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Aufgabe 1

Aufgaben
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Interpretation eines Textes der Gattung Kurzprosa

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Susanne Niemeyer (1972): Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen (2014)
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
  • Interpretiere den Text.

Susanne Niemeyer: Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen

$\;$
Als Herr Wohllieb am Dienstagmorgen enarachte, hatte sich ein großes Loch aufgetan. Unten rauschten die Lastwagen. Gegenüber schüttelte eine Frau ihren Teppich über den Köpfen der Fußgänger aus. Der Himmel war mittelgrau und die Leuchtreklame des Tabakladens blinkte unverdrossen. Es war Dezember. Alles war wie immer, nur dass plötzlich diese Frage vor ihm
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stand: „Was mache ich mit dem Rest meines Lebens?“
Sie war aufgetaucht, als Herr Wohllieb gründlich seine Zähne putzte und sich dabei routinemäßig im Spiegel betrachtete. Sein Haar hatte sich für einen angenehmen Silberton entschieden, der mit dem Eisblau des Pyjamas harmonierte, den er in allen geraden Wochen trug. (Für die ungeraden hatte er einen mintgrünen, eine, wie er fand, etwas gewagte Farbe.
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Aber nachts sah ihn ja niemand.)
Die Frage verschwand auch beim Frühstück nicht. Gegen Mittag machte er sich daran, die Badezimmerfugen zu reinigen, um sich zu zerstreuen, aber die Frage blieb. Groß und unüberhörbar stand sie im Raum und ließ sich nicht ignorieren. Herr Wohllieb wunderte sich, denn normalenareise neigte er keinesfalls zu Grübeleien. lm Gegenteil, er schätzte sich als
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ausgesprochen nüchternen und unkomplizierten Zeitgenossen, dessen einzige Exzentrik darin bestand, sonntags ein weiches Frühstücksei mit Orangenmarmelade zu essen. Über das Leben im Allgemeinen hatte er sich noch nie Gedanken gemacht.
Nach reiflicher Überlegung beschloss er, sich an Gott den Allmächtigen zu wenden. Auch wenn sie bisher noch nicht viel Kontakt miteinander hatten, nahm er an, dass er der richtige
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Ansprechpartner für derlei Dinge wäre. „Herr Gott“, begann er, strich über sein Haar und straffte den Rücken, denn dies war ein ernster Moment. Er räusperte sich und sprach in Richtung Zimmerdecke: „Was soll ich tun mit meinem Leben? Bitte sei so gut und gib mir ein Zeichen. Danke.“ Er zögerte kurz und fügte noch hinzu: „Dein Bernd.“ Dann wartete er. Nach einer halben Stunde ging er hinaus, um eine Packung Milch zu holen und ein halbes Pfund Gouda.
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Nachmittags erwog er, einen Mittagsschlaf zu halten, entschied sich dann aber dagegen, weil es ihm unhöflich erschien, zu schlafen, während man auf eine Antwort wartet. Aber Gott schwieg. „Merkwürdig“, murmelte Herr Wohllieb, denn er hatte mit einer raschen Reaktion gerechnet. Sein Fall lag ja nicht so kompliziert. „Ob er meine Nachricht nicht erhalten hat? Vielleicht ist er überlastet …“ Er verwarf den Gedanken schnell. „Wie albern“, schalt er sich,
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„überlastet. Der Allmächtige!“
Nach eingehender Betrachtung entschied er, dass es nur einen einzigen Grund für Gottes Schweigen geben konnte: Der Herr dachte nach. Er, Gott der Allmächtige, wollte für ihn, Bernd Wohllieb, eine perfekte, eine wahrhaft vollkommene Antwort finden. Der Gedanke ließ ihn erröten. Sein Herz pochte schneller. Sollte er, Bernd Wohllieb, denn so wichtig sein? Das war
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doch nicht möglich! Er fuhr sich ein weiteres Mal durchs Haar und beschloss, eine Krawatte umzubinden. Dann machte er einen Spaziergang, bei dem er jedem Passanten freundlich zulächelte, denn auf keinen Fall wollte er, der offenkundig ein so bedeutender Mensch war, für hochnäsig gehalten werden. Ein Mütterchen und zwei Verliebte lächelten zurück und Herr Wohlliebs Laune hob sich.
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Auch die folgenden Tage blieben Tage des Schweigens. Gott dachte nach, und Herr Wohllieb wollte ihn nicht stören. Sorgsam ging er mit sich um, hielt sich höflich die Tür auf und achtete darauf, nicht mit sich selbst zu schimpfen, wie er es häufig tat, wenn er „Ich Dussel“ murmelte oder „Jetzt reiß dich aber zusammen!“. Wenn Gott der Herr ihn für so wichtig hielt, dass er bereits drei volle Tage über ihn nachdachte, dann sollte er es ihm nachtun und sich nicht für
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weniger wichtig halten. Am vierten Tag kaufte sich Herr Wohllieb einen neuen Hut und polierte das Messingschild an seiner Haustür. Am fünften Tag hielt er einen Schwatz mit dem Zeitungshändler, mit dem er tatsächlich noch nie ein Wort gewechselt hatte außer „Bitte“, „Danke“ und „Auf Wiedersehen“. Doch nun hatte er einen Ruf zu verlieren. Er wollte sich mit jedem gut stellen.
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Gott überlegte noch immer, und auch Herr Wohllieb begann, sich Zeit zu nehmen. Bisher war sein Leben von Effizienz geprägt. Den Frühstücksteller benutzte er ein zweites Mal und auf dem Tisch lag eine Plastikdecke, die man feucht abwischen konnte. Meistens jedoch aß er ohnehin im Stehen und bevozugte Klappstullen. Wenn man mittelaltes Brot nahm, krümelten sie so gut wie gar nicht. Nun aber deckte er den Tisch und legte eine Serviette neben seinen Teller. Es
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waren Tannenzweige darauf gedruckt und er fragte sich, wann sie in seine Wohnung gelangt waren. Aufmerksam hörte er am Telefon den langatmigen Ausführungen seiner Schwester zu und selbst dem Tagesschausprecher lauschte er, bis er seine Nachrichten zu Ende verlesen hatte. Herr Wohllieb fand auf einmal, das war er ihnen schuldig. Gott den Herrn trieb er ja auch nicht an.
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Je länger Gottes Schweigen dauerte, desto mehr Ehrfurcht empfand Herr Wohllieb. Er bemerkte kaum, wie die Jahre vergingen. Seine Haare wurden weiß und er verlor drei Zähne, die Lastwagen auf der Straße wurden größer und eines Morgens war die alte Leuchtreklame gegen eine moderne Schrift ausgetauscht. Manchmal fiel ihm seine Frage dieses fernen Dienstagmorgens wieder ein. Dann sagte sich Herr Wohllieb: „Gott denkt über mich nach.“ Und
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das beruhigte ihn ungemein und es erfüllte ihn mit einer großen Wärme, weil er wusste, zwischen Gott und ihm, dem alten Herrn Wohllieb, gab es so etwas wie ein stilles Einvernehmen. Und das war Antwort genug.
Aus: Verspätung! Geschichten für wenn's mal wieder länger dauert, hrsg. von Stephan Koranyi und Gabriele Seifert. Stuttgart: Philipp Reclam jun.2015, S.107 ff.
#interpretieren#kurzgeschichte
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Interpretation eines Textes der Gattung Kurzprosa

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Susanne Niemeyer (1972): Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen (2014)
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
  • Interpretiere den Text.

Einleitung

Deine Interpretation beginnt wie jeder Text mit einer Einleitung. In der Einleitung musst du den Titel, den Autor und das Erscheinungsjahr nennen und den Inhalt kurz und knapp zusammenfassen.
  • Titel: Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen
  • Autor: Susanne Niemeyer
  • Erscheinungsjahr: 2014
  • Inhalt: In der Kurzgeschichte „Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen“ von Susanne Niemeyer, die auf das Jahr 2014 datiert ist, geht es um Herrn Wohllieb, der nach seinem persönlichen Sinn des Lebens sucht und sich aufgrund seiner darauf folgenden Ratlosigkeit an Gott wendet.

Hauptteil

In deinem Hauptteil geht es nun darum, den Text zu interpretieren. Führe dazu zunächst die inhaltliche und strukturelle Analyse durch.
Neben dem Inhalt ist aber auch die Erzählstrategie essentiell. Anschließend beschäftigst du dich mit den sprachlichen Mitteln und deren Funktion.
Zum Schluss gehst du auf die Aussageabsicht und Wirkung des Textes ein.
$\blacktriangleright$ Inhalt und Struktur
  • klare Struktur: acht Absätze
  • Zustand des banalen Daseins der Hauptfigur Bernd Wohllieb wird in Abschnitt 1 - 3 beschrieben
  • Aktion in Abschnitt 4: Sinnfrage aus dem ersten Abschnitt wird höherer Instanz, nämlich Herrn Gott, zur Bearbeitung und Entscheidung weitergereicht
  • Folgen der ausbleibenden Re-Aktion in Abschnitt 5 bis 7
    $\rightarrow$ Lebenswandel von Pragmatik und Effizienz zu Genuß und Achtsamkeit
    $\rightarrow$ stilles Einvernehmen ist Antwort genug
  • Versöhnung der Hauptfiguren der Geschichte (Herr Wohllieb und Gott), Text erfährt Auflösung in Abschnitt 8
$\blacktriangleright$ Erzählstrategie
  • Er-Erzähler: Schwerpunkt liegt auf der Figur des Herrn Wohllieb
  • auktoriale Erzählperspektive wechselt zur Darstellung von innerem Geschehen auch in personale Sicht
    $\rightarrow$ Leser erfährt alles über Figur, obwohl eigentlich nichts von ihm erzählt wird
  • Kontrast aus auktorialer und personaler Erzählperspektive steigert Spannung des Textes
  • trotz fehlender Informationen zu Beruf oder Alter oder ähnlichen charakterisierenden Details Bernd Wohlliebs Vita wird zu seiner Figur eine extreme Nähe aufgebaut
  • liebenswerte sowie exzentrische Charaktereigenschaften machen Wohllieb zu einer nahbaren Figur (eisblauer Schlafanzug in geraden Wochen, mintgrüner Schlafanzug in ungeraden Wochen, sonntags ein weiches Frühstücksei mit Orangenmarmelade zum Frühstück)
  • zeitraffende Darstellung in ersten fünf Abschnitten konzentriert sich auf Dienstag
    $\rightarrow$ bedeutsamer Einschnitt im Leben der Hauptfigur
  • entschleunigte Zeitgestaltung in zweiter Hälfte des Textes korrespondiert mit Lebenswandel von Herrn Wohllieb
  • effiziente Existenz wird zu Daseinsweise, die von Besinnung und Achtsamkeit - auch sich selbst gegenüber - gekennzeichnet ist
$\blacktriangleright$ sprachliche Mittel und deren Deutung
  • Aufzählung von Alltagsgeschehen in den ersten drei Abschnitten (Teppich ausschütteln, Zähne putzen, Badezimmerfugen reinigen, frühstücken)
    $\rightarrow$ passt zu Herrn Wohllieb als Normalbürger, tristes Dasein ohne Spannung/Highlights
  • Lexik der Mittelmäßigkeit (mittelgrau, unverdrossen, alles, immer, routinemäßig, nüchtern, unkompliziert)
    $\rightarrow$ hat sich über das Leben noch nie groß Gedanken gemacht
    $\rightarrow$ Akzeptanz des normalen, durchschnittlichen Lebens
  • Lexik der Bedachtsamkeit (reifliches Überlegen, eingehende Betrachtung, nachdenken, erwägen, entscheiden, beschließen, sorgsam)
    $\rightarrow$ Serviette mit Tannenzweigmotiv: Symbol für die verronnene Zeit, deren Wohllieb sich erst jetzt bewusst wird
    $\rightarrow$ nichts geschieht unüberlegt, alles hat einen Grund und einen Zweck in Wohlliebs Leben
  • Lexik der Kommunikation (sich an jemanden wenden, Kontakt miteinander haben, auf Antwort warten, schweigen, ein Wort wechseln, stilles Einvernehmen)
    $\rightarrow$ nach einseitiger Zwiesprache mit Gott wird Wohllieb schon fast kommunikativ (grüßt Fremde, telefoniert mit Schwester)
    $\rightarrow$ veränderte Wahrnehmung seines sozialen Umfelds
  • emotional gefärbte Lexik (angenehm, harmonieren, lächeln, Ehrfurcht, beruhigen, mit Wärme füllen)
    $\rightarrow$ steht in starkem Kontrast zu anfänglichem Alltagsgrau und somit für den Lebenswandel
  • Verwendung der wörtlichen Rede (im Selbstgespräch, in der Anrufung Gottes, in Bezug auf den Zeitungshändler)
    $\rightarrow$ Wandel von Kommunikation mit sich selbst zu Ansprache einer nicht physisch präsenten Person zu direktem Kontakt zu Menschen zeigt Entwicklung Wohlliebs und dessen Freude an seinem neu gewonnenen sozialen Umfeld
$\blacktriangleright$ Aussageabsicht und Wirkung
  • auf Ausgangsfrage „Was mache ich mit meinem Leben?“ wird eine naheliegende, dabei zugleich aber transzendierende philosophische Antwort gegeben
  • Frage nach Sinn des Lebens ist für Wohllieb essentiell, da er offenbar ohne oder nur mit geringen Sozialkontakten sein Dasein fristet
  • Stellung der Sinnfrage an sich ist Ausgangspunkt einer veränderten Wahrnehmung, welcher in zunehmendem Maße auch veränderte Verhaltensweisen folgen
  • Autorin zeigt so, dass Identität einer Person nicht nur durch soziale Interaktion, sondern auch durch ihr Verhalten sich selbst gegenüber bestimmt wird
  • Selbstbild kann durch sehr unterschiedliche Ereignisse beeinflusst werden
  • aus dem Schweigen von Gott zieht Wohllieb falsche Annahmen über dessen Bedächtigkeit, entwickelt sie aber schlüssig weiter und deutet sie $\rightarrow$ irrige Vorstellungen führen zu Verbesserung von Lebensqualität trotz Zahnverlust und weißer Haare
  • Text als Ermutigung sich selbst so zu lieben wie seinen Nächsten
  • unscheinbare, kleinen Dinge werden in ihrer ganzen Kostbarkeit wahrgenommen und öffnen den Blick für die Einzigartigkeit des Lebens

Schluss

Am Schluss solltest du die Hauptaussage, die Intention, des Textes noch einmal kurz zusammenfassen. Du kannst hier auch sagen, welche Gefühle das Lesen des Textes in dir ausgelöst und in welche Stimmung es dich versetzt hat.
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Aufgabe 1

Interpretation eines Textes der Gattung Kurzprosa

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Susanne Niemeyer (1972): Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen (2014)
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
  • Interpretiere den Text.
In der Kurzgeschichte „Herr Wohllieb wartet auf ein Zeichen“ von Susanne Niemeyer, die auf das Jahr 2014 datiert, geht es um Herrn Wohllieb, der nach seinem persönlichen Sinn des Lebens sucht und sich aufgrund seiner darauf folgenden Ratlosigkeit an Gott wendet.
Die Kurzgeschichte hat eine klare Struktur, sie ist in acht Absätze gegliedert. Der Zustand des banal-trivialen Daseins der Hauptfigur Bernd Wohllieb wird in den ersten drei Abschnitten beschrieben. In Abschnitt vier kommt es zum ersten Mal zu einer tatsächlichen Aktion: Die Sinnfrage aus dem ersten Abschnitt wird einer höheren Instanz, nämlich Herrn Gott, zur Bearbeitung und Entscheidung weitergereicht. Die Folgen der ausbleibenden Reaktion werden in Abschnitt fünf bis sieben beschrieben. Herr Wohllieb hat sein von Pragmatik und Effizienz geprägtes Leben komplett umgewandelt und erlebt jetzt zum ersten Mal Genuß und Achtsamkeit. Gott hingegen hat ihm nicht geantwortet - doch das stille Einvernehmen ist Antwort genug. Im Endeffekt versöhnen sich die Hauptfiguren der Geschichte - Herr Wohllieb und Gott - und der Text erfährt seine Auflösung in Abschnitt acht.
Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler wiedergegeben, der Schwerpunkt liegt hier auf der Figur des Herrn Wohllieb. Trotzdem wechselt die Erzählperspektive zur Darstellung von innerem Geschehen auch in die personale Sicht. Der Leser erfährt alles über die Figur, obwohl eigentlich nichts von ihm erzählt wird. Der Kontrast zwischen dieser auktorialen und personalen Erzählperspektive steigert auch die Spannung des Textes. Trotz fehlender Informationen zu Beruf oder Alter oder ähnlichen charakterisierenden Details Bernd Wohlliebs Vita wird zu seiner Figur eine extreme Nähe aufgebaut. Liebenswerte als auch exzentrische Charaktereigenschaften machen Bernd Wohllieb zu einer nahbaren Figur - so trägt er einen eisblauen Schlafanzug in geraden Wochen und einen mintgrünen in ungeraden Wochen und jeden Sonntag isst er ein weiches Frühstücksei mit Orangenmarmelade zum Frühstück.
Die zeitraffende Darstellung in den ersten fünf Abschnitten konzentriert sich auf Dienstag - dies ist ein bedeutsamer Einschnitt im Leben der Hauptfigur; ab dort wandelt Wohllieb sein Leben drastisch. Die entschleunigte Zeitgestaltung in der zweiten Hälfte des Textes korrespondiert gleichzeitig mit dem Lebenswandel von Herrn Wohllieb. Seine bisher effiziente Existenz wird zu einer Daseinsweise, die von Besinnung und Achtsamkeit - auch sich selbst gegenüber - gekennzeichnet ist.
Die Kurzgeschichte ist mit wenigen sprachlichen Mitteln ausgestattet, doch fällt auf, dass diversen Abschnitten ein gewisser, sich stetig wandelnder Wortschatz zugrunde loegt. In den ersten drei Abschnitten wird das Alltagsgeschehen des Protagonisten aufgezählt: er schüttelt Teppiche aus, putzt seine Zähne, reinigt die Badezimmerfugen und frühstückt. Dies passt zu Herrn Wohllieb als Normalbürger, der ein tristes Dasein ohne Spannung ein Highlights führt. Hierzu passt die Lexik der Mittelmäßigkeit, die von Wörtern wie „mittelgrau“, „routinemäßig“, „unkompliziert“ und „nüchtern“ bestimmt ist (Z. 3/7/15). Über das Leben an sich hat sich Wohllieb noch nie Gedanken gemacht und er akzeptiert das normale, durchschnittliche Leben, was durch den Wortschatz verdeutlicht wird. Als er sich jedoch überlegt, was er denn ändern könnte - er überlegt reiflich, betrachtet eingehend, erwägt und entscheidet schließlich sorgsam (vgl. Z. 18/31/41), wandelt sich sein Wortschatz, er wirkt grüblerisch und stellt bisherige Lebensformen infrage. Die Serviette mit dem Tannenzweigmotiv ist hier ein Symbol für die verronnene Zeit, deren Wohllieb sich erst jetzt bewusst wird, denn nichts geschieht unüberlegt, alles hat seinen Grund und einen Zweck in Wohlliebs Leben. Für den Lebenswandel ist die Zwiesprache mit Gott verantwortlich. Wohllieb wird geradezu kommunikativ, was auch die Lexik der Kommunikation unterstreicht (sich an jemanden wenden, Kontakt miteinander haben, auf Antwort warten, schweigen, ein Wort wechseln, stilles Einvernehmen). Nach seiner durchaus einseitigen Zwiesprache mit Gott wird Wohllieb schon fast kommunikativ. Er grüßt Fremde und telefoniert sogar mit seiner Schwester, seine Wahrnehmung seines sozialen Umfeldes hat sich drastisch gewandelt. Auch seine emotionale Wahrnehmung ändert sich. Er lächelt, ist beruhigt und mit Wärme erfüllt (vgl. Z. 37/65). Dies steht in starkem Kontrast zu anfänglichen Alltagsgrau und somit für den Lebenswandel. Die Verwendung der wörtlichen Rede - zum einen im Selbstgespräch und in der Anrufung Gottes, zum anderen in Bezug auf den Zeitungshändler - zeigt zudem den Wandel der Kommunikation an. Zuerst spricht Wohllieb noch mit sich selbst, dann mit einer physisch nicht präsenten Person und schließlich hat er direkten Kontakt zu Menschen. Dies zeigt die Entwicklung Wohlliebs und dessen Freude an seinem neu gewonnen sozialen Umfeld.
In der Kurzgeschichte wird auf die Ausgangsfrage „Was mache ich mit meinem Leben?“ eine naheliegende, dabei zugleich aber transzendierende philosophische Antwort gegeben. Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist für Bernd Wohllieb essentiell, da er offenbar ohne oder nur mit geringen Sozialkontakten sein Dasein fristet. Die Stellung der Sinnfrage an sich ist Ausgangspunkt einer veränderten Wahrnehmung, welcher in zunehmendem Maße auch veränderte Verhaltensweisen folgen. Die Autorin Susanne Niemeyer zeigt so, dass die Identität einer Person nicht nur durch soziale Interaktion, sondern auch durch ihr Verhalten sich selbst gegenüber bestimmt wird. Das Selbstbild kann durch sehr unterschiedliche Ereignisse beeinflusst werden. Aus dem Schweigen von Gott zieht Wohllieb falsche Annahmen über dessen Bedächtigkeit, entwickelt sie aber schlüssig weiter und deutet sie. Diese irrige Vorstellungen führen zu einer Verbesserung von Lebensqualität trotz des Zahnverlusts und der weißen Haare.
Niemeyers Text zeigt, welche Wandlungen des Lebensstils möglich sind, wenn man sich über sein Leben und dessen Sinn erst mal Gedanken macht. Obwohl Wohllieb keine Antwort von Gott bekommt, ändert er doch etwas Grundlegendes in seinem Leben. Er besitzt nun eine positive, lebensbejahende Einstellung und lebt nun viel zufriedener. Der Text kann so als Ermutigung gesehen werden, sich selbst so zu lieben wie seinen Nächsten. Denn obwohl Wohllieb nichts großartiges verändert, so ändert sich doch sein ganzes Leben in die positive Richtung allein dadurch, dass er sich über seinen Lebenssinn Gedanken macht. Die unscheinbaren, kleinen Dinge werden also in ihrer ganzen Kostbarkeit wahrgenommen und öffnen den Blick für die Einzigartigkeit des Lebens.
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