seiner Wichtigkeit für dieses Unternehmen so überzeugt, dass es für ihn schlichtweg unlogisch scheint, entlassen zu werden, oder gar ersetzt zu werden. Er begründet dies damit, dass er schließlich dafür gesorgt hat, dass Swissair einen höheren Umsatz gemacht hat und nun in vielen Ländern der Welt vorzufinden ist. Außerdem erläutert Deér, dass seine Abteilung ein wichtiges Kernelement des Unternehmens beherbergt.
Für Deér ist die Swissair eine Art Familie und dieses Unternehmen ist sein Schicksal. Eine etwaige Entlassung würde ihn demnach in ein tiefes Loch werfen und ihm des Lebenssinnes berauben. Schließlich ist er auch schon seit mehreren Jahrzehnten Teil des Unternehmens und er verbringt den Großteil seiner Zeit mit seiner Arbeit. Deshalb versucht Deér die Realisierung seiner Entlassung so lange wie möglich herauszuzögern als eine Form von Selbstschutz.
Trotz dieser Punkte lässt die fehlende Akzeptanz der Offensichtlichkeit der Situation Deérs Reaktion als sehr unprofessionell erscheinen. Wrage ist nicht in der Lage, ihm seine Entlassung klar zu machen, was aber auch nicht ihre Aufgabe ist. Denn eigentlich hätte Deér die offensichtlichen Anzeichen selbst erkennen müssen: er sitzt mit anderen entlassenen Topmanagern in einer Vermittlungsfirma und er weiß, dass er ersetzt wurde, da nun jemand anderes in seinem Büro sitzt. Er ist ja sogar darüber verärgert, dass er nicht in die Entscheidung involviert wurde. Dies sind eindeutige Anzeichen für eine Entlassung. In seiner Position mit Führungscharakter hätte Deér außerdem mit dem Entlassungsprozess vertraut sein müssen. Schließlich hat er auch schon selbst tausende Arbeitnehmer entlassen und beteuert, dass man sowas ja einfach wegstecken können müsse. Zudem sollte er als Topmanager einen gewissen Intelligenzquotienten besitzen, um all diese Elemente ordentlich und angemessen zu deuten. Seine Reaktion hingegen ist sehr trotzig und im Prinzip ein Verdrängungsmodus der eigentlichen Tatsachen.
Im Grunde ist Deér extrem von sich selbst überzeugt und hält aufgrunddessen an seiner Position vehement fest. Ein Verlust dieser Stellung gleicht einem Identitätsverlust, was Deér durchaus bewusst zu sein scheint. In Anbetracht dieser Aspekte ist sein Verhalten durchaus nachvollziehbar. Allerdings sollte er als Topmanager ein deutlich professionelleres Verhalten aufweisen und die Angelegenheit als Chance sehen und sich nicht komplett verschließen. Denn ändern kann er an der Tatsache seiner Entlassung eh nichts mehr.
Aufgabe 3
3b.
Formaler Brief
Alfred Deér
Genfer Weg 12
1200 Genf
Swissair - Human Resources
z.Hd. Holger Müller
Edelweissstraße 4 8032 Zürich
Genf, 14.09.2017
Betreff: Stellungnahme zu meiner angeblichen Entlassung
Sehr geehrter Herr Müller,
meine Enttäuschung kennt keinerlei Grenzen. Leider musste ich feststellen, dass das Gespräch mit dem NCC-Unternehmen ein bloßer, dreister Vorwand war, mich aus der Firma Swissair zu entfernen! Eine Frau Wrag - sie tut mir bis heute noch leid, dass sie so für Ihre unlautere Zwecke missbraucht wurde - hat versucht, mir mitzuteilen, dass ich entlassen wurde. Welch Absurdität! Indem Sie die Drecksarbeit an eine externe Firma auslagern beweisen Sie zum einen, wie schlecht ihr Führungsstil ist und zum anderen, wie wenig ich und meine Arbeit überhaupt wertgeschätzt werden. Trotz meiner Empörung will ich Ihnen dennoch meine Sicht auf all dies mitteilen.
Ich kann zum einen nicht verstehen, wie Sie als Gesamtverantwortlicher für das komplette Personal es moralisch verantworten können, mir nicht einmal meine Kündigung persönlich auszusprechen. Natürlich kann ich es verstehen, dass man ab und zu sich von Mitarbeitern trennen muss, um neue Wege einzuschlagen. So wie ich es damals getan habe, als wir das Catering ausgelagert haben. Tausend Mitarbeiter war ich gezwungen zu entlassen - aber dies zum Wohle der Firma! Da muss man manchmal auch seine Emotionen ausschalten können. Und doch hab ich jedes Gespräch höchstpersönlich geführt! Es wäre mir nicht in den Sinn gekommen, diese Mitarbeiter, die sich so für unser Unternehmen eingesetzt haben, einfach ohne jegliche Information wegzuschicken und jemand anderem diese Arbeit zu überlassen. Das ist man dem Arbeitnehmer schlichtweg schuldig! Denn jeder verdient ein angemessenes, sowie respektvolles Trennungsgespräch.
Zum anderen ist es mir unerklärlich, wie Sie mich - einen Ihrer verantwortungsbewusstesten und leistungsorientiertesten Manager - einfach vor die vollendeten Tatsachen stellen können. Eigentlich sollten meine Qualifikationen Grund genug sein, von einem solchen Schritt Abstand zu nehmen. Zudem will ich Sie daran erinnern, was ich schon für die Swissair alles geleistet habe und wie viel Zeit ich in dieses Unternehmen investiert habe. Fast 30 Jahre lang habe ich täglich 16-Stunden-Tage gearbeitet ohne mich auch nur einmal zu beschweren. Meine Belastbarkeit ist extrem hoch, Urlaub hab ich fast nie genommen, ich habe alles für diesen Betrieb gegeben. Meine Devise lautete immer „Lead, follow or get out of the way“ - nach dieser habe ich stets gelebt und Taten umgesetzt. Und jetzt schicken Sie mich einfach fort, als wäre ich der nutzloseste Mensch? Ich habe abertausende Personen geleitet, immer einwandfrei, habe extrem schwierige Entscheidungen getroffen, die Prozesse ständig umkonstruiert, um noch produktiver und effektiver zu werden. Durch mich wurde die Swissair doch erst zum global player, ist in Bangkok, Singapur, Mexiko und auch sonst überall auf der Welt aufzufinden. Sie vergessen dabei außerdem, dass ich als Verantwortlicher den Umsatz der Swissair durch die Auslagerung des Caterings maßgeblich gesteigert habe. Ich war es doch, der das Potential des Caterings entdeckt hat, mittlerweile sind wir hier grundsolide und haben uns etabliert! 37 Airlines profitieren mittlerweile von unserem Cateringservice, weltweit. Ohne mich würden Sie immer noch auf Kurzstreckenflüge zwischen Bern und Berlin setzen und hätten vielleicht ein Viertel des heutigen Umsatzes. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Swissair ohne mich wieder an Umsatz verlieren würde und stellen Sie sich nur mal vor, welch andere Umsatzwunder ich noch in meinem Ärmel versteckt habe. Verlieren Sie mich, so gewinnt die Konkurrenz.
Ich will noch anmerken, dass die Swissair mein Zuhause ist. Meine Familie. Mein Schicksal. Sie ist mehr als nur ein triviales Unternehmen für mich. Egal wo mir die Swissair begegnet, ich habe sofort ein Heimatgefühl im Herzen, fühle mich glücklich und zufrieden, versprüe große Freude! Würde ich nicht mehr bei der Swissair sein, so wäre es, als ob man mir das Herz herausgerissen hätte. Aber genauso andersrum: wenn Sie mich und noch viele weitere arme Menschen kündigen, so verlassen mit diesen die Seele des Unternehmens. Einen Arm können Sie sich doch auch nicht einfach wegamputieren? Also können Sie schon, aber dann wären Sie nur noch halb so effektiv, von der Effizienz ganz zu schweigen.
Von Ihnen erwarte ich eine prompte Stellungnahme zu dem von mir ausgesprochenen! Zudem möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass ich ab nächster Woche wieder zu meinem alten Arbeitsplatz zurückkehren werde, die Witzfigur, die in meinem Büro nun sitzt, sollte demnach schleunigst aus meinen Räumlichkeiten entfernt werden.
Beste Grüße
Alfred Deér
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