Flucht und Neuanfang
Ankunft in einem fremden Land
Aeneas ist nach einem Seesturm mit einem Teil seiner Mannschaft an die Küste Nordafrikas verschlagen worden. Als er herausfinden möchte, wo sie sich befinden, tritt ihm Venus in Gestalt einer Jägerin entgegen und verwickelt ihn in ein Gespräch. Aeneas erkennt seine Mutter nicht, und Venus gibt sich auch nicht zu erkennen. Sie erklärt ihm, dass er sich im Herrschaftsgebiet der Königin Dido befinde. Diese sei kürzlich zusammen mit ihren Gefolgsleuten aus ihrer Heimatstadt Tyrus geflohen. Nun habe Dido von dem Gold, das sie aus ihrer Heimat mitnehmen konnte, Land gekauft und errichte gerade eine neue Heimat, die Stadt Karthago.
Die „Jägerin“ fragt, woher er und seine Gefährten gekommen seien und wohin sie wollten. Daraufhin erzählt Aeneas:
Umfang des lateinischen Textes: 186 Wörter
1 Ordne: qui penates ex hoste raptos classe mecum veho | ex hoste raptus vor dem Feind gerettet
2 super aethera bis zum Himmel hinauf
3 genus ab mit Ablativ die von … versprochene Nachkommenschaft
4 bis deni zwanzig
5 Phrygium … aequor (Akk.) das phrygische Meer
6 conscendere hier: befahren
7 Ordne: Matre dea viam monstrante | mater dea meine Mutter, die Göttin
8 Ergänze: data fata secutus sum | datus hier: verkündet
9 Ordne und ergänze: septem naves undis Euroque convulsae | Eurus Ostwind | convulsae leck geschlagen
10 deserta (Pl.) Wüste (Sg.)
11 Ergänze: ex Europa atque Asia
12 Ordne und ergänze: Nec Venus filium querentem plura passa est. | nec plura pati nicht länger ertragen können
13 interfari unterbrechen
14 haud invisus caelestibus von den Göttern nicht gehasst
15 carpere hier: atmen
16 Tyriam … urbem (Gemeint ist Karthago.)
17 adveneris ~ advenisti
18 moles (Sg.) Steinbauten (Pl.)
19 strata viarum gepflasterte Straßen
20 instare ardentes eifrig tätig sein
21 Tyrii Karthager
22 ducere … moliri … subvolvere … optare … concludere ~ ducit … molitur … subvolvit … optat … concludit | ducere hier: erbauen | optare mit Dativ hier: aussuchen für | concludere sulco Grundstücksgrenzen ziehen
23 iura … legere Gesetze benennen
24 ex ordine der Reihe nach
25 Atridas (Akkusativ Pl.) die Atriden (Gemeint sind die beiden griechischen Anführer.)
26 saevus mit Dativ zornig auf (Der griechische Kriegsheld Achill zürnt sowohl seinen eigenen Anführern als auch dem trojanischen König Priamus.)
27 Quis … locus Welcher Ort
28 Ordne und ergänze: quae regio in terris non plena nostri laboris est
Aufgabenstellung
I. Übersetze den Text in angemessenes Deutsch.
II. Löse die folgenden Aufgaben
Bestimme die Form und benenne die Funktion des Kasus von fama (V. 25).
Benenne und erkläre die Konstruktion matre dea monstrante viam (V. 5).
Fertige eine metrische Analyse der Verse 1 und 2 an (Längen und Kürzen). Benenne auch die auftretende metrische Besonderheit.

Untersuche, inwiefern die Themen Flucht und Neuanfang im vorliegenden Übersetzungstext eine Rolle spielen.
Wähle aus dem Text zwei verschiedene Stilmittel aus. Benenne sie und erläutere ihre Wirkung an der jeweiligen Textstelle.
Der in Pakistan geborene Autor Mohsin Hamid hat in seinem Roman Exit West (2017) eine realistische Geschichte über eine Flucht mit märchenhaften Elementen versehen:
Das junge Liebespaar Saeed und Nadia lebt in einem nicht näher benannten muslimischen Land, in dem Bürgerkrieg herrscht. Saeeds Mutter ist in diesem Krieg bereits getötet worden. Nun bietet sich für das Paar und Saeeds Vater eine Möglichkeit, der zunehmenden Gewalt zu entkommen. Gegen Bezahlung können sie eine magische Tür nutzen, durch die man direkt in Länder der westlichen Welt reisen kann. In welches Land man gelangt, unterliegt dem Zufall. Doch der Vater weigert sich mitzukommen. Jetzt versuchen die beiden jungen Leute ihn zur Flucht zu bewegen.
29 martern = quälen
Letztendlich beugen sich Saeed und Nadia dem Wunsch von Saeeds Vater und treten allein die Flucht an. Der Vater stirbt einige Zeit später.
Vergleiche die im Romanauszug geschilderte Fluchtsituation von Saeed und seiner Familie mit der Situation des Aeneas bei Vergil.
Beziehe dich dabei auf den vorliegenden Übersetzungstext und weitere dir bekannte Inhalte der Aeneis.
Der Verleger Rudolf Henneböhl äußert sich folgendermaßen über Vergil:
Nimm Stellung zu den Aussagen dieses Zitats.
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„Ich bin der pflichtgetreue Aeneas, der ich die vor dem Feind geretteten Penaten auf meiner Flotte mit mir führe, durch Ruhm bis zum Himmel hinauf bekannt. Ich suche Italien als Heimat und die vom höchsten Jupiter versprochene Nachkommenschaft. Mit zwanzig Schiffen habe ich das phrygische Meer befahren. Während meine Mutter, die Göttin, mir den Weg zeigte, folgte ich den verkündeten Schicksalssprüchen. Kaum sieben Schiffe sind übrig, von den Wellen und dem Ostwind leck geschlagen. Ich selbst durchstreife unerkannt und bedürftig die Wüste Libyens, vertrieben aus Europa und Asien.“
Venus konnte es nicht länger ertragen, dass ihr Sohn weiter klagte. Mitten in seinem Schmerz unterbrach sie ihn so: „Wer auch immer du bist, ich glaube, du bist von den Göttern nicht verhasst, da du die Lebensluft atmest und die Stadt Karthago erreicht hast. Geh nur weiter und begib dich von hier aus zu den Schwellen der Königin! [...]“
Aeneas staunt über die Steinbauten, wo einst Hütten standen, er staunt über die Tore, den Lärm und die gepflasterten Straßen. Eifrig tätig sind die Karthager: Der eine Teil erbaut Mauern, errichtet die Burg und wälzt mit den Händen Steine heran; ein anderer Teil sucht einen Platz für ein Haus aus und zieht Grundstücksgrenzen. Sie benennen Gesetze und Beamte und den ehrwürdigen Senat. Hier graben andere Häfen aus. Hier legen wieder andere tiefe Fundamente für Theater an und hauen gewaltige Säulen aus Felsen heraus. [...]
„O ihr Glücklichen, deren Mauern schon aufragen!“, sagt Aeneas und und blickt auf die Höhen der Stadt.
Er staunt. Er sieht die Kämpfe um Troja der Reihe nach und die Kriege, die durch ihren Ruf schon über den ganzen Erdkreis bekannt geworden sind, sowie die Atriden, Priamus und den auf beide Seiten zornigen Achill. Er blieb stehen und sagte weinend: „Welcher Ort nun, welche Gegend auf der Erde ist nicht von unserem Leid erfüllt?“
II. Aufgaben lösen
fama: Abl. Sg. f. von fama / Ablativus instrumenti oder Ablativus causae
matre dea monstrante viam: Ablativus absolutus / monstrante: PPA, Zeitverhältnis: gleichzeitig, im Abl. Sg. f. von monstrare / Bezugswörter in KNG-Kongruenz: matre dea

Besonderheit in V. 1: Synaloephe bzw. Elision (quex).
Einleitung:
Flucht aus einer kriegszerstörten Stadt und ein neuer Anfang in einem fremden Land sind Themen, die die gesamte Aeneis durchziehen und auch für Aeneas‘ Bericht in dieser Textstelle prägend sind: Ein Sturm hat ihn und seine Gefährten an eine unbekannte Küste verschlagen. In der Begegnung mit seiner Mutter in Gestalt einer ortskundigen Jägerin und angesichts der neu entstehenden tyrischen Stadt wird Aeneas im vorliegenden Übersetzungstext mit den Themen Flucht und Neuanfang konfrontiert.
Ergebnisse:
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Im deutschen Einleitungstext wird deutlich, dass nicht nur Aeneas, sondern auch die Königin Dido von Flucht und Neuanfang betroffen ist. Sie gründet, nachdem sie mit ihren Gefolgsleuten aus ihrer Heimat Tyrus geflohen ist, mit Hilfe des Goldes, das sie mitnehmen konnte, eine neue Heimatstadt: Karthago.
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Zu Beginn des lateinischen Text wird in der Selbstvorstellung des Aeneas deutlich, dass er aus einem Kriegsgebiet geflohen ist, denn er sagt, dass die Penaten, die Schutzgötter der alten Heimat, vor dem Feind gerettet worden seien und er sie bei sich habe (V. 1 f.: raptos qui ex hoste penates classe veho mecum).
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Selbstbewusst verweist Aneas auf seinen Bekanntheitsgrad, der aufgrund des Wirkens der Fama bis zum Himmel reiche (V. 2: fama super aethera notus). Hier spielt er auf die berühmten Ereignisse des Trojanischen Kriegs an, den Grund für seine Flucht aus Troja.
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Er sei auf der Suche nach Italien als Ziel und Heimat. Außerdem sei ihm von Jupiter selbst eine Nachkommenschaft versprochen worden (V. 3: Italiam quaero patriam et genus ab Iove summo). Daraus, dass nicht Troja, sondern Italien als patria bezeichnet wird, wird deutlich, dass er auf der Suche nach dieser neuen Heimat ist und den verheißenen Neuanfang erwartet.
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Aeneas berichtet, dass er und eine größere Gruppe trojanischer Geflüchteter zwanzig Schiffe als Transportmittel zur Flucht genutzt hätten und den Weg über das Meer als Fluchtweg (V. 4: Bis denis Phrygium conscendi navibus aequor).
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Die Flucht habe unter Führung seiner göttlichen Mutter gestanden und sei vom Schicksal vorherbestimmt worden (V. 5: Matre dea monstrante viam data fata secutus). Dass Götter und Schicksal den Weg der Trojaner wesentlich beeinflussen, ist eine Eigenheit der Fluchtgeschichte in der Aeneis.
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Die Schwierigkeiten der Flucht spricht Aeneas erst jetzt offen an: Nur noch sieben Schiffe seien übrig (V. 6: Vix septem … supersunt), auch diese seien durch die Wellen und den Wind beschädigt (V. 6: convulsae undis Euroque). Er selbst sei an der Küste Nordafrikas fremd (V. 7: ignotus) und mittellos (V. 7: egens) und durchstreife nun die Wüste (V. 7: deserta peragro). Die Trostlosigkeit seiner gegenwärtigen Situation als Geflüchteter wird hier greifbar.
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In den abschließenden vier Worten seiner Rede zeigt sich die Heimatlosigkeit eines Geflüchteten vielleicht am deutlichsten: Er sei von zwei Kontinenten vertrieben (V. 8: Europa atque Asia pulsus). Aus dieser knappen Formulierung spricht Verzweiflung, denn Aeneas befindet sich in einem trostlosen Zwischenzustand: Er gehört nicht mehr zu seiner alten Heimat Troja in Asien und noch nicht zur neuen Heimat Italien.
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Wie gravierend die Fluchterfahrungen des Aeneas sind, verdeutlicht Vergil, indem er darstellt, dass sie auch von einer Göttin für unerträglich gehalten werden. Denn Venus hält es nicht mehr aus, weitere Details darüber zu hören (V. 8 f.: Nec plura querentem passa Venus).
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Venus reagiert auf die Verzweiflung, indem sie Aeneas‘ Aufmerksamkeit auf einen möglichen Neuanfang lenkt und ihm Perspektiven aufzeigt: Den Göttern könne Aeneas ihrer Meinung nach nicht verhasst sein (V. 10: haud, credo, invisus caelestibus). Er atme Lüfte voller Leben (V. 10 f.: auras vitales carpis), denn er sei zur tyrischen Stadt gekommen. Ihrer Rolle als leitender Figur im Hintergrund kommt sie nach, wenn sie ihn in zwei Imperativen (V. 12: Perge … atque … perfer!) auffordert, diese Stadt und deren Königin aufzusuchen. Mit diesen Worten erfolgt der Wechsel vom Thema „Flucht“ hin zum „Neuanfang“: Die Trojaner sind auf sicherem Gebiet angekommen.
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Aeneas folgt dem Rat der Göttin und bekommt ein positives Beispiel für einen Neuanfang zu Gesicht, als er sieht, wie die neue Stadt Karthago entsteht. Er reagiert mit doppeltem Staunen über den Bau riesiger Gebäude aus kleinen Hütten (V. 13: Miratur molem Aeneas, mapalia quondam) und über den Aufbau der städtischen Infrastruktur, bestehend aus Toren und Straßen (V. 14: miratur portas strepitumque et strata viarum).
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Neuanfang ist verbunden mit einer Vielzahl von Tätigkeiten. Die Bautätigkeit der eifrigen Tyrer wird greifbar in der Aufzählung all dessen, was Aeneas beobachtet: Mauern werden gezogen, eine Burg errichtet, Felsen von Hand gewälzt, Grundstücke ausgesucht und Grenzen gezogen (V. 15 ff.: Pars ducere muros molirique arcem et manibus subvolvere saxa, pars optare locum tecto et concludere sulco). Erneut wird auch die öffentliche Infrastruktur genannt, wie die Anlage von Häfen (V. 19: portus alii effodiunt), der Bau von Theatern (V. 19 f.: alta theatris fundamenta) und die Errichtung repräsentativer Säulen (V. 20: immanes columnas). In all dem liegt eine Aufbruchstimmung. Aeneas wird lebendig vor Augen geführt, was Neuanfang bedeutet.
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Der Aufbau beschränkt sich nicht auf Bautätigkeiten im eigentlichen Sinn, auch die Einrichtung von Gesetzen, Magistraten und des Senats als Regierungsgremium wird erwähnt (V. 18: Iura magistratusque legunt sanctumque senatum). Gerade der Senat erfährt durch das Epitheton sanctum eine besondere Wertschätzung. Die Fülle des Erwähnten zeigt die Vielfalt der Aufgaben, die mit einem Neuanfang verbunden sind.
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Aeneas blickt neidvoll auf die Giebel der Stadt und erkennt dabei möglicherweise, welcher Weg noch vor ihm liegt. In den Worten „O fortunati, quorum iam moenia surgunt!“ (V. 22) schwingt einerseits die Sehnsucht nach einer eigenen Stadt mit und andererseits auch die Erkenntnis, wie weit entfernt der Neuanfang für ihn und seine Leute noch ist.
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Das Staunen über die neu erschaffene Stadt geht über in Wehmut und Trauer, als Aeneas mit Bildern des Trojanischen Krieges auf einer Wanddekoration konfrontiert wird: Videt Iliacas ex ordine pugnas bellaque iam fama totum vulgata per orbem (V. 24 f.). Bekannte Gesichter aus beiden Kriegslagern sind zu sehen (V. 26: Atridas Priamumque et … Achillem). Aeneas bleibt stehen und weint aus Trauer über das Kriegsgeschehen, das die Flucht ausgelöst hat (V. 27: Constitit et lacrimans). Hier gibt Vergil einem zeitunabhängigen Phänomen Raum: Geflüchtete Menschen können auch in einer neuen Umgebung den Schmerz über den erlittenen Verlust nie ganz ablegen und werden an ihre traumatischen Erfahrungen erinnert, wenn unvermittelt vertraute Bilder auftauchen.
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Aeneas erkennt, dass die Flucht der Trojaner das Ergebnis eines globalen Großereignisses ist, welches in der ganzen Welt Nachhall gefunden hat. Diese Erkenntnis zeigt sich an den rhetorischen Fragen am Ende des Übersetzungstextes (V. 27 f.: „Quis iam locus, … quae regio in terris nostri non plena laboris?“).
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Krieg, Flucht und Neuanfang bedeuten Anstrengung und Leid, begleitet von Angst, Tränen und Sorgen. Davon zeugt das letzte Wort des Aeneas in diesem Text: laboris (V. 28).
Fazit:
Die vorliegende Textpassage lässt sich in zwei Teile gliedern: In den Versen 1-8 geht es um Aeneas‘ Herkunft und seine aktuelle Situation. Auch wenn das Wort „Flucht“ in diesen Versen nie explizit fällt, weiß die kundige Leserschaft, dass Aeneas in seiner Rede auf die ereignisreichen Geschehnisse seiner Flucht anspielt. In den ersten fünf Versen formuliert er gegenüber der fremden „Jägerin“ nur knappe und recht nüchterne Sätze. Emotional greifbar wird das Thema „Flucht“ in den Versen 6-8, aus denen die Verzweiflung des heimatlosen Geflüchteten spricht.
Mit der Rede der Venus ab Vers 10 rückt das Thema „Neuanfang“ in den Vordergrund. Als Aeneas ihrer Aufforderung folgt und aus der Ferne Karthago erblickt, überwiegt das Staunen über die rege Bautätigkeit der Karthager und die Sehnsucht nach einem eigenen Neuanfang. Das Textende führt beide Themen zusammen, denn es zeigt, dass auch im Angesicht eines Neuanfangs die tiefe Trauer über den Verlust bleibt.
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Hyperbaton: Medio sic interfata dolore est (V. 9)
Die Leserschaft wird auf diese Textstelle aufmerksam, weil das Adjektivattribut medio und sein Bezugswort dolore nicht direkt nebeneinanderstehen, sondern durch die Wörter sic interfata getrennt sind.
Diese Trennung von medio und dolore bewirkt, dass die Leserschaft auf das Bezugswort zu medio wartet. Bevor mit dolore die Auflösung folgt, rückt erste einmal der Ausdruck der Unterbrechung (sic interfata) in das Zentrum der Aufmerksamkeit.
Das Hyperbaton bildet den Inhalt der Textstelle sprachlich ab: Wie die Verbindung zwischen medio und dolore unterbrochen ist, unterbricht Venus die Rede des Aeneas mitten in seinem Schmerz, um zu verhindern, dass er darin versinkt, und um sein Augenmerk auf den bevorstehenden Neuanfang zu richten.
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Anapher: Miratur …, miratur (V. 13 f.)
Die Leserschaft wird auf diese Textstelle aufmerksam, weil zwei aufeinanderfolgende Verse mit dem gleichen Wort beginnen.
Diese Wiederholung bewirkt, dass das Wort miratur in den Fokus der Aufmerksamkeit gerät und sich das Staunen, von dem Aeneas hier bestimmt wird, bei der Leserschaft fest einprägt.
Dieser Fokus auf dem Wort miratur passt zur Textstelle: Aeneas befindet sich nach der Landung an der tyrischen Küste an einem Tiefpunkt seiner Flucht. In dieser Situation blickt er auf die Bauarbeiten an der neuen Stadt und Bewunderung erfasst ihn, weil er sieht, mit welcher Tatkraft und Effizienz die ebenfalls vertriebenen Tyrer in ihrer neuen Heimat aus einfachen Hütten eine gewaltige Stadt errichten (V. 13: Miratur molem, mapalia quondam). Die Leserschaft kann nachempfinden, wie aus dem Schmerz des Aeneas begründete Hoffnung erwächst, dass auch die Trojaner ihr Schicksal wenden und eine neue Heimat errichten können.
Einleitung:
Beide Texte, der vorliegende Auszug aus dem Roman Exit West von Mohsin Hamid und Vergils Aeneis, widmen sich mit einem zeitlichen Abstand von ca. 2000 Jahren dem Thema Flucht. Im Folgenden werden die in den beiden Texten geschilderten Situationen miteinander verglichen.
Ergebnisse:
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Fluchtursache: In beiden Texten ist ein Krieg Ursache der Flucht. In der Aeneis fliehen die Trojaner, weil sie nach der Einnahme und Zerstörung der Stadt ihre Heimat verloren haben. Der Krieg ist bereits verloren und Aeneas kann sich und seine Gefährten nur durch Flucht vor Tod oder Sklaverei retten. Aeneas sieht sich als Vertriebener (V. 8: pulsus). Die in Exit West beschriebenen Ereignisse spielen in der Gegenwart. Saeed und Nadia stammen aus einem muslimischen Land und fliehen vor einem Bürgerkrieg, der noch in vollem Gange ist (siehe Einleitungstext).
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Fluchtweg: Die Fluchtwege sind sehr unterschiedlich: Aeneas und seine Gefährten fliehen über die Meere und sind auf der Flucht großen Gefahren unterworfen: Viele Schiffe sind zerstört oder leck geschlagen (V. 6: Vix septem convulsae … supersunt). Ziel der Flucht ist Europa mit Italien als neuer Heimat (V. 3: Italiam quaero patriam). Der Fluchtweg des Aeneas ist sehr beschwerlich. Saeed und Nadia sind auf ihrem Fluchtweg keinen Gefahren ausgesetzt: Durch eine magische Tür können sie gegen Bezahlung Länder der westlichen Welt erreichen (siehe Einleitungstext). Dieses märchenhafte Element führt dazu, dass die Gefahren der eigentlichen Flucht ausgeklammert werden.
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Ziel der Flucht: Aeneas weiß aufgrund verschiedener Prophezeiungen, dass ihm und seiner Nachkommenschaft die Gründung eines neuen Reiches bestimmt ist. Er kennt sogar den Namen seiner neuen Heimat (V. 3: Italiam quaero patriam). Nadia und Saeed wollen dem Bürgerkrieg Richtung Westen entkommen, sie wissen aber nicht genau, an welches Ziel die magische Tür sie bringt. Kein klares fatum, sondern ein unbestimmter Zufall entscheidet über die neue Heimat (siehe Einleitungstext).
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Alternativlosigkeit: Aeneas hat im Grunde keine Wahl. Er muss fliehen. Zum einen wird Troja von den Griechen eingenommen und zerstört, zum anderen haben es die Götter und das Schicksal so bestimmt (V. 5: data fata secutus). Auch für Saeed und Nadia gibt es zur Flucht keine Alternative, wenn sie eine Zukunft haben wollen. Davon ist insbesondere der Vater überzeugt (Z. 25: er wusste, dass sein Sohn unbedingt gehen musste).
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Figurenkonstellation: In beiden Texten sind Familien von der Flucht betroffen. In der Aeneis tritt Aeneas die Flucht mit seiner Frau Crëusa, seinem Vater Anchises und seinem Sohn Iulus Ascanius an. In dem Romanauszug stehen das junge Paar Saeed und Nadia sowie Saeeds Vater vor der Entscheidung, das Land zu verlassen. Im Gegensatz zu Aeneas und Crëusa sind Saeed und Nadia nicht verheiratet, sondern ein Liebespaar (siehe Einleitungstext), auch haben sie anders als Aeneas und Crëusa keine Kinder. Vergleichbar ist insbesondere die Situation von Saeed und seinem Vater mit der von Aeneas und Anchises.
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Die Haltung der Väter zur Flucht: Während Aeneas gegen die Griechen kämpft, erscheint ihm seine Mutter und befiehlt ihm zu fliehen und seine Familie zu retten. Doch sein gelähmter Vater Anchises weigert sich zunächst, Troja zu verlassen. Erst als er ein göttliches Omen sieht, ist er bereit mitzukommen. Saeeds Vater will ebenfalls nicht fliehen und lässt sich auch nicht zur Flucht bewegen (Z. 1 f.: Saeeds Vater hörte ihnen ruhig zu, ließ sich jedoch nicht umstimmen). Er möchte, dass Saeed und Nadia ohne ihn gehen (Z. 2 f.: Sie, wiederholte er, müssten gehen, und er müsse bleiben). In beiden Texten sind die Söhne die treibende Kraft für die Flucht, während ihre Väter die Heimat trotz des Krieges nicht verlassen wollen. Anchises lässt sich durch göttlichen Einfluss umstimmen, für Saeeds Vater gibt es keine vergleichbare Einflussnahme, er bleibt bei seinem Entschluss.
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Die Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn: Aeneas hat ein inniges Verhältnis zu seinem Vater und will die Stadt nicht ohne ihn verlassen. Als Anchises durch göttliches Eingreifen bereit ist mitzukommen, trägt ihn Aeneas auf seinen Schultern aus der brennenden Stadt. Auch Saeed will nicht ohne seinen Vater gehen. Die andauernde Weigerung des Vaters quält Saeed (Z. 6 ff.: sein Vater nahm ihn beiseite, denn er konnte sehen, wie sehr er seinen Sohn marterte). Er ist aufgebracht, als sein Vater sich weigert mitzukommen, und droht ihm, dass er ihn zur Flucht zwingen werde, indem er ihn über die Schulter werfe (Z. 3 ff.). Er hat also das vor, was Aeneas tatsächlich mit seinem Vater tut, allerdings nicht, weil Saeeds Vater nicht gehen kann, sondern weil er nicht gehen will. Der Romanauszug spielt hier möglicherweise auf das berühmte Motiv aus der Aeneis an.
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Neuanfang ohne Vater: Auch wenn Anchises Aeneas zunächst auf der Flucht begleitet, erreicht er die neue Heimat nicht. Er stirbt auf der langen Reise. Saeed muss seinen Vater zurücklassen, weil dieser nicht fliehen will (Z. 3: er müsse bleiben). Und auch Saeeds Vater stirbt einige Zeit später (siehe Abschlusstext). So müssen sowohl Aeneas als auch Saeed den Neuanfang ohne Vater meistern.
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Verluste: Aeneas verliert auf dem Weg aus der Stadt in den Wirren des Krieges seine Frau Crëusa; sein Sohn Ascanius verliert seine Mutter. Auch Saeeds Mutter ist dem Krieg zum Opfer gefallen (siehe Einleitungstext). Außerdem muss er seinen Vater zurücklassen (siehe Abschlusstext), wie Aeneas letztlich auch, als Anchises auf der langen Flucht stirbt. In beiden Fällen erleiden die Familien Verluste durch Krieg und Flucht.
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Verzweiflung: Aeneas‘ Selbstvorstellung der Jägerin gegenüber mündet in der Klage über die zerstörten Schiffe (V. 6: Vix septem convulsae undis Euroque supersunt) sowie die eigene Heimatlosigkeit und Bedürftigkeit (V. 7: Ipse ignotus, egens). Die Wüste, die er durchwandert (V. 7: Libyae deserta peragro), ist ein Spiegel seiner inneren Leere, entstanden aus Not und Verzweiflung. Auch Saeed ist verzweifelt. Zur Flucht gibt es keine Alternative. Die Weigerung des Vaters, mit ihm zu fliehen, quält Saeed sehr (Z. 6 ff.: sein Vater nahm ihn beiseite, denn er konnte sehen, wie sehr er seinen Sohn marterte). Beide Protagonisten leiden also unter der Flucht, aber aus unterschiedlichen Gründen: Aeneas leidet unter den erlittenen Verlusten, Saeed leidet darunter, dass sein Vater nicht mitkommen, sondern in der alten Heimat bleiben will.
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Pietas: Aeneas stellt sich der unbekannten Jägerin selbst als pius Aeneas (V. 1) vor. Er stellt diese pietas in einen Zusammenhang mit seinem Einsatz für die Schutzgötter Trojas, die er vor dem Feind gerettet habe (V. 1 f.: raptos … ex hoste penates … veho mecum). Aber pietas zeigt er in der Aeneis nicht nur in der Loyalität den Göttern gegenüber, sondern auch im Umgang mit seiner Familie. Besonders augenfällig wird sie in der körperlichen Anstrengung, die er auf sich nimmt, um seinen gelähmten Vater aus der Stadt zu tragen. In vergleichbarer Weise ist es Saeed im Roman Exit West wichtig, seinen Vater mitzunehmen. Wenn er dem Vater droht, ist das Ausdruck seiner pietas, denn sonst ist er ihm gegenüber nie in vergleichbarer Weise aufgetreten (Z. 3-6: Saeed drohte damit, sich seinen Vater wenn nötig über die Schulter zu werfen und ihn so zur Abreise zu zwingen, und er hatte noch nie so mit ihm gesprochen). Auch Saeeds Vater zeigt pietas: Dass er die Flucht ablehnt, ist ein Zeichen der pietas seiner verstorbenen Frau gegenüber: Aus Verbundenheit mit ihr, die in der Heimat begraben ist, kann er diesen Ort nicht verlassen (vgl. Z. 12-21).
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Die Rolle der Mutter: Aeneas‘ Mutter muss nicht fliehen: Als Göttin begleitet sie die Ereignisse um ihren Sohn fürsorglich von außen. Saeeds Mutter hingegen ist bereits verstorben und in der alten Heimat begraben (Z. 11: Saeed sagte: „Mutter ist tot.“). Vergleichbar mit Saeeds Situation ist die des Ascanius, der ohne seine Mutter fliehen muss.
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Übernatürliche Elemente: Die Flucht der Trojaner wird begleitet durch das Eingreifen von Göttinnen und Göttern. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. So ist der Seesturm, dem die trojanischen Schiffe zum Opfer fallen, von Juno initiiert. Im vorliegenden Text sagt Aeneas selbst, dass seine Reise durch die göttliche Mutter begleitet werde und er den Weisungen eines übergeordneten Schicksals gefolgt sei (V. 5: Matre dea monstrante viam data fata secutus). Und auch in der Situation des vorliegenden Übersetzungstextes hilft ihm seine göttliche Mutter. Zunächst baut sie ihn emotional auf, indem sie ihm versichert, dass er den Göttern keineswegs verhasst sei (V. 10: haud, credo, invisus caelestibus), und dann weist sie ihm den Weg zu Dido und zur neu entstehenden Stadt Karthago (siehe Zwischentext). Im Roman Exit West greifen zwar keine Götter ins Geschehen ein, aber es gibt eine magische Tür, die Saeed und Nadia die Flucht leicht macht (siehe Einleitungstext).
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Zukunftsorientierung: Aeneas flieht mit seiner Familie und seinen Gefährten aus Troja, weil er eine neue Heimat und Existenzsicherung für sich und die Seinen in Italien sucht (V. 3: Italiam quaero patriam et genus ab Iove summo). Durch das fatum hat er Gewissheit, dass er sein Ziel erreichen wird. Er ist zukunftsorientiert. Das gilt auch für Saeed, der fliehen will und es letztlich auch tut (siehe Einleitungs- und Abschlusstext), weil er sich von der Flucht eine Zukunftsperspektive im Westen und eine Welt ohne die Grausamkeiten des Kriegs erhofft.
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Rückwärtsgewandtheit: Aeneas leidet unter der Last der verlorenen Heimat Troja. In der Aeneis gibt es Passagen, in denen er von Trauer und Verzweiflung übermannt wird - wie hier, als er sich gestrandet an der libyschen Küste fremd und bedürftig fühlt und aus aller Zivilisation vertrieben (V. 7 f.: Ipse ignotus, egens Libyae deserta peragro, Europa atque Asia pulsus) oder als er in Erinnerung an Troja seine Tränen nicht zurückhalten kann (V. 24-27: Videt Iliacas ex ordine pugnas bellaque iam fama totum vulgata per orbem … . Constitit … lacrimans). In der emotionalen Bindung an Troja und an die eigene Vergangenheit zeigt sich Aeneas rückwärtsgewandt. Im vorliegenden Übersetzungstext richtet er erst durch Intervention seiner Mutter (V. 12) den Blick auf die Zukunft. In noch viel stärkerem Maße trifft die Rückwärtsgewandtheit auf Saeeds Vater zu. Er sucht keinen Neuanfang, weil er sich nicht von seiner Frau trennen kann. Obwohl sie tot ist, bleibt sie für ihn lebendig an dem Ort, an dem sie gemeinsam ihr Leben verbracht haben. So begründet er auch gegenüber Saeed seine Weigerung mitzukommen: „Weil deine Mutter hier ist.“ Saeed sagte: „Mutter ist tot.“ Sein Vater sagte: „Nicht für mich.“ (Z. 10 ff.). Er kann und will die Vergangenheit nicht hinter sich lassen (Z. 18-21: er zog es vor, in gewissem Sinn in der Vergangenheit zu verharren, denn die Vergangenheit hatte ihm mehr zu bieten als die Gegenwart). Er sieht seine Zukunft nicht in der Fremde, sondern nur an dem Ort, der seine Vergangenheit geprägt hat.
Fazit:
Trotz des zeitlichen Abstands zwischen beiden Erzählungen lässt sich feststellen, dass die Situation der Flüchtenden in vielen Punkten ähnlich ist. Gerade in der Vater-Sohn-Beziehung sowie in der Erfahrung von Leid und Verlust, die mit einer Flucht einhergehen, lassen sich deutliche Parallelen finden. Unterschiede gibt es im Einzelnen, diese betreffen zum Beispiel den Fluchtweg und die konkrete Familienkonstellation. Vor allem aber ist die Erzählung des Aeneas in einen größeren Rahmen gesetzt. Sie ist vom Ende her gedacht. Alles läuft auf die Erfüllung einer großen Bestimmung zu, der Gründung Roms. Der ständige Bezug zur Götterwelt dient dabei als steuernder Faktor der Ereignisse. Aeneas muss seine Pflicht gegenüber Göttern und Menschen erfüllen. Saeed und sein Vater treffen hingegen eigenständige Entscheidungen, basierend auf ihren individuellen Erfahrungen und Zukunftsperspektiven.
Einleitung:
Die Aussage Henneböhls legt nahe, dass Vergil zwar kein Widerstandskämpfer gewesen sei, aber das Thema Krieg tendenziell kritisch betrachtet habe. Im Folgenden wird zu den Aussagen des Zitats Stellung genommen.
Ergebnisse:
Argumente für Aussagen des Zitats:
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Vergils Leben:Dass Vergil persönlich den Wahnsinn des Krieges (Z. 4) erlebt hat, ist wahrscheinlich. Man geht davon aus, dass er in seiner Jugendzeit mit den Auswirkungen des Bundesgenossenkriegs konfrontiert war. Da Vergil wahrscheinlich keltischer Abstammung war, war sein Verhältnis zu den römischen Besatzern vermutlich von Abneigung geprägt. Ob er die Opfer und Leiden des Krieges (Z. 6) noch in anderen Formen als der vermutlichen Landenteignung erlebt hat, ist unklar. Aber unter anderem in solchen Kriegserfahrungen könnte eine Ursache für einen tendenziell kritischen Blick auf das Thema Krieg liegen.
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Vergil und Augustus:Dass Vergil sich mit den Ursachen des Kriegs (Z. 2 f.) beschäftigt und mit den Möglichkeiten, den Wahnsinn des Krieges einzudämmen (Z. 3 f.), liegt nahe, wenn man sein Verhältnis zum princeps Augustus betrachtet. Über Vergils Leben ist zwar wenig bekannt, aber wir wissen, dass er als Mitglied des Maecenas-Kreises Augustus nahestand, der sich selbst als Garant einer neuen Friedenszeit nach Jahren der Bürgerkriege verstand. Sichtbares Monument dafür ist die Ara Pacis Augustae, ein Friedensaltar, den Augustus in Rom errichten ließ. Man kann vermuten, dass die Haltung des princeps zum Frieden das Denken der Zeit bestimmt hat und damit auch die Einstellung Vergils, der Krieg eben nicht verherrlicht.
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Der augusteische Frieden als Ziel der Geschichte:Vergil ist kein Widerstandskämpfer (Z. 1), denn in den historischen Durchblicken der Aeneis wird die Friedenszeit des Augustus als Erfüllung des vom Schicksal bestimmten Verlaufs der römischen Geschichte dargestellt. Ein Beispiel dafür ist die Schildbeschreibung des achten Buches. Der augusteische Frieden führt zu einer Blüte der römischen Kultur und trägt auch wesentlich zur Akzeptanz des Prinzipats bei. Vergils Held Aeneas ist der Vorfahr dieses Friedensbringers Augustus, er begründet dessen göttliche Abstammung von der Göttin Venus. Vergil legt in der Aeneis dem höchsten Gott Jupiter selbst lobende Worte über Caesar bzw. Augustus als kommende Herrscher in den Mund. Daraus lässt sich eine Zustimmung des Dichters zum Wirken des Augustus schließen.
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Blick auf die Ursachen des Krieges:Vergil hat sich in mehrfacher Hinsicht mit den Ursachen des Krieges (Z. 2 f.) beschäftigt. In der Aeneis liegen diese Ursachen nicht in handfesten politischen oder wirtschaftlichen Konflikten, sondern sind eine Folge des göttlichen Theaters um verletzte Eitelkeiten. So ist Juno immer wieder Kriegstreiberin, wenn sie zum Beispiel Turnus durch die Furie Allekto zum Krieg gegen Latinus treibt. Die Liebe des Paris zu Helena ist Auslöser eines globalen Kriegs zwischen Trojanern und Griechen. Neben persönlichen Emotionen als Kriegsursache macht Vergil aber auch deutlich, dass Kriege nicht vermeidbar sind, wenn es um das Erreichen höherer Ziele wie der Gründung eines zukünftigen Reiches geht.
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Aufgabe der Römer:Ein Augusteer wie Vergil muss kein Widerstandskämpfer (Z. 1) sein, um den Blick auf Opfer und Leiden (Z. 6) des Krieges zu richten, denn der Krieg ist nur ein Mittel auf dem Weg zum Frieden. In der Heldenschau im sechsten Buch der Aeneis wird der Imperialismus zwar als Aufgabe der Römer beschrieben. Aber diese Herrschaft ist mit Milde im Umgang mit den Unterworfenen verbunden. Es geht also langfristig um die Eindämmung des Krieges (Z. 4). Die römische Herrschaft soll letztlich Frieden und Zivilisation bringen und keinen andauernden Krieg.
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Umgang mit dem Thema „Krieg“ in anderen Werken der römischen Literatur:Henneböhl hat Recht damit, dass Vergil im Gegensatz zu vielen anderen … einen Blick für die Opfer und für die Leiden, die der Krieg verursacht (Z.5 ff.), hat. Anders als bei Vergil gibt es zum Beispiel bei Caesar im Bellum Gallicum keinen kritischen Blick auf den Krieg und keine Empathie mit den Opfern. Die Eroberung Galliens forderte viele Menschenleben. Caesar stellt das nicht infrage.
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Opfer des Krieges:Vergil hat einen Blick für die Opfer des Krieges (Z. 6). Viele Figuren, große Kämpfer wie Hector, aber auch Unschuldige wie Crëusa oder Anchises sowie junge Menschen wie Pallas verlieren im Kriegs- und Fluchtgeschehen ihr Leben. Ihr Verlust verursacht bei den Angehörigen großes Leid. Vergil gibt der Trauer darüber in der Aeneis Raum.
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Persönliches Leid durch Krieg:Vergil beschreibt immer wieder menschliches Leid in seinem Werk. Im vorliegenden Text beklagt Aeneas selbst seine Situation als gestrandeter Fremder (V. 6 ff.). Er weint beim Anblick der Darstellungen auf dem Tempel (V. 27: lacrimans). Im letzten Kampf um Troja zeigt Vergil Aeneas verzweifelt und unentschlossen, im Seesturm wird er von Angst übermannt und er verspürt den nicht heldenhaften Wunsch zu sterben. Man kann Henneböhl also zustimmen, wenn er sagt, Vergil habe einen Blick … für die Leiden, die der Krieg verursacht (Z. 6 f.).
Argumente gegen Aussagen des Zitats:
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Two-Voices-Theory:Man kann die Aeneis an einigen Stellen so lesen, dass Vergil indirekt - in einer subtilen personal voice - Kritik an Augustus vorbringt. Ansatzpunkt dafür ist das Ende der Aeneis: Aeneas tötet Turnus mitleidslos. Aeneas ist der mythische Vorfahr des Augustus: Eine ungünstige Darstellung des Aeneas wirft auch ein schlechtes Licht auf Augustus. Das mag ein Hinweis auf Kritik sein. Insofern lassen sich Passagen des Werks als eine subtile Form des Widerstands gegenüber Augustus lesen und Vergil kann durchaus als Widerstandskämpfer (Z. 1) auf literarischer Ebene angesehen werden.
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Aeneas als Schlächter:Das Ende der Aeneis ist brutal: Aeneas lässt sich von seiner Rache leiten und ersticht brutal den am Boden liegenden Turnus. Auch Turnus ist ein Opfer des Krieges (Z. 6). Für ihn zeigt Vergil jedoch keine Empathie, obwohl in der Aeneis deutlich wird, dass auch Turnus nur Spielball der Götter ist und von Juno zum Kampf angestachelt wird.
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Die Bedeutung des Themas „Krieg“ in der Aeneis:Das Thema Krieg ist grundlegend für die Aeneis, deren erstes Wort arma lautet: Der Dichter will Waffen, im Sinne von Kriegstaten, besingen. Die Folgen des Trojanischen Krieges bestimmen die erste Hälfte der Aeneis, der Kampf um die Ansiedlung in Latium die zweite Hälfte des Werkes. Krieg ist ein notwendiges Mittel, um die Bestimmungen des fatum auf der irdischen Ebene umzusetzen: eine neue Heimat zu finden und die Grundlage für das römische Volk zu legen. Als Römer stellt Vergil den Krieg keinesfalls grundlegend infrage, wie das Zitat von Henneböhl nahelegen könnte, auch wenn er vom Wahnsinn des Krieges (Z. 4) spricht oder davon, dass Vergil einen Blick für die Opfer und für die Leiden, die der Krieg verursacht (Z. 6 f.), hat.
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Bedeutung des „Krieges“ für das imperium Romanum:Das römische Reich ist untrennbar mit dem Thema Krieg verbunden. Durch kriegerische Expansion ist es gewachsen und die militärische Macht trägt wesentlich zur Erhaltung der Größe und Sicherung der Grenzen und römischer Interessen bei. Das gilt für die gesamte römische Geschichte. Römer sind keine Pazifisten. Das gilt auch für Vergil. Im zweiten Teil der Aeneis wird dem Leser vor Augen geführt, dass Kämpfe unabdingbar für die Gründung des späteren Roms sind. Es geht Vergil hier also keineswegs nur um die Möglichkeiten, den Wahnsinn des Krieges einzudämmen (Z. 3 f.).
Fazit:
Es spricht mehr dafür als dagegen, Henneböhls Aussage zuzustimmen. Für seine Analyse, dass Vergil sich mit dem Thema Krieg in einer Weise auseinandersetzt, die die Ursachen und negativen Folgen für das Individuum in den Blick nimmt und den Krieg tendenziell kritisch betrachtet, gibt es in der Aeneis viele Beispiele. Auch passt eine solche Betrachtung zum Zeitgeist des augusteischen Friedens.
Henneböhls Aussage, dass Vergil kein Widerstandskämpfer gewesen sei, ist ebenfalls plausibel. Offener Widerstand gegen den princeps ist nicht erkennbar. Allerdings lässt sich im Sinne der Two-Voices-Theory durchaus subtile Kritik an Augustus aus der Aeneis herauslesen.