Block 1
Aufgabenstellung
Gott und Transzendenz
Arbeite die Kerngedanken aus M 1 und M 2 heraus, indem du die beiden Positionen der Autoren mit eigenen Worten zusammenfasst.
Vergleiche die Aussagen von M 1 und M 2 hinsichtlich der Auslegung von Gen 1,27 miteinander und mache deutlich, welche Auswirkungen dies auf das Menschen- und Gottesbild hat.
Setze dich ausgehend von den unterschiedlichen Deutungen von Gen 1,27 in M1 und M2 mit der Frage auseinander, welche Rolle der Glaube bei der Identitätsfindung Jugendlicher hinsichtlich ihrer Geschlechtsidentität und der Geschlechterrollen spielen kann.
In Deutschland ist jüngst die Diskussion über das Geschlecht Gottes entbrannt. Ausgehend von der „Katholische Studierende Jugend“ (KSJ), die das Wort Gott künftig mit einem Genderstern schreiben wird, stellte die Frankfurter Sonderausstellung1 zur Geschlechtervielfalt in Gottesvorstellungen 2021 die provokante Frage „G*tt m/w/d: Ist Gott männlich, weiblich oder doch divers?“ – Nimm begründet Stellung zu der Frage.
1 Die Ausstellung will zeigen, dass die Bibel der Genderlehre entspricht: Der Mensch sei nicht nur männlich und weiblich, sondern divers. „G*tt m/w/d“ - das „m“ steht für männlich, das „w“ für weiblich und das „d“ für divers oder nicht-binär.
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Eine Betrachtung von Gen 1,27 aus queerer Perspektive
Rolf Krüger
Quelle: https://aufnkaffee.net/2019/08/und-er-schuf-sie-nicht-als-mann-und-frau/, für Prüfungszwecke verändert, letzter Zugriff: 26.6.2024
1 Neue römisch-katholische deutsche Bibelübersetzung (1980, rev. 2016).
2 Die Neue Induktive Studienbibel (NeÜ) erschließt einen neuen Zugang zum Wort Gottes. Sie ist darauf ausgelegt, dem Leser die selbständige (="induktive") Beschäftigung mit biblischen Texten zu ermöglichen.
3 LGBT+ steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans und das + steht dafür, dass die Aufzählung nicht abgeschlossen ist und es noch viele andere sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten gibt.
M2
Gender Mainstreaming – eine biblisch-evangelikale Perspektive auf Gen 1,27
Ernst-August Bremicker
Quelle: Ernst-August Bremicker: „Gender Mainstreaming - eine biblische Perspektive auf die aktuelle Situation“, in: Folge mir nach – Zeitschrift für junge Christen, 3/2019, S. 9-14, für Prüfungszwecke verändert.
1 Gender-Mainstreaming ist ein Ansatz zur Förderung und Durchsetzung der Gleichstellung aller Geschlechter. Im Rahmen dieses politischen Ansatzes werden immer die unterschiedlichen Lebenslagen und Interessen von Frauen, Männern und Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten berücksichtigt. Eine ungleiche Behandlung der verschiedenen Geschlechter soll dadurch von vornherein verhindert werden.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Aufgabe 1
Kerngedanken von R. Krügers Verständnis von Gen 1,27:
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Die meisten Bibeln übernehmen das Narrativ, dass Gen 1,27 mit „schuf sie als Mann und Frau“ übersetzt wird, in nur zwei Bibelübersetzungen steht „männlich und weiblich“ (Z. 1-6)
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Der Urtext im Hebräischen ist bei den Worten „zakhar” und „neqewa” nicht eindeutig, ob sie adjektivisch oder substantivisch gebraucht werden, meistens werden sie als Adjektive in der Bibel gebraucht (Z. 7-18)
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Septuaginta benutzt sie adjektivisch: „Er schuf sie männlich und weiblich“ (Z. 20-27)
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Es geht letztlich nicht um menschliche Eigenschaften, sondern um die Gottesebenbildlichkeit und das Wesen Gottes vereint männlich und weiblich miteinander (Z. 28-33)
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Gott liebt keine Männer und Frauen, sondern individuelle Menschen (Z. 34-37)
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Christlich-fundamentalistische Kreise lehnen die rechtliche Gleichstellung homo-, trans- oder intersexueller Menschen in der Kirche ab, (Z. 38-43)
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Jesus bejaht in Mt 19,12 nicht nur die Ehe zwischen Mann und Frau, sondern auch transidente Menschen (Z. 45-52)
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Jede einzelne Person ist von Gott geliebt; man muss dieser Individualität Raum zur Entfaltung geben. (Z. 53-57)
Kerngedanken von E.-A. Bremickers Verständnis von Gen 1,27:
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Die Bibel spricht in Gen 1,27 unmissverständlich von Mann und Frau (Z.1-3)
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Unterschiede der Merkmale von Mann und Frau sind gottgegeben (Z. 6-11)
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Gender Mainstreaming widerspricht der Lehre der Bibel (Z. 12-19)
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Geschlechtergerechtigkeit meint im biblischen Sinn nicht die vollkommene Gleichheit der Geschlechter (Z. 20-26)
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Das Geschlecht ist nicht frei wählbar (Z. 27-30)
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Gender Mainstreaming sieht der Autor als Teil eines größeren Prozesses, die Bibel zu entwerten – Verführung durch den Teufel (Z.31-33)
Aufgabe 2
Gemeinsamkeiten
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Zentrale Bedeutung hat für beide Positionen das 1. Buch Mose, Gen 1,27
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Aussage der Gottebenbildlichkeit des Menschen ist zentraler Glaubenssatz sowohl evangelikaler als auch liberaler Positionen
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Beide Texte sehen in der Ethik Jesu eine Bestätigung der Positionen
Unterschiede
Traditionelle evangelikale Auslegung:
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Binäres Geschlechterbild
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Heteronormativität
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Ablehnung von queeren Beziehungen
Queere Auslegung:
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Aus einer queeren Perspektive wird Genesis 1,27 als Erklärung für die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten interpretiert.
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Akzeptanz von LGBT+ Beziehungen: Notwendigkeit, Liebe und Beziehungen in allen Formen und Geschlechtsidentitäten zu akzeptieren und zu respektieren.
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Inklusion und Gleichberechtigung für Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität
Auswirkungen auf das Menschen- und Gottesbild:
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Gottebenbildlichkeit: Der Mensch als „Gottes Abbild“, als „Mann und Frau“ oder als „männlich und weiblich“
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In Gen 1,27 geht es in der christlich-fundamentalistischen Übersetzung darum, dass Gott den Menschen in der geschlechtlichen Dualität (Mann/Frau) bzw. Polarität (männlich/weiblich) geschaffen hat
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Die queere Deutung von „männlich und weiblich“ arbeitet ohne Hierarchisierung
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Abgeleitet wird die queere Deutung aus der geschlechtlichen Unbestimmtheit Gottes
Aufgabe 3
Identität aus der queeren Perspektive:
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Eine queere Interpretation betont, dass die Bibel auf unterschiedliche Weisen interpretiert werden kann, die Geschlechtsidentitäten und Geschlechterdiversität einschließen.
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Ein queeres Verständnis setzt sich für einen respektvollen Umgang mit verschiedenen Geschlechtsidentitäten und Geschlechterrollen ein. Es betont die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten und fördert die Akzeptanz und Unterstützung von LGBT+ Personen.
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Die Botschaft der Liebe Gottes, Akzeptanz und Gleichstellung im christlichen Glauben stehen im Zentrum.
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LGBT+ Jugendliche könnten den Glauben als eine Quelle der Unterstützung und Stärkung in ihrer Identitätsfindung betrachten. Sie sollen glauben, dass Gott sie so geschaffen hat, wie sie sind, und dass sie geliebt und akzeptiert werden, unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität.
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Ein queerer Standpunkt betont, dass religiöse Gemeinschaften, die eine inklusive Haltung gegenüber Geschlechterdiversität annehmen, eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Jugendlichen spielen können.
Identität aus der evangelikalen Position:
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Ein evangelikaler Standpunkt betont eine konservative theologische Auslegung der Bibel. In dieser Sichtweise können die traditionellen Geschlechterrollen als Leitfaden dienen, um Jugendlichen bei der Identitätsfindung zu helfen.
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Der Glaube kann dazu verwendet werden, Jugendliche zu ermutigen, traditionelle Familienwerte und Geschlechterrollen zu leben.
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Für Jugendliche, deren Geschlechtsidentität und Geschlechterrolle mit den traditionellen Überzeugungen kollidieren, kann es zu Identitätskrisen kommen.
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Evangelikale Christen legen oft Wert auf moralische Prinzipien, die sie in der Bibel finden.
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Aufwertend wäre, wenn evangelikale Positionen differenziert werden, indem deutlich gemacht wird, dass innerhalb des evangelikalen Spektrums unterschiedliche Meinungen und Interpretationen existieren können. Einige evangelikale Gemeinschaften und Individuen können eine restriktive Haltung gegenüber Geschlechtsidentität und Geschlechterdiversität haben, während andere möglicherweise einen offeneren Ansatz verfolgen und versuchen, Liebe und Unterstützung für LGBT+-Jugendliche auszudrücken.
Identität aus einer anderen Perspektive:
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Es kann bspw. auch eine vollkommen verneinende atheistische bzw. agnostische Position zu der Problematik vertreten werden, dabei sollte aber stringent und logisch argumentiert werden.
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Aus atheistischer Perspektive kann der Glaube eine weniger dominante Rolle bei der Identitätsfindung von Jugendlichen hinsichtlich ihrer Geschlechtsidentität und Geschlechterrollen spielen.
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Es können auch Erkenntnisse aus Biologie, Psychologie und Soziologie genutzt werden, um Geschlecht als ein komplexes Konstrukt zu verstehen, das über die traditionelle binäre Sichtweise hinausgeht.
Aufgabe 4
Die Frage, ob Gott männlich, weiblich oder divers ist, ist eine theologische Frage, die stark von individuellen Glaubensüberzeugungen und religiösen Traditionen abhängt.
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Es kann ausgehend von der Gottesebenbildlichkeit argumentiert werden, dass wenn der Mensch Gottes Ebenbild ist, Gott sowohl männliche als auch weibliche Merkmale aufweisen muss.
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Theologische Positionen argumentieren auch dafür, dass Gott über Geschlecht oder Diversität erhaben ist. Gott sei jenseits der menschlichen Geschlechterkategorien und kann nicht in männliche oder weibliche Begriffe eingeordnet werden.
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Gott als männlich: In vielen monotheistischen Religionen wie dem Christentum, dem Judentum und dem Islam, wird Gott traditionell als männlich dargestellt und mit maskulinen Begriffen und Pronomen bezeichnet. Das Gottesbild unter Christen ist weitgehend männlich geprägt. In der Bibel ist die Rede von Gott, dem Vater, und Jesus, seinem Sohn.
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Gott als weiblich: Es gibt auch theologische Strömungen, die betonen, dass Gott weibliche Eigenschaften und Attribute haben kann. Diese Perspektive wird oft von Anhängern von Göttinnenkulten oder der feministischen Theologie vertreten. Sie argumentieren, dass eine weibliche Vorstellung von Gott notwendig ist, um die weibliche Erfahrung und die Gleichberechtigung in der Religion zu betonen.
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Diverse Vorstellungen von Gott: Einige moderne theologische Ansichten betonen die Idee, dass Gott verschiedene Aspekte oder Dimensionen hat, die sowohl männlich als auch weiblich sein können. Diese Vorstellung betont die Vielfalt Gottes. In anderen Religionen, wie zum Beispiel im Hinduismus, kann Gott in verschiedenen Formen und Geschlechtern dargestellt werden.
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Die Verwendung von genderneutralen oder inklusiven Sprachformen wie einem Genderstern in Bezug auf Gott kann für einige Menschen als positiver Schritt empfunden werden, um das Bewusstsein für geschlechtliche Vielfalt zu erhöhen und religiöse Räume für alle Menschen zugänglicher zu machen.
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Es kann argumentiert werden, dass die Verwendung des Gendersterns eine Abkehr von den Lehren ihrer religiösen Traditionen darstellt oder dass es unangemessen ist, das Göttliche mit menschlichen Konzepten von Geschlecht zu versehen.