Lerninhalte in Ev. Religion
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 1 – Glaube an Gott gestaltet Lebenswirklichkeit

Hinweis: Wähle eine der beiden Aufgaben aus und bearbeite diese.

Schwerpunktthema I

1.

Zeige die von Heinrich Bedford-Strohm im vorliegenden Text dargelegte Grundhaltung einer radikalen Liebe auf (mit Zeilenangaben).

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2.

Entfalte an 2. Mose 3,1-15 die Unverfügbarkeit Gottes (vgl. Text, Z. 8) (mit Angabe der jeweiligen Bibelverse).

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3.

Die Liebe Gottes gilt gerade auch dem Sünder (vgl. Text, Z. 22 f.). Erläutere die reformatorische Vorstellung „simul iustus et peccator“. (Bibelstellenbelege sind nicht erforderlich.)

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4.

Stelle in Grundzügen ein ethisches Argumentationsmodell der teleologischen Ethik dar.

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5.

Im vorliegenden Text spricht Heinrich Bedford-Strohm vom „Kraftfeld des Reiches Gottes“ (Text, Z. 31). Setze dich damit auseinander, inwiefern es angemessen ist, das biblisch-theologische Zukunftsmodell des Reiches Gottes als „Kraftfeld“ zu bezeichnen, indem du unter Verwendung von Fachwissen ein begründetes eigenes Urteil entwickelst. (Der dir vorliegende Text steht als Informationsquelle zur Verfügung.)

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60 BE

Radikale Liebe

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„Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in
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ihm“ (1. Joh 4,16). Es gibt wahrscheinlich kein Wesensmerkmal Gottes, das in ganz
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unterschiedlichen Traditionen der Bibel eindrucksvoller beschrieben wäre als die
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Liebe (1. Joh 4,7-21). Und auch keines, was direkter in seinen Konsequenzen für die
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Menschen verdeutlicht würde. Das ist es genau, was mich am christlichen Glauben
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fasziniert: seine untrennbare Verbindung von Gottesliebe und Nächstenliebe. Es ist ja
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eine ungeheuerliche Behauptung, einzigartig in der Religionsgeschichte, dass der für den
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Menschen ganz und gar unverfügbare Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erden,
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in einem Menschen sichtbar wird, der die tiefsten Tiefen des Menschseins selbst
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durchleidet und am Kreuz verzweifelt ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich
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verlassen?“ Wir fragen mit guten Gründen: Wo ist Gott in so viel Krieg und Gewalt?
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Warum das alles geschieht, weiß ich nicht. Aber ich weiß sicher, dass Gott da ist. Nicht
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am Bombenknopf, denn Gott ist ein Gott des Lebens. Sondern er ist bei denen, die leiden
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und heute Schreie der Verzweiflung ausstoßen. Das unterscheidet den Gott der Bibel von
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vielen anderen Göttern: Weil er ein Gott der Liebe ist, leidet er mit, wenn Menschen
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leiden. Darum ist er in seinem Sohn sogar selbst Mensch geworden, um unter den
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Menschen zu sein: „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen
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Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige
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Leben haben“ (Joh 3,16).
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Unser Glaube an den dreieinigen Gott ist gerade hier von entscheidender Bedeutung.
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Gott opfert nicht einen anderen, sondern sich selbst, aus reiner Liebe. Aus reiner Liebe
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will Gott bei den Menschen sein, die er geschaffen hat. Mit Liebe, die gerade auch dem
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Sünder gilt, will er die Gewalt überwinden, von der die Bibel schon in ihren ersten Kapiteln
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in der Geschichte von Kain und Abel Zeugnis gibt (1. Mose 4). Der Kreuzestod Jesu ist
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deswegen nicht Ausdruck irgendeiner Leidensverliebtheit oder eines Masochismus, in
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dem das Leiden zum Selbstzweck würde. Die Gewalt gegen Jesus kommt ja nicht von
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Gott. Sie kommt von uns Menschen. Aber der Weg Gottes ist nicht der Weg der
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Gegengewalt. Die Hingabe Jesu am Kreuz zielt darauf, dass die Menschen erkennen:
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Nicht der Weg von Gewalt und Gegengewalt führt zum Ziel, sondern allein der Weg der
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Liebe. Die Liebesenergie Gottes, wie sie in dem Menschen Jesus sichtbar geworden ist,
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ist es, die uns hineinzieht in das Kraftfeld des Reiches Gottes.
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Gemeinschaft mit Christus heißt immer auch Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten und
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denen, die heute sein Schicksal teilen. Das führt uns zu einer weiteren entscheidenden
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und hochaktuellen Konsequenz. Weil Gott Mensch geworden ist, kann der Weg der
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Christen nie aus der Welt herausführen. Er führt immer in die Welt und ihre Konflikte
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hinein. Radikale Christusliebe heißt immer radikale Liebe zur Welt, radikale
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Nächstenliebe.
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Jesus selbst schärft die untrennbare Verbindung von Gottes- und Nächstenliebe ein
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(Mt 22,36-40). Beim Doppelgebot der Liebe – „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
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von ganzem Herzen“ (5. Mose 6,5) und „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich
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selbst“ (3. Mose 19,18) – handelt es sich um so etwas wie eine Zusammenfassung der
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gesamten biblischen Ethik. Erstaunlicherweise finden wir die Formel des zweiten der
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beiden Gebote fast wortgleich auch am Ende der Goldenen Regel aus der Bergpredigt
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Jesu: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das
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ist das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12). Dass die für alle einsichtige Goldene Regel
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hier so eng mit dem Liebesgebot verknüpft wird, zeigt sehr deutlich, dass es beim
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Liebesgebot nicht um eine unerfüllbare Zumutung geht, sondern um etwas, was
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eigentlich jedem einleuchtet.
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Dass eine liebende Grundhaltung keineswegs im Widerspruch zu einer vernünftigen
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Lebensorientierung steht, gilt sogar dann, wenn wir ihre Radikalisierung durch Jesus in
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den Blick nehmen, wie sie uns im Feindesliebegebot in der Bergpredigt Jesu vor Augen
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tritt. Hier wird die Radikalität dieser Liebe besonders deutlich (Mt 5,44 f.). Das heißt, dass
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die Liebe, sogar die gegenüber den Feinden, als Grundorientierung unseres Lebens so
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plausibel ist wie die Goldene Regel selbst. Sie ist nicht eine am Ende doch weltfremde
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Sonderethik, sondern etwas, was jedem Menschen einsichtig gemacht werden kann. Als
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Zielperspektive für das menschliche Zusammenleben ist sie eine unschlagbar
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verheißungsvolle Aussicht. Dass wir daran immer wieder scheitern, ist ja kein Argument
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dagegen, sich immer wieder von Neuem daraufhin auszurichten.

Autorenhinweis: Heinrich Bedford-Strohm, Theologe

[Bedford-Strohm, Heinrich: Radikal lieben. Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche. Gütersloh 2017, S. 26-30]

(zu Prüfungszwecken bearbeitet)

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