Prüfungsarbeit B
Stelle die Grundzüge der Reich-Gottes-Botschaft Jesu anhand zweier biblischer Belege dar.
Arbeite aus M 1 das Verhältnis zwischen historischem Jesus und dem Christentum heraus.
Analysiere M 2 ausgehend von einer Bildbeschreibung.
Setze M 2 mit Grundaussagen aus M 1 in Beziehung.
„Das Reich Gottes ist jedoch nicht gekommen.“ (Z. 6 f.)
Setze dich mit dieser Aussage auseinander.
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Aus: Jörg Lauster: Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums, München 2014, S. 34 f.
M2

Kruzifixus von Heinrich Bäumer (1929) in der katholischen Pfarrkirche St. Ludgeri Münster (Westf.)
Dieses Kreuz wurde bei einem Bombenangriff am 30.09.1944 zerstört, ein Bombensplitter durchschlug den Korpus an der Stelle des Herzens.
Nach 1945 wurde die Figur (in ihrer Form belassen und auf einem erneuerten Kreuzesholz befestigt) zum Gedenken an die Toten des Krieges wieder aufgestellt.
Die Inschrift auf dem Querbalken lautet: „ICH HABE KEINE ANDEREN HAENDE ALS DIE EUEREN“
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Grundzüge der Reich-Gottes-Botschaft Jesu anhand zweier biblischer Belege
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Die Reich-Gottes-Botschaft Jesu gehört zu den zentralen Inhalten seiner Verkündigung. Sie beschreibt, wie Gott in der Welt wirksam wird, wie sich diese Wirklichkeit ausbreitet und welche Haltung und Lebenspraxis daraus für Menschen folgt. Dabei lässt sich zwischen dem Wesen des Reiches Gottes (also seiner Art und Weise des Kommens) und seinen Inhalten (also dem, was das Reich Gottes konkret bewirkt und fordert) unterscheiden.
Wesen des Reiches Gottes
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Zunächst wird das Reich Gottes bei Jesus als ein Geschehen beschrieben, das wächst. Es ist keine fertige Ordnung, die plötzlich vollständig das Leben bestimmt, sondern eine Wirklichkeit, die sich entfaltet und größer wird. Mit diesem Wachstum ist eng verbunden, dass das Reich Gottes die Welt allmählich durchdringt. Es verändert Wirklichkeit nicht immer spektakulär und sofort, sondern oft schrittweise, von innen her und in kleinen Anfängen, die erst im Verlauf ihre Tragweite zeigen.
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Gleichzeitig betont Jesus aber auch das unverhoffte Kommen des Reiches Gottes. Das Reich Gottes ist nicht einfach das Ergebnis menschlicher Planung oder Leistung. Es kann überraschend und unerwartet anbrechen, sodass Menschen nicht über Gott verfügen, sondern sich auf sein Handeln einstellen müssen.
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Schließlich steht über allem ein eschatologischer Vorbehalt. Das bedeutet, dass das Reich Gottes zwar gegenwärtig wirksam ist, aber noch nicht in seiner endgültigen Vollendung vorliegt. Es bleibt immer eine Spannung zwischen dem, was schon erfahrbar ist, und dem, was erst am Ende vollständig Wirklichkeit wird. Diese Spannung schützt davor, das Reich Gottes mit menschlichen Erfolgen oder kirchlichen Strukturen zu verwechseln.
Inhalte des Reiches Gottes
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Inhaltlich zeigt sich die Reich-Gottes-Botschaft Jesu als eine radikale Orientierung auf Gott und den Mitmenschen. Ein Grundzug ist die Nächstenliebe, die nicht auf Sympathie begrenzt bleibt, sondern als verbindliche Haltung verstanden wird, die dem anderen dient und ihn ernst nimmt. Dazu gehört ebenso die Gewaltlosigkeit, also die Absage an Vergeltung und an die Logik von Macht und Gegengewalt. Jesus zielt auf eine neue Weise des Zusammenlebens, die nicht aus Feindschaft, sondern aus Versöhnung lebt.
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Zentral ist außerdem die Vergebung der Sünden. Das Reich Gottes bringt eine neue Beziehung zwischen Gott und Mensch, in der Schuld nicht das letzte Wort hat. Diese Vergebung ist bei Jesus nicht nur innerliches Gefühl, sondern eine Wirklichkeit, die Menschen aufrichten und neu anfangen lassen soll.
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Damit verbunden ist der Ruf zur Umkehr und Lebensveränderung. Das Reich Gottes fordert nicht nur Zustimmung, sondern eine neue Lebensrichtung: Menschen sollen ihr Handeln und Denken verändern, sich neu an Gott ausrichten und die Konsequenzen im Alltag sichtbar werden lassen.
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Als umfassender Horizont gilt die Verwandlung und Veränderung der Welt. Die Reich-Gottes-Botschaft zielt auf Zustände wie Frieden, Liebe, Heil und neue Gerechtigkeit. Sie bleibt also nicht privat, sondern hat eine gesellschaftliche Dimension: Die Welt soll so werden, wie Gott sie will – menschenwürdig, heil und gerecht.
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Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Hinwendung zu Randständigen. Jesus richtet seine Aufmerksamkeit auf Menschen, die religiös oder gesellschaftlich ausgeschlossen sind, und macht sie zu Adressaten der Verheißung Gottes. Damit wird zugleich die Überwindung religiöser Vorbehalte und Festsetzungen deutlich: Jesus durchbricht Grenzen, die Menschen voneinander trennen, und stellt Gottes Barmherzigkeit über starre Abgrenzungen.
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Schließlich gehört zur Reich-Gottes-Botschaft auch die Zusage der Fülle des Lebens. Das Reich Gottes meint nicht nur moralische Forderung oder jenseitige Hoffnung, sondern Leben, das in seiner Tiefe gelingt: angenommen, geheilt, versöhnt, frei und auf Zukunft hin geöffnet.
Beleg 1: Gleichnis vom Senfkorn (Mk 4,30–32) – Wachstum und allmähliches Durchdringen
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Im Gleichnis vom Senfkorn (Mk 4,30–32) beschreibt Jesus das Reich Gottes als etwas, das aus einem winzigen Anfang heraus wächst. Das Senfkorn ist sehr klein, und gerade diese Unscheinbarkeit macht die Aussage deutlich: Das Reich Gottes beginnt nicht mit Macht und äußerem Glanz, sondern oft verborgen und unauffällig. Dennoch entfaltet es eine überraschende Dynamik und wird zu einer großen Pflanze, in der sogar Vögel nisten können. Dadurch wird sichtbar, dass das Reich Gottes nicht nur größer wird, sondern auch Raum schafft und Leben ermöglicht.
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Gleichzeitig wird im Bild des Wachsens die Idee des allmählichen Durchdringens deutlich. Das Reich Gottes breitet sich nicht als plötzlicher Umsturz aus, sondern Schritt für Schritt. Die Veränderung geschieht in der Zeit und ist an Prozesse gebunden. Damit verbindet Jesus die Hoffnung, dass Gottes Wirklichkeit zwar gegenwärtig ist, aber Geduld und Vertrauen verlangt.
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Auch der eschatologische Vorbehalt ist im Hintergrund präsent: Das Gleichnis zeigt zwar den Weg vom Anfang zur großen Entfaltung, aber es macht deutlich, dass diese Vollgestalt nicht sofort da ist. Menschen leben in einer Zwischenzeit, in der sie Anfänge sehen, aber die Vollendung noch aussteht. Gerade diese Spannung verhindert, dass man die Gegenwart vorschnell als endgültiges Reich Gottes missversteht.
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Inhaltlich lässt sich das Gleichnis außerdem mit der Fülle des Lebens verbinden. Die große Pflanze und die Nistmöglichkeiten für die Vögel können als Bild dafür verstanden werden, dass Gottes Reich ein Raum des Lebens, der Geborgenheit und der Zukunft ist. Damit wird Reich Gottes nicht als bedrohliche Herrschaft, sondern als lebensfördernde Wirklichkeit dargestellt.
Beleg 2: Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30–35) – Nächstenliebe, Überwindung von Grenzen und neue Gerechtigkeit
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Ein zweiter biblischer Beleg kann das Gleichnis vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30–35) sein, weil hier die Inhalte der Reich-Gottes-Botschaft besonders konkret werden. Jesus erzählt von einem Menschen, der überfallen und schwer verletzt wird. Mehrere Personen gehen vorbei, ohne zu helfen. Erst ein Samariter – also jemand, der aus Sicht vieler damaliger Juden als religiös fremd oder sogar verachtet galt – lässt sich berühren, hilft, versorgt die Wunden und sorgt nachhaltig für die weitere Pflege.
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Dieses Gleichnis bringt als Kerninhalt die Nächstenliebe zur Sprache, und zwar in einer radikalen Form: Nächstenliebe bedeutet hier nicht bloß Mitgefühl, sondern tätiges Handeln, das Zeit, Risiko und Ressourcen kostet. Der Samariter übernimmt Verantwortung, statt sich herauszureden. Damit wird Reich Gottes als eine Wirklichkeit sichtbar, die Menschen befähigt, nicht am Leid vorbeizugehen, sondern es zu lindern.
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Zugleich wird hier die Überwindung religiöser Vorbehalte und Festsetzungen besonders deutlich. Dass ausgerechnet ein Samariter zum Vorbild wird, sprengt traditionelle Abgrenzungen. Das Gleichnis zeigt, dass Gottes Wille nicht an Gruppenidentitäten gebunden ist und dass religiöse Reinheitslogiken oder soziale Distanz keine Entschuldigung sein dürfen, wenn ein Mensch in Not ist.
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Darüber hinaus lässt sich das Gleichnis als Ausdruck einer Verwandlung und Veränderung der Welt verstehen. Wenn Menschen so handeln, entsteht eine neue Wirklichkeit von Frieden, Liebe, Heil und Gerechtigkeit. In einem Umfeld von Gewalt und Verwundung wird Heil ermöglicht. Damit wird Reich Gottes nicht nur verkündet, sondern durch Handeln erfahrbar gemacht.
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Außerdem lässt sich die Hinwendung zu Randständigen ansprechen – hier in zweifacher Perspektive: Der Verletzte ist in einer Situation völliger Hilflosigkeit und wird zum Randständigen, weil er „liegen gelassen“ wird. Der Samariter selbst ist gesellschaftlich und religiös randständig, wird aber zum Träger der göttlichen Barmherzigkeit. Gerade darin zeigt sich die Logik des Reiches Gottes: Gott wirkt oft nicht über die „Erwartbaren“, sondern über diejenigen, die man nicht im Zentrum vermuten würde.
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Schließlich wird auch der Charakter des Reiches Gottes als unverhofftes Kommen sichtbar. Die Hilfe kommt unerwartet – nicht von den religiös oder gesellschaftlich „naheliegenden“ Personen, sondern aus einer Richtung, die man nicht erwartet hätte. Das Gleichnis vermittelt damit, dass Gottes Reich nicht nach menschlichen Kalkülen funktioniert, sondern überraschend und frei.
Aufgabe 2
Verhältnis zwischen historischem Jesus und Christentum nach M1
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M1 (Jörg Lauster) beschreibt das Verhältnis zwischen dem historischen Jesus und dem Christentum als spannungsreich.
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Das Christentum verehrt Jesus als Christus, den „Gesalbten“ (Z. 1) und sieht in ihm nicht nur seinen Begründer, sondern verehrt ihn sogar als Gott (Z. 1 f.).
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In den Evangelien wird in Jesus die Gegenwart Gottes präsent (Z. 4). Jesus lebte in der Gewissheit, dass das Reich Gottes unmittelbar oder bald anbrechen werde (Z. 5 f.). Doch Jesu maßloser Anspruch an die Vollendung der Welt erscheint uns heute fremd (Z. 7 f.). Sein Leben endet mit der Hinrichtung. Am Anfang des Christentums steht daher eine Spannung zwischen großem Anspruch, unerfüllter Hoffnung und möglichem Scheitern (Z. 8 ff.).
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Lauster betont, dass die Predigt Jesu und der Glaube des Christentums nicht identisch sind (Z. 12 f.). Es kommt zu einer Metamorphose.
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Die Auferstehung ist keine einfache Bestätigung aller Hoffnungen Jesu (Z. 13 f.). Vielmehr verstehen die ersten Christen die Ereignisse als Bekräftigung seines Anspruchs in neuem Sinn (Z. 14 ff.).
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Die Hoffnung auf das Reich Gottes wird transformiert zur Gewissheit, dass Jesus als Christus weiter wirkt unter den Seinen (Z. 16 ff.).
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In den ersten biblischen Texten zeigt sich eine neue existentielle Gestimmtheit, die über den historischen Jesus hinausgeht (Z. 18 ff.). Die Erwartung des unmittelbar bevorstehenden Reiches tritt zurück (Z. 20 f.), und die ethische Radikalität wird teilweise gemildert (Z. 21 f.).
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Es liegt ein Bruch zwischen dem Leben Jesu und dem Beginn des Christentums (Z. 24 f.). Neuzeitliche Religionskritik wirft der Kirche vor, Jesus verzerrt dargestellt zu haben (Z. 25 ff.). Dennoch ist Jesus nicht einfach Stifter des Christentums, aber ohne seine historische Wirksamkeit wäre es nicht denkbar (Z. 33 ff.).
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Trotz des Bruchs bestehen Kontinuitätslinien: Jesu Gottesnähe, seine ethische Radikalität und sein Leiden für andere wirken fort (Z. 36 f.).
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Zwischen Jesus und Christentum liegt ein „Mehr“ (Z. 41): die Transformation der Person Jesu zum Christus (Z. 43). Die Geschichte des Christentums ist der Versuch, diese Spannung zwischen historischem Jesus und Christus des Glaubens auszuhalten (Z. 44 ff.).
Aufgabe 3.1
Analyse von M2 (Kruzifix)
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Das Kruzifix zeigt Christus mit prunkvoller Krone und erhobenem Haupt. Gleichzeitig ist der Körper mager, die Rippen treten hervor. Die linke Brust ist durch einen Bombensplitter durchschlagen. Der Lendenschurz ist schlicht. Die Beine verlaufen parallel, die Füße ruhen auf einer Fußstütze.
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Auffällig ist, dass der Korpus keine Arme besitzt. Stattdessen steht auf dem Querbalken die Inschrift: „ICH HABE KEINE ANDEREN HAENDE ALS DIE EUEREN“.
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Die Darstellung zeigt Christus zugleich als König und Sieger (Krone, erhobenes Haupt) und als leidenden, verletzten Menschen. Es entsteht eine Spannung zwischen Macht und Ohnmacht.
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Die fehlenden Hände stellen einen deutlichen Handlungsappell an die Betrachtenden dar. Christus wirkt durch die Menschen.
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Die Bombensplitter-Wunde deutet auf eine „doppelte Kreuzigung“ hin: historisch am Kreuz und erneut im Krieg.
Aufgabe 3.2
Beziehung zwischen M2 und M1
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M1 betont, dass Jesu Anspruch gescheitert scheint: „Das Reich Gottes ist nicht gekommen. Jesu Leben endete mit einer Hinrichtung.“ (Z. 6 f.). Das Kruzifix visualisiert dieses Scheitern – sogar doppelt (Kreuzigung und Bombardement).
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Gleichzeitig beschreibt M1 die Transformation der Hoffnung: Jesus wirkt als Christus weiter (Z. 16 ff.). Genau das greift die Inschrift auf: Die fehlenden Hände werden durch die Hände der Gläubigen ersetzt.
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Damit wird der Gedanke aufgenommen, dass Christen am Reich Gottes mitwirken sollen. In dem Maß, in dem Menschen handeln oder versagen, wächst oder verkümmert das Reich.
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Die Krone verweist auf die Transformation vom historischen Jesus zum Christus (Z. 43). Trotz Ohnmacht wirkt sein ethischer Anspruch fort (Z. 38 f.).
Aufgabe 4
„Das Reich Gottes ist jedoch nicht gekommen.“ – Auseinandersetzung
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Die Aussage erscheint zunächst nachvollziehbar. Angesichts von Krieg, Zerstörung der Schöpfung, Hungersnot, Flucht und globaler Ungerechtigkeit scheint Gottes Reich nicht Wirklichkeit geworden zu sein.
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Das Leid der Welt widerspricht der Vorstellung einer vollendeten Gottesherrschaft. In diesem Sinne steht die Aussage im Einklang mit dem eschatologischen Vorbehalt: Das Reich Gottes harrt seiner Vollendung.
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Gleichzeitig widerspricht die Aussage der Verkündigung Jesu, der das Reich Gottes als nahe verkündete.
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Allerdings herrscht unter den Menschen nicht nur Zwietracht. Es gibt zahlreiche Zeichen des Reiches Gottes: Flüchtlingsdienste, kirchliche Hilfswerke wie Adveniat oder Misereor, Diakonie und Caritas, Tafeln, Obdachlosenarbeit, Gemeinschaften wie Sant’Egidio.
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Hier wird deutlich: Das Reich Gottes ist noch nicht vollendet, aber es wirkt in Ansätzen.
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Somit ist die Aussage teilweise zutreffend – als Hinweis auf die ausstehende Vollendung –, aber zu einseitig, wenn sie die gegenwärtigen Zeichen des Reiches übersieht.
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Eine differenzierte Position erkennt die Spannung zwischen „schon jetzt“ und „noch nicht“ an. Das Reich Gottes ist angebrochen, aber nicht vollendet. Gerade daraus erwächst Verantwortung.
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Für die Bewertung entscheidend sind Stichhaltigkeit, Schlüssigkeit, Differenziertheit und sprachliche Klarheit.