Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

IV

Historische Grundlagen moderner politischer Ordnungsformen und Identifikationsmuster in Europa

Prüfungsteil A

1

Erläutere die in der Zeit der Aufklärung geschaffenen wesentlichen Voraussetzungen für die Entwicklung der modernen Demokratie!

18 BE

2

Die Herausbildung von Nationsvorstellungen prägte die europäische Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts wesentlich.

2.1

Vergleiche die Texte von Paul Pfizer (M 1) und Joachim Lelewel (M 2) hinsichtlich der in ihnen zum Ausdruck kommenden Nationsvorstellung!

2.2

Überprüfe, inwieweit sich M 1 dazu eignet, das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu charakterisieren!

34 BE

3

Du nimmst an einem Seminar des Deutsch-Polnischen Jugendwerks zum Thema „Deutschland und Polen – eine wechselvolle Geschichte im 20. Jahrhundert“ teil.

Verfasse dafür einen Kurzvortrag zur Bedeutung des Warschauer Vertrags, in dem du unter Bezugnahme auf das Foto M 3 und den Aufruf M 4 Möglichkeiten der Annäherung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen bis zum Ende des Kalten Kriegs beurteilst!

28 BE

Prüfungsteil B

4

Bearbeite eine Halbjahresaufgabe entweder zu 12/1 oder 12/2.

40 BE

120 BE

Material 1: „Gedanken über das Ziel und die Aufgabe des Deutschen Liberalismus“, Flugschrift des Juristen Paul Pfizer (1832)

1
Freiheit im Innern und Unabhängigkeit nach außen oder persönliche Freiheit und Nationalität sind
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die beiden Pole, nach denen alles Leben des Jahrhunderts strömt, und die französische Nation
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ist die erste Nation der Welt geworden, weil sie diese beiden Grundrichtungen der Gegenwart am
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reinsten in sich aufgenommen hat, in ihrer Unzertrennlichkeit am kräftigsten und entschiedensten
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der Welt vor Augen stellt.
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Nachdem Jahrhunderte lang alle Rechte der Völker in dem Recht und der Persönlichkeit der
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Fürsten aufgegangen [sind], hat man sich endlich überzeugt, daß nicht die Völker um der Fürsten,
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sondern die Fürsten um der Völker willen vorhanden sind und daß die Völker selbst auch Rechte
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besitzen, welche von der Person des sie regierenden Monarchen unabhängig bleiben. Nach
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früheren Begriffen war der Landesherr im eigentlichen Sinne Herr und Eigentümer von Land und
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Leuten, er vertauschte, verkaufte, verpfändete sein Gebiet, und konnte so mit vollem Rechte von
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sich sagen: der Staat bin ich. Seitdem man aber zwischen Rechten der Fürsten und der Völker
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einen Unterschied macht und einsieht, daß vernünftigerweise das Wohl eines ganzen Landes
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oder Volkes dem Interesse eines Fürsten oder einer Familie vorgehen muß, ist das Prinzip der
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Nationalität in der europäischen Staatengeschichte zur Herrschaft gekommen. Die Nationen sind
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jetzt das geworden, was früher die Monarchien oder die Dynastien waren. [...]
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Deutschland, die Heimat des Gemüts und des Gedankens, der tiefsten Innerlichkeit, wird ewig
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mit Frankreich, dem Lande der Bewegung und des äußerlichen Lebens, einen Gegensatz bilden,
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der es unmöglich macht, daß sich Deutschland unter Frankreichs Oberherrschaft auf die Dauer
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wohl befinde; und dieser Gegensatz wird, wenn auch gemildert und versöhnt, selbst dann noch
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fortdauern, wenn dereinst nicht mehr ein bloß völkerrechtliches, sondern ein positiv staatsrecht-
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liches Band alle Völker unseres Erdteils vereinigen sollte.
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Die Nationalunterschiede werden nicht aufhören; aber Nationalität und persönliche Freiheit müs-
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sen forthin Hand in Hand gehen und man sollte endlich anerkennen, daß die ganze Größe Frank-
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reichs darin besteht, das Prinzip der inneren Freiheit in ihrer wesentlichen Einheit mit der äußeren
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darzustellen. Es wäre Zeit, daß man sich endlich so einmal gestände und klar darüber würde,
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daß die Franzosen die Führer und Leiter der Zivilisation, das tonangebende Volk in Europa nicht
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dadurch geworden sind, daß sie die Grundsätze der Freiheit bekennen und predigen, sondern
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dadurch, daß sie dieselben als Nation bekennen und mit dem ganzen Gewicht ihrer Nationalität
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unterstützen.
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Will daher Deutschland in die Schule der Franzosen gehen, so darf die Nachahmung nicht auf
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halbem Wege stehen bleiben. Mit den bloßen Grundsätzen bürgerlicher Freiheit, so verdienstlich
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und notwendig ihre Verbreitung auch sein mag, ist Deutschland noch lange nicht geholfen. Mit
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allem Freiheitsdrang der einzelnen werden die Deutschen ewig eine armselige Rolle spielen, [...]
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solange sie nicht als Nation die Freiheit wollen.

Quelle: Paul A. Pfizer: Gedanken über das Ziel und die Aufgaben des Deutschen Liberalismus, neu hrsg. u. bearb. v. G. Küntzel, Berlin 1911, S. 340 f.

Material 2: Auszug aus einem Text des polnischen Historikers Joachim Lelewel zur Situation Polens (1846)

1
Die Wiedergeburt Polens wird kommen, sobald seine Kräfte gehörig geleitet werden.
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Man sagt, eine Stadt wird nicht in einem Tag gebaut; die Maurer, die Zimmerleute haben nicht immer
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günstiges Wetter, und wenn sie schlechte Materialien nehmen, so wird ihr Bau nicht lange halten,
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sondern einstürzen, bevor es vollendet ist. Dasselbe fand nun bis heute bei dem Aufbau Polens
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statt. Man hatte weder den Muth noch die Absicht, das Schicksal des Volkes zu verbessern, wodurch
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es hätte einsehen können, dass es für sein eigenes Wohl kämpfe. [...] Diejenigen, welche auf ihrem
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heimatlichen Boden das Mannesalter erreichen, sollten daheim bleiben, um bei günstiger Gelegen-
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heit die Waffen zu ergreifen, denn Polen wird nur innerhalb der Grenzen seines eigenen Gebietes
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wiederhergestellt werden. Wehe dem Volk, das die Hoffnung seiner Unabhängigkeit auf den Schutz
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einer fremden Macht setzt; ein solches wird niemals frei, niemals unabhängig werden; es wird stets
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geknechtet und unterdrückt bleiben. Die Erfahrung hat bewiesen, dass nichts so nachtheilig ist als
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allzu viele Hoffnung auf diplomatischen beistand. [...] Nicht auf der Diplomatie, nicht auf dem bei-
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stand der Kabinette beruht die Zukunft Polens, sondern auf der Freiwerdung der Völker. Zum Wie-
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deraufbau Polens findet sich das beste Material auf seinem eigenen Boden, in seinen eigenen Kräf-
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ten, und jedes Volk, das für seine Freiheit sich erhebt, ist der natürliche Bundesgenosse Polens.
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Nicht seinen Beistand, wohl aber seine Bruderliebe wird es in Anspruch nehmen: nur durch letztere
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werden sich die Nationen gegenseitig dienen können. Die Zeit bringt Rosen. Vierzig Jahre in dem
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Leben der Nationen, ich wiederhole es, sind nur ein kurzer Zeitraum, auch erfordert die schmerzvolle
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Arbeit der Wiedergeburt mehrere Jahre. Ihr wachset heran, meine Freunde, und vielleicht tretet ihr
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gerade in der heißesten Zeit, die eure Dienste verlangen wird, in die Reife der Jahre. Bedenket dies
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und bildet euch zu nützlichen Söhnen des Vaterlandes, zu Männern, die aufgeklärter und beharrli-
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cher sind als [die,] die in der Vergangenheit so viele Fehler begangen haben. Bedenket, was ich
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euch gesagt habe, und wenn meine Worte wahr sind, wenn ihr sie gut und richtig findet, so werdet
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ihr danach handeln. Alsdann werdet ihr mir die Bitterkeit des Exils versüßen, indem ihr mich über-
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zeugt, dass ich mit diesem kleinen Werke der Sache unserer Nation noch einen Dienst geleistet
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habe. Gedenket der Vergangenheit, bewahret die Heiterkeit eures Geistes und wiederholet, was
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eure Väter gesungen:
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„Noch ist Polen nicht verloren, In uns lebt sein Glück.“

Quelle: Joachim Lelewel über die „Wiedergeburt Polens“ 1846, in: Herder-Institut (Hrsg.): Dokumente und Materialien zur ostmitteleuropäischen Geschichte. Themenmodul „Königreich Polen 1815-1915“, bearb. von Pascal Trees. https://www.herder-institut.de//digitale-angebote/dokumente-und-materialien/themenmodule/quelle/2219/details.html (Stand: 3. August 2023)

Material 3: Der „Kniefall von Warschau“ am 7. Dezember 1970

Bundeskanzler Willy Brandt besuchte Polen im Rahmen einer Reise zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags. Am Tag der Vertragsunterzeichnung, dem 7. Dezember 1970, besuchte Brandt das Denkmal der Helden des Ghettos für eine Kranzniederlegung. Nachdem er die Schleifen des Kranzes gerichtet hatte, sank er völlig unerwartet vor den Augen der anwesenden Zuschauer und Fotografen auf die Knie.

Mann kniet vor Mahnmal, bewaffneter Soldat im Vordergrund, Menschenmenge und Fotografen im HintergrundMann kniet vor Mahnmal, bewaffneter Soldat im Vordergrund, Menschenmenge und Fotografen im Hintergrund

Material 4: „Unsere Heimat in Gefahr“ – Aufruf des Bundes der Vertriebenen in seiner Zeitschrift „Deutscher Ostdienst“ vom 15. Mai 1970

1
Entgegen der Verpflichtung des Grundgesetzes, Deutschlands Einheit zu vollenden […], bedrohen
2
uns jetzt Vereinbarungen, durch die von der Bundesrepublik die Oder-Neiße-Linie als Westgrenze
3
Polens und Mitteldeutschland als zweiter souveräner Staat anerkannt werden. Mitbürger, Vertrie-
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bene, Flüchtlinge! Ein solches Verhalten verletzt aufs Schwerste das Selbstbestimmungsrecht und
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die Menschenrechte, insbesondere das Recht auf Freizügigkeit. Leistungen von Jahrhunderten und
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erarbeitetes Eigentum der Vertriebenen sollen hier verschenkt, große Teile des Staatsgebietes des
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deutschen Volkes ohne Not preisgegeben werden. […] Der Abschluss von Grenzverträgen, die
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durch brutale Gewalt geschaffene Zustände sanktionieren, verletzt gültiges Völkerrecht und droht
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die unmenschlichen Vertreibungsverbrechen zu legalisieren. Wer Gewalt anerkennt, verliert den
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Frieden! Einer solchen Entwicklung dürfen wir nicht tatenlos zusehen. In dieser Stunde ist jeder
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mitverantwortlich. Widerstand wird jetzt erste Bürgerpflicht.

Quelle: Matthias Müller: Die SPD und die Vertriebenenverbände 1949–1977. Eintracht, Entfremdung, Zwietracht, Berlin 2012, S. 441 f.

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