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Sturm und Drang

Skripte
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Der Sturm und Drang (etwa 1767-1790) war eine Epoche, die die Kunstlandschaft in Deutschland nachhaltig und radikal veränderte. Eine neue Generation von jungen und gebildeten Schriftstellern stürmte und drängte gegen die Konventionen und die Vorherrschaft der Vernunft in den Zeiten der Aufklärung. Emotio statt ratio war der Leitsatz der Strömung, die das unbändige und von den Zwängen der Gesellschaft befreite Genie idealisierte – Autoren wie Goethe (1749-1832), Lenz (1751-1792), Schiller (1759-1805) und Herder (1744-1803) verteidigten das Gefühl gegen die Notwendigkeit der logischen Rechtfertigung. Das Fühlen wurde als Grund in sich selbst aufgefasst, als subjektives Grunderlebnis thematisiert. Das als natürlich angesehene Gefühl, das die Stürmer und Dränger durch die strengen Formen und das erzieherische Wesen der Aufklärung gefährdet sahen, wurde von den ambitionierten jungen Künstlern als absolut freie Kraft aufgefasst. Sie richteten sich deshalb gegen das Establishment, gegen das feudale, das Individuum ein ein Korsett aus Regeln und moralischen Vorschriften zwängende Gesellschaftssystem. Die Stürmer und Dränger zog es deshalb in die Natur, die man als Quelle des eigentlichen menschlichen Innenlebens verstand, die als Ort der Freiheit und der Intuition galt. Die „gute Gesellschaft“ der damaligen Zeit verstand diese jungen Künstler als Rebellen, als Verderber der Jugend. Kritisch sah man die allzu große Konzentration auf das subjektive Gefühl, das für die Dichter von sich selbst legitimiert wurde.
Durch die Konzentration auf das Gefühl erhält die Liebe eine herausragende, ja zentrale Stellung in der Literatur des Sturm und Drang. Als stärkstes, reinstes, natürlichstes Gefühl wurden die Liebe und vor allem ihre Auswirkungen auf das Subjekt thematisiert. Zum subjektiven Erleben gehören sowohl Grunderfahrungen wie Abschied, Verletzlichkeit, Freude, Trauer und Ruhelosigkeit als auch gesellschaftliche Grenzen (wie in den Leiden des jungen Werther) und das Wirken göttlicher Kräfte. Durch den Einfluss vorangegangener Epochen wird die Liebe oft in und anhand der Natur beschrieben. Im Kern steht aber nicht das grundsätzliche Thema, sondern das Erleben des Individuums. Die Dichter des Sturm und Drangs verarbeiten daher bisweilen auch persönlich Erlebtes in ihren Gedichten.

Sprache und Form

Der Sturm und Drang war nach dem formal strengen Barock und der ebenfalls an formalen Kriterien orientierten Anakreontik eine Epoche der formalen Vielfalt und der Freiheit des Dichters. Reime, Metrum, das Äußere des Gedichts – dies alles war frei vom Dichter wählbar. Die Stürmer und Dränger verstanden sich selbst als Erneuerer und Jugendbewegung, die strenge Form der Vergangenheit war ein Teil der Konventionen und wurde als Beschränkung der Kreativität verstanden. Daher entstanden zu dieser Zeit viele Gedichte, die weder ein festes Metrum noch ein Reimschema besitzen.
Metaphern, Vergleiche, Symbole, Onomatopoesien – Stürmer und Dränger verwendeten eine Vielzahl von Stilmitteln, um das subjektive Erleben künstlerisch auszudrücken. Die Sprache variiert dabei je nach Gedicht. So war ein erhaben klingender Ton beliebt, die die Würde des Gefühls ausdrücken soll, aber auch eine stürmende, drängende, starke Sprache der Jugend fand Einzug in die Lyrik des Sturm und Drang.

Beispiel für die Liebeslyrik des Sturm und Drang

  • Dem Schnee, dem Regen,
  • dem Wind entgegen,
  • im Dampf der Klüfte,
  • durch Nebeldüfte,
  • immer zu! Immer zu!
  • Ohne Rast und Ruh!
  • Lieber durch Leiden
  • möcht' ich mich schlagen,
  • also so viel Freuden
  • des Lebens ertragen.
  • Alle das Neigen
  • von Herzen zu Herzen,
  • ach, wie so eigen
  • schaffet das Schmerzen!
  • Wie - soll ich fliehen?
  • Wälderwärts ziehen?
  • Alles vergebens!
  • Krone des Lebens,
  • Glück ohne Ruh,
  • Liebe, bist du!
  • (Rastlose Liebe von Johann Wolfgang Goethe)
An diesem Gedicht sieht man, die Flexibilität der Dichtung aus dem Sturm und Drang: Strophenlänge und Reimschema variieren wie die Kadenz (männlich bei den Ausrufen des lyrischen Ichs). Die sprachliche Gestaltung hängt eng mit dem Inhalt und den Gefühlen des lyrischen Ichs zusammen: Am Anfang dominieren Ellipsen, die die Kraft und Energie des lyrischen Ichs symbolisieren, Enjambements signalisieren, dass der lyrische Sprecher über die Liebe (orange markiert) sinniert (Enjambements werden oft benutzt, um Zärtlichkeit und Liebe auszudrücken).
Es treten uns viele Empfindungen entgegen, die Gedanken des lyrischen Ichs wechseln schnell. So thematisiert es am Anfang die Kälte und die Widrigkeiten, die von Seiten der Gesellschaft kommen können (blau markiert), doch ist es die Sehnsucht und der Drang in die Ferne (violett markiert), die das lyrische Ich nicht aufgeben und weiter nach der Liebe suchen lässt. In den zwei nachfolgenden Strophen thematisiert das lyrische Ich sowohl den Schmerz (braun markiert) als auch die Freude durch die Liebe, wobei beide gleichermaßen Teil des Ganzen, gleichermaßen natürlich sind. Die letzte Strophe konzentriert sich auf den Sehnsuchtsaspekt in Verbindung mit der Natur (grün markiert), die hier als eine Versprechung von Frieden und Ruhe erscheint, wobei die Liebe dem Rastlosen keine Ruhe gewährt. Das Gefühl beherrscht den Wanderer, treibt ihn voran, bestimmt sein Handeln, stellt auch seine Motivation dar. In teils stürmischer Ausdrucksweise (man beachte die Ausrufe) wird das beschrieben, was die Liebe im lyrischen Sprecher bewirkt. Fröhlichkeit, Sehnsucht, Leiden, Gefühlskälte der Gesellschaft – dies alles wird subjektiv und emotional vom lyrischen Ich geäußert. Die Natur dient als Inspirationsquelle für eine reichhaltige Metaphorik: Mit ihr lassen sich sowohl die Widrigkeiten der Liebe als auch die Ruhe und Geborgenheit darstellen.

Fazit

Im Sturm und Drang wird die Rolle des Künstlers neu gedacht und das formale Repertoire deutscher Lyriker beträchtlich erweitert. Die Jugend rebelliert gegen die Strenge und die festen Formen der älteren Generation, die die Vernunft zur höchsten Tugend erhoben hat. Die Stürmer und Dränger besinnen sich auf das Gefühl: Dieses darf alles, der Künstler ist ungebunden und frei in der Gestaltung seiner Werke, er lässt sich nicht von Konventionen eingrenzen und hat die Aufgabe, sein Innerstes auszudrücken. Die Natursymbolik des Barock und der Anakreontik prägt auch diese Generation von Künstlern, doch die Stürmer und Dränger sind es, die eine enge Verbindung zwischen der Naturwahrnehmung und der seelischen Verfassung ihrer lyrischen Sprecher und ihrer Protagonisten entwerfen – das Äußere und das Innere werden eins.
Die Entwicklung einer stark subjektiven Liebeslyrik, die auch über Intimes nicht schweigt und die dem Dichter keine Grenzen setzt, ist ein Epochen- und Stilumbruch in Deutschland. Goethe, Schiller, Lenz (s.o.) und noch weitere Autoren haben das Subjekt in den Fokus der Liebeslyrik gerückt. Die Freiheit der Formen und die Individualität der künstlerischen Gestaltung bestimmen auch die Liebeslyrik nachfolgender Epochen.
#sturmunddrang#liebeslyrik
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