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Thema 2

Aufgaben
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Interpretation einer Kurzgeschichte

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Robert Walser: Basta (1917)
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
Interpretiere den Text.
  • Arbeite dazu insbesondere die im Text dargestellten Charakterzüge eines guten Bürgers heraus.
  • Erläutere ausgewählte formale und sprachliche Gestaltungsmittel in ihrer Funktion.
#interpretieren#kurzgeschichte
Robert Walser
Basta
$\,$
Ich kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort erzogen, ging ordentlich zur Schule, bin das und das und heiße so und so und denke nicht viel. Geschlechtswegen bin ich ein Mann, staateswegen bin ich ein guter Bürger und rangeshalber gehöre ich zur besseren Gesellschaft. Ich bin ein säuberliches, stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ein sogenannter
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guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel. Auf der Hand liegt, daß ich mit Vorliebe gut esse, und ebenso liegt auf der Hand, daß mir Ideen fern liegen. Scharfes Denken liegt mir nämlich fern; Ideen liegen mir vollständig fern, und deshalb bin ich ein guter Bürger, den ein guter Bürger denkt nicht viel. Ein guter Bürger ißt sein Essen… und damit basta!
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Den Kopf strenge ich nicht sonderlich an, ich überlasse das andern Leuten. Wer den Kopf anstrengt, macht sich verhaßt; wer viel denkt, gilt als ungemütlicher Mensch. Schon Julius Cäsar deutete mit dem dicken Finger auf den mageren hohläugigen Cassius[1], vor dem er sich fürchtete, weil er Ideen bei ihm vermutete. Ein guter Bürger darf nicht Furcht und Verdacht einflößen; vieles Denken ist nicht seine Sache. Wer viel denkt, macht sich unbeliebt, und es ist
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vollständig überflüssig, sich beliebt zu machen. Schnarchen und Schlafen ist besser als Dichten und Denken. Ich kam dann und dann zur Welt, ging dort und dort zur Schule, lese gelegentlich die und die Zeitung, treibe den und den Beruf, bin so und so alt, scheine ein guter Bürger zu sein und scheine gern gut zu essen. Den Kopf strenge ich nicht sonderlich an, da ich das andern Leuten überlasse. Vieles Kopfzerbrechen ist nicht meine Sache, denn wer viel denkt,
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dem tut der Kopf weh, und Kopfweh ist vollständig überflüssig. Schlafen und Schnarchen ist besser als Kopfzerbrechen, und ein Glas Bier in aller Vernunft ist weitaus besser als Dichten und Denken. Ideen liegen mir vollständig fern, und den Kopf will ich mir unter keinen Umständen zerbrechen, ich überlasse das leitenden Staatsmännern. Dafür bin ich ja ein guter Bürger, damit ich Ruhe habe, damit ich den Kopf nicht anzustrengen brauche, damit mir Ideen völlig fern
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liegen und damit ich mich vor zu vielem Denken ängstlich fürchten darf. Vor scharfem Denken habe ich Angst. Wenn ich scharf denke, wird es mir ganz blau und grün vor den Augen. Ich trinke lieber ein gutes Glas Bier und überlasse jedwedes scharfes Denken leitenden Staatslenkern. Staatsmänner können meinetwegen so scharf denken wie sie wollen und so lang, bis ihnen die Köpfe brechen. Mir wird immer ganz blau und grün vor den Augen, wenn ich
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den Kopf anstrenge, und das ist nicht gut, und deshalb strenge ich den Kopf so wenig wie möglich an und bleibe hübsch kopflos und gedankenlos. Wenn nur leitende Staatsmänner denken, bis es ihnen grün und blau vor den Augen wird und bis ihnen der Kopf zerspringt, so ist alles in Ordnung, und unsereins kann ruhig sein Glas Bier in aller Vernunft trinken, mit Vorliebe gut essen und nachts sanft schlafen und schnarchen, in der Annahme, daß Schnarchen und
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Schlafen besser seien als Kopfzerbrechen und besser als Dichten und Denken. Wer den Kopf anstrengt, macht sich nur verhasst, und wer Absichten und Meinungen bekundet, gilt als ungemütlicher Mensch, aber ein guter Bürger soll kein ungemütlicher, sondern ein gemütlicher Mensch sein: Ich überlasse in aller Seelenruhe scharfes und kopfzerbrechendes Denken leitenden Staatsmännern, denn unsereins ist ja doch nur ein solides und unbedeutendes
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Mitglied der menschlichen Gesellschaft und ein sogenannter guter Bürger oder Spießbürger, der gern sein Glas Bier in aller Vernunft trinkt und gern sein möglichst gutes fettes nettes Essen isst und damit basta!
Staatsmänner sollen denken, bis sie gestehen, dass es ihnen grün und blau vor den Augen ist und dass sie Kopfweh haben. Ein guter Bürger soll nie Kopfweh haben, vielmehr soll ihm
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immer sein gutes Glas Bier in aller gesunden Vernunft schmecken, und er soll des Nachts sanft schnarchen und schlafen. Ich heiße so und so, kam dann und dann zur Welt, wurde dort und dort ordentlich und pflichtgemäß in die Schule gejagt, lese gelegentlich die und die Zeitung, bin von Beruf das und das, zähle so und so viele Jahre und verzichte darauf, viel und angestrengt zu denken, weil ich Kopfanstrengung und Kopfzerbrechen mit Vergnügen leitenden und
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lenkenden Köpfen überlasse, die sich verantwortlich fühlen. Unsereins fühlt weder hinten noch vorn Verantwortung, denn unsereins trinkt sein Glas Bier in aller Vernunft und denkt nicht viel, sondern überläßt dieses sehr eigenartige Vergnügen Köpfen, die die Verantwortung tragen. Ich ging da und da zur Schule, wo ich genötigt wurde, den Kopf anzustrengen, den ich seither nie mehr wieder einigermaßen angestrengt und in Anspruch genommen habe. Geboren bin ich
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dann und dann, trage den und den Namen, habe keine Verantwortung und bin keineswegs einzig in meiner Art. Glücklicherweise gibt es recht viele, die sich, wie ich, ihr Glas Bier in aller Vernunft schmecken lassen, die ebenso wenig denken und es ebenso wenig lieben, sich den Kopf zu zerbrechen wie ich, die das lieber andern Leuten, z.B. Staatsmännern freudig überlassen. Scharfes Denken liegt mir stillem Mitglied der menschlichen Gesellschaft gänzlich
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fern und glücklicher weise nicht nur mir, sondern Legionen von solchen, die, wie ich, mit Vorliebe gut essen und nicht viel denken, so und so viele Jahre alt sind, dort und dort erzogen worden sind, säuberliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft sind wie ich und gute Bürger sind wie ich, und denen scharfes Denken ebenso fern liegt wie mir und damit basta!
Aus: Walser, Robert: Basta. In: Zobel, Klaus (Hrsg.): Moderne Kurzprosa. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1978, S. 12 - 14.


[1] Cassius: gilt als einer der Hauptverschwörer gegen Julius Cäsar, bei dessen Bestreben, die Alleinherrschaft in Rom zu erlangen
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Interpretation einer Kurzgeschichte

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Robert Walser: Basta (1917)
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
Interpretiere den Text.
  • Arbeite dazu insbesondere die im Text dargestellten Charakterzüge eines guten Bürgers heraus.
  • Erläutere ausgewählte formale und sprachliche Gestaltungsmittel

Vorarbeit

Bevor du beginnst, lies dir den Text aufmerksam durch und markiere dir wichtige Stellen oder mache dir Notizen zum Thema „guter Bürger“ oder zu anderen formalen sowie sprachlichen Besonderheiten des Textes.

Einleitung

Überlege dir für die Einleitung einen Basissatz, welcher das Thema des Textes erfasst und wiedergibt, sowie Informationen zum Autor, Titel und Erscheinungsjahr des Textes enthält.
  • Autor: Robert Walser (1878-1956)
  • Titel: Basta
  • Erscheinungsjahr: 1917
  • Thema: Scheinkritische Selbstreflexion eines „guten Bürgers“

Hauptteil

Der Hauptteil besteht bei dieser Aufgabe im Grunde genommen aus zwei Teilen. Zuerst sollst du formale, inhaltliche und sprachliche Gestaltungsmittel in ihrer Funktion analysieren. Im zweiten Teil sollst du dann die Charakterzüge eines „guten Bürgers“ herausarbeiten. Gehe dabei auch auf aktuelle bezüge ein und gib deine persönliche Vorstellung von einem „guten Bürger“ wieder.
$\blacktriangleright\;$ Teil 1
Analysiere den Text zunächst zum einen formal, zum anderen inhaltlich. Anschließend betrachtest du die sprachkünstlerischen Besonderheiten genauer und versuchst, die Intention des Textes zu erschließen.
Formale Analyse
  • Bewusstseinsstrom
    $\rightarrow$ Text gibt scheinbar ungeordnet die Gedanken- und Bewusstseinsinhalte der Figur wieder
  • protokollhafte Wiedergabe von Bewusstseinsinhalten
  • überwiegend 1. Person Präsens Indikativ
    $\rightarrow$ Führt dazu, dass Leser alles nur aus Sicht der Hauptfigur sieht und nicht mehr oder weniger wahrnimmt
    $\rightarrow$ Auch kann der Leser nicht sicher sein, ob alles wahr ist, was Figur erzählt
    $\rightarrow$ Unmittelbare Nähe des Lesers zum Erzähltem
  • Innensicht des Ich-Erzählers ohne kommentierende Einmischung
Inhaltliche Analyse
  • Ich-Erzähler denkt darüber nach, was einen „guten Bürger“ ausmacht und weshalb er ein „guter Bürger“ ist
  • assoziativ verknüpfte Bewusstseinsinhalte
    $\rightarrow$ durch Erinnerungen, Reflexionen, Wahrnehmungen, Überzeugungen
  • Rechtfertigung der persönlichen Anpassung
    $\rightarrow$ möglichst unpolitisch sein, keine Meinung haben
  • Abgrenzung und klischeehafte Polarisierung zwischen „gute[n] Bürger[n]“ und „leitende[n] Staatsmänner[n]“
  • Bequemlichkeit im körperlichen sowie geistigen Sinne
    $\rightarrow$ Denkunvermögen in Folge von Denkfaulheit
Sprachkünsterlische Besonderheiten
  • Sprachspiele: „[…] blau und grün vor den Augen […] grün und blau vor den Augen […]“ (Z. 29-32)
  • assoziative Verknüpfungen: „[…] und deshalb bin ich ein guter Bürger, denn ein guter Bürger denkt nicht viel. Ein guter Bürger isst sein Essen […]“ (Z. 7-9).
    $\rightarrow$ Der Ich-Erzähler verknüpft das Bild des guten Bürgers assoziativ mit einem Menschen der viel isst, sein Bier trinkt und wenig denkt
  • phrasenhafte Wiederholungen: „[…]und damit basta!“ (Z. 9; 42; 63) oder „[…]dann und dann […] dort und dort […] das und das […] so und so […]“ (Z. 1f; 16f; 46f).
    $\rightarrow$ geben dem Bewusstseinsstrom eine Art Struktur, der der Leser folgen kann.
  • hypotaktische Syntax: „Ich bin ein säuberliches, stilles nettes Mitglied der menschlichen Gesellschaft, ein sogenannter guter Bürger, trinke gern mein Glas Bier in aller Vernunft und denke nicht viel.“ (Z. 4-5).
    $\rightarrow$ verschachtelt Neben- und Hauptsätze und dient der genaueren Erklärung gewisser Begriffe
    $\rightarrow$ Zu viele Verschachtelungen führen jedoch zu einer Unübersichtlichkeit
    $\rightarrow$ Für den Bewusstseinsstrom ist der hypotaktische Stil gut, da Gedanken auch meistens verschachtelt und verwirrend sind
  • Konditionalsätze: „Wenn ich scharf denke, wird es mir ganz blau und grün vor den Augen.“ (Z. 26f.).
    $\rightarrow$ geben eine Bedingung vor, die im darauffolgenden Satz genannt wird
    $\rightarrow$ werden mit den Wörtern „wenn“, „falls“ oder „sofern“ eingeleitet
  • Alliterationen: „Schnarchen und Schlafen […] Dichten und Denken.“ (Z. 15f.).
    $\rightarrow$ heben die sprachliche oder inhaltliche Bedeutung einzelner Wörter hervor
Intention des Textes:
  • Satire auf Kosten der sogenannten „Spießbürger“ (Z. 40); („Der gute Bürger denkt nicht.“)
    $\rightarrow$ „Guter Bürger“ sollte aber denken und nicht alles den anderen überlassen
$\blacktriangleright$ Teil 2
Arbeite nun die Charakterzüge eines guten Bürgers heraus. Entwickle deine persönliche Vorstellung vom „guten Bürger“ in unserer Gegenwart und stelle sie anhand von aktuellen Bezügen dar.
Charakterzüge eines „guten Bürgers“
  • säuberlich (Z. 4)
  • still (Z.4)
  • nett (Z. 4)
  • trinkt Bier (Z. 5)
  • isst gern und viel (Z. 6)
  • denkt nicht viel (Z. 5)
  • darf keine Furcht und Verdacht einflößen (Z. 13)
  • schläft und schnarcht lieber, als dass er dichtet und denkt (Z. 15-16)
  • soll keine Absichten und Meinungen bekunden (Z. 36)
  • gemütlich (Z. 37)
  • „Spießbürger“ (Z. 40)
Aktuelle Bezüge
  • Verantwortung des Einzelnen für die Gesellschaft
  • Soziales Engagement (Beispielsweise durch ehrenamtliches Arbeiten, Blutspenden, Nachhilfe geben, Aufnahme von Flüchtlingen)
  • Rechte und Pflichten von Bürgern heute (Wählen gehen, Mitbestimmung in der Politik, Einhaltung von Gesetzen)
  • Vergleich mit anderen Ländern (Schwellenländer wie Afrika im Vergleich zu Deutschland / England / USA)

Schluss

Am Besten wäre es, wenn du deine Ergebnisse in einem Fazit nochmals kurz zusammenfasst und einen Ausblick gibst, wie sich das Bild des guten Bürgers noch verändern kann. Schließe deine Interpretation mit einer Bezugnahme auf deine Einleitung oder auf ein aktuelles Ereignis ab. Auch deine persönliche Meinung kannst du nochmals im Schluss verdeutlichen. Nutze dafür aber keine neuen Argumente!
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