Lerninhalte in Ev. Religion
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 2 – Verantwortung übernehmen in der globalisierten, religionspluralen Welt

Hinweis: Wähle eine der beiden Aufgaben aus und bearbeite diese.

Schwerpunktthema II

1.

„Wenn wir nach einer ausstrahlungsstarken Präsenz der Kirche in der modernen Gesellschaft suchen, dann lohnt es sich, zunächst mögliche Modelle zu prüfen.“ (Text, Z. 1 f.) Zeige das von Heinrich Bedford-Strohm im vorliegenden Text dargelegte Prüfen der von ihm herangezogenen Modelle auf (mit Zeilenangaben).

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2.

Paulus entwirft im 1. Korintherbrief das Modell einer idealen christlichen Gemeinde. Erläutere an 1. Kor 12,12-31 dieses Modell (mit Angabe der jeweiligen Bibelverse).

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3.

„Die Kirche begleitet uns im Leben.“ (Zitat entnommen von der Homepage der evangelischen Kirchengemeinde Marbach am Neckar zum Stichwort „Lebensbegleitung“.) Erläutere, wie sich kirchliche Lebensbegleitung gestalten kann.

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4.

Stelle dar, wie sich Säkularität in unserer modernen pluralen Gesellschaft zeigt.

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5.

„Heinrich Bedford-Strohm betont die Wichtigkeit, dass sich Menschen in den Diskurs der pluralen Gesellschaft mit Wahrheitsansprüchen einbringen. Ich sehe das kritisch, weil meiner Meinung nach ein konstruktiver Umgang mit der Wahrheitsfrage zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen gar nicht gelingen kann.“ (Aussage eines Diskussionsteilnehmers, der sich zum Umgang mit der Wahrheitsfrage auf den vorliegenden Text, Z. 31-33, bezieht.)

Setze dich mit der Aussage des Diskussionsteilnehmers, ein konstruktiver Umgang mit der Wahrheitsfrage zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen könne gar nicht gelingen, auseinander, indem du unter Verwendung von Fachwissen ein begründetes eigenes Urteil dazu entwickelst. (Der dir vorliegende Text steht als Informationsquelle zur Verfügung.)

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Anstöße für die Zukunft einer Kirche in der pluralen Gesellschaft: Drei Kirchenmodelle

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Wenn wir nach einer ausstrahlungsstarken Präsenz der Kirche in der modernen
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Gesellschaft suchen, dann lohnt es sich, zunächst mögliche Modelle zu prüfen. Drei
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Modelle sehe ich, die uns Kategorien für eine Entscheidung über die Richtung, in die wir
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unsere Kirche weiterentwickeln wollen, geben.
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Das erste Modell versteht die Kirche als Angebot in der pluralen Gesellschaft. Es will die
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Bedingungen der modernen Gesellschaft ernst nehmen und passt die Strategien und
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Verhaltensweisen der Kirche der Gesellschaft an. Die Kirche muss sich dann so
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darstellen, dass sie auf dem Markt der Weltanschauungen möglichst wettbewerbsfähig
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wird. Das aber bedeutet, dass sie die Menschen nicht mit Wahrheitsansprüchen
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überfordert. Im Zentrum stehen nicht mehr dogmatische Richtigkeiten einer
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jahrtausendealten Tradition, die Kirche sucht vielmehr in der Sprache von heute und auf
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dem Hintergrund der religiösen Bedürfnislage der Gegenwart die christliche Botschaft
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neu zu formulieren. Eine als bloßes Angebot an die plurale Gesellschaft verstandene
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Kirche läuft jedoch Gefahr, ihren Charakter als erkennbare, mit eigener Identität
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ausgestattete Gemeinschaft zu verlieren. Sie bietet den Menschen bestenfalls ein
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Portfolio von Weltanschauungsoptionen, mit denen sich leben lässt, die aber keinen
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über das Individuum hinausgehenden normativen Geltungsanspruch erheben. Die
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Gefahr dieses Modells ist eine Konturenlosigkeit der Kirche, die nichts mehr von dem
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„Salz der Erde“ und dem „Licht der Welt“ (Mt 5,13 f.) hat, das Jesus ihr mit auf den Weg
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gegeben hat. Sie ist daher auch für die Menschen nicht wirklich attraktiv, denn die wollen
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wissen, wofür die Kirche steht.
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Das zweite Modell stellt den Aspekt der verbindlichen Lebensorientierung ganz ins
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Zentrum. Es kritisiert die Teilnahme der Kirche an den öffentlichen Diskursen pluraler
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Gesellschaften und plädiert für eine Kirche als Gegenmodell, die sich ganz auf sich selbst
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besinnt und durch ihr Sein und ihre Andersheit der Welt ein Zeugnis gibt und dabei ganz
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bewusst einen eigenen Anspruch auf Wahrheit erhebt. Doch dies ist ein falscher Ansatz.
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Die Welt ist kein gottverlassener Raum. Gott wirkt in ihr. Für die Kirche geht es darum,
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Gottes Wirken in der Gesellschaft wahrzunehmen und auch selbst zu bezeugen. Das
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geht nur, wenn sie sich ganz auf die Welt einlässt und sie mit den liebenden Augen Gottes
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ansieht, ohne sich ihr unkritisch anzupassen.
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Der demokratische Diskurs in einer pluralen Gesellschaft lebt davon, dass sich Menschen
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unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen leidenschaftlich und mit
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Wahrheitsansprüchen einbringen. Damit ist angedeutet, was meines Erachtens ein
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tragfähiges Modell von Kirche in einer pluralen Gesellschaft ist. Es ist eine authentische
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öffentliche Kirche als zivilgesellschaftlich relevante Gemeinschaft eigener Identität. Eine
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solche Kirche passt sich weder einfach der gesellschaftlichen Pluralität an, noch lehnt sie
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die moderne Pluralität als solche ab. Sie bejaht die Vielfalt, aber sie tritt auf der Basis
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biblisch begründeten christlichen Glaubens für ein klares Profil der Kirche in dieser Vielfalt
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ein. Klares öffentliches Reden der Kirche ist nicht unzulässige kirchliche Bevormundung,
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sondern konstruktiver Beitrag der Kirche zur öffentlichen Diskussion in einer
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demokratischen Gesellschaft und damit Dienst an der Welt, wie er der Kirche von ihrem
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Herrn aufgetragen ist.
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Ich halte dieses dritte Modell für tragfähig, weil es biblisch begründete Identität mit
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Weltzugewandtheit verbindet, weil es sich an den Problemen der heutigen Welt orientiert,
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ohne darin auf- oder gar unterzugehen, weil es modern ist, ohne seine geistlichen
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Wurzeln zu verleugnen. Eine solche authentische öffentliche Kirche verbindet ein klares
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theologisches Profil, nämlich die Orientierung an Jesus Christus, wie er in den biblischen
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Texten bezeugt wird, mit dem Bemühen und der Fähigkeit, die damit verbundenen
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ethischen Orientierungen im Diskurs der pluralen Gesellschaft zu plausibilisieren. Weil
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der Gott, an den Christenmenschen glauben, sich von der Welt nicht ab-, sondern ihr
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zuwendet, hat das Evangelium stets politische Bedeutung. Daraus erklären sich sowohl
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der Öffentlichkeitsanspruch des Evangeliums als auch der Öffentlichkeitsauftrag der
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Kirche. Neben diesen beiden Polen gibt es aber auch den Anspruch der Öffentlichkeit auf
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kirchliche Äußerungen – sie hat ein Recht darauf, zu erfahren, was eine Kirche zu
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entscheidenden gesellschaftlichen und politischen Fragen aktuell und auf Dauer geistlich
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beizutragen hat.

Autorenhinweis: Heinrich Bedford-Strohm, Theologe

[Bedford-Strohm, Heinrich: Radikal lieben. Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche. Gütersloh 2017, S. 81-90]

(zu Prüfungszwecken bearbeitet)

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