Aufgabe 2 – Verantwortung übernehmen in der globalisierten, religionspluralen Welt
Hinweis: Wähle eine der beiden Aufgaben aus und bearbeite diese.
Schwerpunktthema II
„Wenn wir nach einer ausstrahlungsstarken Präsenz der Kirche in der modernen Gesellschaft suchen, dann lohnt es sich, zunächst mögliche Modelle zu prüfen.“ (Text, Z. 1 f.) Zeige das von Heinrich Bedford-Strohm im vorliegenden Text dargelegte Prüfen der von ihm herangezogenen Modelle auf (mit Zeilenangaben).
Paulus entwirft im 1. Korintherbrief das Modell einer idealen christlichen Gemeinde. Erläutere an 1. Kor 12,12-31 dieses Modell (mit Angabe der jeweiligen Bibelverse).
„Die Kirche begleitet uns im Leben.“ (Zitat entnommen von der Homepage der evangelischen Kirchengemeinde Marbach am Neckar zum Stichwort „Lebensbegleitung“.) Erläutere, wie sich kirchliche Lebensbegleitung gestalten kann.
Stelle dar, wie sich Säkularität in unserer modernen pluralen Gesellschaft zeigt.
„Heinrich Bedford-Strohm betont die Wichtigkeit, dass sich Menschen in den Diskurs der pluralen Gesellschaft mit Wahrheitsansprüchen einbringen. Ich sehe das kritisch, weil meiner Meinung nach ein konstruktiver Umgang mit der Wahrheitsfrage zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen gar nicht gelingen kann.“ (Aussage eines Diskussionsteilnehmers, der sich zum Umgang mit der Wahrheitsfrage auf den vorliegenden Text, Z. 31-33, bezieht.)
Setze dich mit der Aussage des Diskussionsteilnehmers, ein konstruktiver Umgang mit der Wahrheitsfrage zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen könne gar nicht gelingen, auseinander, indem du unter Verwendung von Fachwissen ein begründetes eigenes Urteil dazu entwickelst. (Der dir vorliegende Text steht als Informationsquelle zur Verfügung.)
Anstöße für die Zukunft einer Kirche in der pluralen Gesellschaft: Drei Kirchenmodelle
Autorenhinweis: Heinrich Bedford-Strohm, Theologe
[Bedford-Strohm, Heinrich: Radikal lieben. Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche. Gütersloh 2017, S. 81-90]
(zu Prüfungszwecken bearbeitet)
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Die Aufgabenstellung zielt auf die EPA-Anforderungsbereiche I und II. Der Operator „aufzeigen“ verlangt hier, das von Heinrich Bedford-Strohm im vorliegenden Text dargelegte Prüfen möglicher Modelle aufzuzeigen. Dies kann mit eigenen Worten oder textnah geschehen. Es ist in jedem Fall mit Zeilenangaben zu arbeiten.
Lösungsansatz
Die Aufgabenstellung verlangt das inhaltliche Erfassen der drei Modelle und das Nachvollziehen von deren Prüfung. Dabei sind folgende Kriterien relevant: Stimmigkeit der Darstellung, Differenzierung zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem.
Heinrich Bedford-Strohm entwickelt und prüft im vorliegenden Text drei Modelle einer ausstrahlungsstarken Präsenz der Kirche in der modernen Gesellschaft und favorisiert dabei das Modell der authentischen öffentlichen Kirche in der pluralen Gesellschaft. Dies kann z. B. folgendermaßen aufgezeigt werden:
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Eine als Angebot in der pluralen Gesellschaft verstandene Kirche passe sich den gesellschaftlichen Strategien und Verhaltensweisen an, um weltanschaulich wettbewerbsfähig zu sein. Dogmatische Richtigkeiten vernachlässigend werde versucht, der religiösen Bedürfnislage der Gegenwart entsprechend, die christliche Botschaft neu zu formulieren. Eine Angebots-Kirche riskiere jedoch, nicht mehr als Gemeinschaft mit eigener Identität erkannt zu werden. Konturenlos habe sie nichts mehr von dem „Salz der Erde“ und dem „Licht der Welt“, das Jesus ihr mit auf den Weg gegeben habe. Da die Menschen aber wissen wollten, wofür die Kirche stehe, sei sie so nicht wirklich attraktiv für sie.
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Kirche als Gegenmodell zur pluralen Gesellschaft stelle die verbindliche Lebensorientierung ins Zentrum und wolle, dass Kirche sich ganz auf sich selbst besinne, um durch ihr eigenes Sein und ihre Andersheit der Welt ein Zeugnis zu geben und somit ganz bewusst einen eigenen Anspruch auf Wahrheit erhebe. Da die Welt aber kein gottverlassener Raum sei, weil Gott in ihr wirke, sei dieser Ansatz falsch. Es gehe für die Kirche darum, Gottes Wirken in der Gesellschaft wahrzunehmen und selbst zu bezeugen, sich ganz auf die Welt einzulassen, sie mit den liebenden Augen Gottes anzusehen, ohne sich ihr aber unkritisch anzupassen.
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Kirche als authentische öffentliche Kirche in der pluralen Gesellschaft passe sich weder dem gesellschaftlichen Pluralismus an, noch lehne sie diesen ab. Sie bejahe die Vielfalt, trete auf der Basis biblisch begründeten christlichen Glaubens aber für ein klares Profil der Kirche in dieser Vielfalt ein. Öffentliches Reden der Kirche sei ein konstruktiver Beitrag zur öffentlichen Diskussion in einer demokratischen Gesellschaft und damit Dienst an der Welt. Biblisch begründete Identität sei mit Weltzugewandtheit verbunden, weil sie sich an den Problemen der heutigen Welt orientiere, ohne ihre geistlichen Wurzeln zu verleugnen. Eine solche authentische öffentliche Kirche verbinde die Orientierung an Jesus Christus, wie er in den biblischen Texten bezeugt werde, mit dem Bemühen und der Fähigkeit, die damit verbundenen ethischen Orientierungen im Diskurs der pluralistischen Gesellschaft zu plausibilisieren.
Hinweise zum Erwartungshorizont
Die Aufgabenstellung zielt auf den EPA-Anforderungsbereich II. Der Operator „erläutern“ verlangt hier, an 1. Kor 12,12-31 das Modell einer idealen christlichen Gemeinde nachvollziehbar zu veranschaulichen.
Die Aufgabenstellung verlangt die Erläuterung des Modells einer idealen christlichen Gemeinde als Leib Christi mit seinen Gliedern an 1. Kor 12,12-31 mit Beleg.
Lösungsansatz
Dabei sind folgende Kriterien relevant: Stimmigkeit der Darstellung, Sachgemäßheit und Komplexität des Textverständnisses.
Nach 1. Kor 12,12-31 sind die Gemeindeglieder in und durch Christus verbunden als ein Leib (1. Kor 12,12.27). Davon ausgehend kann zum paulinischen Modell einer idealen christlichen Gemeinde z. B. ausgeführt werden, dass
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alle Getauften gleichwertige Mitglieder sind, unabhängig von kultureller, religiöser und sozialer Herkunft (1. Kor 12,12 f.),
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alle Glieder zusammen den Leib bilden (1. Kor 12,14-20) und ihn durch die Erfüllung ihrer jeweiligen Aufgaben lebensfähig machen (1. Kor 12,21), wobei alle Gemeindeglieder jeweils unterschiedliche, aber grundsätzlich gleichwertige Gaben und Aufgaben haben (1. Kor 12,16-18) und die Gemeinde auf das Zusammenwirken der Gaben aller Gemeindeglieder angewiesen ist (1. Kor 12,21 f.),
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gerade die schwächer scheinenden Glieder der Gemeinde unentbehrlich sind und besondere Ehre erfahren, damit in der Gemeinde kein Zwist entsteht und alle in Eintracht füreinander sorgen (1. Kor 12,22-25),
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sich das Gemeindeleben durch gegenseitige Empathie auszeichnet, indem die Gemeindeglieder Leid und Freude miteinander teilen (1. Kor 12,26),
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nicht alle die gleichen Gaben besitzen, sondern in der Gemeinde unterschiedliche Ämter (Apostel, Propheten, Lehrer) und Gnadengaben (Wunder wirken, heilen, helfen, leiten, in Zungen reden, Zungenrede auslegen) versammelt sind, wobei alle Gaben individuell und unverzichtbar sind (1. Kor 12,28 f.).
Hinweise zum Erwartungshorizont
Die Aufgabenstellung zielt auf den EPA-Anforderungsbereich II. Der Operator „erläutern“ verlangt hier, kirchliche Lebensbegleitung ggf. mit zusätzlichen Informationen und Beispielen nachvollziehbar zu veranschaulichen.
Lösungsansatz
Die Aufgabenstellung verlangt das Erschließen von Bereichen der Lebensbegleitung und eine Veranschaulichung dieser Bereiche. Dies kann an konkreten Beispielen und auf systematischer Ebene geschehen. Dabei sind folgende Kriterien relevant: Stimmigkeit der Darstellung, Qualität der Beispiele.
Kirchliche Lebensbegleitung verweist darauf, dass Menschen vom Anfang des Lebens bis zu ihrem irdischen Ende und dazwischen nicht allein unterwegs sind, dass ihr Leben mit seinen Gestaltungsmöglichkeiten und seinen Grenzen in einen größeren Horizont eingebettet ist. Davon ausgehend kann die Gestaltung kirchlicher Lebensbegleitung z. B. folgendermaßen erläutert werden:
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Die Kirche begleitet mit Amtshandlungen das Leben ihrer Mitglieder. Der Glaube bewährt sich im Alltag und kann sich in bestimmten Lebenssituationen immer wieder der Nähe Gottes und seines Segens vergewissern. Dies geschieht u. a. in der Taufe, bei der Konfirmation, bei der Trauung, bei der Bestattung, in Abschied und Trauer und in der Seelsorge.
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Kirchliche Lebensbegleitung ist auf bedeutsame Lebensstationen bezogen und zeigt sich darüber hinaus auch im Gemeindeleben. Die Gemeinde kann als gegenseitige Bestärkung erfahren werden, die als Gemeinschaft füreinander da ist und sich gegenseitig Raum lässt, und als Ort, an dem man sich auf den Glauben besinnen kann, weil er den Horizont erweitert und kraftvolle Impulse zur Lebens- und Weltgestaltung gibt. Im Gottesdienst gewinnen Menschen im gemeinsamen Singen und Beten, in der Feier von Taufe und Abendmahl und im Hören der Predigt Geborgenheit, Hoffnung und neue Zuversicht. Aus der Versammlung der Gemeinde wird so ein Ort, Gott zu begegnen.
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Auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes gestaltet sich kirchliche Lebensbegleitung in seelsorgerlicher und diakonischer Hinsicht als Hilfe und Unterstützung für alle Menschen in Krisen und Notsituationen. Die Diakonie hilft Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, die Seelsorge umfasst den ganzen Menschen in all seinen Lebensbezügen, in seinem Glauben oder Zweifeln, in seiner Familie, in seinem Beruf, in seinem gesellschaftlichen Engagement.
Hinweise zum Erwartungshorizont
Diese Aufgabenstellung reicht inhaltlich in das andere Schwerpunktthema hinein (siehe Vorgabe in EPA 2.1).
Die Aufgabenstellung zielt auf den EPA-Anforderungsbereich I. Der Operator „darstellen“ verlangt hier, Phänomene von Säkularität in der Gesellschaft darzulegen.
Lösungsansatz
Die Aufgabenstellung verlangt das Identifizieren von Säkularitätsphänomenen in unserer Gesellschaft und deren Darstellung. Es wird nicht erwartet, dass alle unten aufgeführten Aspekte genannt werden. Dabei sind folgende Kriterien relevant: Genauigkeit der Kenntnisse, Stimmigkeit der Darstellung.
Der Begriff Säkularität (abgeleitet vom Adjektiv „säkular“, weltlich) umschreibt einen Zustand der Verweltlichung im Sinne von „Weltlichkeit“ in Abgrenzung zur Religiosität sowie Entflechtung von Kirche und Staat. Säkularität zeigt sich in unserer modernen pluralen Gesellschaft z. B. darin, dass
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es den Kirchen weniger gelingt, den christlichen Glauben gegenüber philosophischen und religionskritischen Einwänden zu verteidigen und Christsein als eine Möglichkeit gelingenden Lebens darzustellen. Während sich ein kirchlich ungebundener Glaube und eine institutionsferne Religiosität entwickeln, geht die Plausibilität christlicher Lehre zurück und Wissensbestände christlicher Überlieferung nehmen ab. Es erfolgt ein Abbruch religiöser Sozialisation, gefolgt z. B. von Kirchenaustritten, einer abnehmenden Teilnahme am schulischen Religionsunterricht, freireligiösen Bestattungen.
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die christliche Tradition nicht mehr selbstverständlich das einzig gültige Sinnkonzept ist. Christlich geprägte religiöse Deutungsmuster haben ihre Monopolstellung verloren. Die weltweite Informations- und Medienkultur vermitteln z. B. religiöse Trauerformen anderer Kulturen. So steht die christliche Welt- und Lebensdeutung in Konkurrenz zu anderen Sinnsystemen und muss sich hier behaupten.
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im Kontext der Globalisierung weltweit höchst unterschiedliche Organisationsformen der Religion sichtbar werden. In anderen Staaten der EU und in den USA ist die Trennung von Staat und Kirche strikter durchgeführt als in Deutschland (z. B. bzgl. Kirchensteuer). Ähnliches gilt für die Bereiche Bildung, Forschung und Medien, wo man sich von kirchlichen Einlassungen zunehmend distanziert. So sind diese politischen und ökonomischen Prozesse zugleich Ausdruck und Katalysator einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Verweltlichung, auf die die Kirchen kaum noch prägenden Einfluss haben.
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Gottesdienste allgemein wenig besucht werden und Kirchengebäude leer stehen. Bei gleichzeitig zunehmenden Kirchenaustritten und abnehmenden Kirchensteuereinnahmen kommt es aus Kostengründen zur Zusammenlegung von Gemeinden und immer öfter zur Entwidmung (ev.) bzw. Profanierung (kath.) von Kirchengebäuden, die einer anderen Nutzung zugeführt werden (z. B. Buchladen, Galerie, Klettergarten, Kindertagesstätte).
Hinweise zum Erwartungshorizont
Die Aufgabenstellung zielt auf den EPA-Anforderungsbereich III. Der Operator „sich auseinandersetzen mit“ verlangt hier unter Verwendung erworbener Fachkenntnisse zur genannten Aussage ein begründetes eigenes Urteil zu entwickeln. Die Verwendung von Informationen aus dem Text ist gestattet.
Lösungsansatz
Die Aufgabenstellung verlangt ein inhaltliches Erfassen der Aussage, eine auf Fachwissen basierende Auseinandersetzung einschließlich der Entwicklung eines begründeten Urteils. Die Auseinandersetzung lässt individuelle Lösungswege zu. Es ist zu erwarten, dass in der Auseinandersetzung und der Urteilsbildung die Aussage kritisch gesehen wird. Dabei sind folgende Kriterien relevant: Reflexionsniveau, Sachgemäßheit und Komplexität des Problemverständnisses, Qualität der Begründung des Urteils.
Die Auseinandersetzung mit der Aussage sowie die Entwicklung eines eigenen Urteils dazu können auf der Grundlage z. B. folgender Überlegungen erfolgen:
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Absolutheitsansprüche gegenüber anderen sind zu vermeiden: Die Beteiligten sprechen auf Augenhöhe und ergebnisoffen aus ihrem je eigenen Selbstverständnis heraus mit dem Ziel, die Wahrheit des anderen wahrzunehmen und zu verstehen. Dabei sind Fragen und Rückfragen erlaubt, bis die sprechende Seite signalisiert, verstanden worden zu sein; gegenseitige Belehrungen sind hierbei nicht förderlich.
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Wechselseitige Anerkennung wird nicht als Prinzip auf die Geltung von Aussagen übertragen: Die Trennung von Möglichkeitsbedingungen des Dialogs und Geltungsgrundlagen von Aussagen bleibt für das Gespräch über religiöse oder weltanschauliche Wahrheit unabdingbar. Die Geltung von Aussagen einer Religion oder Weltanschauung kann nicht ohne Weiteres von der Zustimmung der Gesprächspartnerinnen und -partner anderer religiöser oder weltanschaulicher Traditionen abhängig gemacht werden. Die eigene Wahrheit ist im Licht der Aussagen anderer Religionen oder Weltanschauungen zu prüfen und gegebenenfalls neu zu formulieren.
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Einander verstehen bedeutet nicht, miteinander einverstanden sein zu müssen: Eine Reduktion auf Gemeinsamkeiten missversteht, dass Religionen oder Weltanschauungen im Allgemeinen ein Ganzes und nicht die Summe von auswechselbaren Teilen sind. Gerade das Besondere an einer Religion kann aber religiöse Wahrheiten prägen.
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Eine Selbstrücknahme von absoluten und exklusiven Wahrheitsansprüchen ist stets zu bedenken: Christinnen und Christen glauben z. B. an Jesus Christus als einzige heilstiftende Wahrheit und wissen zugleich, dass die volle Offenbarung dieser Wahrheit noch aussteht und nicht ihnen, sondern allein Gott gehört.
Hinweis: Den im Schwerpunktthemenerlass abgedruckten Link zu den gültigen Einheitlichen Prüfungsanforderungen in der Abiturprüfung Evangelische Religionslehre findest du hier.