Gedichtinterpretation
Thema
Sarah Kirsch: Ende des Jahres (1982)
Aufgabenstellung
Interpretiere das Gedicht, indem du
-
das Thema formulierst, den Inhalt knapp zusammenfasst und den formalen Aufbau beschreibst,
-
die Sichtweise des lyrischen Ichs auf das Verhältnis von (welt-)politischem und häuslichem Geschehen erläuterst,
-
die formalen und sprachlichen Gestaltungsmittel im Hinblick auf ihre Funktion und ihre Wirkung untersuchst,
-
das Gedicht auf der Grundlage deiner Ergebnisse zusammenfassend deutest,
-
abschließend knapp Stellung zu der Frage nimmst, inwiefern das Gedicht zu einer kritischen Reflexion des eigenen Umgangs mit politischen Nachrichten anregen kann.
Material
Ende des Jahres (1982)
Sarah Kirsch
Sarah Kirsch: Ende des Jahres. In: Dies.: Erdreich. Gedichte. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1982, S. 71.
Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Einleitung
-
Das Gedicht Ende des Jahres von Sarah Kirsch aus dem Jahr 1982 beleuchtet die Wahrnehmung des lyrischen Ichs in Bezug auf die politischen Ereignisse der Zeit, wie Kriege und die Bedrohung durch Atomwaffen.
-
Es thematisiert, wie diese globalen Krisen das private Leben beeinflussen und wie die Gesellschaft sich zunehmend von diesen politischen Ereignissen entfremdet.
-
Kirsch verdeutlicht dabei die Frustration des lyrischen Ichs angesichts der eigenen Ohnmacht und der scheinbaren Unveränderlichkeit der politischen Lage.
-
Das Gedicht geht über die bloße Beobachtung hinaus und setzt sich mit der individuellen Reaktion auf die politischen Spannungen der 1980er Jahre auseinander.
Hauptteil
1. Inhalt und formale Struktur des Gedichts
-
Das Gedicht besteht aus zwei Strophen mit jeweils acht Versen, die durch kurze, prägnante Sätze auffallen, die wie Notizen oder spontane Gedanken wirken.
-
Diese Form ohne feste Reimstruktur oder rhythmische Muster unterstreicht den Mangel an Kontrolle und Orientierung des lyrischen Ichs.
-
Die zeilenweise fragmentarische Struktur des Gedichts spiegelt die Zerrissenheit und den inneren Konflikt der Ich-Erzählerin wider. Der Fokus liegt auf der Beobachtung von Bildern, die eher Entfremdung und eine übermäßige Fokussierung auf oberflächliche, gesellschaftlich erzwungene Normen darstellen.
-
Kirsch nutzt diese freie Form, um die Apathie und Resignation gegenüber den politischen Ereignissen darzustellen. Die Textstruktur spiegelt die Ungezwungenheit der Gedanken wider. Die Fragmentierung und das Fehlen einer kontinuierlichen Erzählung wirken auf die Leserschaft wie ein Abbild der Unübersichtlichkeit politischer Entwicklungen der Zeit.
-
Die erste Strophe ist stärker auf gesellschaftliche und politische Themen fokussiert, während die zweite Strophe das private Leben und das Innere des lyrischen Ichs behandelt. Dies betont den Gegensatz zwischen der öffentlichen, globalen Bedrohung und den privaten, alltäglichen Sorgen.
-
Die erste Zeile „In diesem Herbst wurden die Atompilze“ (V. 1) zeigt eine schlichte, fast berichtende Feststellung, die schnell von tiefergehenden Reflexionen und Bildern der Weltpolitik überlagert wird.
-
Die zunehmende Bedrohung durch weltpolitische Entwicklungen wird mit den persönlichen Erfahrungen des lyrischen Ichs verknüpft, das alltägliche Handlungen in den Zusammenhang globaler Gefahren stellt. Besonders deutlich wird dieser Gedanke in Vers 12, da dem möglichen Selbstzerstörungspotenzial durch Neutronenwaffen das scheinbar selbstverständliche Weiterlaufen des Alltags gegenübersteht: Dass das Kind zur Schule geht und man Bäume pflanzt, erscheint als „unwahrscheinliches Abenteuer[...]“ (V. 12 f.) und macht deutlich, wie fragil Normalität unter diesen Bedingungen ist. Normalität erscheint dadurch nicht als Selbstverständlichkeit, sondern als bewusste, zugleich notwendige Form des Weiterlebens unter permanentem Risiko.
2. Die Sichtweise des lyrischen Ichs und das Verhältnis von (welt-)politischem und häuslichem Geschehen
-
Das Gedicht stellt den Gegensatz zwischen dem privaten Leben des lyrischen Ichs und den großen weltpolitischen Ereignissen dar. Dies wird besonders deutlich durch die Ich-Form, die einen direkten Zugang zu den Gedanken und Gefühlen des lyrischen Ichs ermöglicht.
-
In Zeile 9, „Mein Kind hat eine Fünf geschrieben“, wird der private Bereich angesprochen, während gleichzeitig auf die weltpolitischen Bedrohungen in den vorherigen Versen hingewiesen wird. Dieser Gegensatz wird durch die scheinbare Normalität der Schulnote im Vergleich zur Bedrohung durch Atomwaffen verstärkt.
-
Der Autorin gelingt es, durch den Gebrauch von Alltagsbegriffen und einfachen Handlungen wie dem „Betrachten der Fotografien“ (V. 3) die politisch aufgeladenen Themen greifbar zu machen.
-
Das lyrische Ich beginnt mit einer persönlichen Beobachtung des gesellschaftlichen Umfelds und der eigenen, von äußeren Kräften geprägten Weltanschauung. Kirsch greift auf eine ganz bewusste Wortwahl zurück: Begriffe wie „Atompilze“ und „Neutronenwaffen“ erhalten durch ihren direkten Bezug zu globalen Bedrohungen eine fast kalte, technische Bedeutung. Sie veranschaulichen die Entfremdung des Individuums von der Politik und der globalen Bedrohung, was die Machtlosigkeit der Einzelnen betont.
-
Die wiederkehrenden Bilder aus dem Alltag z. B. das „Betrachten der Fotografien“ (V. 3) wirken banal und harmlos, wodurch sie den Frust des lyrischen Ichs in Bezug auf die Politik verdeutlichen. Das lyrische Ich scheint sich von der politischen Welt zu distanzieren, aber es wird immer wieder von diesen Bedrohungen eingeholt.
-
Besonders auffällig wird dieser Gegensatz in der Zeile „Das Kind geht zur Schule und pflanzt Bäume“ (V. 14). Hier scheint das Privatleben des Ichs die äußeren politischen Bedrohungen in den Hintergrund zu stellen. Der Hinweis auf „Bäume pflanzen“ kann jedoch auch als subtile Anspielung auf politisches Handeln verstanden werden, da es auf Engagement hinweist – ein kleiner Versuch, sich aus der allgemeinen Resignation zu befreien.
3. Die formalen und sprachlichen Mittel und ihre Funktion und Wirkung
-
Sarah Kirsch verwendet in diesem Gedicht verschiedene sprachliche Mittel, um die kritische Haltung des lyrischen Ichs gegenüber der politischen Welt sowie die innere Zerrissenheit zwischen dem privaten und öffentlichen Bereich auszudrücken.
-
Begriffe wie „Atompilze“ (V. 1) und „Neutronenwaffen“ (V. 6) besitzen einen symbolischen Charakter. Sie stellen die Gefährlichkeit der Atomwaffen dar und drücken die alltägliche Bedrohung aus. Die „Atompilze“ symbolisieren die ständige Gefahr durch Atomwaffen, während die „Neutronenwaffen“ eine weitere bedrohliche, moderne Waffe darstellen.
-
Die Metapher „blauer Planet“ (V. 5) verweist auf die Erde und stellt sie als verletzlich und bedroht dar.
-
Ein weiteres stilistisches Mittel ist die Ironie in der Zeile „Es wurde alltäglich wie Friedensappelle“ (V. 8). Friedensappelle erscheinen angesichts der ständigen Bedrohung durch Kriege und Waffen als wirkungslos und bedeutungslos. Die alltägliche Wiederholung solcher Appelle wirkt im Kontext der permanenten Gefahr hohl und hilflos.
-
„Abenteuerliches Leben korrigieren die Fünf“ (V. 13) zeigt die Paradoxie des Gedichts. Diese Zeile verdeutlicht den Kontrast zwischen den weltpolitischen Bedrohungen und den trivialen Alltagsproblemen. Die banale Handlung des Notenkorrigierens wird neben den globalen Bedrohungen dargestellt. Dies verstärkt die Absurdität, dass das Leben der Menschen trotz solch katastrophaler Szenarien weitergeht.
-
Des Weiteren wird die Widersprüchlichkeit zwischen einer Welt, die permanent in Bewegung ist, und dem alltäglichen Leben im Gedicht durch die metaphorische Sprachwahl verstärkt.
-
Der Vergleich zwischen den Benzinpreisen und dem Wetterbericht („Wie seine Brüder Benzinpreise Wetterbericht“, V. 7) deutet auf die Alltäglichkeit und Vorhersehbarkeit der politischen und wirtschaftlichen Probleme hin.
-
In Vers 15 trifft man auf die Realitätsreferenz „Hören den Probealarm die ABC-Waffen-Warnung“ (V. 15). Dieser Vers spielt auf die politische Realität der 1980er Jahre an, als in vielen Ländern regelmäßig ABC-Warnungen durchgeführt wurden. Die ständige Bedrohung durch den Kalten Krieg und militärische Spannungen wird durch diese Allusion erneut verstärkt.
-
Außerdem lebt das Gedicht von Enjambements (Zeilensprünge), die den „notizenhaften“ Charakter verstärken.
4. Die Reflektion des Gedichts zur kritischen Haltung gegenüber politischen Nachrichten
-
Ein zentrales Element des Gedichts ist die Reflektion über die Wahrnehmung von politischen Nachrichten und die Macht, die sie auf den Einzelnen ausüben.
-
Die Bedeutung von „Hören den ABC-Waffen-Warnung“ (V. 15) stellt einen Höhepunkt dar, da sie die Unsicherheit und die Gefahr einer zunehmenden Entfremdung im Umgang mit diesen Nachrichten aufzeigt.
-
Die Passivität, mit der das Ich auf die aktuellen Gefahren reagiert, verweist auf das wachsende Gefühl der Ohnmacht und die Unfähigkeit, politische Nachrichten und die damit verbundene Verantwortung in eine konkrete politische Handlung umzusetzen.
-
Der Vers „Es wurde alltäglich wie Friedensappelle“ (V. 16) unterstreicht diesen Punkt und verstärkt die Idee, dass solche politischen Nachrichten zur Normalität geworden sind und keine wirkliche Handlung mehr hervorgerufen wird. Die Entfremdung von den politischen Ereignissen und der Bezug auf die scheinbare Bedeutungslosigkeit von Nachrichten wird hier als zentraler Bestandteil der gesellschaftlichen Desillusionierung dargestellt.
Schluss
-
Sarah Kirschs Gedicht Ende des Jahres ist eine kraftvolle Auseinandersetzung mit der politischen Entfremdung der Einzelnen im Angesicht der globalen Bedrohungen der 1980er-Jahre.
-
Sie zeigt, wie der Alltag der Menschen zunehmend von politischen Ereignissen geprägt wird, ohne dass diese in eine konkrete, handlungsorientierte Auseinandersetzung münden.
-
Das Gedicht appelliert an den Leser, sich seiner eigenen Rolle in der Auseinandersetzung mit Nachrichten und den Konsequenzen politischer Ereignisse bewusst zu werden und fordert eine kritische Reflexion des eigenen Engagements und Umgangs mit globalen Themen.
-
Kirsch fordert eine Reflexion darüber, wie Nachrichten und die damit verbundene Macht die Wahrnehmung und Handlungsfähigkeit der Individuen beeinflussen. Indem sie die globale Bedrohung durch die atomare Gefahr in einem persönlichen, fast intimen Kontext verhandelt, macht sie auf die Notwendigkeit einer umfassenden, gesellschaftlich relevanten politischen Auseinandersetzung aufmerksam.