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Weimarer Republik

Skripte
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Vom Kaiserreich zur Republik

Die Weimarer Republik ist ein in der Geschichtsforschung umstrittener Abschnitt deutscher Historie. Fest steht, dass sie eine eigene Epoche darstellt, die es lohnt, für sich zu betrachten, und die nicht nur als Übergang zur Hitlerzeit gedeutet werden kann. In der ersten deutschen Demokratie veränderten und modernisierten sich Politik und Industrie. Kunst und Kultur gelangten dank gewonnener Freiheiten als „klassische Moderne“ zu einem neuen Höhepunkt. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte die BRD in gewisser Weise an ihre demokratische Vorgeschichte anknüpfen.
Die Jahre 1918/19 waren eine Zäsur für die Zeitgenossen. Trotzdem bedeutete dieser Einschnitt keinen Sieg der demokratischen Revolution auf ganzer Linie, alte Eliten aus Wehrmacht und Verwaltung konnten ihre Machtpositionen behaupten.
Unmittelbarer Auslöser für das Ende des Kaiserreichs war die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Als diese nur dem Kaiser, der Obersten Heeresleitung (OHL), einigen Industriellen und der kaiserlichen Regierung („Reichsleitung“) bekannt war, legte Generalquartiermeister Erich Ludendorff bereits den Grundstein für die später bei den Rechten so populäre Dolchstoßlegende: Die MSPD, die Fortschrittliche Volkspartei und das Zentrum „sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben“ (statt „die wir ihnen eingebrockt haben“). Die sogenannten Mehrheitsparteien hatten seit Jahren eine Demokratisierung des Staates, eine dem Parlament verantwortliche Regierung und seit 1917 einen Verständigungsfrieden ohne Gebietsverluste und Reparationen gefordert. Generalstabchef Paul von Hindenburg verbreitete wider besseres Wissen ähnliche Parolen wie Ludendorff.
Im Oktober 1918 wurde der neue Reichskanzler Prinz Max von Baden, ein Vetter des Kaisers, der seiner liberalen Ansichten wegen auch von den Mehrheitsparteien respektiert wurde, mit der Regierungsbildung beauftragt. Diese bestand fortan aus Ministern von SPD, Fortschrittspartei und Zentrum. Gleichzeitig sollte er den Waffenstillstand herbeiführen. Am 3. Oktober sandte er eine Friedensnote an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, in der er sich auf dessen 14-Punkte-Plan berief, welcher u. a. das Selbstbestimmungsrecht der Völker enthält. Wilsons Antwort (23.10.1918) legte nahe, dass Kaiser Wilhelm II. einem Frieden, den das deutsche Volk jetzt ersehnte, im Wege stand. Die sich formierende Friedensbewegung forderte: „Der Kaiser muss weg!“
Zunächst allerdings machte die Oktoberverfassung das Kaiserreich am 28. Oktober 1918 zu einer parlamentarischen Monarchie.

Matrosenaufstand und Novemberrevolution

Ungeachtet der Friedensbemühungen der neuen Regierung und ohne deren Wissen befahl die Seekriegsleitung für den 29. Oktober den Angriff auf die britische Flotte im Ärmelkanal. Die Matrosen wollten jedoch nicht auf Todesfahrt auslaufen und revoltierten in Wilhelmshaven und Kiel, von wo aus sich eine revolutionäre Welle über Deutschland ausbreitete. Überall gründeten sich bewaffnete Arbeiter- und Soldatenräte und Menschenmassen demonstrierten; in Bayern rief Kurt Eisner gar die Republik aus. Die Friedensbewegung war zu einer „Volksbewegung gegen den Militär- und Obrigkeitsstaat“ (Helmut Heiber) geworden.
Als Reaktion auf die Ereignisse verkündete Prinz Max von Baden am 9. November eigenmächtig, der Kaiser habe abgedankt, und übertrug sein Amt auf Friedrich Ebert (MSPD-Vorsitzender). Knappe zwei Stunden später rief Philipp Scheidemann von einem Fenster des Reichstages die Republik aus. Ebert reagierte entsetzt. Auch Karl Liebknecht, Führer der linksradikalen Spartakusgruppe, verkündete kurz darauf die „freie sozialistische Republik Deutschland“, was den darauf folgenden Konflikt vorzeichnete.
Unter dem Eindruck der revolutionären Dynamik wurde der „Rat der Volksbeauftragten“ als neue Regierung eingerichtet. Er war aus beiden sozialdemokratischen Parteien mit jeweils drei Mitgliedern paritätisch besetzt. Vorsitzende waren Ebert und Hugo Haase (USPD). Dessen ungeachtet standen die meisten Arbeiter- (Streikmacht) und fast alle Soldatenräte (Waffengewalt) hinter der gemäßigteren MSPD. Dringendste Aufgaben der Volksbeauftragten waren nach dem Waffenstillstand, der am 11. November vom Zentrumspolitiker Matthias Erzberger in Compiègne unterzeichnet worden war: Rückführung der Soldaten und deren zivile sowie wirtschaftliche Integration, Sicherung der Grundversorgung für das Volk (die Seeblockade bestand noch), Behauptung nach innen und außen, d. h. Verhinderung von Anarchie und Separatismus einerseits, Vorbeugen gegen polnische Expansionsbestrebungen andererseits.
Aus Mangel an Fachleuten waren die Sozialdemokraten freilich auf die Zusammenarbeit mit den monarchistischen Eliten in Wirtschaft, Verwaltung und Justiz angewiesen. So beschränkten sich strukturelle Änderungen auf die politische Ebene. In Schulen und Universitäten blieben Monarchismus, Nationalismus und Antisemitismus verwurzelt, die alte Armee blieb bestehen und die Bildung einer Volkswehr scheiterte. Großagrarier und Industrielle wurden nicht enteignet.
In grundlegenden Fragen war sich der Rat der Volksbeauftragten uneins: „Die ganze Macht dem ganzen Volk!“ (MSPD) oder „Alle Macht den Räten!“ (USPD)? Privatwirtschaft oder Sozialisierung? Der vom 16.-21. Dezember tagende „Erste Allgemeine Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte“ entschied sich für die Wahl einer verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919.

Spartakusaufstand

Bereits am 29. Dezember 1918 kam es zum endgültiger Bruch im linken Lager. Die drei USPD-Räte schieden aus und die Ratsstellen wurden durch MSPD-Mitglieder ersetzt. Für das Militär war nun Gustav Noske zuständig. Dieser warb in Zusammenarbeit mit der OHL, welche sich dem Rat formal unterstellt hatte, Freikorps an. Es handelte sich um ehemalige Weltkriegssoldaten, die der Revolution feindlich gegenüber standen und für den Einsatz im Inneren vorgesehen waren.

In der Zwischenzeit hatten sich die unabhängigen Sozialdemokraten an den Spartakusbund, eine parteiunabhängige Organisation mit dem Ziel einer deutschen Räterepublik, und die neu gegründete KPD um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht angenähert. USPD, Spartakisten und KPD riefen nach der Entlassung des Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn (USPD) am 4. Januar 1919 zum Protest auf, der bis zum Sturz der Regierung Ebert/Scheidemann fortgesetzt werden sollte. Es kam zum sogenannten Spartakusaufstand (auch Januaraufstand). Gustav Noske („Meinetwegen! Einer muss der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht!“) gelang es unter Inkaufnahme zahlreicher Toter schnell, die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Trotzdem beorderte er weitere Freikorps der OHL nach Berlin. Es kam zur Entführung und brutalen Ermordung von Luxemburg und Liebknecht, wobei die Täter entweder straffrei davonkamen oder eine geringe Freiheitsstrafe erhielten, vor der sie sich durch Flucht entzogen. Die Justiz war in der gesamten Republik „auf dem rechten Auge blind“.

Verfassungsgebende Nationalversammlung

Aus den Wahlen zur verfassungsgebenden Nationalversammlung ging die MSPD als klarer Wahlsieger hervor. Sie und die ebenfalls demokratisch orientierten Parteien DDP und Zentrum brachten es auf insgesamt 76,1 % der Wählerstimmen. Am 13. Februar wurde die Regierung aus Ministern der „Weimarer Koalition“ (die sozialdemokratische MSPD, die liberal-bürgerliche DDP, das katholische Zentrum) vereidigt. Ministerpräsident wurde Scheidemann, Reichspräsident wurde Ebert.

Die am 31. Juli 1919 gegen die Stimmen von USPD, DVP und DNVP angenommene Verfassung basierte weitgehend auf dem Entwurf von Hugo Preuß, dem Mitbegründer der linksliberalen DDP und Innenminister ab 1919. Kurzum: Die Monarchie wurde abgeschafft. Wichtige Verfassungsprinzipien waren Volkssouveränität, Gewaltenteilung und die Grundrechte. Frauen wurden staatsbürgerlich gleichgestellt und erhielten somit das Wahlrecht. Bereits für die Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung hatten sie dieses ausüben dürfen und mehrheitlich nicht für MSPD und USPD votiert, denen sie das Wahlrecht verdankten, sondern für DDP, DNVP, Zentrum und BVP gestimmt.

Repräsentative (Parlament), plebiszitäre (Volksabstimmungen) und autoritäre Elemente (Reichspräsident) waren in der Verfassung gemischt. Die verfassungsmäßigen Strukturen des Kaiserreiches waren also - trotz Abschaffung der Monarchie zugunsten der Demokratie - in der verfassungsgebenden Nationalversammlung nicht vollständig überwunden worden.

Auch in der unmittelbaren Folgezeit blieb es unruhig. In den Frühjahrsunruhen kam es zu zahlreichen lokalen Erhebungen und zur Proklamation kurzlebiger Räterepubliken, z. B. der Münchner Räterepublik nach der Ermordung des bayrischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD) durch einen monarchistischen Offizier. Alleine die Berliner Märzkämpfe forderten 1000 Todesopfer. Die ersten Jahre der Weimarer Republik sollten sich insgesamt als problematisch erweisen.

1919-1923: Gefährdete Republik

Vor der Verabschiedung der neuen Verfassung hatte sich die Regierung mit einem anderen Problem zu befassen, dem Versailler Vertrag. Er war lediglich von den „Großen Dreien“ beschlossen worden, Woodrow Wilson (US-Präsident), Lloyd George (britischer Premier) und Georges Clemenceau (französischer Ministerpräsident), und enthielt Gebietsabtretungen, Souveränitätsbeschränkungen, Reparationsforderungen sowie die Zuweisung der Alleinschuld am Krieg an Deutschland (§ 231). In allen sozialen Schichten und politischen Lagern war die Empörung groß. Reichsministerpräsident (1920 wurde der Titel in „Reichskanzler“ umbenannt) Scheidemann lehnte ab, den Vertrag zu unterzeichnen: „Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?“ Als der endgültige Vertragstext keine nennenswerten Zugeständnisse erhielt, trat Scheidemann am 20. Juni 1919 zurück. Sein Nachfolger wurde Gustav Bauer (MSPD).

Mangels Alternativen beschloss die Nationalversammlung die Annahme des Vertrages, welcher im Spiegelsaal von Versailles unterzeichnet wurde, wo die deutschen Fürsten 1871 Wilhelm I. zum Kaiser ausgerufen hatten. Besonders enttäuschend war für viele, dass die entstandene deutsche Demokratie nicht honoriert, sondern mit harten Bedingungen belastet wurde, und dass das im 14-Punkte-Plan proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker anscheinend nicht für Deutschland gelten sollte.

Bestandteil des Versailler Vertrages war außerdem die Gründung des Völkerbundes, dem Deutschland vorerst nicht angehören durfte. Die USA traten ihm aufgrund eines Kongressbeschlusses nicht bei, welcher dort die Rückkehr zum Isolationismus einleitete.

Wirtschaftliche Entwicklungen

In der Wirtschaft stand die Regierung vor zahlreichen Problemen: Die Kriegswirtschaft musste auf Friedenswirtschaft umgestellt werden, zurückgekehrte Soldaten und Flüchtlinge sowie Ausgewiesene aus den verlorenen Gebieten mussten in den Wirtschaftsprozess eingegliedert werden. Aufgrund der Gebietsabtretungen waren eingeschliffene Prozesse obsolet, der Binnenmarkt somit gestört. Hinzu kam die sich im Weltkrieg angehäufte Staatsverschuldung, gepaart mit einer hohen Inflation. Die Reparationen aber waren in der inflationssicheren Goldmark zu zahlen.

Immerhin sorgte die Aufhebung der Seeblockade (12. Juli 1919) für eine bessere Versorgungslage. In den Folgejahren gab es einen Wirtschaftsaufschwung. Die Arbeitslosigkeit fiel bis 1922 unter 2 % (im Ausland war die Quote zweistellig), die Industrieproduktion zog an (weltweit war sie rückläufig). Insgesamt blieb die deutsche Wirtschaftskraft jedoch deutlich unter dem Vorkriegsniveau.

Dolchstoßlegende

Bereits 1919 entstand die Dolchstoßlegende, nach der die deutsche Niederlage im Krieg auf fehlende Unterstützung aus der Heimat und die Revolution zurückzuführen sei - die deutsche Armee sei, vom Feinde unbesiegt, durch die „Novemberverbrecher [= Sozialdemokraten] von hinten erdolcht worden“. Ludendorff und Hindenburg, der sich unterdessen vorerst in den Ruhestand zurückgezogen hatte, verbreiteten diesen Mythos und sorgten dafür, dass er tatsächlich zum Dolchstoß für die junge Demokratie wurde. Die beschuldigten republikanischen Parteien unterschätzten die Wirkung der Propaganda und gingen nicht entschieden genug gegen sie vor. Von konservativen und rechtsradikalen Zeitungen unterstützt, schlug sie Wurzeln in der durch den Krieg gebeutelten Bevölkerung. Nicht nur in der deutschvölkischen Szene, der DNVP, bei den Freikorps sowie der Reichswehr, sondern auch im bürgerlichen Lager und in den Kirchen war sie verbreitet.

Antisemitismus und politische Radikalisierung

Zu einem unrühmlichen, vorläufigen Höhepunkt gelangte auch der Antisemitismus. Vor allem in Bayern agitierten der „Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund“ mit mehr als 100.000 Mitgliedern sowie die zahlenmäßig weniger starke „Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ mit ihrem begabten Redner Adolf Hitler gegen die Juden. Das Parteiblatt „Völkischer Beobachter“ und der Kampfverband SA (Sturmabteilung) existierten bereits. Die Weimarer Republik wurde als „System“ radikal abgelehnt. Für die Deutschvölkischen war der Weltkrieg Wirkung einer „jüdischen Weltverschwörung“, was die (gefälschten) „Protokolle der Weisen von Zion“ belegen sollten. Dass fast 100.000 Juden im deutschen Heer gedient hatten, 10.000 davon Kriegsfreiwillige, interessierte sie nicht. Neu im judenfeindlichen Denken war die rassische Komponente, welche die religiöse ergänzte bzw. in den Hintergrund verdrängte. Aus religiösem Antijudaismus wurde rassistischer Antisemitismus. Mit den Juden bekämpfte man gleichzeitig die Politik, welche die wirksame Bekämpfung derselben verhinderte.

Trotz Anfeindungen und antisemitischer Gewalt entwickelte sich das jüdische Geistesleben zur vollen Blüte. Von 40 deutschen Nobelpreisträgern bis 1933 waren 11 Juden, zählt man die Deutsch sprechenden Juden aus Österreich-Ungarn hinzu, noch wesentlich mehr. Die formelle politische Emanzipation und die persönliche Assimilation der Juden waren nach Kriegsende abgeschlossen.

Während der Weimarer Republik waren etwa 0,9 % der deutschen Bevölkerung Juden (560.000, davon ein Viertel Ausländer), doch stellten sie überdurchschnittlich viele Mitglieder als Staatsanwälte und Richter (4,5 %), Ärzte (6,2 %), Schriftsteller/Journalisten (8,2 %) sowie Anwälte und Notare (14,7 %). Dazu waren sehr viele Juden als Hochschulprofessoren, im Film, im Musik- und Sprechtheater und in der bildenden Kunst tätig.

Dies steigerte den Neid und führte verbunden mit einer Brutalisierung durch die Gewalterfahrung im Krieg zu radikalem Antisemitismus. Kriminalität und Gewalt gegen Juden erreichten Auswüchse, wie sie das Kaiserreich nicht gekannt hatte. Mehrheitsfähig war der Judenhass in der Weimarer Republik aber (noch) nicht.

Auch auf linker Seite schritt die Radikalisierung nach dem Krieg voran, vor allem aus Enttäuschung über den Verlauf der Revolution. Beispielsweise protestierten nach Aufrufen von KPD und USPD 40.000 Demonstranten vor dem Reichstag in Berlin gegen ein Betriebsratgesetz, welches übrigens die Situation für Arbeitnehmer in mittelständischen Betrieben erleichtern sollte. Die Situation eskalierte, als die Polizei den Eindruck gewann, die Menge wolle das Gebäude stürmen, und zu schießen begann. Am Ende waren 42 Tote und 105 Verletzte zu beklagen und Reichspräsident Ebert verhängte den Ausnahmezustand. In der Folgezeit wurde die USPD in politischen Streiten zerrieben: 1920 ging die USPD-Linke in der KPD auf, welche der von der Sowjetunion kontrollierten Komintern (Kommunisitische Internationale) angehörte. Die Rumpf-USPD schloss sich 1922 wieder der MSPD an.

Politische und antisemitische Attentate

In den Anfangsjahren der Republik verübten Soldaten zahlreiche Morde an sozialdemokratischen, kommunistischen, liberalen und katholischen Politikern. Viele Täter hatten antisemitische Motive: Als am 15. Januar 1919 Rosa Luxemburgund Karl Liebknecht mit äußerster Brutalität umgebracht wurden, ging die extremistische Rechte davon aus, auch Liebknecht sei ein jüdischer Politiker. Am 21. Februar desselben Jahres fiel der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) einem Attentat zum Opfer. Wie gegen Juden in der Politik gehetzt wurde, zeigen folgende Zeilen von Rechtsextremen: „Auch Rathenau der Walther, erreicht kein hohes Alter, knallt ab den Walther Rathenau, die gottverdammte Judensau!“ Und tatsächlich wurde der deutsche Außenminister (DDP) am 24. Juni 1922 von drei Mitgliedern der „Organisation Consul“, einer rechtsradikalen Geheimorganisation, heimtückisch ermordet. Vor allem der Rathenau-Mord bedeutete einen schweren Schock für die Republik. Immerhin wurde der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund wegen unverhüllter Aufrufe zur Gewalt verboten, dessen Mitglieder sich allerdings auf andere Organisationen, u. a. die NSDAP, verteilten.

Doch nicht nur Juden fielen republikfeindlichen Anschlägen zum Opfer. Im August 1921 wurde der Unterzeichner des Waffenstillstandes Matthias Erzberger (Zentrum) ermordet. Philipp Scheidemann entging am 4. Juni 1922 nur knapp einem Blausäure-Angriff.

Kapp-Putsch und „Rote Ruhrarmee“

Die skizzierte politische Polarisierung führte dazu, dass die Weimarer Republik seit ihrem Beginn von beiden Seiten bekämpft wurde.

Der Kapp-Putsch (auch Kapp-Lüttwitz-Putsch) zielte auf eine Militärdiktatur und wurde von den Freikorps und Reichswehrtruppen gestützt. Initiatoren waren u. a. General Walther Freiherr von Lüttwitz, der ostpreußische Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp und Ludendorff. Am 12. März 1920 setzte sich ein Heer vom nahen Döberitz Richtung Berlin in Bewegung. Da die Reichswehrführung es ablehnte, die Republik zu verteidigen, weil man nicht auf andere Reichswehrtruppen schießen wolle, musste die Regierung flüchten. Allerdings waren die Putschisten schlecht vorbereitet. Dem Generalstreikaufruf folgten Gewerkschaften, SPD und sogar KPD; auch die Unternehmer lehnten das Unternehmen größtenteils ab, die Reichswehr schlug sich nicht auf Seiten der Putschisten und die Ministerialbeamten erschienen nicht zur Arbeit. Den Putschisten blieb nur die Flucht.

Bereits während des Kapp-Putsches hatten „Vollzugsräte“, in denen vor allem USPD und KPD vertreten waren, in Teilen des Ruhrgebiets die politische Macht ergriffen. Bis Ende März hatte sich eine 50.000 Mann zählende „Rote Ruhrarmee“ gebildet, welche den Widerstand gegen den Kapp-Putsch zum Kampf um die Vollendung der Revolution und die Räterepublik ausweitete. Gegen die „Märzrevolution“ kämpfte die Reichswehr bereitwillig. Sogar am Kapp-Putsch beteiligte Truppen halfen nun im Ruhrgebiet beim Kampf gegen den Bolschewismus. Insgesamt forderten die Kämpfe über 1.000 Tote, wobei vor allem die Regierungstruppen grausam vorgingen.

Enttäuschung über die unvollendete Revolution einerseits, die Empörung über den Versailler Vertrag und die Wirkungen der Dolchstoßlegende andererseits brachten den radikalen Strömungen Zulauf. Die politische Radikalisierung drückte sich in rechten und linken Putschversuchen aus, welche die Angst vor Bolschewismus oder einer Militärdiktatur schürten. Die klar republikanischen Kräfte (SPD, DDP, Zentrum) befanden sich nach der Reichstagswahl am 6. Juli 1920 nicht nur in der Defensive, sondern auch in der Minderheit (unter 50 % der Wählerstimmen). Eine Mehrheit sollten sie nie wieder erlangen. Die DVP, welche vor allem die Interessen der Schwerindustrie vertrat, tolerierte die Republik immerhin und stellte sich nach dem Kapp-Putsch klar auf die Seite der Demokraten.

Ruhrbesetzung, Hyperinflation und Währungsreform

Die Höhe der Reparationen, also die Kriegsentschädigungen, welche Deutschland den Siegermächten (v. a. Frankreich) zu leisten hatte, wurden erst 1921 festgelegt. Sie sollten 226 Milliarden Goldmark betragen, zu zahlen in Raten. Die Regierung betrachtete die Forderungen als unannehmbar und trat zurück, sodass die Alliierten Deutschland scheinbar entgegen kamen und 132 Milliarden GM verlangten, dazu jedoch 26 % Abgabe des deutschen Exportwertes. Ein neu gebildetes Kabinett musste die Bedingungen schließlich annehmen. Trotzdem bemühte sich die Regierung ständig um Zahlungsaufschübe und die Umwandlung von Geldtransfers in Güterzahlungen.

Besonders Frankreich argwöhnte, Deutschland würde sich vor seinen Verpflichtungen drücken. Die Beziehung beider Nachbarn war auch deshalb auf dem Tiefpunkt, da die Republik mit der Sowjetunion am Rande einer Weltwirtschaftskonferenz nahe Genua einen Vertrag geschlossen hatte. Der Vertrag von Rapallo (16. April 1922) beinhaltete u. a. die Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit der SU und den gegenseitigen Verzicht auf Reparationen. Außerdem wurden wirtschaftliche Beziehungen untereinander erweitert.

Als Deutschland um die Jahreswende seinen Holz- und Kohlelieferungen nicht nachkam, marschierten französische Divisionen am 11. Januar im Ruhrgebiet ein. Sämtliche Reparationslieferungen wurden nun eingestellt, Reichspräsident Ebert rief zum passiven Widerstand auf. So überwachten französische Truppen zwar den Transport von Holz und Kohle, doch fanden sie dafür bald keine Arbeiter mehr. Fabriken und Zechen wurden stillgelegt. Ungeachtet der Aufrufe zum passiven Widerstand seitens der Regierung leisteten rechtsradikale Trupps auch aktive Gegenwehr und sabotierten den Abtransport von Reparationen. Die vielen Toten, bis August 1924 137 an der Zahl, hatten freilich überwiegend die Besatzer zu verantworten.

Doch war die Invasion nicht nur für die Franzosen ein Misserfolg - der wirtschaftliche Schaden war gerade für Deutschland immens. Den passiven Widerstand versuchte die Regierung mit Krediten und der Notenpresse zu kompensieren. Ab Juni 1923 wuchs sich die galoppierende Inflation daher zur Hyperinflation aus. Allerorten kehrte man zum Naturalientausch zurück, es kam zu Hungerdemonstrationen und Plünderungen, im Berliner Scheunenviertel am 5. November gar zu antisemitischen Ausschreitungen. Das Scheunenviertelpogrom wurde von republikanischer Seite als Zivilisationsbruch wahrgenommen.

Der seit 13. August 1923 amtierende Reichskanzler Gustav Stresemann (DVP), welcher in einer großen Koalition aus SPD, DDP, Zentrum und DVP regierte, musste am 26. September das Ende des passiven Widerstands verkünden. Die Ruhrbesetzung und der Kampf hatten verheerende wirtschaftliche Folgen gezeitigt. Am 15. November wurde als Übergangswährung die Rentenmark (4,2 Rentenmark = 1 US $) eingeführt, was die Lage beruhigen konnte. Am 30. August 1924 gelangte dann die goldgedeckte Reichsmark in den internationalen Zahlungsverkehr. Die Währungsreform vermochte die Inflation zu stoppen und schuf die Basis für neue, konstruktive Reparationsverhandlungen. Dennoch sorgte die Hyperinflation für einen anhaltenden Vertrauensverlust weiter Bevölkerungsteile in die Weimarer Republik.

„Deutscher Oktober“, Hitler-Putsch und Separatismus

Die Weimarer Republik sah sich im krisenhaften Jahr 1923 neben Ruhrbesetzung und Hyperinflation drei weiteren Übeln ausgesetzt: einem kommunistischen Umsturzversuch, dem Hitler-Putsch und separatistischen Bestrebungen. Alle drei Entwicklungen waren durch die wirtschaftliche und politische Zuspitzung infolge der Ruhrbesetzung begünstigt.

Im Sommer 1923 kooperierten KPD und die sowjetische KPdSU mit dem Ziel, einen „Deutschen Oktober“ herbeizuführen. Vorbild war die russische Revolution vom Oktober 1917. Letztlich ging die KPD das Risiko jedoch nicht ein, allein ihr Hamburger Verband schlug los, überfiel Polizeistationen (17 tote Polizisten) und besetzte öffentliche Gebäude. Die geplante Revolution scheiterte so vor ihrem eigentlichen Versuch.

In Bayern, wo seit Oktober ein rechtsgerichtetes Triumvirat (Gustav Rittter von Kahr, Otto von Lossow, Hans von Seißer) regierte, hatte sich Hitler inzwischen zur führenden Figur im deutschvölkischen Lager entwickelt. Vielen galt er als „deutscher Mussolini“, dem nach Vorbild des faschistischen „Marsches auf Rom“ ein „Marsch auf Berlin“ glücken könne. Seinen Ausgang nahm der Putsch am 8. November im Münchner Bürgerbräukeller. Dort versuchte Hitler, unterstützt von Ludendorff und dem „Deutschen Kampfbund“ (dem u. a. die SA angehörte), Kahr, Lossow und Seißer für sich zu gewinnen. Diese erklärten sich zum Schein einverstanden. Am nächsten Morgen trafen sie jedoch Gegenmaßnahmen, sodass der Putsch scheiterte.

Im anschließenden Hochverratsprozess wurde Ludendorff als „Held“ freigesprochen, Hitler erhielt fünf Jahre Festungshaft mit der Aussicht auf baldige Begnadigung. Im Gefängnis in Landsberg-Lech schrieb er seine politisch-ideologische Programmschrift „Mein Kampf“. Ausdrücklich lobten die Richter den „rein vaterländischen Geist“ der Angeklagten, die von „edelstem selbstlosen Willen“ seien. Die Putschisten hielten Schmähreden gegen die Republik und deren Politiker. Der Prozess zeigt deutlich die Auswüchse einer Gesinnungsjustiz, die „auf dem rechten Auge blind“ war.

Ein ganz anderes Problem stellten separatistische Bewegungen dar, welche von Frankreichs Ministerpräsident und Außenminister Raymond Poincaré unterstützt wurden. Am 21. Oktober wurde die „Rheinische Republik“, am 12. November die „Autonome Pfalz“ ausgerufen. Da die Zone bis 50 km rechts des Rheins gemäß Versailler Vertrag entmilitarisiert war, konnte die Reichsregierung nicht intervenieren. Doch regte sich Widerstand in der Bevölkerung, auch weil es zu Plünderungen und Misshandlungen kam. Die gegenüber einer Trennung des Ruhrgebiets von Deutschland negative Haltung Großbritanniens und der USA ließen Poincaré von einer weiteren Unterstützung der Separatisten absehen, sodass die Bewegung scheiterte.

1924-1929: Konsolidierung

Mit dem Ruhrkampf hatte die Krise der Weimarer Republik ihren Höhe- und zugleich auch Wendepunkt erreicht: Ab dem Jahr 1924 sollte sich die Republik etwas stabilisieren. In der Außenpolitik und der Reparationsfrage wurden Fortschritte erzielt. Gustav Stresemann, von 1923-29 Außenminister, versuchte mit seiner Erfüllungspolitik eine friedliche Revision des Versailler Vertrags zu erreichen. Den Forderungen der Alliierten sollte dabei Rechnung getragen, gleichzeitig die Unerfüllbarkeit derselben demonstriert werden. Bis 1929 hielt der nun einsetzende Wirtschaftsaufschwung an und in der Gesetzgebung gab es gesellschafts- und sozialpolitische Erfolge wie die Arbeitslosenversicherung. Kunst und Kultur gelangten als „Klassische Moderne“ zur Blüte.

Außenpolitik

Mit Einführung der Renten- und dann der Reichsmark (RM) war die Grundlage für Nachverhandlungen bei der Reparationsfrage geschaffen worden. Ergebnis war 1924 der Dawesplan (nach Charles Dawes, einem amerikanischen Wirtschaftspolitiker). Diesem zufolge hatte das Deutsche Reich bis 1927/28 jährlich 1-1,75 Milliarden Reichsmark (goldgedeckt) zu zahlen, ab dem 1. September 1928 war die „Normalrate“ in Höhe von 2,5 Mrd. RM pro Jahr fällig. Neben dem Reichshaushalt, der Abgabe von Steuern und Zöllen wurde die deutsche Industrie belastet. Die Gesamthöhe der Reparationen wurde nicht im Vertrag festgelegt. Aufgrund der kurz zuvor gemachten Erfahrungen mit der Hyperinflation wurde die deutsche Reichsmark durch amerikanische Kredite stabilisiert. Das deutsche Finanzgebaren wurde unter internationale Aufsicht gestellt.

Nur widerwillig akzeptierte die Regierung den Dawesplan, da man neutrale Staaten nicht auch noch gegen sich aufbringen wollte. Er war jedoch ein wichtiger Schritt hin zur Annäherung an die Westmächte. Der Vertrag trat am 1. September 1924 in Kraft.

In der Folgezeit vermochte insbesondere Außenminister Gustav Stresemann (DVP, 1923 Reichskanzler) die Beziehungen zu den Alliierten, namentlich zu Frankreich und Großbritannien, zu verbessern. Mit dem Locarnopakt (1925) wurde ein Sicherheitssystem für Europa ins Leben gerufen. Die Konferenz von Locarno (am schweizerischen Teil des Lago Maggiore) tagte vom 5. bis 16. Oktober mit Deutschland und sieben anderen teilnehmenden Nationen. Deutschland auf der einen, Belgien und Frankreich auf der anderen Seite legten die Unverletzlichkeit ihrer gemeinsamen Grenzen fest. Dies bedeutete den endgültigen Verzicht des Deutschen Reiches auf Elsaß-Lothringen und Eupen-Malmedy. Garantiemächte waren England und das bereits von Mussolini regierte Italien. Die Rheinzone sollte entmilitarisiert werden. Des weiteren schloss Deutschland mit Belgien und Frankreich jeweils Schiedsabkommen, denen zufolge Konflikte zwischen diesen Ländern schiedsgerichtlich geregelt werden sollten. Es verzichtete außerdem auf eine gewaltsame Revision der Ostgrenze zu Polen.

Locarno bedeutete die beginnende politische Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich. Der „Geist von Locarno“ ließ die Republikaner hoffen und wurde vonseiten der Nationalisten heftig kritisiert. Neben Stresemann war Aristide Briand, sein französischer Amtskollege, treibende Kraft bei den Verträgen. Beide bekamen dafür am 10. Dezember 1926 den Friedensnobelpreis verliehen. Da die DNVP aus der „Bürgerblock-Regierung“ (DDP - Z - DVP - DNVP) austrat, konnte der Locarno-Pakt übrigens nur mithilfe der oppositionellen SPD verabschiedet werden.

Schließlich wurde das Deutsche Reich 1926 in den Völkerbund aufgenommen. Die außenpolitische Isolierung war also überwunden - hauptsächlich durch Gustav Stresemann. Ihm gelang es auch, dem Briand-Kellogg-Pakt (1928), welcher Krieg als Mittel der Politik ächtete, eine breite internationale Basis zu vermitteln. Eine innenpolitische Verständigung zwischen den Linken, welche die Last des Versailler Vertrags und der Dolchstoßlegende zu tragen hatten, und den Rechten gab es dennoch nicht.

Ende 1928 wurde offensichtlich, dass Deutschland die im Dawesplan festgelegte Normalrate von 2,5 Mrd. RM nicht bezahlen konnte. Im Young-Plan (geht zurück auf den amerikanischen Wirtschaftsfachmann Owen D. Young), welcher am 17. Mai 1930 rückwirkend zum 1. September 1929 wirksam wurde, einigte man sich auf folgende Punkte: Als Gesamtleistung sollte das Deutsche Reich 112 Mrd. RM zahlen, in Raten von 1,7-2,1 Mrd. bis 1988. Die Abwicklung hatte über die „Bank für internationalen Zahlunsausgleich“ mit Sitz in Basel zu erfolgen. Damit entfielen Reparationskommission und Reparationsagent als Instanzen und Deutschland hatte seine wirtschafts- und finanzpolitische Souveränität zurück. Außerdem sicherten die Alliierten zu, das Rheinland schon 1930 statt 1935 zu räumen.

Wirtschaftliche Entwicklungen

Die Jahre von 1924 bis 1929 bedeuteten einen wirtschaftlichen Aufschwung für die Weimarer Republik. Produktion, Konsum und Reallöhne nahmen konstant zu und letztere lagen 1928, bei geringerer Arbeitszeit, erstmals über dem Vorkriegsniveau. Auch die Industrieproduktion erreichte wieder den Stand von 1913. Obwohl durch die Reparationen belastet, war der Staatshaushalt stets annähernd ausgeglichen.

Es gibt aber Gründe, die gegen die These einer grundlegenden Stabilisierung der deutschen Wirtschaft während der ruhigeren Phase der Republik sprechen. So schnitt das Deutsche Reich im internationalen Vergleich mit anderen Industrieländern schlechter ab, etwa beim Wachstum der Industrieproduktion und des Außenhandels. Die Fließbandarbeit, nach dem Vorbild von Henry Ford in den USA eingeführt, löste 1925/26 eine „Rationalisierungskrise“ aus, während der zwei Millionen Menschen ohne Arbeit blieben. Die durchschnittliche Arbeitslosenquote lag mit 6,5 % (1,4 Millionen Menschen) deutlich höher als in den ersten Jahren der Republik. Arbeitslosigkeit bedeutete für viele Menschen Hunger und unmittelbare Existenzbedrohung.

Problematisch war, dass der Aufschwung kreditfinanziert war, insbesondere durch die Vereinigten Staaten. 1929 betrug die Auslandsverschuldung Deutschlands 25 Mrd. RM (12 Mrd. davon kurzfristige Verschuldung), die Auslandsanlagen 10 Mrd. RM.

Die Großbanken betrieben eine expansive Kreditpolitik und beteiligten sich an teils gewagten Spekulationen. Nach der Hyperinflation von 1923 sparten die privaten Haushalte wenig und die Unternehmen bildeten kaum Kapitalrücklagen. So war die gesamtwirtschaftliche Situation schon vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 durchaus labil.

Gesellschaft und Soziales

Durch Kriegstote und Gebietsverluste hatte das Deutsche Reich einen Rückgang bei der Bevölkerungszahl zu verzeichnen, doch 1933 erreichte sie mit knapp 66 Millionen wieder ihren Vorkriegsstand. Wie im Kaiserreich setzte sich das Volk mehrheitlich aus Protestanten zusammen. Dessen ungeachtet war das katholische Zentrum bis auf das Kabinett Hermann Müller I an allen demokratisch legitimierten Regierungen beteiligt.

Die alte gesellschaftliche Oberschicht bestand fort: Großgrundbesitzer, Wirtschafts- und Bildungsbürgertum, höheres Beamtentum, Offizierskorps. Der protestantische Teil der alten Oberschicht wählte die konservative DNVP, die nationalliberale DVP und in geringerem Maße die linksliberale DDP; der katholische Teil wählte überwiegend das Zentrum. Daneben entstand auch eine neue, politische Oberschicht (Regierungsmitglieder, Parlamentarier), die sich hauptsächlich aus SPD, DDP und Zentrum zusammensetzte.

Bei den Geschlechtern existierte weiterhin überwiegend die traditionelle Rollenverteilung. Dessen ungeachtet entstand das Bild der „neuen Frau“ mit Bubikopf und Kostüm. Dieses von der Werbung propagierte Bild richtete sich vor allem auf großstädtische weibliche Angestellte.

Der Aufstieg in Führungspositionen gelang Frauen nur selten und auch in den Parlamenten machten sie stets weniger als 10 % der Abgeordneten aus. Dennoch gab es messbare Fortschritte für das weibliche Geschlecht: Zwischen 1919 und 1932 erhöhte sich der Anteil der Studentinnen von 7 auf 16 %.

Jugendliche und junge Erwachsene der Weimarer Zeit waren doppelt gebeutelt. Die einen galten als „verlorene Generation“, hatten den Krieg entweder selbst miterlebt, ihren Vater verloren oder unter den Entbehrungen während und nach dem Krieg zu leiden. Die anderen zählten zur „überflüssigen Generation“ und waren der Weltwirtschaftskrise wegen nach ihrem Schulabschluss arbeitslos.

Davon profitierten vor allem die extremistischen Parteien KPD und NSDAP, welche den jungen Menschen mit ihrer (Gewalt)Ideologie und der Gruppenzugehörigkeit (z. B. SA und Hitlerjugend) Halt zu geben vermochten. Hitler (geb. 1889) war selbst ein vergleichsweise junger Politiker und stilisierte die NSDAP als Partei der Jugend sowie des Aufbruchs zur „Volksgemeinschaft“, zu der er sie führe.

In den 1880er Jahren hatte Bismarck das Sozialversicherungssystem (Kranken-, Unfall-, Invaliditäts- und Altersversicherung) eingeführt, welches nun in der Verfassung festgesetzt wurde. Außerdem erfolgte in der Weimarer Zeit der Ausbau des Sozialstaates. Das wohl wichtigste Gesetz kam auf Betreiben des Reichsarbeitsministers Heinrich Brauns (Zentrum) zustande: das Gesetz über die Arbeitslosenvermittlung und Arbeitslosenversicherung (1. Oktober 1927). Diesem zufolge übernahmen nun eine Reichsanstalt und regionale sowie lokale Arbeitsämter die Arbeitsvermittlung. Für anspruchberechtigte Arbeitslose gab es bis zu 39 Wochen Unterhalt aus einer zu gleichen Teilen von Arbeitnehmern und -gebern finanzierten Versicherung. Nur im Notfall sollte der Staat mit Darlehen (nicht Zuschüssen) intervenieren. Allerdings waren die Finanzmittel der Versicherung auf nur 700.000 Beschäftigungslose ausgelegt, was sich rasch als problematisch erwies.

Das Verhältnis zwischen Unternehmerverbänden und Gewerkschaften war ohnehin nicht zum besten bestellt. Vor allem der Reichsverband der deutschen Industrie (RDI) und der Allgemeine deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) standen sich gegenüber. Der Ruhreisenstreit (1928), der größte Arbeitskampf der Weimarer Republik, ließ den Stinnes-Legien-Pakt von 1918 zerbrechen. Dieser hatte die Gewerkschaften als Vertretung der Arbeiterschaft und das Prinzip der kollektiven Tarifverträge anerkannt sowie den 8-Stunden-Tag. Nun wollte der RDI statt Flächentarifverträgen betriebliche Einzelvereinbarungen zwischen Unternehmern und Belegschaft schließen, unter Ausschluss der Gewerkschaften und des Staates.

Innenpolitik

Anders als in den krisenhaften Anfangsjahren der Republik gab es zwischen 1924 und 1929 keine Putschversuche oder andere schwere innenpolitische Krisen. Die NSDAP wurde nach Hitlers gescheitertem Putsch verboten und in Bayern herrschten ab Februar 1924 wieder verfassungsmäßige Verhältnisse. Die DVP, schon nach dem Kapp-Putsch auf Seiten der Republikaner, entwickelte sich unter ihrem Vorsitzenden Stresemann mehr und mehr zur Partei der „Vernunftrepublikaner“.

Es wurde auch wieder durchweg verfassungsrechtlich unbedenklich regiert. Bis 1924 hatte Reichspräsident Ebert 136 mal mit Artikel 48 WV (Weimarer Verfassung) regiert, meist, um Unruhen und Putschversuche zu bekämpfen, jedoch auch, um etwa Steuer- und Devisengesetze zu erlassen. Diese waren notwendig gewesen, weil sich der Reichstag nicht hatte einigen können. So war es ab 1930 nichts völlig Neues, wenn präsidiale Notverordnungen anstelle von parlamentarisch legitimierten Gesetzen erlassen wurden.

Mit der parlamentarische Demokratie taten sich die Parteien auch nach 1924 schwer. Insbesondere mangelnde politische Kompromissbereitschaft und Angst vor unpopulären, wenngleich notwendigen Entscheidungen verhinderten die Bildung stabiler Koalitionen. Es entstanden Minderheitsregierungen oder Kabinette mit unsicherer Mehrheit im Reichstag. Oftmals half die SPD als Oppositionspartei den Regierungen, wichtige Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringen: so etwa beim Dawesplan, dem Locarnopakt und dem Völkerbundbeitritt. Die an der Regierung beteiligte DNVP stimmte jeweils gegen diese Gesetze. Die unsicheren Verhältnisse sorgten dafür, dass sich das parlamentarische System nicht nachdrücklich stabilisierte.

In den Köpfen des Volkes verankerte sich die Demokratie ebenso wenig. Dies ist anhand der Ergebnisse der Reichstagswahlen 1924 und 1928 festzustellen, zuvorderst freilich an der Wahl Paul von Hindenburgs zum Reichspräsidenten, nachdem Ebert überraschend Ende Februar 1925 verstorben war. Hindenburg setzte sich in der Wahl (das Volk bestimmte laut Verfassung das Staatsoberhaupt) gegen Wilhelm Marx (Zentrum) durch. Mit dem ehemaligen OHL-Generalstabchef entschied sich das Deutsche Reich für einen klaren Monarchisten und Mitbegründer der Dolchstoßlegende. Der DNVP-Fraktionsvorsitzende Kuno Graf Westarp wertete dies in einer Reichstagsrede als „Bekenntnis zu dem Gedanken der Führer-persönlichkeit“ und zur „Vergangenheit, die vor 1918 lag“.

Wenngleich sich Hindenburg nach außen verfassungstreu gab, wurde er nie zum Vernunftrepublikaner wie etwa Stresemann, was auch seine Amtsführung verriet. Zu seinen engsten Beratern (der „Kamarilla“ gehörte als strategischer Kopf Kurt von Schleicher, der Reichskanzler vor Hitler.

Nachdem Wilhelm Groener, der ehemalige Generalquartiermeister, Reichswehrminister wurde, hatte die letzte kaiserliche OHL gewissermaßen wieder die wichtigsten militärischen Ämter inne (gemäß Verfassung besaß der RP den Oberbefehl über das Heer).

Obgleich die SPD als Wahlsieger unter Kanzler Hermann Müller eine Große Koalition (SPD, DDP, Z, DVP) anführte, war unter den Parteien ein Rechtstrend erkennbar: Nach Stresemanns Tod am 3. Oktober 1929, welcher einen schweren Verlust für die Republik bedeutete, fühlte sich die DVP mehr denn je großindustriellen Interessen verpflichtet. Ihr sozialpolitisches Profil verblasste. Im Zentrum verlor der Arbeitnehmerflügel an Einfluss und auch die DDP orientierte sich nach rechts, zumal sie seit Bestehen der Republik drastisch an Stimmen eingebüßt hatte (von 18,5 % im Jahr 1919 auf 4,9 % bei der Wahl 1928).

So fühlte sich die politische Rechte bald wieder stark genug, gegen die Republik und ihre Vertreter zu agitieren. Im Herbst 1929 fuhr sie eine groß angelegte Propagandakampagne gegen den Young-Plan (s. o.), wobei DNVP und NSDAP erstmalig zusammenarbeiteten. Mit seinem Medienkonzern kontrollierte Alfred Hugenberg, Vorsitzender der DNVP, weite Teile der deutschen Presse. DNVP, der Bund der Frontsoldaten „Stahlhelm“ und NSDAP erzwangen einen Volksentscheid über den Young-Plan, der für sie zum Fehlschlag wurde. Trotzdem profitierte Hitlers Partei von dem Feldzug gegen den Young-Plan und war nun allerorten im Gespräch.

Kulturelle Blüte und Antimodernismus

Unter dem Eindruck von Demokratie, technischem Fortschritt und amerikanischen Einflüssen (Jazz, Film) gelangten Kunst und Kultur in der Weimarer Zeit zu voller Blüte. Kunsthistorisch spricht man von der Zeit der „Klassischen Moderne“. Neben dem zuende gehenden Expressionismus entstand mit der „Neuen Sachlichkeit“ eine Strömung, die neben anderen Formen wie proletarisch-revolutionärer Kunst und klassischen Traditionen bestand. Mittelpunkt des kreativen Lebens war Berlin.

Zur Massenkultur, welche sich rasch entwickelte, zählten Zeitungen, Fortsetzungs- und Groschenromane, Fotoreportagen in Illustrierten, Schlager, Film, Rundfunk und sportliche Großveranstaltungen. Täglich gingen 2 Mio. Menschen in die „Lichtspielhäuser“ 1932 besaßen 4 Mio. Haushalte ein Radiogerät. 1929 erfolgte im Übrigen die Umstellung auf den Tonfilm.

Wie die Demokratie, so wurde auch die Kultur der Republik vonseiten der Konservativen und Rechtsradikalen als „undeutsch“ abgelehnt. Die moderne Kunst taten sie als „Amerikanismus“ ab oder bezeichneten sie als „Kulturbolschewismus“. Die Tatsache, dass Juden in Kultur und Wissenschaft der Jahre von 1918 bis 1933 eine hervorragende Rolle spielten, mag zu dieser Stigmatisierung beigetragen haben.

Rechtsintellektuelle, Konservative und Nationalsozialisten besaßen durchaus ideologische Gemeinsamkeiten, ablesbar an von ihnen allen geteilten Begriffen wie der „Volksgemeinschaft“, des „Führers“ und des „nationalen Sozialismus“.

1930-1933: Weltwirtschaftskrise und Zerstörung der Demokratie

Die Weltwirtschaftskrise, welche ihre Wirkung nach den Kursstürzen des „Schwarzen Freitags“ (24. Oktober 1929) an der New Yorker recht bald in Deutschland entfaltete, hatte ihre Ursachen in Überproduktion und Überangebot. Sie sollte die größte Krisis der Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert bleiben.

Nach den USA wurde das Deutsche Reich besonders hart von der Krise getroffen. Bei anderen Ländern hoch verschuldet (s. o.), war es somit automatisch von Auslandskrediten abhängig, die im Verlauf der Krise mehr und mehr eingezogen wurden. Schlimmer noch: Kurz- und mittelfristig von Deutschland geliehene Gelder waren für langfristige Investitionen verwendet worden. Es kam zu zahlreichen Konkursen und Massenarbeitslosigkeit, was sich wiederum gegenseitig bedingte: Die geringere Kaufkraft ließ die Nachfrage sinken, welche wiederum die Produktion zurückgehen ließ, was weitere Entlassungen notwendig machte. Arbeitslosigkeit bedeutete zu dieser Zeit chronische Unterversorgung und materielle wie soziale Verelendung.

Vom Ende des Kabinetts Müller zum Präsidialregime

Wie sich bald zeigte, war die Arbeitslosenversicherung von 1927, eigentlich eine Errungenschaft des Weimarer Sozialstaats, mit der Massenarbeitslosigkeit völlig überfordert. Für 700.000 Beschäftigungslose ausgelegt, waren im Winter 1929/30 bereits über 3 Mio. Menschen ohne Arbeit. Über die zu ergreifenden Maßnahmen - Beitragserhöhungen für die Arbeitslosenversicherung oder Kürzung des Arbeitslosengeldes, entzweite sich das Kabinett Müller und trat zurück (27. März 1930). Allerdings war das Scheitern der Koalition von Reichspräsident Hindenburg in geheimen Verhandlungen von langer Hand geplant worden. Dieser ernannte Heinrich Brüning (Zentrum) drei Tage später zum Reichskanzler, welcher fortan eine Minderheitsregierung der bürgerlichen Mitte anführte. Erstmals arbeitete die DDP mit den Deutschnationalen der DNVP zusammen. Der Rechtstrend der Liberalen war auch daran erkennbar, dass sie sich wenige Monate später mit dem antisemitischen „Jungdeutschen Orden“ vereinigte. Die DVP, in der sich die Vernunftrepublikaner nunmehr in der Minderheit befanden, war indes von wichtigen Wirtschaftsgruppen, z. B. dem Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) und der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (VDA), gegen die Fortsetzung einer Großen Koalition bewegt worden.

Mittels Notverordnungen gemäß § 48 der Weimarer Verfassung („Diktaturparagraph“) wollte die neue Regierung notfalls gegen das Parlament zu regieren. Dieser Paragraph sollte u. a. ermöglichen, die zur „Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“ nötigen Maßnahmen zu ergreifen. Der sich selbst als Präsidialkabinett verstehenden „Hindenburg-Regierung“ stand darüber hinaus § 25 zur Verfügung, nach dem der Reichspräsident auflösen konnte.

Die erste Anwendung von § 48 Abs. 2 WV erfolgte am 16. Juli 1930, nachdem der Reichstag Brünings unsoziales Programm zu Bekämpfung der Krise abgelehnt hatte (u. a. Steuererhöhungen und Beitragserhöhungen für die Arbeitslosenversicherung bei gleichzeitiger Leistungskürzung). Der Reichskanzler wandelte seinen Gesetzesentwurf in eine Notverordnung um - ein verfassungswidriger Vorgang. Das Parlament beschloss zwar die Aufhebung der missbräuchlich verwendeten Notverordnungen, doch löste der Reichspräsident daraufhin mittels § 25 den Reichstag auf und setzte sie wieder in Kraft. Gegen Brünings und Hindenburgs Prozedere hätte sich der Reichstag wehren können, doch für eine Volksabstimmung über die Absetzung Hindenburgs oder eine Anklage gegen den Reichspräsidenten hätte sich kaum die benötigte Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament gefunden. Gemäß Verfassung mussten nun innerhalb von 60 Tagen Neuwahlen stattfinden. Bis dahin konnte mit Notverordungen regiert werden.

Reichstagswahl 1930: Aufstieg der NSDAP

Bei der Reichstagswahl vom 14. September 1930 gab es mit 82 % eine hohe Wahlbeteiligung. Die meisten Stimmen erhielt die SPD, welche jedoch im Vergleich zur Wahl von 1928 starke Verluste hinnehmen musste. Zweitstärkste Fraktion, quasi aus dem Nichts, wurde die NSDAP (von 2,6 auf 18,3 %). Auch die linksextreme KPD hatte starke Gewinne zu verzeichnen, Zentrum und BVP legten etwas zu. Herbe Verluste mussten hingegen DDP und DNVP hinnehmen.

Ohne die Verheerungen der Wirtschaftskrise lassen sich die enormen Zugewinne der Nationalsozialisten nicht erklären, wenngleich der Rechtstrend schon deutlich zuvor eingesetzt hatte (s. o.). In der jetzigen Krisis fühlten sich besonders der Mittelstand angesichts einer seit Monaten bestehenden Arbeitslosenquote von über 14 % von Verarmung und sozialem Abstieg bedroht. Selbständige Handwerker, Einzelhändler, kleine und mittlere Unternehmer, Angehörige der freien Berufe, Bauern, Beamte und Angestellte sahen sich dem Druck der Großunternehmen und auch der Arbeitnehmer ausgesetzt. Sie wählten Hitlers Partei, die ihnen sowohl antimarxistische als auch antikapitalistische Avancen machte. Dabei versicherte sie, „auf dem Boden des Privateigentums“ zu stehen, wetterte aber gegen Banken, Börsen und Warenhäuser, die angeblichen Auswüchse eines „internationalen Finazjudentums“. Da die NSDAP noch keine Regierungsverantwortung übernommen hatte, erschien sie den Wählern politisch unverbraucht und zog Jungwähler sowie bisherige Nichtwähler an. Für Arbeiter war sie weniger attraktiv; diese radikalisierten sich tendenziell nach links zur KPD.

Brünings Deflationspolitik

Für alle ausländischen Kapitalanleger war das Ergebnis der Wahl von 1930 natürlich ein schlechtes Zeichen und so zogen sie kurzfristige Kredite aus dem Deutschen Reich ab, was die Krise verschärfte. Die Sozialdemokraten beschlossen, Brünings Notverordnungspolitik in der Folgezeit als das, verglichen mit der Perspektive weiterer Reichstagsauflösungen und einer NSDAP-Herrschaft, kleinere Übel zu tolerieren.

Der Reichskanzler verfolgte eine Deflationspolitik: Er erhöhte direkte und indirekte Steuern, baute den Sozialstaat ab und senkte die Gehälter im öffentlichen Dienst. Indem er die Geldwertstabilität erhielt, erfüllte er die Vorschriften des Young-Planes und wollte den Alliierten gleichzeitig verdeutlichen, dass Deutschland die Reparationen nicht zahlen konnte. Nach der Hyperinflation infolge des Ruhrkampfes lag seine Deflationspolitik auch durchaus im Interesse des Volkes. Allerdings wurde die Krise durch Brünings unsoziale Maßnahmen zulasten von Arbeitnehmern und Arbeitslosen bekämpft.

Die Lage verschlimmerte sich 1931, als eine von Deutschland und Österreich ins Auge gefasste Zollunion scheiterte und eine Bankenkrise ausbrach. Der amerikanische Präsident Herbert Hoover erwirkte einen einjährigen Zahlungsstopp für die deutschen Reparationen und die alliierten Kriegsschulden an die USA, das sogenannte Hoover-Moratorium. Mit seiner Pfund-Abwertung verschärfte Großbritannien die Lage für Deutschland, zumal andere Länder diesem Beispiel folgten. Da mit der Abkopplung des Pfund Sterling vom Goldstandard die deutsche Reichsmark aufgewertet wurde, verteuerten sich deutsche Exportprodukte, was die Auslandsnachfrage nach solchen sinken ließ. Dass alle Industrieländer die Zollerhöhungen beschlossen, verschlimmerte die Situation ebenfalls.

All dies sorgte für weitere Arbeitslosigkeit. 1932 waren durchschnittlich 5,6 Millionen Arbeitslose registriert, was knapp 30 % der arbeitsfähigen Bevölkerung entsprach. Zieht man die nicht registrierten Arbeitslosen hinzu, kommt man auf ungefähr 7,5 Millionen Menschen ohne Beschäftigung.

Ob Brüning eine wesentlich andere Finanz- und Wirtschaftspolitik hätte betreiben können, ist Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Fest steht, dass der britische Wirtschaftswissenschaftler John Maynard Keynes bereits seine Theorie der antizyklischen Wirtschaftspolitik entwickelt und diese in Deutschland durch Vorträge und Zeitungsartikel erklärt hatte. Seine Vorschläge zu aktiver staatlicher Konjunkturpolitik (bei sinkender privater Nachfrage solle der Staat mit kreditfinanzierten Aufträgen operieren, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen) wurden von des NSDAP aufgenommen, welche mit diesen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen 1932 Wahlkampf betrieb.

Reichspräsidentenwahl und Brünings Fall

Als 1932 Hindenburgs siebenjährige Amtszeit zuende ging, stellte sich der bereits 85-jährige zu Wiederwahl. Im Wahlkampf zwischen drei Rechtskandidaten (Hindenburg, Theodor Duesterberg, Hitler) und einem Kommunisten (Ernst Thälmann) riefen die Sozialdemokraten ihre Mitglieder dazu auf: „Schlagt Hitler! Darum wählt Hindenburg!“ Tatsächlich wurde der amtierende Reichspräsident wiedergewählt. Sein schärfster Konkurrent Hitler erhielt 36,8 % der Stimmen.

Am 29. Mai 1932 kam es dann zum erzwungenen Rücktritt Brünings, welchem zuvor noch ein Verbot von SA und SS, den Hauptursachen der grassierenden politischen Gewalt, gelungen war. Hindenburgs Berater (die „Kamarilla“) brachten den Präsidenten dahin, dass er seinem Reichskanzler die Anwendung des Artikels 48 WV entzog. Die Reichsregierung war gescheitert.

So erlebte Brüning nicht mehr im Amt, dass eine Konferenz in Lausanne (16. Juni bis 9. Juli 1932) alle deutschen Reparationsverpflichtungen strich. Für dieses Ziel freilich wurden unter seiner Kanzlerschaft der Parlamentarismus ausgehöhlt und die Krise verschärft. Millionen von Familien litten an Elend und die Politik hatte sich radikalisiert.

Als Nachfolger ernannte Hindenburg den Zentrumspolitiker Franz von Papen. Dessen Partei schloss ihn aus Verärgerung über Brünings Demission aus, doch genoss er das Vertrauen Hindenburgs. Der Bevormundung Schleichers, des strategischen Kopfes der Kamarilla, vermochte er sich zu entziehen. Die neue Regierung (vereidigt am 1. Juni 1932) bestand aus sieben adligen und drei bürgerlichen Ministern, es war das „Kabinett der Barone“. Die SPD beendete daraufhin ihre Tolerierungspolitik und Hindenburg löste den Reichstag auf.

Politische Gewalt und Staatsstreich in Preußen

Die politische Radikalisierung drückte sich nicht nur in den Wahlergebnissen aus. Politische Kämpfe verlagerten sich von Parlament auch zunehmend auf die Straße oder in die Stammlokale der Parteien. Diese Lokale, besonders verbreitet in Arbeitervierteln mit katastrophalen Wohnverhältnissen, ersetzten zumindest für den männlichen Teil der Bevölkerung das Wohnzimmer und boten Geselligkeit mit Angehörigen der gleichen Schicht und mit Gleichgesinnten.

Für die politischen Kämpfe setzten die Parteien ihre Wehrverbände ein, Ausdruck des Militarismus in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik. Paramilitärischer Arm der DNVP war der seit 1918 existierende, eine Million Mitglieder starke „Stahlhelm“. Die NSDAP besaß mit SA (420.000 Mitglieder) und SS (52.000 Anhänger) zwei mächtige Organisationen, mit denen sie die Konfrontation mit den Linken suchte.

Auf der Gegenseite befanden sich das SPD-nahe „Reichsbanner Schwarz Rot Gold“, welches 1924 als Reaktion auf den Hitler-Putsch gegründet worden war,und der „Rote Frontkämpferbund“ (RFB) der KPD mit 130.000 Mann.

Zwischen den ideologischen Feinden, besonders zwischen SA und RFB, wurden Straßen- und Saalschlachten ausgetragen. Insbesondere die rechte Gewalt hatte zunehmend die physische Vernichtung des Gegners zum Ziel. Die Polizei stand dabei mehr und mehr auf Seiten der Rechtsverbände.

Die Nationalisten versuchten Stärke und Geschlossenheit an den Tag zu legen, indem sie in Bad Harzburg (11. Oktober 1931) im Rahmen einer Tagung ihre Verbände gemeinsam aufmarschieren ließen. Man spricht von der Harzburger Front (NSDAP, DNVP, Stahlhelm, Reichslandbund, Alldeutscher Verband).

Zu viel Blutvergießen führte der Reichstagswahlkampf im Sommer 1932. Etwa 300 Menschen starben infolge von politischer Gewalt. Beispielsweise ließen beim „Altonaer Blutsonntag“ (17. Juli 1932) 18 Menschen ihr Leben. Bei einem Demonstrationszug der von Papen wieder erlaubten SA durch die kommunistische Hochburg von Altona war es zur Eskalation gekommen. Diesen Vorwand nutzte die Regierung und löste mithilfe von Notverordnungen die SPD-geführte preußische Landesregierung durch „Reichskommissare“ ab - ein eindeutiger Staatsstreich. Bei 6 Millionen Arbeitslosen wollten die Sozialdemokraten keinen Generalstreik ausrufen; sie beschränkten sich auf Proteste und hofften auf die anstehende Reichstagswahl.

Reichstagswahlen: Juli und November 1932

Die Reichstagswahl vom 31. Juli 1932, welche mit 84,1 % die höchste Wahlbeteiligung in der Geschichte der Weimarer Republik verzeichnete, ergab eine Mehrheit der totalitären Parteien KPD und NSDAP. Klarer Wahlsieger waren die Nationalsozialisten, für die 13,7 Millionen Menschen votierten (37,3 %). Als stärkste Fraktion stellte sie den Reichstagspräsidenten, Hermann Göring.

Ein weiterer Grund für den Wahlsieg der NSDAP war neben der politischen Radikalisierung das betont seriösere Auftreten im Wahlkampf. Antisemitische Parolen traten in den Hintergrund. Außerdem benutzte Hitler als erster deutscher Politiker ein Flugzeug, um möglichst viele Wahlreden zu halten. Die Wahlsprüche auf den Plakaten waren denkbar einfach gehalten, jedoch wirkungsvoll angesichts des allgemeinen Elends: „Unsere letzte Hoffnung: HITLER“.

Hatte dieser vor der Wahl von Papen noch seine Unterstützung zugesagt, wofür SA und SS wieder erlaubt worden waren, verlangte er nun stattdessen von Hindenburg unverblümt die NSDAP-Herrschaft, was der Reichspräsident ablehnte. Somit konnte auch das „Kabinett der Baronen“ nicht lange bestehen: Am 12. September scheiterte es am Misstrauensvotum des Reichstages.

Bis zur von der Verfassung vorgeschriebenen Neuwahl verabschiedete die Regierung Papen noch einige Gesetze. Von strikter Deflationspolitik ging sie zur aktiven Bekämpfung der Beschäftigungslosigkeit mittels antizyklischer, keynesianischer Konjunkturpolitik über.

Die Reichstagswahl vom 6. November 1932 bescherte der NSDAP große Verluste, DVP und DNVP legten leicht zu. Dennoch blieben die Nationalsozialisten angesichts von 33,1 % die mit Abstand stärkste Fraktion im Reichstag.

Die Regierung Papen, noch geschäftsführend im Amt, liebäugelte mit einem Staatsstreich, um ein autoritäres Regime zu installieren. Hindenburg gefiel der Plan, doch lehnte er ihn auf Betreiben Schleichers schließlich ab. Schweren Herzens entließ er die Regierung und ernannte Kurt von Schleicher zum Reichskanzler. Die Alternative, Hitler an der Regierung zu beteiligen, war erneut an dessen Unnachgiebigkeit gescheitert.

Machtübertragung an Hitler

Kurt von Schleicher war der strategische Kopf der Kamarilla Hindenburgs. In seiner Regierungserklärung stilisierte er sich als „sozialer General“ (dabei hatte er nie ein Front- oder Truppenkommando besessen), der vor allem eins wolle: „Arbeit schaffen“. Da Schleicher erkannt hatte, dass es mit dem Regieren durch § 48 nicht zur gewünschten autoritären Umgestaltung des Staates und zu stabilen Verhältnissen gekommen war, bemühte er sich um eine „Querfront“, eine parlamentarische Basis, gestützt auf die Arbeitnehmerflügel von SPD bis NSDAP. Sozialdemokraten wie Nationalsozialisten lehnten jedoch ab.

Außenpolitisch gelang eine weitere partielle Revision des Versailler Vertrages. Die Siegermächte erkannten am 11. Dezember 1932 Deutschlands militärische Gleichberechtigung prinzipiell an.

Freilich war die „Querfront“ gescheitert und bei der nächsten Reichstagssitzung musste Schleicher mit einem Misstrauensvotum rechnen. Seinen Plan, bis zum Ende der Wirtschaftskrise und des politischen Extremismus diktatorisch zu regieren, lehnte Hindenburg ab, sodass der Reichskanzler am 28. Januar 1933 zurücktrat.

Schon am 4. Januar hatten sich Papen und Hitler in Köln getroffen. Sie hatten dabei ein Abkommen über Personal und Politik einer Regierung Hitler-Papen-Hugenberg getroffen, welche Schleichers Kabinett ersetzen sollte. Nach dem Scheitern Schleichers gelang es Papen, der auch nach seinem Rücktritt ein enger Vertrauter des Reichspräsidenten geblieben war, letztlich, Hindenburgs Zweifel an einer Kanzlerschaft Hitlers zu zerstreuen. Er solle nur dafür sorgen, dass sich das Zentrum an der Koalition beteilige.

Am 30. Januar 1933 um 11 Uhr leisteten Hitler, Hermann Göring, Wilhelm Frick (alle NSDAP), Papen, Hugenberg (DNVP) und vier parteilose Minister den Amtseid auf die Weimarer Verfassung. Papens Plan, die Nationalsozialisten in der Regierung einzurahmen, war nur oberflächlich gelungen. Hitler war Reichskanzler, Frick als Innenminister für die innere Sicherheit zuständig, Göring unterstand als Minister ohne Geschäftsbereich das preußische Innenministerium und damit die Polizei des größten deutschen Landes. Papens Plan, die Nationalsozialisten in einer Regierung aufzureiben, erwies sich als fatale Fehleinschätzung. Zum Schein versuchte Hitler am nächsten Tag, die Zentrumspartei für die Koalition zu gewinnen. Da diese ablehnte, bat er Hindenburg um die Auflösung des Reichstags. Hindenburg gab seiner Bitte statt.

Bei der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler handelte es sich nicht um eine Machtergreifung, sondern um eine Machtübertragung. Hitler konnte die politische Gewalt „aus den Händen jener alten Eliten entgegennehmen, die bei der Zerstörung der Republik nur allzu erfolgreich, zur Restaurierung des Vorkriegszustände jedoch zu schwach gewesen waren“ (Detlev Peukert).

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