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Aufgabe 2

Aufgaben
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Vergleichende Interpretation zweier Gedichte

$\blacktriangleright\;$ Thema:
Eduard Mörike (1804-1875), Früh im Wagen
Bertolt Brecht (1898-1956), Als ich nachher von dir ging
Eduard Mörike: Früh im Wagen



4



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16



20



24
Es graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;
Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:
So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.
Dein blaues Auge steht
Ein dunkler See vor mir,
Dein Kuß, dein Hauch umweht,
Dein Flüstern mich noch hier.
An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.
Die Sonne kommt; – sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu
1846 verfasst



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20



24
Es graut vom Morgenreif
In Dämmerung das Feld,
Da schon ein blasser Streif
Den fernen Ost erhellt;
Man sieht im Lichte bald
Den Morgenstern vergehn,
Und doch am Fichtenwald
Den vollen Mond noch stehn:
So ist mein scheuer Blick,
Den schon die Ferne drängt,
Noch in das Schmerzensglück
Der Abschiedsnacht versenkt.
Dein blaues Auge steht
Ein dunkler See vor mir,
Dein Kuß, dein Hauch umweht,
Dein Flüstern mich noch hier.
An deinem Hals begräbt
Sich weinend mein Gesicht,
Und Purpurschwärze webt
Mir vor dem Auge dicht.
Die Sonne kommt; – sie scheucht
Den Traum hinweg im Nu,
Und von den Bergen streicht
Ein Schauer auf mich zu
1846 verfasst
Aus: Eduard Mörike, Werke und Briefe, Bd. 1: Gedichte. Hg. v. Hans-Henrik Krummacher.
Stuttgart 2003 (Klett-Cotta), S. 146
Bertolt Brecht: Als ich nachher von dir ging 1



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12
Als ich nachher von dir ging
An dem großen Heute
Sah ich, wie ich sehn anfing
Lauter lustige Leute.
Und seit jener Abendstund
Weißt schon, die ich meine
Hab ich einen schönern Mund
Und geschicktere Beine.
Grüner ist, seit ich so fühl
Baum und Strauch und Wiese
Und das Wasser schöner kühl
Wenn ich's auf mich gieße.
Erstveröffentlichung 1950



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Als ich nachher von dir ging
An dem großen Heute
Sah ich, wie ich sehn anfing
Lauter lustige Leute.
Und seit jener Abendstund
Weißt schon, die ich meine
Hab ich einen schönern Mund
Und geschicktere Beine.
Grüner ist, seit ich so fühl
Baum und Strauch und Wiese
Und das Wasser schöner kühl
Wenn ich's auf mich gieße.
Erstveröffentlichung 1950
Aus: Bertolt Brecht, Werke, Bd. 15: Gedichte 5. Hg. v. Werner Hecht u.a.,
Frankfurt/M. 1993 (Suhrkamp Verlag), S.240
Anmerkung:
1 ursprünglicher Titel: „Lied einer Liebenden”
$\blacktriangleright\;$ Aufgabenstellung:
  • Interpretiere und vergleiche die beiden Gedichte.
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Teilaufgabe A: Interpretation

$\blacktriangleright$ Die Gedichte interpretieren

Du sollst die beiden Gedichte interpretieren. Die Aufgabe verlangt also von dir, die vorliegenden Texte zu deuten. Natürlich kannst du beide Gedichte zusammen interpretieren, aber wir empfehlen dir, jeweils eine Interpretation zu einem Gedicht zu schreiben – so behältst du besser den Überblick und auf diese Weise kannst du dich besser auf die Details konzentrieren. Es empfiehlt sich, den Vergleich anschließend als eigenen Text zu schreiben.
Da du die Gedichte vergleichen sollst, liegt der Schluss nahe, dass sie sich in bestimmten Bereichen sehr ähneln oder das gleiche Thema haben. In diesem Fall behandeln beide die Wahrnehmung von sich selbst und der Welt nach dem Treffen / dem Abschied von einer geliebten Person. Während der Interpretation solltest du das im Hinterkopf behalten und die Gedichte daher auch in Bezug auf dieses Thema deuten. Es ist nützlich, dein Wissen über den Autor oder seine dazugehörige Epoche für die Interpretation zu verwenden! So fällt bei Mörikes Gedicht der Bezug zur Romantik auf, während bei Brecht ein direkter und einfacher, moderner Stil vorherrscht. Versuche, den sprachlichen Stil und die Form der Gedichte auf den Inhalt zu beziehen! In Mörikes Gedicht spricht ein von der Trennung erschüttertes lyrisches Ich, das sich nach der geliebten Person zurücksehnt, in Brechts Gedicht ein lyrisches Ich, das nun fröhlich und unbekümmert die Welt sinnlich erfährt.

Falls du noch einmal nachlesen möchtest, wie man eine Gedichtinterpretation schreibt, dann lies in unserem Skript Methodik: Interpretation: Gedichtinterpretation nach.

Teilaufgabe B: Vergleich

$\blacktriangleright$ Die Gedichte vergleichen

Jetzt sollst du die Gedichte vergleichen, also ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten. Wie bei einer Interpretation solltest du die Form, aber hauptsächlich und in erster Linie den Inhalt der Gedichte betrachten.
Formal sind die Gedichte nicht sonderlich voneinander unterschieden; beide basieren auf der Liedform mit regelmäßigem, alternierendem Metrum und Kreuzreimen. Jedoch ist diese Form untypisch für Brecht und besitzt bei ihm auch einen humoristischen Effekt (Darstellung des Glücksgefühls nach sexueller Befriedigung). Inhaltlich beziehen die Gedichte jedoch unterschiedliche Positionen zum Thema. Während in Mörikes Gedicht der Tag nach der Trennung leer und trist erscheint, das lyrische Ich sich zur der geliebten Person zurücksehnt und an der Welt uninteressiert scheint, empfindet das lyrische Ich in Brechts Gedicht die Welt als einen sinnlichen und glücklichen Ort; die vergangene Zeit mit der geliebten Person wird nicht betrauert, sondern bejaht und eine positive Veränderung des Lebensgefühls betont.
Diesen Fragen solltest du nachgehen: Wie empfindet das jeweilige lyrische Ich die Trennung? Wie steht es zur Welt, die es umgibt? Wie spricht das lyrische Ich von der geliebten Person? Welches Bild hat das lyrische Ich von sich selbst?
Ziehe am Ende ein Fazit. Dort kannst du auch deine eigene Meinung anbringen, in der Einleitung und dem Hauptteil jedoch solltest du das nicht tun.

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Thema:

Eduard Mörike (1804-1875): Früh im Wagen
Bertolt Brecht (1898-1856): Als ich nachher von dir ging

Quellen:

Eduard Mörike: Werke und Briefe, Bd. 1: Gedichte, hg. v. Hans-Henrik Krummacher, Stuttgart 2003 (Klett-Cotta), S. 146.

Bertolt Brecht: Werke, Bd. 15: Gedichte 5, hg. v. Werner Hecht u.a., Frankfurt/M. 1993 (Suhrkamp Verlag), S.240.

Teilaufgabe A: Interpretation

$\blacktriangleright$ Die Gedichte interpretieren

Tipp

Du sollst die beiden Gedichte interpretieren. Die Aufgabe verlangt also von dir, die vorliegenden Texte zu deuten. Natürlich kannst du beide Gedichte zusammen interpretieren, aber wir empfehlen dir, jeweils eine Interpretation zu einem Gedicht zu schreiben – so behältst du besser den Überblick und auf diese Weise kannst du dich besser auf die Details konzentrieren. Es empfiehlt sich, den Vergleich anschließend als eigenen Text zu schreiben.
Da du die Gedichte vergleichen sollst, liegt der Schluss nahe, dass sie sich in bestimmten Bereichen sehr ähneln oder das gleiche Thema haben. In diesem Fall behandeln beide die Wahrnehmung von sich selbst und der Welt nach dem Treffen / dem Abschied von einer geliebten Person. Während der Interpretation solltest du das im Hinterkopf behalten und die Gedichte daher auch in Bezug auf dieses Thema deuten. Es ist nützlich, dein Wissen über den Autor oder seine dazugehörige Epoche für die Interpretation zu verwenden! So fällt bei Mörikes Gedicht der Bezug zur Romantik auf, während bei Brecht ein direkter und einfacher, moderner Stil vorherrscht. Versuche, den sprachlichen Stil und die Form der Gedichte auf den Inhalt zu beziehen! In Mörikes Gedicht spricht ein von der Trennung erschüttertes lyrisches Ich, das sich nach der geliebten Person zurücksehnt, in Brechts Gedicht ein lyrisches Ich, das nun fröhlich und unbekümmert die Welt sinnlich erfährt.

Falls du noch einmal nachlesen möchtest, wie man eine Gedichtinterpretation schreibt, dann lies in unserem Skript Methodik: Interpretation: Gedichtinterpretation nach.

Interpretation 1: Eduard Mörike: Früh im Wagen

In Eduard Mörikes 1846 verfasstem Gedicht Früh im Wagen denkt ein lyrisches Ich dem Titel nach während einer Wagenfahrt an den Abschied von einer geliebten Person, die es in Richtung eines unbekannten Ziels verlassen hat. Es nimmt die frühmorgendliche Natur als trist wahr und erlebt währenddessen in einer Art Tagtraum den Abschied noch einmal. Sowohl das gefühlvolle Thema des Gedichts als auch seine sprachliche Ausgestaltung und der Rückgriff auf Naturbeschreibungen weisen das Gedicht als Beispiel romantischer Lyrik aus.

Das Gedicht vermittelt hauptsächlich die Stimmung des lyrischen Ich statt einer tatsächlichen Handlung, welche schnell wiedergegeben ist: Das lyrische Ich betrachtet bei einer Wagenfahrt die Natur, während die Morgendämmerung aufbricht. Es denkt dabei jedoch an den Abschied von einer geliebten Person und die letzten Zärtlichkeiten, die es mit dieser ausgetauscht hat. Der Wunsch, bei dieser Person bleiben zu können, wird zerstört, als dieser Tagtraum von den ersten Sonnenstrahlen zerstreut wird.

Früh im Wagen besteht aus sechs Strophen mit jeweils 4 Versen. Das Metrum ist streng regelmäßig, nämlich ein dreihebiger Jambus, wobei die Kadenz bei jedem Vers ausnahmslos eine männliche ist. Das Kreuzreimschema wird über das ganze Gedicht hinweg beibehalten, jedoch reimen sich die ersten und die dritten Verse in der dritten, fünften und sechsten Strophe nur dissonant („Blick“ auf „-glück“, „-gräbt“ auf „webt“, „scheucht“ auf „streicht“).

Das Gedicht beginnt mit einer Naturbeschreibung: Am Horizont zeichnet sich schon ein Lichtstreif der aufgehenden Sonne ab, während ein nicht näher umschriebenes Feld in der Dämmerung grau erscheint (S. 1, V. 1-4). Für die Romantik untypisch wird die Natur zwar mit einer Inversion („Es graut vom Morgenreif / in Dämmerung das Feld“, S. 1 V. 1-2) melodiös beschrieben, doch nicht vom lyrischen Ich gewertet, das sich erst in der dritten Strophe zu erkennen gibt. Es bleibt eben bei einer äußerlichen Betrachtung der Natur, sie scheint ohne jeglichen Einfluss auf das lyrische Ich zu sein. Allerdings weisen die Worte „graut“ und „blasser“ (S. 1, V. 1 u. 3) auf eine triste oder zumindest trist wahrgenommene Natur hin.
Diese Betrachtung wird in der zweiten Strophe weitergeführt: Durch das erste Licht verblasst der Morgenstern, während man „den vollen Mond“ (S. 2, V. 4) noch sehen kann. Doch in dieser Unpersönlichkeit, die durch das „Man“ im ersten Vers der zweiten Strophe noch verstärkt wird, verbirgt sich die seelische Verfassung des lyrischen Ich. Obwohl es zweifellos das lyrische Ich ist, das die Natur wahrnimmt, nennt es sich nicht selbst, sondern weist auf die Allgemeinheit, durch die Verwendung von „man“ hin. Es betont nicht seine Bindung zur Natur, scheint aufgrund seiner äußerlichen Betrachtung der Umgebung losgelöst von dieser zu sein – es wird von der Natur eben nicht gerührt, wie man es von einem lyrischen Ich aus einem romantischen Gedicht erwarten könnte, stattdessen wirkt es geradezu desinteressiert an der Natur, die ja nicht während eines Spaziergangs, sondern während einer Wagenfahrt beobachtet wird. Jedoch entspricht das, was das lyrische Ich sieht, wiederum der romantischen Motivik: Es sind das Feld, der Wald, der Morgenstern und der Mond, die vom lyrischen Ich betrachtet werden. Die Naturphänomene sprechen symbolisch für sich selbst: Während die Sonne bald aufgehen wird, liegt das Feld noch grau da, der Morgenstern (ein Symbol für die Hoffnung) verblasst, der Mond ist aber noch sichtbar – offensichtlich wird uns hier ein Schwellenzustand präsentiert, ein vor sich gehender Wechsel von der Nacht zum Tag, wobei weder die Nacht ganz vorbei ist, noch der Tag schon begonnen hat. Die Natur und das lyrische Ich darin befinden sich in einem Moment des Übergangs; allerdings ist dieser Wechsel kein positiver, denn der Morgenstern geht unter, das Feld liegt grau und damit trist da. Zugleich signalisieren der Mond als Symbol und der Blick des lyrischen Ich in die Ferne, Richtung Sonnenaufgang, eine typisch romantische Sehnsucht.

Das Desinteresse bzw. die Teilnahmslosigkeit des lyrischen Ich erklärt sich in der dritten Strophe, als es sich zum ersten Mal selbst nennt: Es erlebt vor dem inneren Auge noch einmal die Abschiedsnacht nach, die es als „Schmerzensglück“ empfand (S. 3, V. 3). Dieses Paradoxon drückt aus, dass das lyrische Ich einerseits den Abschied als letzte Chance, die nicht näher beschriebene geliebte Person zu sehen, positiv gesehen hat, aber auch Schmerz empfunden hat, denn da sein Blick von der Ferne gedrängt wird (S. 3, V. 2), steht ihm wohl eine weite Reise bevor. Hier wiederum wird das lyrische Ich nun eindeutig wertend, tritt als Individuum auf – während die Umgebung und das Hier und Jetzt das lyrische Ich nicht berühren, ist sein Blick in einen vergangenen Moment „versenkt“ (S. 3, V. 4), der ihm mehr bedeutet als die Gegenwart. Das lyrische Ich schmerzt die Trennung also sehr; die Erinnerung an den Abschied lässt es die Natur als trist wahrnehmen. Das Verb „versenkt“ weist zudem darauf hin, dass sich das lyrische Ich der Welt oder zumindest der Gegenwart entziehen will – denn ein versunkener Gegenstand ist praktisch für die Welt an der Oberfläche nicht mehr da.

In der vierten und fünften Strophe erlebt das lyrische Ich die Abschiedsnacht in einer Art Tagtraum noch einmal, wobei bedeutsam ist, dass die Abschiedsnacht im Präsens beschrieben wird – sie steht damit gleichberechtigt zur Gegenwart, konkurriert sozusagen mit dieser. Das lyrische Ich wünscht sich also in der Zeit zurück, der Tagtraum erscheint ihm sehr lebendig. Das blaue Auge der geliebten Person wird paradox durch ein Zeugma mit einem dunklen See verglichen (S. 4, V. 2), was man auf die vorige Strophe beziehen kann, in dem der Blick des lyrischen Ich versinkt. Zusammen gedacht, könnte dies ein Hinweis auf einen verborgenen Todeswunsch des lyrischen Ich sein – jedenfalls spiegelt sich darin die Vergänglichkeit des Abschieds und die bedrohliche Leere wieder, die dieser im lyrischen Ich zurücklässt. Dieses Vergänglichkeits- oder Todesmotiv ist aber mit Intimität und Zärtlichkeit, dem Flüstern und dem Kuss mit der geliebten Person verbunden, an die sich das lyrische Ich erinnert und die ihm in der Gegenwart noch präsent erscheinen (S. 4, V. 3-4). Hier wird das Gedicht auch dadurch sehr persönlich, dass es einen klaren Adressaten gibt, nämlich das Du, die geliebte Person. Das lyrische Ich beschreibt aber nur die Augen der geliebten Person, nicht diese als Ganze, zusammen mit der Vergänglichkeitsmotivik kann man dies als Hinweis darauf deuten, dass sie eben nur noch ein Stück Erinnerung ist, nicht mehr ganz und direkt erlebt wird, sondern eben nur im Nachhinein und bruchstückhaft.

Die Todesmotivik wird besonders in der fünften Strophe deutlich: Im Tagtraum begräbt sich das Gesicht des lyrischen Ich am Hals der geliebten Person, es sieht „Purpurschwärze“ (S. 5, V. 3), was einerseits eben das ist, was man sehen würde, wenn man sein Gesicht am Hals eines Anderen vergräbt, andererseits weisen diese Farben auch auf den Tod hin. Dass das lyrische Ich davon träumt, sein Gesicht im Hals der geliebten Person zu begraben ist als Wunsch zu deuten, sich der Welt zu entziehen und ewig mit dem Geliebten oder der Geliebten zusammenzusein. Der Abschied kann vom lyrischen Ich offensichtlich noch nicht verkraftet werden, verdrängt die Erinnerung an ihn doch die Gegenwart. Die Sehnsucht nach der Geborgenheit, die diese Person bietet, ist größer als das Interesse des lyrischen Ich an der Welt.

Dass dieser im Präsens wiedergegebene Traum in Wahrheit Vergangenheit ist, wird in der letzten Strophe deutlich: „Die Sonne kommt; – sie scheut / Den Traum hinweg im Nu“ (S. 6, V. 1-2). Die auffällige Verwendung von Satzzeichen unterstreicht, dass der Traum Vergangenheit ist; der Traum und die Gegenwart sind so auch graphisch voneinander getrennt. Die letzten Verse schließlich sind zweideutig: Ist es ein tatsächlicher Regenschauer, der sich von den Bergen aus dem lyrischen Ich nähert, oder ist es das Gefühl des Erschauerns, das es empfindet, weil es so abrupt aus dem Traum in eine als trist empfundene Wirklichkeit gerissen wurde? Beides ist möglich. Jedenfalls scheint das lyrische Ich völlig gewahr worden zu sein, dass die Abschiedsnacht nun endgültig vergangen ist, ein neuer Tag hat begonnen und der Zustand zwischen Nacht und Tag bzw. Gestern und Heute ist mit dem Aufgehen der Sonne überschritten worden. Wie das lyrische Ich nun mit der Trennung umgeht, wissen wir nicht.

In Früh im Wagen werden uns die Gefühle eines lyrischen Ich präsentiert, das einen Abschied auf wahrscheinlich längere Zeit kurz hinter sich hat und dem neuen Tag mit Desinteresse und einem unterschwelligen Gefühl von Trauer entgegensieht, während es sich zu seiner geliebten Person zurückwünscht. Es findet keinen Halt in der Natur und der Gegenwart, da es einen Moment des Wechsels wahrnimmt – dies und die Tasache, dass sich das lyrische Ich per Wagen bewegt, aber an einen feststehenden vergangenen Zeitpunkt denkt, wird durch die zahlreichen Bewegung und Stillstand signalisierenden Verben unterstrichen. Das lyrische Ich ist losgelöst von der Welt und, was ungewöhnlich für ein romantisches Gedicht ist, auch in gewissem Sinne von der Natur – statt das romantische Motto „zurück zur Natur“ zu bedienen, wünscht sich das lyrische Ich zurück in die Vergangenheit. Die Zeit lässt sich jedoch nicht umkehren, diese Erkenntnis geht mit einem zweideutigen „Schauer“ (S. 6, V. 4) einher.

Interpretation 2: Bertolt Brecht: Als ich nachher von dir ging

Bertolt Brechts 1950 zum ersten Mal veröffentlichtes Gedicht Als ich nachher von dir ging handelt davon, wie ein lyrisches Ich – vermutlich ein junges Mädchen oder eine junge Frau – nach einer verbrachten Nacht mit einer anderen Person die Welt, Menschen im Allgemeinen und sich selbst in einem positiveren Licht sieht. In moderner Manier spielt Bertolt Brecht hier auf den Geschlechtsverkehr an und schreibt über die Auswirkungen der Körperlichkeit (vor allem der Sexualität) auf die Psyche – Sexualität ist hier kein Tabuthema.

Das Gedicht erzählt eigentlich keine Handlung, sondern die Stimmung des lyrischen Ich: Unter Berufung auf die gestrige Nacht mit einer als Du angeredeten Person meint das lyrische Ich, nun überall fröhliche Menschen zu sehen. Es bewertet seinen eigenen Körper und dessen Eigenschaften nach dieser Nacht positiver. Die Nacht hat zudem dazu geführt, dass das lyrische Ich die Welt nun sinnlich intensiver wahrnimmt.

Obwohl Brecht ein Autor der Moderne ist, verwendet er in Als ich nachher von dir ging die traditionelle Liedform, wie sie auch im 19. Jahrhundert verwendet wurde: Das Lied besteht aus drei Strophen mit jeweils vier Versen, die sich streng nach dem Kreuzreimschema aufeinander reimen. In den ersten beiden Strophen finden sich in den Versen 1-3 Trochäen mit abwechselnd 4 und 3 Hebungen. Der erste Vers und der dritte Vers besitzen demnach 4 Hebungen und enden mit männlicher Kadenz, während der zweite und der vierte Vers drei Hebungen besitzen und mit einer weiblichen Kadenz enden. Zudem variiert Brecht das Metrum der vierten Verse in den Strophen 1 und 2 mit einem eingeschobenen Daktylus: „Lauter lustige Leute“ bzw. Und geschicktere Beine“ (S. 1, V. 4 u. S. 2, V. 4, Betonungen jeweils blau eingefärbt). In der letzten Strophe verwendet Brecht im vierten Vers jedoch nur einen dreihebigen Trochäus mit weiblicher Kadenz.
Mit dieser einfachen, tradierten Liedform und der rhythmischen Abwechslung durch den Einschub von Daktylen verleiht Brecht dem Gedicht einen tänzelnden, beschwingten Charakter, der mit dem unbekümmerten Frohsinn des lyrischen Ich übereinstimmt.

„Als ich nachher von dir ging / An dem großen Heute“ (S. 1, V. 1-2) deutet ein vergangenes Geschehen zunächst an, ohne dass wir wissen, was genau geschehen ist. Allerdings zeigt diese Formulierung, dass das lyrische Ich das Geschehen mit sich nimmt, dass das Vergangene Kontakt zum Jetzt besitzt. Das „nachher“ weist auf einen vergangenen Zeitpunkt, doch wird dieses Nachher im „Heute“, ja dem „großen Heute“ (s. o.) verordnet. Das Heute wird durch das Attribut „groß“ betont und gleichzeitig mit der Vergangenheit in Verbindung gebracht. Schon daran lässt sich vermuten, dass das lyrische Ich etwas vom vergangenen Geschehen mitgenommen hat, nun eine andere Sicht auf das Hier und Jetzt besitzt. Die eigentliche Veränderung kommt jedoch nach dieser zeitlichen Einordnung, die vieles ungenannt lässt. Das Ich konnte sich selbst dabei betrachten, wie es überall „lauter lustige Leute“ sah (S. 3, V. 4), wobei der vom lyrischen Ich wahrgenommene Frohsinn durch diese Alliteration unterstrichen wird. Durch den Ausdruck „sah ich, wie ich sehn anfing“ (S. 1, V. 3) wird noch einmal betont, dass das lyrische Ich eine Veränderung an sich selbst bemerkt – es beobachtet seine neue Einstellung selbst – und gleichzeitig weiß, dass diese Veränderung aus seinem eigenen Innern und nicht der Welt stammt. Das lyrische Ich trifft eben nicht plötzlich überall auf fröhliche Leute, sondern meint, diese zu sehen. Da das „Vorher“, welches das lyrische Ich sich nicht zu benennen traut, wahrscheinlich der Sex mit dem angeredeten Du ist, kann man diese Stelle als ironische Anspielung des Dichters auf den psychischen Einfluss der sexuellen Befriedigung werten. Das lyrische Ich ist nach der Nacht verwandelt, sieht die Welt wie mit einer „rosaroten Brille“, meint kein Übel zu erkennen und ist auch nicht wirklich Herr seiner Gefühle. Es sieht, wie es fröhliche Leute zu sehen anfängt – das drückt aus, dass ein Teil vom lyrischen Ich, nämlich der fühlende Teil, losgelöst ist von dem Teil, der über das Handeln reflektiert. Der Wandel hat also vor allem auf sinnlicher, emotionaler Ebene stattgefunden, während der rationale Teil des lyrischen Ich sich diesem Wandel zwar nicht widersetzt, aber doch erstaunt von ihm zu sein scheint.

Am Anfang der zweiten Strophe spielt das lyrische Ich wieder nur auf die vergangene Nacht an, ohne genau zu benennen, was dort geschehen ist: „Und seit jener Abendstund / Weißt schon, die ich meine“ (S. 2, V. 1-2). Einerseits spricht das lyrische Ich freimütig über die in ihm vorgehenden Veränderungen, andererseits traut es sich nicht einmal, der geliebten Person gegenüber die Dinge beim Namen zu nennen, denn der Adressat ist ja die Person, die mit dem lyrischen Ich die Nacht durchlebt hat. Dies spricht dafür, dass das lyrische Ich noch jung ist und vor dieser Nacht noch sexuell unerfahren war. Offensichtlich schämt es sich noch, von der Sexualität zu reden. Dass das lyrische Ich nun meint, einen „schönern Mund“ und „geschicktere Beine“ zu haben (S. 2, V. 3 u. 4), ist aber ein direkter Hinweis auf das, was in der vergangenen Nacht geschehen ist. Das lyrische Ich hat nun sexuelle Erfahrung gesammelt und steht seinem Körper nun positiver gegenüber – das lyrische Ich entdeckt seinen Körper neu und fühlt sich sichtlich wohl in seiner Körperlichkeit. Außerdem ist dies ein Hinweis auf das Geschlecht des lyrischen Ich: Schöne Augen und Beine betont man bei Männern seltener als bei Frauen. Zudem war der ursprüngliche Titel des Gedichts Lied einer Liebenden (Anm. 1). Es ist also zu vermuten, dass das Mädchen oder die junge Frau in der vergangenen Nacht ihre Jungfräulichkeit verloren hat, denn sie sieht die Welt nun mit völlig anderen Augen, was für eine völlig neue und intensive Erfahrung mit der geliebten Person spricht.

Auch die Naturwahrnehmung des lyrischen Ich hat sich verändert. Zwar ist diese nicht besonders tiefgehend (jedenfalls nicht im Sinne einer romantischen, mystisch aufgeladenen Naturwahrnehmung), aber nun intensiver und sinnlicher: Die Natur ist „grüner“ (S. 3, V. 1), das Wasser, mit dem sich das lyrische Ich wäscht, nun „schöner kühl“ (S. 3, V. 3). Das lyrische Ich hat keinen völlig anderen Zugang zur Natur, die es nur als sinnlichen Reiz wahrnimmt, aber es achtet nun mehr auf diesen Reiz. Es mag durchaus ironisch erscheinen, dass eine sexuelle Erfahrung dazu führt, dass man die Welt anders wahrnimmt und das lyrische Ich ist sicherlich naiv zu nennen, was sich auch an der schlichten Sprache zeigt, doch das Gedicht stellt keine Kritik am psychischen Wandel durch Sexualität dar. Stattdessen zeigt es, wie umfassend sich die Körperlichkeit auf die Seele auswirkt. Dabei wird die Sprache von Bertolt Brecht, der ganz im Gegensatz zum lyrischen Ich durch seine zahlreichen Affären sexuell sehr erfahren war, bewusst einfach gehalten. Der Leser soll sich nicht in das lyrische Ich einfühlen, seine naive Ausdrucksweise, die manchmal Klischees aus der Dichtung des 18. und 19. Jahrhunderts bedient – wie etwa „Grüner ist, seit ich so fühl / Baum und Strauch und Wiese“ (S. 3, V. 1-2) – wirkt belustigend. Doch da auch das lyrische Ich weiß, woher sein Wandel kommt, wird diese Tatsache relativiert.

Brecht verwendet eine betont einfache und traditionelle Liedform mit Anleihen aus der lyrischen Sprache voriger Jahrhunderte, während der Inhalt dieser Form jedoch entgegengesetzt ist. Als ich nachher von dir ging ist zwar an vielen Stellen ironisch zu verstehen und lädt damit nicht zur emotionalen Identifikation mit dem lyrischen Ich ein, doch zeigt Brecht, welch große Rolle Sexualität, Sinnlichkeit und Körperlichkeit dabei spielen können, wie man die Welt wahrnimmt. Das lyrische Ich findet über die Sexualität einen optimistischen Zugang zur Welt, mit der es sich offensichtlich im Einklang befindet. Dies ist durchaus kein romantischer Blick auf die Liebe, sondern eben ein moderner, der auch die Sexualität aus der Lyrik nicht ausklammert.

Teilaufgabe B: Gedichtvergleich

$\blacktriangleright$ Die Gedichte vergleichen

Tipp

Jetzt sollst du die Gedichte vergleichen, also ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausarbeiten. Wie bei einer Interpretation solltest du die Form, aber hauptsächlich und in erster Linie den Inhalt der Gedichte betrachten.
Formal sind die Gedichte nicht sonderlich voneinander unterschieden; beide basieren auf der Liedform mit regelmäßigem, alternierendem Metrum und Kreuzreimen. Jedoch ist diese Form untypisch für Brecht und besitzt bei ihm auch einen humoristischen Effekt (Darstellung des Glücksgefühls nach sexueller Befriedigung). Inhaltlich beziehen die Gedichte jedoch unterschiedliche Positionen zum Thema. Während in Mörikes Gedicht der Tag nach der Trennung leer und trist erscheint, das lyrische Ich sich zur der geliebten Person zurücksehnt und an der Welt uninteressiert scheint, empfindet das lyrische Ich in Brechts Gedicht die Welt als einen sinnlichen und glücklichen Ort; die vergangene Zeit mit der geliebten Person wird nicht betrauert, sondern bejaht und eine positive Veränderung des Lebensgefühls betont.
Diesen Fragen solltest du nachgehen: Wie empfindet das jeweilige lyrische Ich die Trennung? Wie steht es zur Welt, die es umgibt? Wie spricht das lyrische Ich von der geliebten Person? Welches Bild hat das lyrische Ich von sich selbst?
Ziehe am Ende ein Fazit. Dort kannst du auch deine eigene Meinung anbringen, in der Einleitung und dem Hauptteil jedoch solltest du das nicht tun.

Sowohl Eduard Mörikes Gedicht Früh im Wagen als auch das Gedicht Als ich nachher von dir ging von Bertolt Brecht befassen sich mit dem Thema Liebe bzw. dem Tag nach dem Treffen mit einer geliebten Person. Die lyrischen Sprecher sind jeweils mit einem Wandel konfrontiert, der dem vergangenen Treffen und bei Mörikes Gedicht vor allem dem Abschied von der geliebten Person geschuldet ist. Jedoch weisen die beiden Werke gegensätzliche Blickwinkel auf „den Tag danach“ auf: Während das lyrische Ich in Früh im Wagen mit Sehnsucht an die geliebte Person zurückdenkt und die Welt als trist empfindet, nimmt das lyrische Ich in Als ich nachher von dir ging die Welt nun intensiver und fröhlicher wahr.

Da Eduard Mörikes Gedicht aus eben der Zeit der Liebeslyrik stammt, an die sich die Form von Bertolt Brechts Gedicht anlehnt, ähneln sich die Werke im Hinblick auf die Struktur. Beide verwenden die Liedform; folglich bestehen ihre Strophen aus jeweils vier Versen, die sich nach dem Kreuzreimschema reimen. Brecht alterniert jedoch die Kadenzen seiner Verse, weshalb auf einen Vers mit vier Hebungen und männlicher Kadenz ein Vers mit drei Hebungen und weiblicher Kadenz folgt. Bei Mörike besitzen alle Verse drei Hebungen und enden ausnahmslos mit männlicher Kadenz. Zudem benutzt Brecht ein trochäisches Metrum, das in den Strophen 3 und 4 im letzten Vers durch einen Daktylus aufgelockert wird, wohingegen Mörike ein jambisches Metrum benutzt. So hat Als ich nachher von dir ging einen tänzerischen und beschwingten Rhythmus, während die metrische Monotonie in Früh im Wagen der Trauer des lyrischen Ich entspricht.

Den Gedichten liegen unterschiedliche Situationen zugrunde: Bei Mörike reist das lyrische Ich einem unbekannten Ziel entgegen und wird lange fortbleiben, wenn nicht für immer, während bei Brecht kein Anhaltspunkt dafür erkenntlich ist, dass sich das lyrische Ich für mehrere Tage von seiner geliebten Person getrennt hat und folglich keine Trennungsschmerzen empfindet. Daher ist das lyrische Ich in Als ich nachher von dir ging auch optimistisch und vom Frohsinn geprägt, denn es nimmt ein positives Erlebnis, wohl die erste Liebesnacht, mit in sein alltägliches Leben, wohingegen das lyrische Ich in Früh im Wagen aufgrund seiner längeren Trennung von der geliebten Person traurig, melancholisch und sehnsüchtig ist – sein Alltag ist nicht von der Erinnerung an die letzte Nacht bereichert, denn das lyrische Ich vermisst seinen Geliebten oder seine Geliebte sehr. Während also bei Mörike das Feld grau und das frühe Licht blass ist (S. 1, V. 1-3), ist die Natur bei Brechts Gedicht nun scheinbar grüner geworden (S. 3, V. 1-2). Dies steht symbolisch auch für die Gedankenwelt des jeweiligen lyrischen Sprechers. Der eine wünscht sich in die Vergangenheit zurück, Motive von Vergänglichkeit – so das Untergehen des Hoffnung gebenden Morgensterns – und des Todes (der lyrische Sprecher will sein Gesicht am Hals der geliebten Person begraben) beherrschen seine Gedanken, während der andere beschreibt, wie er das Leben nun intensiver wahrnimmt. Bei Brecht vermitteln die Gedanken des lyrischen Ich Lebendigkeit – „lustige Leute“, „geschickerte Beine“ und eine farbenprächtigere Natur (S. 1, V. 4 u. S. 2, V. 4) –, während das lyrische Ich in Früh im Wagen nicht einmal im Gedanken an die vergangene Nacht mit der geliebten Person Freude empfinden kann und sich stattdessen danach sehnt, sich der Welt für diese zu entziehen. Dass es in seinem Traum am Halse der geliebten Person „Purpurschwärze“ sieht (S. 5, V. 3-4), kann als Wunsch gedeutet werden, mit der geliebten Person im Jenseits auf ewig zusammenzusein. Lebenslust und Gedanken an Tod, Verlust und Vergänglichkeit stehen sich in den beiden Gedichten also direkt gegenüber.

Die unterschiedlichen Situationen führen auch zu einer unterschiedlichen Bewertung von Zeit. Für das lyrische Ich in Mörikes Gedicht bedeutet fortschreitende Zeit Verlust, da mit jedem Augenblick, der verstreicht, die letzte Nacht mit der geliebten Person ein Stück weiter in die Vergangenheit rückt. Die triste Gegenwart ist der Vergangenheit entgegengesetzt: Das zeigt sich sprachlich daran, dass der Tagtraum des lyrischen Ich, obwohl er sich auf einen vergangenen Zeitpunkt bezieht, ebenso im Präsens steht wie die Landschaftsbeschreibungen unmittelbar zuvor; Gegenwart und Vergangenheit stehen in Konkurrenz, da das lyrische Ich nicht will, dass die Gegenwart die Vergangenheit ersetzt. Der Wandel von Zweisamkeit zu Einsamkeit wird hier auch durch die Grenze von Nacht und Tag markiert: Während das lyrische Ich in der Dämmerung noch die Vergangenheit nacherleben kann, wird dieser Traum durch das Aufgehen der Sonne zerstört (S. 6, V. 1-2). Der langsame Wechsel vom Tag zur Nacht wird, untypisch für romantische Gedichte, nicht in seiner Schönheit geschildert, zudem steht das Untergehen des Morgensterns symbolisch für das Untergehen der Hoffnung. Vom Tagesanbruch geht also im gewissen Sinne eine Bedrohung aus, denn sie zerstört die unmittelbare Erinnerung.
Das lyrische Ich in Als ich nachher von dir ging stellt die vergangene Nacht nicht über die Gegenwart, obwohl es seine Jungfräulichkeit in ersterer verloren hat – ein besonderes Erlebnis, dennoch wird es in die Wahrnehmung der Gegenwart eingegliedert und steht nicht außerhalb von dieser. Das sich wahrscheinlich hinter dem lyrischen Ich verbergende Mädchen, wie uns der frühere Titel des Lieds nahelegt, spricht vom „großen Heute“ (S. 1, V. 2), bejaht also die Gegenwart, statt der besonderen Nacht hinterherzutrauern. Dabei ist seine Sicht auf die Gegenwart nun eine andere, nämlich positivere, das Mädchen erlebt seine Mitmenschen und die Natur nun intensiver und merkt eine positive Veränderung an seinem Körper an. Das Hier und Jetzt ist für das Mädchen also keine Bedrohung, der Wandel wird vom Mädchen bejaht und nicht betrauert. Dieser Wandel führt zu einem besseren Kontakt zum Leben und damit zu einem Gewinn, während der Wandel bei Früh im Wagen ein Verlust ist.

Eben dieser Verlust führt dazu, dass das lyrische Ich sich in Früh im Wagen aus der Welt bzw. der Realität herauswünscht. Die Natur wird vom lyrischen Ich beinahe teilnahmslos beschrieben, eine romantische Natursicht fehlt trotz des Erscheinungsjahr des Gedichts, das es an der Grenze zwischen Romantik und Biedermeier verortet. Dementsprechend nennt das lyrische Ich sich in den ersten Strophen nicht selbst, in der zweiten Strophe wird lediglich ein unpersönliches „man“ genannt (S. 2, V. 1) – das lyrische Ich fühlt sich nicht als Teil der Umgebung, durch die der Wagen es fährt. Erst im Gedanken an die geliebte Person spricht es von sich selbst, zeigt Gemütsregungen. Es ist losgelöst von der Welt, will aus der Realität in den Traum fliehen, aus einer als einsam und trist empfundenen Wirklichkeit in den Gedanken an die Abschiedsnacht. Eine Welt ohne die geliebte Person erscheint dem lyrischen Ich leer, selbst der Sonnenaufgang wird nicht mit der Hoffnung verbunden, sondern mit dem Zerstören des Traums. Die tiefe Liebe zu einer zurückgelassenen Person ist so groß, dass im Traum des lyrischen Ich sogar eine Todessehnsucht angedeutet wird (s. o.). Hier führt die Liebe (genauer gesagt, die Trennung von der geliebten Person) dazu, dass das lyrische Ich sich von der Welt losgelöst fühlt und dieser am liebsten entfliehen würde.
In Als ich nachher von dir ging verhält es sich genau umgekehrt: Hier führt die Liebe dazu, dass das lyrische Ich die Welt intensiver wahrnimmt, es befindet sich im Einklang mit derselben. Stets betont es seine Rolle in der Welt, beschreibt nicht teilnahmslos die Natur, sondern, wie es diese wahrnimmt: „Grüner ist, seit ich so fühl / Baum und Strauch und Wiese / Und das Wasser schöner kühl / Wenn ich's auf mich gieße.“ (S. 3) Die Welt, eher gesagt die Reize, die sie aussendet, wird vom lyrischen Ich bejaht. Diese Lebenslust deutet auf Harmonie mit dem Sein hin, lediglich von sich selbst scheint das lyrische Ich ansatzweise losgelöst zu sein: Es beobachtet sich selbst bei seinem veränderten Verhalten (S. 1), scheint von der Veränderung überrascht. Jedoch liegt das lyrische Ich nicht im Konflikt mit sich selbst, denn es ist glücklich über die Veränderung. Es deutet nichts darauf hin, dass das lyrische Ich keine romantischen Gefühle zu der in der letzten Nacht getroffenen Person besitzt: als direkter Ansprechpartner scheint sie für das lyrische Ich ja wichtig zu sein. Dennoch kommt hier eine deutliche Betonung des Sinnlichen und Körperlichen zum Vorschein, im Gegensatz zum lyrischen Ich aus Früh im Wagen. Der lyrische Sprecher aus Mörikes Gedicht beschreibt zwar Körperlichkeit mit der geliebten Person, sucht aber Geborgenheit und nicht sinnlichen Reiz, denn sonst würde er sein Gesicht nicht am Hals der geliebten Person begraben wollen, um dann „Purpurschwärze“ zu sehen (S. 5).

Auch sprachlich zeigt sich bei den Gedichten eine große Differenz. Bei Mörike zeigt sich die durchweg lyrische Sprache der Romantik, die stark von der Alltagssprache abweicht. Inversionen wie „Es graut vom Morgenreif / In Dämmerung das Feld“ (S. 1, V. 1-2) verändern die gewöhnliche Satzstruktur, Mörikes Stil wirkt daher gehoben und „poetisch“. Dies stimmt auch mit dem Inhalt des Gedichts überein, denn das lyrische Ich sehnt sich aus seinem jetzigen Alltag bzw. der Realität heraus hin zu seiner geliebten Person. Liebe wurde in der Romantik zwar als typisch menschlich, aber eben nicht als alltäglich oder gar als gewöhnlich angesehen – man dachte sich die Liebe als ein Gefühl, das die Realität übersteigt, als etwas Magisches und Göttliches. Das lyrische Ich spricht daher nicht in einfacher Alltagssprache von seinem Abschiedsschmerz, sondern in einer lyrischen, melancholischen Sprache. Dazu passt auch, dass die Natur, auch wenn das lyrische Ich sich nicht sonderlich für sie interessiert, symbolisch aufgeladen wird und so das Empfinden des lyrischen Ich widerspigelt: Sie ist grau, das Licht ist blass, der Morgenstern als Symbol der Hoffnung verblasst. Auffallend sind die vielen Verben der Bewegung und des Stillstands wie „vergehn“ und „stehn“ (S. 2, V. 2 u. 4), „drängt“ und „versenkt“ (S. 3, V. 2 u. 4). Damit wird einerseits die Ambivalenz des lyrischen Ich dargestellt, das sich im Wagen bewegt, aber in Gedanken bei der Abschiedsnacht ist, andererseits wird dadurch sprachlich markiert, dass das lyrische Ich in die Ferne reist, während die geliebte Person zurückbleibt.
Brechts Gedicht jedoch weist zwar an manchen Stellen die typische durchdachte, hintersinnige Sprache der Lyrik auf – beispielsweise mit der zwar einfach gehaltenen, aber nicht alltagssprachlichen Passage „Als ich nachher von dir ging / An dem großen Heute / Sah ich, wie ich sehn anfing“ (S. 1, V. 1-3) –, aber vieles ist bewusst in einer nicht sehr poetischen Sprache geschrieben. Die Alliteration „Lauter lustige Leute“ (S. 1, V. 4) verrät ein kindliches Gemüt, die bloße Andeutung „Weißt schon, die ich meine“ (S. 2, V. 2) deutet zwar gekonnt die Liebesnacht an, wirkt aber umgangssprachlich. Liebe wird hier nicht als die Wirklichkeit übersteigendes Gefühl beschrieben, sondern als etwas, das ganz natürlich Teil der eigenen Lebenswelt ist. Die im Gedicht verwendeten Verben sind daher ich-betont, denn das lyrische Ich fühlt sich eben im Einklang mit der Welt. Eine unpersönliche Sicht auf die Natur, wenngleich eine symbolisch aufgeladene, wie bei Mörike findet sich in Brechts Gedicht nicht, stattdessen eine auf den sinnlichen Reiz konzentrierte, dabei von aller Metaphorik und allem symbolischen Hintersinn befreite Naturbetrachtung, was dem naiven Wesen des lyrischen Ich entspricht (vgl. S. 3).
Im sprachlichen Vergleich zeigt sich also, dass das lyrische Ich aus Brechts Gedicht einen eher auf sinnliche Erfahrung gründenden Kontakt zur Welt hat. Das ist trotz der an die Romantik angelehnten Form ein modernes Merkmal; Sexualität und Sinnlichkeit werden aus der Liebe nicht ausgeklammert, die Liebe wird nicht überhöht. In Mörikes Gedicht jedoch steht die Liebe über der Welt, weshalb das lyrische Ich sich von dieser entfremdet.

Früh im Wagen und Als ich nachher von dir ging demonstrieren, wie unterschiedlich ein „Tag danach“ sein kann. In Mörikes Gedicht hat das lyrische Ich eine Trennung auf unbestimmte Zeit hinter sich, hier endet etwas, während das lyrische Ich in Brechts Gedicht seine geliebte Person wahrscheinlich bald wiedersehen kann, hier beginnt etwas, nämlich eine neue Sicht auf das Leben. Diese Sicht auf das Leben und die Liebe ist vor allem körperlich oder besser: sinnlich. Der Genuss am körperlichen Reiz ist bei Brecht nichts Negatives oder auch nur Oberflächliches, sondern etwas Natürliches, das dem lyrischen Ich immerhin zum Einklang mit der Welt verhilft. Hier offenbart sich ein typisch modernes Denkmuster, das der bewusst traditionell gehaltenen Liedform des Gedichts zuwiderläuft: Die Liebe gilt in diesem Gedicht zwar immer noch als etwas Wunderbares, das lyrische Ich hat durchaus eine verklärte Sicht auf die Welt, aber die Liebe ist hier kein göttliches Gefühl, das die Wirklichkeit übersteigt. Brecht schildert neben dem Bewusstseinswandel durch die Liebe und die Sexualität auch ihre körperlichen Auswirkungen. Dagegen zeigt sich bei Mörike noch ein Blick auf die Liebe, wie er für die Romantik und den beginnenden Biedermeier typisch ist. Die Liebe zur zurückgelassenen Person ist so stark, dass das lyrische Ich die einsame Wirklichkeit verdrängen möchte, Liebe übersteigt hier alles andere. Sie ist der Fluchtpunkt des lyrischen Ich, das sich nach Geborgenheit und Harmonie sehnt – und damit ist sie auch Sinnstifter, der gebraucht wird, um dem Leben einen Sinn zu geben. An den Gedichten zeigen sich also sowohl die verschiedenen Gefühle, die Liebe auslösen kann, als auch die verschiedenen Auffassungen von Liebe der Romantik oder des beginnenden Biedermeiers und der Moderne.

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