Vorschlag C – Melancholie: Theoretische Aufgabe ohne praktischen Anteil
Beschreibe das Gemälde von Paul Gauguin sowie seine Wirkung und erläutere den Zusammenhang zwischen bildsprachlichen Mitteln und Wirkung. (Material 1)
Beschreibe die Fotografie von Annie Leibovitz sowie ihre Wirkung und erläutere den Zusammenhang zwischen bildsprachlichen Mitteln und Wirkung. (Material 2)
Vergleiche beide Darstellungen von Frauen. (Material 1 und 2)
Interpretiere das Gemälde von Paul Gauguin. (Material 1)
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Paul Gauguin: Melancholie (1891)
Öl auf Leinwand, 94×68cm, Kansas City, Nelson Atkins Museum of Art

Paul Gauguin: Melancholie, 1891
Hinweis
Als Melancholie bezeichnet man u. a. eine von Traurigkeit oder Nachdenklichkeit geprägte Gefühlslage.
Material 2
Annie Leibovitz: Natalia Vodianova in Alice in Wonderland (2003)
Farbfotografie, ohne Maßangabe

Annie Leibovitz: Natalia Vodianova in Alice in Wonderland, 2003
Hinweise
Natalia Vodianova (*1982) ist ein russisches Model.
Annie Leibovitz (*1949) ist eine US-amerikanische Fotografin und zählt zu den bekanntesten und bestbezahlten Fotografinnen der Welt.
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Inhaltlicher Bezug
Der Aufgabenvorschlag bezieht sich auf das Themenfeld Brechung von Konventionen, im Bereich Bilderschließung insbesondere auf das Stichwort charakteristische Bildbeispiele für Brechung (z. B. inhaltliche, gesellschaftliche, formale Konventionen), insbesondere anhand des Werkes von Künstler/-innen, die auf Reisen zum Wandel künstlerischer Ansichten angeregt wurden, insbesondere am Beispiel von Paul Gauguin, sowie auf das Themenfeld Ausdrucksmöglichkeiten der Fotografie – Hinterfragung der Wirklichkeit im Bereich Bilderschließung insbesondere auf das Stichwort grundlegende Ausdrucksmittel der Fotografie (Komposition, Bildausschnitt, Blickwinkel, Schärfe, Ausleuchtung/Licht).
Lösungsvorschläge
In einer Einleitung sollen Künstler, Titel, Jahr, Technik, Maße und das Thema genannt werden: Das Gemälde „Melancholie“ von Paul Gauguin aus dem Jahr 1891 mit den Maßen 94×68cm zeigt eine Frau mit geneigtem Kopf in einem Schaukelstuhl sitzend.
Erschließung und Beschreibung
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Hochformat
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Frau im Vordergrund auf einem Schaukelstuhl, die gesamte Höhe und in der Breite nahezu die Hälfte der Bildfläche einnehmend
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Dreiviertelansicht, Kopf und Körper nach links gedreht, Kopf leicht nach vorne geneigt
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hellbrauner Teint, dunkle Augen und Augenbrauen, Blick nach unten links gerichtet, kräftige Lippen mit hängenden Mundwinkeln
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dunkles, in der Mitte gescheiteltes, langes Haar, nach hinten zusammengenommen, den Blick auf rechtes Ohr freigebend
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hochgeschlossenes, langes, weites Kleid in Rot- und Rosatönen mit langen Ärmeln und grauviolettem Kragen
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Saum des Kleides seitlich leicht angehoben, den Blick auf nackten Fuß freigebend
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Hand links auf Armlehne ablegt, die Hand rechts auf Oberschenkel, weißes Tuch haltend
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Schaukelstuhl in brauner Farbe mit hoher Rückenlehne und olivgrünem Polster, geschwungenen Armlehnen und Kufen
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bräunlicher Fußboden, knapp die Hälfte des Bildes einnehmend, dahinter blaue Wand
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links oben Gemälde mit Landschaft mit Hütte in Grün- und Blau- und Beigetönen von linkem Bildrand angeschnitten
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Bild umrahmt
Wirkung
bedrückt, auffallend, nachdenklich, traurig, ruhig, bewegt, häuslich, einsam, natürlich, präsent, dynamisch, spannungsvoll, warm, nah, fokussierend, grob, unruhig, trüb, akzentuiert, hervorhebend, lebendig, idyllisch, irritierend, erregt
Zusammenhang zwischen bildsprachlichen Mitteln und Wirkung
Komposition
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Hochformat – präsent
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Frau formatfüllend, als Ganzfigur in schräger, nahezu diagonaler Position – dynamisch
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zentral angeordnetes Bildmotiv – dominant
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fließende, geschwungene Formen bei Kleid und Stuhl – lebendig, bewegt
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eckige Form des Rahmens an Wand – statisch, geordnet
Farbe
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Rottöne des Kleides im Vordergrund dominierend – Frau hervorhebend, erregt, lebendig, warm
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Blau im Hintergrund einen Kalt-Warm-Kontrast zu Rot des Kleides bildend – kontrastierend
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Hell-Dunkel-Kontrast, z. B. helles Tuch im Vordergrund vor dunklem Hintergrund – auffallend, hervorstechend
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Qualitätskontrast, z. B. Rot- und Rosatöne des Kleides – bewegt, lebendig, spannungsvoll
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Betonung der Farbflächen durch Umrandung – akzentuiert, hervorhebend
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Farbauftrag teils sichtbar und eher flächig im Hintergrund, grobe Schattierungen beim Kleid – unruhig, bewegt, lebendig
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Lokalfarbe – natürlich
Raum
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geringe Raumtiefe (Beschränkung auf Mittel der Überdeckung) – ruhig
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Figur im unteren Bereich leicht angeschnitten, Bild an Wand angeschnitten – nah, fokussierend
Motiv
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Frau mit tahitianischer Anmutung im häuslichen Bereich durch Mobiliar und Kleidung an europäischen Lebensstil erinnernd – irritierend
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geneigter Kopf, nach links unten gerichteter Blick, Arme auf Lehne und Bein ruhend – abwesend, ruhig, traurig, in sich gekehrt
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spannungslose Körperhaltung im Kontrast zu wallendem Kleid – nachdenklich, bedrückt vs. erregt, lebendig
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Gemälde an der Wand ein beigefarbenes Haus zeigend, umgeben von viel Grün und einem hohen Baum – natürlich, ruhig, idyllisch
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weißes Tuch – auffällig, irritierend
In einer Einleitung sollen Fotografin, Titel, Jahr, Technik, Maße und das Thema genannt werden: Die Farbfotografie von Annie Leibovitz „Natalia Vodianova in Alice in Wonderland“ aus dem Jahr 2003, ohne Maßangabe, zeigt eine junge Frau in einem reich verzierten Kleid auf einem Sessel liegend, den Betrachter anschauend.
Erschließung und Beschreibung
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leichtes Hochformat
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in Bildzentrum junge Frau schräg auf Sofa (Chaiselongue) in halb liegender Position, schräg im Bild
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Dreiviertelansicht von Kopf und Körper nach rechts gedreht, von rechtem Bildrand angeschnitten
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enganliegendes Kleid in hellblauem, seidig glänzendem Stoff, in Falten drapiert, mit Rüschen und glitzernden Steinen besetzt
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schwarze Schleife am Hals, den Rüschenkragen verschließend
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helle, leicht gebräunte Gesichtshaut, blaue Augen
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Augenbrauen markant und dunkel, volle Lippen
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dunkelblondes, langes, leicht welliges Haar aus dem Gesicht gekämmt und locker auf dem Sofa aufliegend und über rechte Schulter fallend
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Kopf zum Betrachter gerichtet, diesen direkt anschauend
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Bein- und Schoßpartie beinahe frontal zu Betrachter ausgerichtet, Oberkörper leicht vom Betrachter abgewandt und Richtung Rückenlehne positioniert
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linker Arm locker aufliegend, Ärmelstoff oben eng anliegend, im unteren Bereich ausgestellt und stark verziert mit Strasssteinen und Spitze
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Kleid am rechten Bildrand leicht über die Knie nach oben geschoben, ein kleines Stück Bein unbedeckt lassend
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grünliches Sofa (Chaiselongue) mit floralem Muster
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üppiger Pflanzenbewuchs, teils auf Lehne und Sitzfläche ragend
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Steinmauer im Hintergrund, Vorder- und Hintergrund verbindend
Wirkung
lasziv, erotisch, spannungsvoll, auffallend, märchenhaft, hervorhebend, anbietend, weich, fließend, eng, gefangen, betonend, detailliert, dicht, rätselhaft, harmonisch, irritierend, unwirklich, kühl, ruhig, distanziert, Kontakt aufnehmend, präsent
Zusammenhang zwischen bildsprachlichen Mitteln und Wirkung
Komposition
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Hochformat, zentrale, schräge Anordnung der Figur bis zu den Knien – präsent
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asymmetrische Form des Sofas (Chaiselongue) an Körperpositionierung der Frau orientiert – auffallend, betonend
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Oberkörper schräg, Unterkörper eher waagrecht angeordnet – spannungsvoll
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geschwungene Form des Hauptmotivs (Frau auf Sofa-Chaiselongue) – weich, fließend
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kleinteilige, geballte Elemente um Sofa (Chaiselongue) (Blätter) – dicht, rätselhaft, verwunschen
fotografische Mittel, Licht
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aus Aufsicht fotografiert – anbietend
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halbnah – auffallend
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hohe Schärfentiefe – detailliert
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weiches, unnatürliches Licht von vorn direkt auf Frau gerichtet – hervorhebend, unwirklich
Farbe
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Hell-Dunkel-Kontrast, z. B. zwischen Kleid der Frau und dunklen Blättern im Hintergrund – hervorhebend, betonend
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wenige Farbkontraste, Fotografie vorwiegend in Blau- und Grüntönen gehalten – einheitlich, harmonisch, kühl, ruhig, distanziert
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Hautton der Frau einen leichten Warm-Kalt-Kontrast zum Blau des Kleides bildend – auffallend
Raum
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geringe Raumtiefe – eng, gefangen
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angeschnittener Unterkörper – eng, irritierend
Motiv
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Blick auf eine junge, kindlich wirkende Frau in festlichem Kleid, Blickkontakt zum Betrachter suchend – lasziv, erotisch, Kontakt aufnehmend
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Blick, Körperschwung und leicht verrutschter Rocksaum – erotisch
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unnatürliche Szene durch Innenraummöblierung im Außenraum – märchenhaft, irritierend
Gemeinsamkeiten
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weibliche Personen auf einer Sitzgelegenheit in Ruhepositionen
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hochgeschlossene Kleider bei beiden Frauen
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inszenierte Darstellung der Frauen mit Kleidern, auf Sitzgelegenheiten drapiert
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Widersprüche in der Darstellung, z. B. bei Gemälde traurige Stimmung, aber auffällig rote Kleidung; bei Fotografie festliches Kleid, aber Umgebung mit waldartigem Bewuchs
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Gesichtsausdrücke beider Frauen zeigen eine Form von Nachdenklichkeit
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Hand bei beiden Bildern aufliegend
Unterschiede
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auf Schaukelstuhl sitzende Frau, auf Sofa (Chaiselongue) liegende Frau
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das Gemälde die Person in einem Innenraum zeigend, die Fotografie die Person im Freien auf einer für den Ort untypischen Sitzgelegenheit zeigend
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Kleid im Gemälde in leuchtender, kräftiger Farbe, in der Fotografie in einem blassen, kühlen Blau
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Frau auf dem Gemälde eher zur Seite am Betrachter vorbei blickend, Frau auf dem Foto den Betrachter direkt anschauend
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Blick der Frau im Gemälde traurig, melancholisch und nachdenklich, nach innen gerichtet, Blick der Frau auf der Fotografie dagegen direkt, ernst und nach außen gerichtet
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Wirkung der Frau auf dem Gemälde eher niedergeschlagen, deprimiert, Wirkung der Frau auf Fotografie eher erotisch
Fazit
Während bei Gauguin eine Frau mit indigenem Aussehen und in westlicher Kleidung in einem ebensolchen Innenraum sitzt und in einer melancholisch nachdenklichen Stimmung zu sein scheint, zeigt die Fotografie von Leibovitz eine junge Frau in liegender Position auf einem Sofa (Chaiselongue) im Freien. Beide Werke zeigen zwar Frauen in einer abwartenden, sitzenden oder liegenden Position, weisen aber sehr unterschiedliche Wirkungen auf.
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Darstellung der Frau einen Widerspruch zwischen der möglicherweise tahitianischen Herkunft und dem europäischen Möbelstück vermittelnd
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nackte Füße im Kontrast zu hochgeschlossenem Kleid stehend, Körper in Kleid ‚gefangen‘
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farbenfrohes Kleid in Rottönen in Widerspruch zu Gemütszustand stehend, Ausstaffierung einen Widerspruch zur Niedergeschlagenheit der Frau aufweisend
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Niedergeschlagenheit durch Haltung, Gestik, Mimik, Accessoire (Tuch)
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prägnantes Herausarbeiten der Gegensätze von Kleid und Stimmung durch Stilisierung (Farbe, Form)
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Darstellung der Sehnsucht nach einer vergangenen Welt, Gemälde an der Zimmerwand auf eine ursprünglichere Vergangenheit verweisend, wie ein Blick in eine hellere und frohere Welt draußen
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Traurigkeit in der Erinnerung an ein verlorenes Paradies, Leben vor der Kolonialisierung
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Zerrissenheit zwischen Anpassung an europäische Konventionen und Leben im Einklang mit der Natur
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Gauguin als Künstler seine eigene Gestimmtheit in Bezug auf Tahiti als Sehnsuchtsort durch das Bild vermittelnd
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Flucht aus den Konventionen eines bürgerlichen Lebens in die Idylle einer als ursprünglich empfundenen Lebenswelt symbolisierend, welche in der Realität nicht mehr existiert