Aufgabe 1 – Glaube an Gott gestaltet Lebenswirklichkeit
Hinweis: Wähle eine der beiden Aufgaben aus und bearbeite diese.
Schwerpunktthema I
Zeige die von Heinrich Bedford-Strohm im vorliegenden Text dargelegte Grundhaltung einer radikalen Liebe auf (mit Zeilenangaben).
Entfalte an 2. Mose 3,1-15 die Unverfügbarkeit Gottes (vgl. Text, Z. 8) (mit Angabe der jeweiligen Bibelverse).
Die Liebe Gottes gilt gerade auch dem Sünder (vgl. Text, Z. 22 f.). Erläutere die reformatorische Vorstellung „simul iustus et peccator“. (Bibelstellenbelege sind nicht erforderlich.)
Stelle in Grundzügen ein ethisches Argumentationsmodell der teleologischen Ethik dar.
Im vorliegenden Text spricht Heinrich Bedford-Strohm vom „Kraftfeld des Reiches Gottes“ (Text, Z. 31). Setze dich damit auseinander, inwiefern es angemessen ist, das biblisch-theologische Zukunftsmodell des Reiches Gottes als „Kraftfeld“ zu bezeichnen, indem du unter Verwendung von Fachwissen ein begründetes eigenes Urteil entwickelst. (Der dir vorliegende Text steht als Informationsquelle zur Verfügung.)
Radikale Liebe
Autorenhinweis: Heinrich Bedford-Strohm, Theologe
[Bedford-Strohm, Heinrich: Radikal lieben. Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche. Gütersloh 2017, S. 26-30]
(zu Prüfungszwecken bearbeitet)
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Die Aufgabenstellung zielt auf die EPA-Anforderungsbereiche I und II. Der Operator „aufzeigen“ verlangt hier, die von Bedford-Strohm im vorliegenden Text dargelegte Grundhaltung einer radikalen Liebe darzustellen. Dies kann mit eigenen Worten oder textnah geschehen. Es ist in jedem Fall mit Zeilenangaben zu arbeiten.
Lösungsansatz
Die Aufgabenstellung verlangt das inhaltliche Erfassen der im Text dargelegten Grundhaltung einer radikalen Liebe und deren Darstellung. Dabei sind folgende Kriterien relevant: Stimmigkeit der Darstellung, Differenzierung zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem.
Ausgehend davon, dass die Liebe das Wesensmerkmal Gottes sei (1. Joh 4,7-21) und dass Gottesliebe und Nächstenliebe untrennbar miteinander verbunden seien, verdeutlicht Bedford-Strohm die Grundhaltung einer radikalen Liebe als grundlegende Orientierung für das menschliche Leben. Diese kann z. B. folgendermaßen dargestellt werden:
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Den Gott der Bibel unterscheide von anderen Göttern, dass er ein Gott der Liebe sei, weil er mit Menschen mitleide. Er sei in seinem Sohn selbst Mensch geworden und opfere nicht einen anderen, sondern sich selbst aus reiner Liebe.
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Mit Liebe, die gerade auch dem Sünder gelte, wolle Gott die Gewalt überwinden. Die Hingabe Jesu am Kreuz ziele darauf, dass die Menschen erkennen: Nicht Gegengewalt, sondern allein der Weg der Liebe führe zum Ziel.
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Die Liebesenergie Gottes, wie sie im Menschen Jesus sichtbar geworden sei, ziehe den Menschen in das Kraftfeld des Reiches Gottes.
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Gemeinschaft mit Christus heiße immer auch Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten und denen, die sein Schicksal teilten, was zur Konsequenz habe, dass der Weg der Christen nie aus der Welt heraus, sondern in die Welt und ihre Konflikte hineinführen müsse. Radikale Christusliebe sei immer radikale Liebe zur Welt, radikale Nächstenliebe.
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Beim Doppelgebot der Liebe (Mt 22,36-40) handele es sich um eine Zusammenfassung der gesamten biblischen Ethik. Es zeige, dass es beim Liebesgebot nicht um eine unerfüllbare Zumutung gehe, sondern diese eigentlich jedem einleuchte. Das gelte auch für deren Radikalisierung durch das Feindesliebegebot Jesu (Mt 5,44 f). Die Grundorientierung des menschlichen Lebens an der Grundhaltung radikaler Liebe sei eine verheißungsvolle Aussicht.
Hinweise zum Erwartungshorizont
Die Aufgabenstellung zielt auf den EPA-Anforderungsbereich II. Der Operator „entfalten“ verlangt hier, an 2. Mose 3,1-15 die Unverfügbarkeit Gottes nachvollziehbar zu veranschaulichen.
Die Aufgabenstellung verlangt eine angemessene Auswahl geeigneter Bibelverse aus 2. Mose 3,1-15 mit Beleg und deren inhaltlich stimmige Deutung auf die Unverfügbarkeit Gottes hin.
Lösungsansatz
Dabei sind folgende Kriterien relevant: Qualität der Auswahl der Bibelverse, Stimmigkeit der Darstellung, Sachgemäßheit und Komplexität des Textverständnisses.
Die Unverfügbarkeit Gottes kann an 2. Mose 3,1-15 z. B. folgendermaßen entfaltet werden:
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Mose hütet Schafe und treibt sie zum Berg Horeb (2. Mose 3,1), dort begegnet er Gott. Berge gelten in vielen Kulturen als machtvolle Orte des Göttlichen, die göttliche Unnahbarkeit und Unverfügbarkeit widerspiegeln.
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Der brennende, aber nicht verbrennende Dornbusch versinnbildlicht die Unverfügbarkeit Gottes ebenso wie sein übernatürliches Wesen, da er die Naturgesetze und die Kausalzusammenhänge menschlichen Denkens durchbricht (2. Mose 3,2 f.).
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Der Engel des Herrn erscheint Mose (2. Mose 3,2), Gott selbst bleibt unsichtbar.
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Der Ort der Gottesoffenbarung ist heilig, der Mensch darf ihn nicht beschmutzen und er muss Abstand wahren gegenüber seinem Gott, um nicht dem Irrtum zu verfallen, er stünde mit ihm auf einer Ebene. Daher gebietet der unsichtbare Gott Mose, der näher herantreten will, daher, nicht näher zu kommen, stattdessen solle er seine Schuhe ausziehen (2. Mose 3,4 f.).
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Mose verhüllt sein Angesicht, da der Mensch Gott nicht schauen kann (2. Mose 3,6).
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„Ich werde sein, der ich sein werde“ (2. Mose 3,14) lautet Gottes Antwort auf die Frage nach dem Gottesnamen. Dieser Name beinhaltet den Aspekt der Anwesenheit ebenso wie den der Unverfügbarkeit, zudem eine auf Zukünftiges geöffnete Gegenwart. Der Name ermöglicht es den Menschen, sich auf Gott hin zu beziehen, aber er hält zugleich bewusst, dass Gott stets unverfügbar bleiben wird. Die Kenntnis des Namens eröffnet keinen verfügenden Zugriff auf diesen Gott.
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Die Unverfügbarkeit Gottes wird durch den Wechsel der Erscheinungsformen (Dornbusch, Engel, Stimme, Name) zusätzlich unterstrichen, die Erscheinungsformen für sich spiegeln aber gleichwohl Gottes Gegenwärtigkeit.
Hinweise zum Erwartungshorizont
Die Aufgabenstellung zielt auf den Anforderungsbereich II. Der Operator „erläutern“ verlangt hier, die reformatorische Vorstellung vom Menschen als Sünder und Gerechtfertigter nachvollziehbar zu veranschaulichen.
Lösungsansatz
Die Aufgabenstellung verlangt ein angemessenes Verständnis der reformatorischen Vorstellung „simul iustus et peccator“ ggf. mit zusätzlichen Informationen und Beispielen zu veranschaulichen. Dabei sind folgende Kriterien relevant: Stimmigkeit der Darstellung, Sachgemäßheit des Problemverständnisses.
Bei der Erläuterung der reformatorischen Vorstellung „simul iustus et peccator“ kann z. B. Folgendes ausgeführt werden:
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Die Gläubigen sind nach reformatorischem Verständnis gerechtfertigt (iustus). Die Gerechtigkeit wird ihnen von Gott aus Gnade zugesprochen (sola gratia); diese Anerkennung ist bedingungslos und hängt nicht von guten Werken oder frommen Leistungen ab. Im Glauben kann der Mensch für sich Gottes Liebe, Gnade und Rechtfertigung erfahren und annehmen (sola fide) (Röm 3,21-28).
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Menschen sind unvollkommen und werden stets aufs Neue schuldig an anderen, an sich selbst und an Gott. Sie können sich die Gerechtigkeit nicht aus sich selbst heraus erarbeiten oder verdienen, sich folglich nicht selbst rechtfertigen. Die Rechtfertigung durch Gott hebt die Sündhaftigkeit des Menschen nicht auf, auch der Gläubige bleibt Sünder (peccator), aber seine Sünden werden ihm nicht angerechnet.
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Zum einen wird unter „Sünde“ der Zustand eines grundlegenden Getrenntseins des Menschen von Gott verstanden, der Versuch des Menschen, ohne Gott und seine Gnade zu leben und sich selbst zu rechtfertigen (1. Mose 3). Sünde zeigt sich in einer objektiven Schuldverstrickung, in die Menschen ohne ihr Zutun hineingeboren werden. Sie leben in einer von Schuld, Ungerechtigkeit und Gewalt geprägten Welt und haben Teil an dieser, ohne sich eigens dafür entschieden zu haben. Zum anderen wird mit „Sünde“ diejenige menschliche Handlung bezeichnet, zu der man sich aus freiem Willen entscheidet und anderen Menschen, Mitgeschöpfen und sich selbst Schaden zufügt (1. Mose 4).
Hinweise zum Erwartungshorizont
Diese Aufgabenstellung reicht inhaltlich in das andere Schwerpunktthema hinein (siehe Vorgabe in EPA 2.1).
Die Aufgabenstellung zielt auf den EPA-Anforderungsbereich I. Der Operator „darstellen“ verlangt hier, ein ethisches Argumentationsmodell der teleologischen Ethik in Grundzügen darzulegen.
Lösungsansatz
Die Aufgabenstellung verlangt die Auswahl eines ethischen Argumentationsmodells der teleologischen Ethik und dessen stimmige Darstellung in Grundzügen. Es wird nicht erwartet, dass alle unten aufgeführten Aspekte genannt werden. Dabei sind folgende Kriterien relevant: Genauigkeit der Kenntnisse, sachgemäßer Umgang mit Fachsprache.
Teleologische Ethik wird auch als konsequentialistische Ethik oder Verantwortungsethik bezeichnet. Die jeweiligen Ansätze, z. B. eudämonistische Ethik (z. B. Aristoteles), Utilitarismus (z. B. Bentham, Mill, Singer), Mitleidsethik (z. B. Schopenhauer) oder Fürsorge-Ethik (z. B. Gilligan) unterscheiden sich voneinander. Gemeinsam zeichnen sie sich aber dadurch aus, dass die Moralität einer Handlung, einer Handlungsoption oder einer Handlungsabsicht gemäß der Ziele oder Folgen der entsprechenden Handlung bewertet wird.
Davon ausgehend kann als ethisches Argumentationsmodell teleologischer Ethik z. B. der Utilitarismus Jeremy Benthams ausgewählt und in Grundzügen z. B. folgendermaßen dargestellt werden:
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Bentham geht davon aus, dass Menschen zum Handeln letztlich allein durch die Erlangung von Freude oder Glück bzw. durch das Vermeiden von Leid und Schmerz motiviert sind.
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Benthams „Prinzip der Nützlichkeit“ beurteilt die Moralität einer Handlung, einer Handlungsoption oder einer Handlungsabsicht danach, inwiefern sie von Nutzen (lat. utilitas) ist für alle diejenigen Mitglieder einer Gruppe, die von den Folgen der entsprechenden Handlung betroffen sind. Der Nutzen einer Handlung wiederum bemisst sich danach, inwiefern sie das Glück oder die Freude der Betroffenen vermehrt bzw. inwiefern sie deren Leid oder Schmerz vermindert.
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Glück und Leid werden von Bentham nicht definiert, weil die betroffenen Menschen selbst beurteilen können sollen, was sie als ihren Nutzen oder als ihre Interessen betrachten.
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Die Freuden und Leiden bezüglich einer Handlung können laut Bentham in einem utilitaristischen Kalkül berechnet werden: Bezüglich jedes einzelnen Menschen lassen sich mit einem Zahlenwert z. B. die Intensität, die Dauer oder die Folgenträchtigkeit der jeweiligen Freuden oder Leiden bestimmen, die für ihn mit einer Handlung verbunden sind. Bezüglich einer Gruppe von betroffenen Menschen kann folglich die Summe der Werte der Freuden und Leiden und damit das Ausmaß der Nützlichkeit einer bestimmten Handlung oder Handlungsoption errechnet werden. Dies macht es möglich, die nützlichste aller Handlungsoptionen für die jeweils Betroffenen zu erkennen und sich für diese zu entscheiden („das größte Glück der größten Zahl“).
Hinweise zum Erwartungshorizont
Die Aufgabenstellung zielt auf den EPA-Anforderungsbereich III. Der Operator „sich auseinandersetzen mit“ verlangt hier, unter Verwendung erworbener Fachkenntnisse zur Angemessenheit der Bezeichnung „Kraftfeld“ ein begründetes eigenes Urteil zu entwickeln. Die Verwendung von Informationen aus dem Text ist gestattet.
Lösungsansatz
Die Aufgabenstellung verlangt eine auf Fachwissen basierende Auseinandersetzung einschließlich der Entwicklung eines begründeten Urteils. Die Auseinandersetzung lässt individuelle Lösungswege zu. Dabei sind folgende Kriterien relevant: Reflexionsniveau, Sachgemäßheit und Komplexität des Problemverständnisses, Qualität der Begründung des Urteils.
Biblisch-theologische Zukunftsmodelle wie das Reich Gottes haben ihren Sitz im Leben im religiösen Kontext und stehen dort für den Zustand einer neuen Welt, in der Gott seine Macht sichtbar enthüllt und seinen Heilswillen ganz verwirklicht: Hunger und Durst sind gestillt, Menschen erleben Stärkung und Gemeinschaft, seelisches und körperliches Leid erfährt Heilung, der umfassende Friede (Schalom) ist hergestellt. Davon ausgehend können die Auseinandersetzung sowie die Entwicklung eines eigenen Urteils z. B. auf der Grundlage folgender Überlegungen erfolgen:
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Das biblisch-theologische Zukunftsmodell des Reiches Gottes lässt Menschen die Wirklichkeit neu und anders sehen und hat damit wirklichkeitserschließende und wirklichkeitserweiternde Kraft. Es stellt Menschen in einen neuen Möglichkeitshorizont, der als Kraftfeld erlebt und bezeichnet werden kann. Auch wenn der Zustand des Reiches Gottes erst in der Zukunft durch Gott endgültig verwirklicht und vollendet wird, sind bereits in der Gegenwart Spuren davon dort erkennbar, wo Menschen umkehren, Jesus nachfolgen, sich für Randständige stark machen und in Gottes Namen Partei für die Unterdrückten ergreifen. Das Neue, das Gott schaffen wird, geschieht an dieser Welt, das Heil umfasst die gesamte Schöpfung.
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Die Spannung zwischen Zusage und Auftrag, göttlicher Gabe und menschlicher Aufgabe, Gottes Wirken und menschlichem Handeln, Gottes Initiative und der Notwendigkeit, dass Menschen ihren Beitrag zur Verwirklichung des Reiches Gottes leisten, kann als Kraftfeld erlebt und bezeichnet werden.
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Das Reich Gottes ist nicht an die äußere politische Veränderung der Herrschaftsverhältnisse geknüpft, sondern beginnt in den Herzen der Menschen. Dennoch ist es keine rein innerliche Größe, sondern will in den menschlichen Lebensverhältnissen konkret greifbar und sichtbar werden. Das Spannungsverhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit kann als stärkende Energie bzw. als Kraftfeld erlebt und bezeichnet werden.
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Die Zeitstruktur der Gottesherrschaft steht in der Polarität von Gegenwart und Zukunft, Anbruch und eschatologischer Erfüllung, „jetzt schon“ und „noch nicht“, was als Kraftfeld bezeichnet werden kann. Gott herrscht bereits seit Ewigkeit und doch ist seine Herrschaft jetzt in besonderer Weise nahe. So bricht die Gottesherrschaft in dieser Welt an und ist zugleich doch eine zukünftig-eschatologische Größe. Sie wird jetzt schon Wirklichkeit, aber ist hier und jetzt, in der Geschichte und in dieser Welt noch nicht voll verwirklicht und vollendet, sondern erreicht ihre Vollendung erst am Ende der Zeit.
Hinweis: Den im Schwerpunktthemenerlass abgedruckten Link zu den gültigen Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Evangelische Religionslehre findest du hier.