IV
Historische Grundlagen moderner politischer Ordnungsformen und Identifikationsmuster in Europa
Prüfungsteil A
Erläutere die in der Zeit der Aufklärung geschaffenen wesentlichen Voraussetzungen für die Entwicklung der modernen Demokratie!
Die Herausbildung von Nationsvorstellungen prägte die europäische Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts wesentlich.
Vergleiche die Texte von Paul Pfizer (M 1) und Joachim Lelewel (M 2) hinsichtlich der in ihnen zum Ausdruck kommenden Nationsvorstellung!
Überprüfe, inwieweit sich M 1 dazu eignet, das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu charakterisieren!
Du nimmst an einem Seminar des Deutsch-Polnischen Jugendwerks zum Thema „Deutschland und Polen – eine wechselvolle Geschichte im 20. Jahrhundert“ teil.
Verfasse dafür einen Kurzvortrag zur Bedeutung des Warschauer Vertrags, in dem du unter Bezugnahme auf das Foto M 3 und den Aufruf M 4 Möglichkeiten der Annäherung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen bis zum Ende des Kalten Kriegs beurteilst!
Prüfungsteil B
Bearbeite eine Halbjahresaufgabe entweder zu 12/1 oder 12/2.
Material 1: „Gedanken über das Ziel und die Aufgabe des Deutschen Liberalismus“, Flugschrift des Juristen Paul Pfizer (1832)
Quelle: Paul A. Pfizer: Gedanken über das Ziel und die Aufgaben des Deutschen Liberalismus, neu hrsg. u. bearb. v. G. Küntzel, Berlin 1911, S. 340 f.
Material 2: Auszug aus einem Text des polnischen Historikers Joachim Lelewel zur Situation Polens (1846)
Quelle: Joachim Lelewel über die „Wiedergeburt Polens“ 1846, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul „Königreich Polen 1815-1915“, bearb. von Pascal Trees. https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/2219/details.html (Stand: 3. August 2023)
Material 3: Der „Kniefall von Warschau“ am 7. Dezember 1970
Bundeskanzler Willy Brandt besuchte Polen im Rahmen einer Reise zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags. Am Tag der Vertragsunterzeichnung, dem 7. Dezember 1970, besuchte Brandt das Denkmal der Helden des Ghettos für eine Kranzniederlegung. Nachdem er die Schleifen des Kranzes gerichtet hatte, sank er völlig unerwartet vor den Augen der anwesenden Zuschauer und Fotografen auf die Knie.

Material 4: „Unsere Heimat in Gefahr“ – Aufruf des Bundes der Vertriebenen in seiner Zeitschrift „Deutscher Ostdienst“ vom 15. Mai 1970
Quelle: Matthias Müller: Die SPD und die Vertriebenenverbände 1949–1977. Eintracht, Entfremdung, Zwietracht, Berlin 2012, S. 441 f.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Hinweis: Die folgenden Lösungen wurden in Stichpunkten verfasst. Zur vollständigen Umsetzung der Aufgabenstellung wäre grundsätzlich eine zusammenhängende Darstellung in Fließtextform erforderlich. Darüber hinaus sind individuell unterschiedliche, fachlich begründete Lösungsansätze möglich.
Lösung 1
Erläuterung der in der Zeit der Aufklärung geschaffenen wesentlichen Voraussetzungen für die Entwicklung der modernen Demokratie, v. a.:
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Menschenbild der Aufklärung mit Vorstellung von natürlicher Freiheit, Gleichheit und Erkenntnisfähigkeit aller Menschen als wesentliche Grundlage zentraler Prinzipien moderner politischer Ordnungen;
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Vernunft als leitendes Erkenntnisprinzip für die Ordnung politischer Angelegenheiten;
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Menschenwürde als Grundlage staatlichen Handelns;
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Idee und Anspruch auf Volkssouveränität und demokratische Partizipation aller am Staatswesen entscheidend für die Legitimation von staatlicher Macht;
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Existenz einer gewählten Volksvertretung;
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Gesellschaftsvertrag als Grundlage des Staates und zur Gewährleistung von Menschenrechten;
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Gewaltenteilung zur Einschränkung absoluter Macht und zur Verhinderung von Machtmissbrauch;
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Festlegung der staatlichen Ordnung in einer geschriebenen Verfassung;
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Grundprinzip der Rechtsstaatlichkeit.
Lösung 2
Vergleich von M 1 und M 2 hinsichtlich der in ihnen zum Ausdruck kommenden Nationsvorstellung:
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M 1:
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Einschätzung Frankreichs als erster Nationalstaat aufgrund der dort verwirklichten Freiheit und Unabhängigkeit,
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Prinzip der „Nationalität“ definiert durch Leitgedanken der Volkssouveränität,
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Nation als Zusammenschluss freier Individuen mit dem gemeinsamen Ziel der Verwirklichung von Freiheit und Unabhängigkeit;
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M 2:
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Notwendigkeit einer kämpferischen Erringung nationaler Souveränität in einem langwierigen Prozess gegen hier nicht genannte äußere Kräfte,
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Freiheitswille der Völker als Voraussetzung der Nationalstaatsbildung,
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Freiheit aller Völker als Grundlage der Freiheit Polens,
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Hoffnung auf Wiedergeburt Polens in einem freiheitlichen, selbstbestimmten Nationalstaat.
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Beide Texte betonen die Bedeutung von Freiheit und Unabhängigkeit für eine Nation; M 2 fokussiert vor dem Hintergrund der historischen Bedingungen jedoch die kämpferische Durchsetzung eines Nationalstaats.
Überprüfung der Eignung von M 1 zur Charakterisierung des Verhältnisses von Deutschland und Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts:
Aspekte, die die Eignung von M 1 stützen, z. B.:
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bewundernde Grundhaltung gegenüber Frankreich als „Führer und Leiter der Zivilisation“ (M 1, Z. 27);
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Vorbildcharakter Frankreichs als freie und unabhängige Nation insbesondere für die liberale und nationale Bewegung;
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Aufgreifen nationaler Stereotype auch zur Verdeutlichung der prinzipiellen Unterschiede beider Nationen.
Aspekte, die die Eignung von M 1 relativieren, z. B.:
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fehlende Berücksichtigung der Erringung nationaler deutscher Einheit gegen Frankreich („Befreiungskriege“);
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keine Erwähnung der „Revolution von oben“ als Reaktion auf die Französische Revolution und die Herrschaft Napoleons in Deutschland;
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kein Eingehen auf die revolutionären Ereignisse in Frankreich und deren Bedeutung für die Staaten des Deutschen Bundes.
Lösung 3
Beurteilung der Möglichkeiten der Annäherung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen bis zum Ende des Kalten Kriegs unter Bezugnahme auf M 3 und M 4:
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einerseits sehr schwere Belastung der deutsch-polnischen Beziehungen durch die Erfahrung der deutschen Besatzungsherrschaft und der deutschen Gewaltverbrechen während des Zweiten Weltkriegs;
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Westverschiebung Polens mit Vertreibungen sowohl auf polnischer als auch auf deutscher Seite;
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Gewalterfahrung und Vermögensverluste der deutschen Vertriebenen (vgl. M 4);
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Problematik der Einbindung der Bundesrepublik Deutschland und Polens in zwei gegensätzliche weltpolitische Blöcke;
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andererseits begrenzte Möglichkeiten des Kontakts auch jenseits staatlicher Beziehungen, etwa auf der Ebene der Kirchen;
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Warschauer Vertrag im Kontext der sozialliberalen Ostpolitik als ein Meilenstein für friedliches Nebeneinander und Grundlage für eine Normalisierung der Beziehungen beider Länder, damit verbundene Anerkennung der polnischen Westgrenze durch die Bundesrepublik Deutschland trotz Widerstands der Vertriebenenverbände (vgl. M 4) und der Opposition;
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„Kniefall von Warschau“ im Rahmen des ersten Besuchs eines deutschen Bundeskanzlers in Polen: wirkmächtige Geste und Symbol der deutschen Bitte um Vergebung für die nationalsozialistischen Gewaltverbrechen in Polen, zugleich Zeichen der Neuausrichtung bundesdeutscher Außenpolitik (vgl. M 3).
Die abschließende Betrachtung verdeutlicht, dass die Neue Ostpolitik in den 1970er-Jahren trotz der historischen Belastungen und des Ost-West-Konflikts zu einer Annäherung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen beitrug.