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Text 1

Aufgaben
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Im Folgenden handelt es sich um ein Kapitel aus einem Buch über das Angeln. In jedem Kapitel erzählt der Ich-Erzähler, beginnend von der Kindheit bis ins spätere Erwachsenenalter, von der Entwicklung seiner Leidenschaft zu angeln.
Max Scharnigg

Der Sommer des Kometen

$\,$
Ein Komet[1] kommt, aber es ist mir egal, denn ich bin in der Pubertät. Alle drehen gerade irgendwie durch, da stört der anhängliche Asteroid[2] auch nicht weiter. […] Zu Hause ist es unruhig, ich bin verliebt, habe Karten fürs Blur-Konzert[3] und trotzdem das Gefühl, alles zu verpassen. Keine gute Zeit zum Angeln. Meine alte Köderkiste[4] in der Garage ist zwischen den Winterreifen eingekeilt, sie interessiert mich nicht mehr,
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und ja, es ist peinlich, ein richtiges Kinderhobby: Fische angeln. Allein der Gedanke, oben zu sitzen, an einem der Weiher[5], wo ich doch genau weiß, dass sie dort manchmal mit ihrer Mutter spaziert. Spazieren: nicht peinlich; Angeln: peinlich – ganz einfach. Es stimmt ja nicht, dass in der Pubertät alles ganz kompliziert ist, nein, im Gegenteil, eigentlich ist die Welt ganz einfach. Einfach scheiße. Nur zwei bis drei Sachen vielleicht nicht. Eine davon hat einen Pferdeschwanz, den sie jede Stunde dreimal mit einer beiläufigen
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Geste sortiert. Sie ist neu in der Klasse, ihr Name klingt nach Südamerika, und wenn sie sich in Latein zu mir umdreht und irgendeine reizende Kleinigkeit fragt, würde ich mich am liebsten auch umdrehen und zurücksinken in eine Welt, in der alles noch leicht war und die nur ein paar Augenblicke hinter mir liegt.
Mein Vater geht in dieser Zeit alleine zum Fischen. Ich sehe ihn manchmal, wenn er am Freitagnachmittag aus dem Büro kommt, kurz etwas in den Flur und zu den verschlossenen Türen seiner halberwachsenen
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Kinder hin ruft, dann seinen ausgeblichenen Schlapphut aufsetzt und hinauffährt an den großen Weiher und zu seinem Steg. Er hat ihn im Frühling gebaut, zusammen mit ein paar anderen Männern vom Angelverein, mitten in eine Wand aus Schilf. Platz, wo vorher keiner war. Ein kleiner Trampelpfad führt durch den Wald dorthin, aber man muss wissen, wo er anfängt, der Pfad, sonst landet man mitten im Schilf. Oder man hat jemanden, der es weiß. Ich bin nie dabei an seinen Freitagabenden am großen Weiher. Ich sitze stattdessen
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in winzigen Autos, die immer einem Bekannten von einem Freund gehören, und wir fahren darin zu fünft zu einem Fest, zu dem wir nicht direkt eingeladen sind und von dem wir auch nicht genau wissen, wo es stattfindet, aber es ist das beste Fest, und wenn wir nicht dabei sind, sind wir verloren, das ist klar, jeden Freitagabend aufs Neue.
Ein Mann zu werden ist gefährlich, und ich nehme an, mein Vater weiß das und denkt gelegentlich daran,
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während er in der Dämmerung anfängt, seine Welsköder[6] auszulegen. Man muss rechtzeitig damit anfangen, seinen Angelplatz auf die Dunkelheit vorzubereiten, das sagt er immer. So wenig wie möglich darf rumliegen, alles muss griffbereit sein, die Taschenlampe sollte man gar nicht brauchen, ihr Schein vergrätzt die Fische. Dann sitzt er da, und es wird dunkler um ihn. Es gibt einen Moment, ab dem ist der Weiher dann nicht mehr der Weiher, sondern der Anfang der großen Nacht. Dann erst wühlen sich die Welse aus ihrem
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weichen Bett im Schlamm und machen ihre Jagd, ihre Barteln[7] tasten wild über den Boden. Und zwei Meter darüber sitzt mein Vater reglos, und sein Bart tastet in die Dunkelheit, und vielleicht schläft er manchmal auch ein wenig, in den warmen Nächten.
Ich schlafe nicht in meinen Nächten, ich denke nicht an ihn, ich bereite nichts für die Dunkelheit vor, sondern werfe mich hinein, denn dann ist sie meistens am besten. Wir finden das Fest oder wir finden es
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nicht, das macht kaum einen Unterschied, denn wir sind zu fünft, zur Not sind wir unser eigenes Fest, auch wenn dann am nächsten Montag in der Schule etwas mehr Kraft nötig sein wird, die Sache zu verklären. All die unbeholfenen Entfernungsversuche und Ausbrüche, all die verkorksten Premieren erlebe ich in dieser Zeit. Wir wissen es nicht, aber es ist so: Niemand von uns kennt den Trampelpfad hindurch, und alle rennen wir blind ins Schilf.
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Wenn sie da ist bei einem Fest – und ich weiß es niemals vorher –, aber wenn sie kommt und mich sieht und sich sogar irgendetwas Unbedeutendes ereignet, an dem wir beide beteiligt sind, lege ich diesen Moment nachher zwischen die Seiten eines Buches, in das nur die schönsten Erinnerungen dürfen. Es geht eine ganze Weile so, und das Buch mit den schönen Erinnerungen ist schon ein richtiger kleiner Katalog. Mein bester Freund kennt ihn so gut wie ich, in vielen Stunden haben wir die Ereignisse durchgesprochen und
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interpretiert, genau wie die Dramen im Deutschunterricht. So entsteht langsam der Eindruck, ja, es ist unausweichlich, dass sie auch in meine Richtung sieht, dass auch sie sich auffällig verhält, ein Sie-und-ich nicht nur meine Binnenwahrnehmung ist. Es kommen Wochen, in denen ich glaube, es fehle nur noch eine kleine Bewegung zur Umarmung, ein kleines Wort zur Bekräftigung, ihre Hand in meiner, und es sei geschafft, beinahe nur noch eine Formsache. Ich freue mich, ich tanze in meinem Zimmer. Wenigstens eine
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Sache, die klappt. Dann ist Schulfest. Sie kommt auch, einen Jungen im Arm, der ist eine Klasse unter uns. Sie küssen sich vor der Bühne.
Ich sehe es, und ich sehe die Blicke der Freunde, die mich betrachten wie ein verendendes Tier. Wundern kommt von Wunde, denke ich. Wie und in welchem Zustand ich nach Hause gelangt bin, weiß ich nicht mehr, nur dass ich mir dort vorgenommen habe, mein Zimmer im Dach nie mehr zu verlassen, daran kann
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ich mich erinnern und an die Einsamkeit unter zwei Kissen, den freien Fall.
Ich falle den ganzen Tag, und als ich meinen Vater unten höre, wie er kurz die Dose mit Mais auf den Tisch stellt und seine Gummistiefel aus dem Schrank zerrt, da weiß ich, der Weiher könnte helfen. Mein Vater sieht mich die Treppe runterkommen, er reicht mir meine alte Angeljacke, kaum Worte, es genügt ein paarmal Kopfnicken, bis ich neben ihm im Auto sitze. Der Parkplatz zwischen den Birken, von dem man
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schon sieht, wie die Wellen auf dem Weiher sind, und dann der Anfang des Trampelpfads, den nicht jeder kennt. Mein Vater geht voran, die breiten Schultern teilen die hohen Schilfstangen, es ist ja schon Juni. Er fragt nichts, er klappt mir einen Stuhl aus. „Du links raus, ich rechts “, knurrt er, dann montiert er seine Köder. Er hat ein besonderes System entwickelt, fädelt Würmer zu einem riesigen Bündel auf den Haken. „Eine Torte für den Waller“[8], sagt er und schaut, ob ich lache, genau wie früher, wenn ich wegen irgendwas
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geweint habe. In den Arm nehmen, das geht ja nicht so gut, aber einen Witz machen und heimlich schauen, ob der andere lacht, das geht zwischen Vater und Sohn. Zwei Maiskörner ans Schilf legen und die andere Grundrute[9] so weit rausfeuern wie möglich, das will ich. Alles lege ich in diesen Wurf in die Seemitte, ich ziehe die Rute mit voller Wucht durch, spüre die Fliehkräfte und das Geräusch, mit dem das Birnenblei[10] in den Himmel beschleunigt, es fliegt und fliegt und schlägt weit hinten ein. Mein Vater nickt anerkennend, und
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weil ich geschwächt bin, verzichtet er auf die Diskussion, die wir sonst unweigerlich gehabt hätten und in der es darum geht, dass die Fische eben nicht weit weg stehen, sondern meistens ganz nah, am Ufer und im Schilf.
Diesmal ist das Werfen wichtiger als das Fangen. So sitzen wir. Ich mit der großen Fleischwunde, er mit seinem Freitagabendbier […]. Die Art, wie mein Vater auch schweigt, nicht wenigstens ein bisschen hustet,
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schimpft und nach Vaterart Geräusche macht, hätte mich an einem gewöhnlichen Abend vielleicht stutzig gemacht und daran denken lassen, dass hinter seinen Abenden hier oben noch etwas anderes steckt, ein zweites Fallen. Aber ich bin zu stumpf für andere Unglücke, in meinem Kopf gibt es nur Platz für einen einzigen Schmerz, und so merke ich nichts, wie alle anderen auch nichts merken. Es ist still, unsere Bissanzeiger[11] baumeln leise, und über uns sind die Sterne.
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„Da, der Komet“, sagt mein Vater. Er ist schon am äußeren Rand unseres Nachthimmels, er dreht schon ab, kennt schon eine neue Galaxie[12]. Sein Schweif macht ihn schöner als alle anderen Sterne, aber auch fremder.
Wir liegen in unseren Stühlen, den Kopf im Nacken. Keiner sagt es, aber wir wissen es doch. Es ist der letzte Komet, den wir gemeinsam betrachten werden.


[1] der Komet: Himmelskörper, wird häufig als Schicksalsbote angesehen
[2] der Asteroid: Stern, Himmelskörper
[3] Blur: britische Rockband
[4] der Köder: etwas, das beim Fangen bestimmter Tiere als Lockmittel dient
[5] der Weiher: kleiner See
[6] der Wels: Fischart
[7] die Bartel: langes, fadenförmiges Tastorgan, das vom Maul mancher Fische herabhängt
[8] der Waller: Fischart, anderes Wort für Wels
[9] die Grundrute: Angel, speziell für das Fischen am Boden eines Gewässers
[10] das Birnenblei: birnenförmiges Stück Blei zum Absenken der Angelschnur
[11] der Bissanzeiger: Gerät, welches über einen Biss am Köder informiert
[12] die Galaxie: großes Sternsystem außerhalb der Milchstraße
Aus: Max Scharnigg: Die Stille vor dem Biss. Angeln. Eine rätselhafte Passion, Bremen 2015, S. 111-116 (Text leicht gekürzt).
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