Aufgabe I
Teilaufgaben:
Die territoriale Zersplitterung war das entscheidende Hemmnis der Frühindustrialisierung in Deutschland.
Überprüfe diese These.
Analysiere M 1 und vergleiche M 1 mit M 2.
Analysiere M 3.
Stelle dar, welche Veränderungen die Urbanisierung für das Leben der Menschen mit sich brachte.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: ,,Die arbeiterfreundlichen Politiker“, Karikatur aus der sozialdemokratischen Satirezeitschrift „Der Wahre Jacob“, 1890

Quelle: Der wahre Jacob, Jahrgang 1890, S. 189.
Digitalisat: Universitätsbibliothek Heidelberg.
,,Die arbeiterfreundlichen Politiker“
links: „Die Herren da oben strengen sich derart für mein Wohl [an,] dass ich dabei immer weiter herunterkomme.“
rechts: „Jetzt muss ich – eingedenk des Sprichwortes: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott – es doch einmal selbst versuchen.“
Anmerkungen
Die abgebildeten kleinen Personen repräsentieren Abgeordnete unterschiedlicher liberaler und konservativer Parteien des deutschen Reichstags
Bei dem Gegenstand, der von oben herunterhängt, handelt es sich um einen Brotkorb.
Material 2: Auszug aus einem Artikel der konservativen „Neuen Preußischen Zeitung“, 13. 07. 1889
[https://quellen-sozialpolitik-kaiserreich.de/id/q.02.01.00.0089; Zugriff am: 24.10.2024]
Material 3: Aus einer Rede des Sozialdemokraten August Bebel im Reichstag, 13.02.1895
August Bebel war einer der Begründer und führender Politiker der deutschen Sozialdemokratie.
[Reichstagsprotokolle. Sitzung vom 13.02.1895, S. 856-858, in:https://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt3_k9_bsb00018723_00864.html ; Zugriff am: 27.12.2025]
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Hinweis: Die folgenden Lösungen wurden in Stichpunkten verfasst. Zur vollständigen Umsetzung der Aufgabenstellung wäre grundsätzlich eine zusammenhängende Darstellung in Fließtextform erforderlich. Darüber hinaus sind individuell unterschiedliche, fachlich begründete Lösungsansätze möglich.
Mögliche Aspekte der Bewertung und Gewichtung
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Beziehe dich auf die These der Aufgabenstellung;
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verorte die Frühindustrialisierung in Deutschland zeitlich auf die Jahre ab etwa 1830 bis etwa 1870;
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erläutere die territoriale Situation in Deutschland zur Zeit der Frühindustrialisierung (Vielzahl an selbstständigen Einzelstaaten, kein einheitlicher Nationalstaat).
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Ziehe Sachverhalte/Beispiele heran, die die Bedeutung der territorialen Zersplitterung als entscheidendes Hemmnis der Frühindustrialisierung in Deutschland bekräftigen, z. B.:
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Behinderung des freien Handels durch Zölle, verschiedene Währungen, Maß-, Längen- und Gewichtseinheiten, dadurch Verteuerung der Produkte;
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Eingriffe der souveränen Herrscher in das Wirtschaftsleben (Export- und Importbeschränkungen, Produktionsmonopole);
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beschleunigte Industrialisierung erst nach Vereinheitlichung des Wirtschaftsraums möglich (insbesondere Deutscher Zollverein 1834).
Ziehe Sachverhalte/Beispiele heran, die die Bedeutung der territorialen Zersplitterung als entscheidendes Hemmnis der Frühindustrialisierung in Deutschland relativieren, z. B.:
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hemmende geografische Faktoren (Binnenlage mit wenig Küste, nur lokal begrenzte Rohstoffvorkommen);
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unzureichende Infrastruktur (wenige schiffbare Flüsse, schlechte Fernstraßen);
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keine Kolonien (Kolonien als Absatzmärkte und Rohstofflieferanten, Abhängigkeit vom Import von Rohstoffen wie etwa Baumwolle);
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fehlende Gewerbefreiheit, Zunftbeschränkungen (wenig Konkurrenz- und Innovationsdruck, Konservierung alter Produktionsweisen).
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Formuliere ein nachvollziehbares und differenziertes Fazit und mache die wesentlichen Gründe deiner Entscheidung deutlich.
Mögliche Aspekte der Bewertung und Gewichtung
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Nenne: Materialgattung (Karikatur), Titel („Die arbeiterfreundlichen Politiker“), Ort und Datum der Veröffentlichung (sozialdemokratische Satirezeitschrift „Der Wahre Jacob“, 1890) und Adressaten (sozialdemokratische Leserschaft).
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Beschreibe die wesentlichen Bild- und Textelemente von M 1:
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linke Bildhälfte: gebückter, im Verhältnis sehr großer Arbeiter mit Arbeiterkleidung und angestrengtem Gesichtsausdruck; über ihm im Brotkorb hängt ein Brot mit der Aufschrift „Arbeiterwohl“; auf seinem gebeugten Rücken stehen sehr klein dargestellte Abgeordnete unterschiedlicher Parteien des deutschen Reichstags, die die Hände zum Brotkorb ausstrecken, ihn aber nicht erreichen können; die Bildunterschrift gibt die Worte des Arbeiters wieder: „Die Herren da oben strengen sich derart für mein Wohl an, dass ich dabei immer weiter herunterkomme“;
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rechte Bildhälfte: der Arbeiter hat sich aufgerichtet, sein Blick ist freudig auf das Brot gerichtet, das er dank seiner Größe mühelos greifen kann; durch sein Aufrichten fallen die Abgeordneten in die Tiefe, zeigen teils erschrockene, teils ärgerliche Gesichter und beobachten beunruhigt dessen Griff nach dem Brot; die Worte des Arbeiters lauten: „Jetzt muss ich – eingedenk des Sprichwortes: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott – es doch selbst versuchen.“
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Erkläre M 1 im historischen Kontext:
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die historische Situation, z. B.:
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soziale Lage der Arbeiter: Ausbeutung durch Unternehmer und Verelendung;
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unzureichende politische Maßnahmen zur Lösung der Sozialen Frage, z. B. durch die Sozialgesetzgebung, bei gleichzeitiger politischer Unterdrückung der Arbeiterbewegung durch das Sozialistengesetz;
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Entwicklung der Arbeiterbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und v. a. nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 zu einer Massenbewegung mit dem Ziel, die Arbeits- und Lebensbedingungen zu verbessern.
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die zentralen Gestaltungselemente, z. B.:
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das Brot mit der Aufschrift „Arbeiterwohl“ symbolisiert Maßnahmen zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arbeitern;
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die Abgeordneten des Reichstags auf dem Rücken des Arbeiters verdeutlichen die Unterdrückung der Arbeiterschaft; ihr Unvermögen, das Brot zu erreichen, kritisiert ihre politischen Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeiterlage als unzureichend; ihre geringe Körpergröße, ihr Fall und ihre erschrockenen Gesichter in der rechten Bildhälfte zeigen ihre Unterlegenheit gegenüber der Arbeiterbewegung;
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die Größe des Arbeiters symbolisiert die große Masse der Arbeiter bzw. in der rechten Bildhälfte auch die Stärke der Arbeiterbewegung, das Aufrichten des Arbeiters, sein Griff nach dem Brot und sein freudiger Blick zeigen die voraussichtlichen Erfolge der Arbeiterbewegung;
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der Titel ironisiert das Verhalten der Abgeordneten, die Bildunterschriften unterstreichen die Bildaussage, dass die Politik die schlechte Lage der Arbeiter verschärfe, anstatt sie zu verbessern, und die Arbeiter ihre Interessen daher selbst durchsetzen müssten.
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Vergleiche M 1 mit M 2 und nenne dabei die Vergleichskriterien, z. B.:
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formale Aspekte: Materialgattung (Karikatur vs. Zeitungsartikel), Adressaten (Arbeiterschaft vs. konservative Leserschaft), Entstehungszeit (1890 bzw. 1889, fast zeitgleich, aber kurz vor bzw. kurz nach Aufhebung der Sozialistengesetze);
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gemeinsames Thema: Soziale Frage und deren Lösung;
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Vorschläge zur Lösung der Sozialen Frage: Tätigwerden der Arbeiterschaft ohne Darstellung konkreter Maßnahmen vs. Weiterführung der bereits durchgeführten staatlichen Maßnahmen;
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Darstellung der Akteure: erwachende Macht der unzufriedenen Arbeiterschaft, lächerliche und unfähige Politiker vs. handelnder Staat, uneinheitliche Arbeiterschaft (teilweise mit der Politik zufrieden, vgl. Z. 19–23, teilweise unzufrieden, vgl. Z. 4 f.);
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Intention: Kritik an der Untätigkeit bzw. Unfähigkeit der konservativen und liberalen Politiker sowie Aufruf zur Selbsthilfe vs. Rechtfertigung der staatlichen Sozialpolitik, Ausbau des Staates zum Sozialstaat als Voraussetzung eines inneren Friedens (vgl. Z. 24–26).
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Formuliere ein Fazit, in dem deutlich wird, dass in beiden Materialien das Ziel des „Arbeiterwohls“ verfolgt wird, die Bewertung der Maßnahmen des Staates sich entsprechend der sozialdemokratischen bzw. konservativen Perspektive aber unterscheidet.
Mögliche Aspekte der Bewertung und Gewichtung
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Nenne: Verfasser (August Bebel), Materialgattung (Rede), Datum und Ort (13.02.1895, Reichstag), Adressaten (Reichstagsabgeordnete, Öffentlichkeit).
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Arbeite strukturiert heraus:
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das Thema, z. B. Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland;
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die Kernaussagen anhand von übergeordneten Gesichtspunkten, z. B. gegliedert nach Begründungen:
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aus Gründen der Vernunft und Gerechtigkeit (vgl. Z. 6): Frauenwahlrecht nicht aufhaltbar, bleibe daher auch Thema im Parlament (vgl. Z. 9–13); die Hälfte der Bevölkerung könne nicht dauerhaft vom Wahlrecht ausgeschlossen werden (vgl. Z. 40 f.);
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aufgrund der Lebenssituation von Frauen: selbstständige Erwerbstätigkeit verlange nach gleichwertiger Teilhabe der Frauen am gesellschaftlichen und politischen Leben (vgl. Z. 24–27);
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aus rechtlichen Gründen: grundsätzliche Rechtsgleichheit von Männern und Frauen (vgl. Z. 14–16); Beteiligung der Frauen an der Gesetzgebung, um Unmündigkeit und Unterdrückung zu beenden (vgl. Z. 28–32);
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aufgrund der besonderen Rolle der Frauen als Erzieherinnen der Kinder: besonderes Interesse, an Erziehungsgesetzen mitzuwirken (vgl. Z. 37 f.).
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Deute sprachliche Mittel funktional, z. B.:
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wiederholte direkte Anrede der Abgeordneten mit „meine Herren“ (z. B. Z. 1, 3, 9, 15, 33) zur Verdeutlichung der Verantwortung und „wir“ (z. B. Z. 1, 11, 14, 15) zur Betonung der Einigkeit der Sozialdemokraten in Bezug auf die Forderung;
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Antithetik (z. B. neu vs. alt, vgl. Z. 4, „ungeheuerlich“, „verrückt“, Z. 2, vs. „vernünftig“, „gerecht“, „natürlich“, Z. 6) zur Betonung der Überfälligkeit und Sinnhaftigkeit der Forderung.
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Erkläre M 3 im historischen Kontext, z. B.:
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keine rechtliche, politische oder gesellschaftliche Gleichheit von Männern und Frauen im 19. Jahrhundert;
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Frauen treten im Verlauf des 19. Jahrhunderts z. B. durch zunehmende Berufstätigkeit immer mehr ins öffentliche Leben ein;
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Politisierung von Frauen und Mitgliedschaft in Massenorganisationen, insbesondere in der Hochmoderne;
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Forderung nach Frauenwahlrecht und Gleichberechtigung, vor allem durch die proletarische Frauenbewegung und die SPD.
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Bestimme die Perspektive des Redners und formuliere die Gesamtaussage von M 3: Bebel setzt sich als Abgeordneter der SPD für das Frauenwahlrecht ein, da er es aus rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Gründen als gerecht, notwendig und überfällig ansieht.
Orientierungshilfe für die Korrektur: Mögliche Aspekte der Bewertung und Gewichtung
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Leite deine Ausführungen angemessen ein. Erkläre die Urbanisierung als einen Veränderungsprozess, der gekennzeichnet ist z. B. durch die steigende Anzahl der Einwohner in den Städten, die flächenmäßige Ausdehnung und die sich verändernde Lebensweise. Strukturiere die Darstellung nach übergeordneten Gesichtspunkten wie z. B. sozialen Veränderungen, Veränderung der Wohn- und Lebensverhältnisse, Entwicklung einer städtischen Lebensweise.
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Stelle Veränderungen für das Leben der Menschen durch die Urbanisierung dar, z. B.:
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soziale Veränderungen, z. B. Verlust von traditionellen, familiären oder religiösen Bindungen, Vereinzelung in den Städten, Verstärkung der sozialen Unterschiede und Milieubildung;
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Veränderung der Wohn- und Lebensverhältnisse durch Entstehung spezifischer Wohnviertel (z. B. Mietskasernen, Villenviertel), städtische Infrastruktur (z. B. Straßenbeleuchtung, Kanalisation, Elektrifizierung);
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Entwicklung einer spezifisch städtischen Lebensweise, z. B. durch umfangreiches Konsum-, Freizeit- und Bildungsangebot, Massenkultur (z. B. Warenhäuser, Kinos, Theater, Parks), Zunahme an Mobilität (z. B. Straßenbahnen, erste Untergrundbahnen);
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zunehmende Belastung durch z. B. Lärm, Kriminalität, schlechte hygienische Bedingungen, Verbreitung von Krankheiten, Beschleunigung des Alltags.
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