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Text 1

Aufgaben
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Text 1

Niemandes Rücken

(Selim Özdogan)

$\,$
Die anderen sind jetzt in der Kirche.
Wahrscheinlich verstehe ich nichts von Freundschaft. Wenn
man sich umhört, gibt es Freundschaften, die ein Leben lang
halten. Oder auch nur zwei oder drei Jahrzehnte. Es gibt
5
Menschen, die als Kinder zusammen im Sandkasten gesessen
sind und später gemeinsam in einer Band spielen.

Männer sitzen nebeneinander, schweigen, klopfen sich auf die
Schultern und würden ihr Leben für den anderen lassen, heute,
morgen und in vierzig Jahren auch noch. Wenn man sich
10
umschaut oder schlimmer noch Bücher liest oder Filme sieht,
scheint es, als gäbe es Freundschaften, Freundschaften ohne
jegliche Fragezeichen.

Das kenne ich nicht und wahrscheinlich bin ich kein guter
Freund. Vielleicht sogar überhaupt keiner.

15
Ich weiß nicht mehr, wen wir abholen wollten und warum ich
überhaupt dabei war. Gael und ich kannten uns kaum, ich
bezweifle, dass ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt seine
Telefonnummer hatte oder seinen Nachnamen wusste. Er
kannte halt ein paar Jungs, die ich auch kannte, und man ging
20
abends gemeinsam aus. Dass irgendwer von diesen Jungs mein
Freund sei, habe ich damals schon nicht geglaubt.

Gael und ich saßen, warum auch immer, in Gaels blauem Käfer
vor dem Bahnhof und der Zug desjenigen, den wir abholen
wollten, hatte Verspätung. Ich war siebzehn, Gael achtzehn.

25
Wir redeten und es war ein erstes Mal für mich. Ich hatte nicht
gewusst, dass es Menschen gab, echte, lebendige Menschen,
die so dachten, empfanden und sprachen. Da war noch jemand,
der sich einsam fühlte, getrennt von allem, verzweifelt von der
Suche nach einer Frau, die verstand, immer nur kurz getröstet
30
vom Alkohol, imstande Lügen schnell zu durchschauen und
völlig verwirrt, wenn es darum ging, eine Richtung
einzuschlagen.

Wir redeten. Das war nicht wie lesen. Der Zug hatte über zwei
Stunden Verspätung. Danach redeten wir noch viel mehr. Jeden
35
Tag. Gael war der Beweis. Dass man seine eigenen Fragen nicht
nur in Büchern wiederfand. Sondern auch in Menschen.
Menschen, die man nie mehr missen wollte.

Wir fingen an zu studieren und nach meinem zweiten Semester
zogen wir zusammen. Am Wochenende wurde draußen
40
getrunken und unter der Woche meistens nur zwei, drei, vier
Bier daheim in der Wohnung.

Ich eher zwei, Gael eher vier. Damals schon. Wenn du hier
einen Punkt setzt, hast du eine Geschichte über Freundschaft,
über Vertrauen, über Gemeinsamkeiten und Glauben. Wenn du
45
hier einen Punkt setzt, hast du eine Geschichte, wie auch ich sie
über Freundschaft kenne. Aber das Leben geht weiter.

Gael verliebte sich, nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal
in eine Frau, die ich nicht mochte. Obwohl das nichts zur Sache
tut. Ich konnte sehen, dass es nicht gut ausgehen würde, ich
50
konnte es wirklich sehen.

Ich habe versucht ihm Theresa auszureden, immer wieder.
Wenn du mich fragst, war sie auf der Suche, verzweifelt auf der
Suche nach Halt, das waren wir alle, aber sie war gleichzeitig
immer auf ihren Vorteil bedacht.

55
Sie wurde schwanger. Wenn du mich fragst, um Gael zu binden,
wenn du ihn fragen könntest, würde er sagen, ein Unfall.

Es war ein Fehler zu heiraten, das habe ich ihm oft genug
gesagt. Vor der Hochzeit, wenn wir redeten, habe ich eigentlich
immer nur noch gesagt, was er alles falsch macht.

60
Wahrscheinlich verstehe ich nichts von Freundschaft, sonst
hätte ich zu ihm gehalten, spätestens nachdem die
Entscheidung gefallen war. So stelle ich mir einen Freund vor.

Damals war ich in der Kirche, obwohl es mir verlogen vorkam,
und auch auf dem Standesamt. Heute bin ich zu Hause und
65
vielleicht mache ich es schon wieder falsch.

Nach der Hochzeit haben wir nicht mehr geredet, ich war
einmal da, um mir die Kleine anzusehen, aber es war alles so
merkwürdig und gezwungen und ich mochte Theresa noch
weniger als vorher.

70
Drei Jahre hat es bis zur Scheidung gedauert und ich dachte, er
würde danach mal anrufen, aber er hat es nicht getan. Ich auch
nicht.

Wir hatten gemeinsame Bekannte. Gael studierte immer noch,
jobbte in einer Kneipe, mehr wusste ich nicht. Und wollte es
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vielleicht auch nicht wissen.

Fünf Jahre nach der Scheidung rief er an. Wir trafen uns.
Redeten wie damals im Käfer. Als ich genug getrunken hatte,
sagte ich ihm, dass ich mich bei der Sache mit Theresa nicht
gut verhalten hatte.

80
- Ist schon vergessen, meinte er.

Er sah schlecht aus, rauchte zwei Schachteln an dem Abend,
wenn er hustete, hörte es sich an, als wollte seine Lunge raus,
um Luft zu holen. Für jedes Bier, das ich trank, kippte er zwei.

Das nächste halbe Jahr trafen wir uns öfter. So lange, bis kein
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Zweifel mehr blieb. Gael trank zu viel. Viel zu viel.

Einmal fragte ich ihn, warum er mich am letzten Samstag in
dem Imbiss einfach hatte stehen lassen und verschwunden war.
Er konnte sich nicht daran erinnern, dass wir gemeinsam aus
gewesen waren. Es war ihm peinlich und mir war es genauso
90
peinlich, ihn mit meiner Frage in diese Situation gebracht zu
haben.

Vier, fünf Flaschen Wodka die Woche waren normal, die Biere
konnte man kaum zählen. Er richtete sich zugrunde, sprach
aber wie viele Trinker vom Alkohol, als sei er ein großer Spaß.

95
- Gael, sagte ich einmal, Gael, glaubst du nicht, du solltest das
Trinken ein wenig…

Er unterbrach mich.

- Nein. Natürlich trinke ich zu viel, aber was bleibt mir denn
sonst? Red mir das nicht kaputt, bitte.

100
Einmal rief er mitten in der Nacht an und klagte und jammerte
zwei Stunden lang und ich versuchte zu trösten. Auch daran
erinnerte er sich hinterher nicht mehr.

Ich wollte kein Zuschauer sein auf dem Weg nach unten. Wenn
es Drogen gewesen wären oder er ein Rock`n`Roller, wenn ich
105
dem Ganzen etwas Glamouröses hätte abgewinnen können,
etwas, worüber ich schreiben könnte, vielleicht wäre es dann
anders gewesen.

Es gibt doch immer diese Schreiber, bei denen es so klingt, als
sei es cool, einen Junkie zu kennen, einen durchgeknallten
110
Drogenkopf, einen, der keine zwei Sätze zustande bekommt.
Als kenne man mit diesen Menschen das Leben, das wahre,
echte, unverfälschte, diese beschissene Gossenromantik. So
wie es in diesem Oliver-Stone-Film so aussieht, als hätte Jim
Morrison ein tolles Leben gehabt und nicht sich selbst und allen
115
um ihn herum wehgetan.

Mich schmerzte es, Gael so zu sehen, und deswegen legte ich
auf, auch wenn er gleich sagte:

- Nicht auflegen, nicht auflegen, ich bin nicht betrunken.

Irgendwann hörten die Anrufe auf und die vier Mal, die ich ihn
120
von weitem sah, wechselte ich die Straßenseite oder gleich die
Richtung.

Zehn Jahre dauerte es, bis er dann wieder anrief und auf
meinen Anrufbeantworter sprach, er würde mich gerne sehen
und wenn ich keine Lust hätte, solle ich doch kurz sagen,
125
warum.

Zehn Jahre, in denen viel schief gelaufen war für ihn. Er war
aufgedunsen, die Haare waren fort, aber schlimmer noch, der
Glanz in seinen Augen. Seine Knöchel waren geschwollen und
die Finger gelb von den Zigaretten.

130
Fast vierzig, Hartz vier, ein abgebrochenes Studium, eine
Tochter, die er fast nie sah, weil er sich vor ihr schämte.

Ich hätte nie gedacht, dass ich mal so tief sinken kann, sagte
er, aber das ist ja die Sache mit dem Sinken, es geht immer
noch tiefer.

135
Die Züge waren alle abgefahren und nun stand er allein am
Bahnhof Alkohol.

Ich habe es wieder falsch gemacht, dachte ich auf dem
Heimweg, ich habe es falsch gemacht damals. Die Frage war
nicht, ob ich ihm irgendwie helfen konnte, mit dem Trinken
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aufzuhören. Oder ob ich zuschauen wollte und ob mir das
wehtat. Es ging darum, da zu sein. Und ich war es nicht.

Dieses Mal halte ich es einfach aus, dachte ich, ich werde mich
nicht wieder abwenden. Es tut gut, mit einem alten Freund zu
reden.

145
Er hatte viele Geschichten erzählt, von früher, vor zwanzig
Jahren. Das meiste hatte ich schon vergessen und es fiel mir
erst wieder ein, als Gael davon sprach.

- Ich habe seit Jahren nicht mehr an diese Sachen gedacht,
sagte ich.

150
- Du hast ja auch etwas, um nach vorne zu schauen, sagte er.

Ich wollte da sein, mehr nicht. Ich wollte einfach mal da sein.
Um nichts anderes geht es doch, oder? Jemand, der da ist.
Vielleicht ist Freundschaft gar nicht mehr als nur das. Und es
hat mich zwanzig Jahre gekostet, dahinterzusteigen.

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Doch vielleicht vertue ich mich schon wieder. Und hätte es auch
nicht hingekriegt. Das werde ich nun nicht mehr herausfinden.

Gael ist mit 3,3 Promille durch die Windschutzscheibe geflogen
und dann gegen ein Auto auf der Gegenspur.

Die anderen sind jetzt in der Kirche.


(Quelle: Selim Özdogan: Der Klang der Blicke. Innsbruck – Wien 2012, Seite 119 ff.)


Worterklärungen:
Käfer (Z. 22): Gemeint ist ein Auto der Firma VW, das wegen seiner kleinen, runden Form umgangssprachlich als „Käfer“ bezeichnet wird.
glamourös (Z. 105): bezaubernd, von äußerlicher und blendender Schönheit
Gossenromantik (Z. 112): Gemeint ist hier eine schwärmerische Beschönigung schwieriger sozialer Verhältnisse.
Oliver Stone (Z. 113): bekannter amerikanischer Filmregisseur
Jim Morrison (Z. 113 f.): berühmter Rock-Sänger, der im Alter von 28 Jahren starb und dem eine selbstzerstörerische Lebensweise nachgesagt wird
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