Aufgabe II
Teilaufgaben:
Analysiere M 1 und vergleiche M 1 mit M 2.
Analysiere M 3.
Erläutere an je einem Beispiel für die Bundesrepublik Deutschland und für die DDR, wie politischer Protest bis zum Ende der 1960er-Jahre geäußert wurde und wie der Staat darauf reagierte.
Die Legitimitätskrise war die entscheidende Ursache für den Zusammenbruch der DDR.
Erörtere diese These.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Material 1: „Wir schaffen das Beispiel für ein besseres Leben“, Plakat der SED, DDR 1959

Die untere Textzeile lautet: „Alle Kraft für die Lösung der ökonomischen Hauptaufgabe“.
Anmerkungen:
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Die Fahne auf dem rechten Kran ist rot.
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Das Gebäude links stellt den Kölner Dom dar.
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Bei den mit „A“ gekennzeichneten Gegenständen handelt es sich um Atomwaffen.
Material 2: „Phönix aus der Asche“, Karikatur von Rolf Peter Bauer, Hamburger Abend blatt, 1959

Anmerkungen:
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Die Person stellt Ludwig Erhard (CDU), den damaligen Wirtschaftsminister und Vizekanzler, dar.
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Die Redewendung „wie ein Phönix aus der Asche“ bezieht sich auf einen mythischen Vogel, der aus seiner eigenen Asche neu entsteht, und bedeutet einen Neuanfang nach einer Niederlage.
Material 3: Rede der britischen Premierministerin Margaret Thatcher auf dem Parteitag der Conservative Party am 10. Oktober 1980 in Brighton
Margaret Thatcher (1925-2013) war Parteivorsitzende der Conservative Party (1975-1990) und Premierministerin des Vereinigten Königreichs (1979-1990).
[Margaret Thatcher: „Speech to Conservative Party Conference”. https://www.margaretthatcher.org/document/104431; Zugriff am: 12.07.2024] (zu Prüfungszwecken aus dem Englischen übersetzt)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Hinweis: Die folgenden Lösungen wurden in Stichpunkten verfasst. Zur vollständigen Umsetzung der Aufgabenstellung wäre grundsätzlich eine zusammenhängende Darstellung in Fließtextform erforderlich. Darüber hinaus sind individuell unterschiedliche, fachlich begründete Lösungsansätze möglich.
Mögliche Aspekte der Bewertung und Gewichtung
Die Schülerin / Der Schüler beachtet den Operator. Sie/Er …
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nennt: Gattung (Plakat), Titel („Wir schaffen das Beispiel für ein besseres Leben“), Auftraggeber (SED), Erscheinungsort und -jahr (DDR, 1959).
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beschreibt wesentliche Text- und Bildelemente von M 1, z. B.:
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Aufbau des Plakats: zweigeteilte bildliche Darstellung und unteres Textfeld, Kräne als gemeinsames Element, in der linken Bildhälfte dominieren dunkle Farbtöne (z. B. Kohlehaufen), in der rechten hellere (z. B. Tischdecke, Industrieanlagen);
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Textfeld unten: in Großbuchstaben „Wir schaffen das Beispiel“, in Schreibschrift „für ein besseres Leben“, kleiner darunter „Alle Kraft für die Lösung der ökonomischen Hauptaufgabe“;
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linke Bildhälfte (BRD): der Kranführer schaut eher bedrückt zu seinem Pendant nach rechts, der Kran häuft einen großen Berg Kohle an, Kirchtürme und Zechenanlage verweisen auf Köln und das Ruhrgebiet, ganz links im Bild drei Atomwaffen;
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rechte Bildhälfte (DDR): Kran mit roter Fahne, Kranführer transportiert in einem Netz Konsumgüter (z. B. Nähmaschine, Fernseher, Kühlschrank) und weist triumphierend auf eine Familie an einem reich gedeckten Tisch mit großem Fernseher, dahinter eine komplexe Industrieanlage mit rauchenden Schornsteinen und überdimensionierten Konsumgütern.
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erklärt M 1 im historischen Kontext, z. B:
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Kräne und Waren in beiden Bildhälften weisen auf die sich in den 1950er-Jahren entfaltende wirtschaftliche Dynamik in beiden deutschen Staaten hin;
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allerdings fiel diese in der BRD deutlich stärker aus als in der DDR, wovon M 1 ablenkt durch die Betonung der guten Versorgungslage in der DDR;
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jedoch grundsätzliche Unzufriedenheit der DDR-Bevölkerung mit der tatsächlichen Versorgungslage, da u. a. wegen des Primats der Schwerindustrie Konsumprodukte in unzureichender Menge und häufig schlechter Qualität produziert wurden – M 1 behauptet das Gegenteil;
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die Zentralverwaltungswirtschaft wurde dennoch von der SED-Regierung als effektiver und sozialer als die westdeutsche Soziale Marktwirtschaft propagiert (z. B. die dargestellte Fülle an Konsumprodukten in der DDR unter der roten Fahne);
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die DDR vertrat den Anspruch eines friedliebenden Versorgungsstaates, der verlässlich die Grundbedürfnisse der Menschen („ökonomische Hauptaufgabe“) erfüllt, die BRD, in der die USA seit den 1950er-Jahren Atomwaffen stationierten (vgl. A-Bomben in M 1) und ab 1955 mit der Bundeswehr eigene Streitkräfte aufgebaut wurden, wird hingegen als kriegerisch diskreditiert.
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vergleicht M 1 mit M 2 und nennt die dabei angewandten Vergleichskriterien, z. B.:
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die Entstehungszeit (beide 1959), die Adressaten (DDR-Bürger vs. westdeutsche Öffentlichkeit), die Materialgattung (Propagandaplakat vs. Karikatur), den Urheber bzw. Auftraggeber (SED vs. westdeutsche Tageszeitung);
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inhaltliche Aspekte:
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Bewertung der Sozialen Marktwirtschaft aus jeweiliger Perspektive (Ausrichtung auf Waffen und Kohle vs. Ausrichtung auf Wiederaufbau und Wohlstand);
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Einschätzung des eigenen Wirtschaftssystems (triumphierender Kranführer vs. selbstgefällig wirkender Erhard);
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Zuschreibung der Urheberschaft des Erfolgs: Betonung der gemeinsamen sozialistischen Aufbauleistung (vgl. „wir schaffen“) vs. Fokussierung auf Person Erhards als „Vater der Sozialen Marktwirtschaft“;
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die Intention: Überzeugung der DDR-Bevölkerung von den Vorzügen der Zentralverwaltungswirtschaft vs. Wertschätzung der Leistung Erhards für die erfolgreiche Implementierung der Sozialen Marktwirtschaft in der BRD.
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formuliert ein Fazit: beide Materialien zielen darauf, die Zufriedenheit mit dem jeweils eingeschlagenen wirtschaftspolitischen Weg zu steigern. Während das DDR-Plakat die vermeintliche Überlegenheit des eigenen Wirtschaftssystems mit dem der Bundesrepublik kontrastiert, überzeichnet die westdeutsche Karikatur (selbst-)ironisch die übergroße, Wohlstand symbolisierende Figur Erhards.
Mögliche Aspekte der Bewertung und Gewichtung
Die Schülerin / Der Schüler beachtet den Operator. Sie/Er …
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nennt: Rednerin (Margaret Thatcher, Parteivorsitzende der Conservative Party, Premierministerin Großbritanniens), Textsorte (Rede), Ort und Datum der Rede (Brighton, 10.10.1980), Anlass (Parteitag der Conservative Party), Adressaten (Parteimitglieder, britische Öffentlichkeit).
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arbeitet strukturiert heraus:
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das Thema: Neuausrichtung der britischen Wirtschaftspolitik und deren Begründung durch die konservative britische Regierung;
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die Kernaussagen anhand von übergeordneten Gesichtspunkten, z. B.:
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wirtschaftspolitische Ziele: „gesunde Wirtschaft“ (Z. 35f.) schaffen, für wirtschaftlichen Aufschwung (vgl. Z. 7-9) und für Beschäftigung sorgen (vgl. Z. 19f.), die Inflation beseitigen (vgl. Z. 11f.), wirtschaftspolitische Macht des Staates reduzieren (vgl. Z. 37-41);
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gesellschaftspolitische Ziele: „neue geistige Unabhängigkeit“ und „neuer Leistungswille“ (Z. 8f.), Eigeninitiative stärken (vgl. Z. 15-18 und Z. 39f.);
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Begründung: Entwertung des Menschen infolge von Inflation und Arbeitslosigkeit; finanziell ruinöse Sozial- und Wirtschaftspolitik der Vorgängerregierungen (vgl. Z. 23-26), besondere politische Verantwortung der amtierenden Regierung (vgl. Z. 41-44).
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die sprachlichen Mittel und deutet sie funktional, z. B.: Wiederholungen („ausgegeben“, Z. 24f.) und Vergleiche („Geld wie Wasser“, Z. 23) zur Verstärkung der Kritik an staatlichen Sozialausgaben; Verwendung von Begriffen aus dem Bereich Gesundheit (z. B. „Erholung“, Z. 7, „Heilmittel“, Z. 18, „gesund“, Z. 35-37), die nahelegen, dass vorher Wirtschaft und Gesellschaft „krank“ gewesen sind.
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erklärt M 3 im historischen Kontext, z. B.:
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Margaret Thatcher als prominente Vertreterin einer neoliberalen Wirtschaftspolitik;
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Wirtschaftskrise in Westeuropa ab den 1970er-Jahren und damit Ende des „Golden Age“ (z. B. Rückgang des Wirtschaftswachstums, Inflation, (Sockel-)Arbeitslosigkeit, Staatsverschuldung, stark steigende Preise für Energie und Rohstoffe, Strukturwandel);
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neoliberale Maßnahmen gegen die wirtschaftliche Krise in Westeuropa (z. B. Privatisierung öffentlicher Unternehmen, Stärkung des Wettbewerbs, Abbau von staatlichen Sozialleistungen, Angebotsorientierung statt Nachfrageorientierung).
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formuliert die Gesamtaussage und bestimmt die neoliberale Perspektive der Rednerin, die den neuen wirtschaftspolitischen Kurs ihrer Regierung begründet. Einerseits zielt dieser Kurs auf eine Verringerung der Rolle des Staates in der Wirtschaft, andererseits auf einen gesellschaftlichen Mentalitätswandel hin zur Stärkung der Eigeninitiative des Individuums.
Mögliche Aspekte der Bewertung und Gewichtung
Die Schülerin / Der Schüler beachtet den Operator. Sie/Er …
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leitet ihre/seine Ausführungen angemessen ein, indem der Begriff „politischer Protest“ als Ausdruck zivilgesellschaftlichen Aufbegehrens definiert wird.
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erläutert ein Beispiel für Protest in der Bundesrepublik und die staatliche Reaktion darauf, z. B. die 68er-Bewegung:
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Äußerung von Protest: Kritik z. B. an kapitalistischer Wirtschaftsweise, Notstandsgesetzen wurde teils in konventionellen (z. B. Demonstrationen, Flugblätter), teils in neuen Protestformen (z. B. Sit-ins, Bildungsstreiks) geäußert, darüber hinaus wurde auch das Private (z. B. Konsum, Wohnformen) als politischer Protest verstanden;
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Reaktion des Staates: kurzfristig: gewaltsame Auflösung (z. B. Schah-Besuch) oder Duldung von Protesten (z. B. Sit-ins), langfristig: Forderungen der 68er-Bewegung wurden von Trägern staatlicher Politik aufgegriffen (z. B. Willy Brandt: „Mehr Demokratie wagen“);
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erläutert ein Beispiel für Protest in der DDR und die staatliche Reaktion darauf, z. B. den 17. Juni 1953:
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Äußerung von Protest: Kritik an Erhöhung der Arbeitsnormen bzw. dem Festhalten daran, zunächst Arbeitsniederlegungen von Bauarbeitern der Ostberliner Stalinallee und Aufruf zum Generalstreik, am 17. Juni Ausweitung der Streik- und Protestbewegung auf viele Orte der DDR und auf verschiedene Bevölkerungsgruppen, Forderungen auch nach freien Wahlen;
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Reaktion des Staates: zunächst Kontrollverlust von Polizei und Stasi, kurzfristig: gewaltsame Niederschlagung dieses Volksaufstandes durch sowjetische Panzer, wobei über 50 Protestierende getötet wurden, langfristig: Ausbau der Repressionsmaßnahmen (z. B. Stasi), Rücknahme der Normerhöhung, Steigerung der Konsumgüterproduktion.
Auch andere Beispiele (z. B. Proteste gegen die Wiederbewaffnung in der BRD) sind möglich.
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Mögliche Aspekte der Bewertung und Gewichtung
Die Schülerin / Der Schüler beachtet den Operator. Sie/Er …
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leitet ihre/seine Ausführungen angemessen ein, indem die These erläutert und der Begriff „Legitimitätskrise“ als Infragestellung der Rechtmäßigkeit der SED-Herrschaft und der „Zusammenbruch der DDR“ als Zerfall der SED-Herrschaft und Öffnung der Grenze erklärt wird.
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führt Pro-Argumente für die These an, z. B.:
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zunehmender Akzeptanzverlust infolge von Demokratiedefizit und Versorgungskrisen stärkt die Bürgerbewegung Ende der 1980er-Jahre (zunehmender Organisationsgrad, Überwindung der gesellschaftlichen Isolation, Massenmobilisierung im Herbst 1989) und schwächt die Autorität der SED;
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zunehmende Verschärfung der Kritik der Bürgerbewegung (z. B. an der Manipulation des Ergebnisses der Kommunalwahlen im Mai 1989) und Forderungen nach Reformen in Politik und Gesellschaft;
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Versuche einer unter dem gesellschaftlichen Druck zunehmend überforderten SED-Führung zur staatlichen Selbstbehauptung (z. B. 40-Jahr-Feier, Repression, Rücktritt Honeckers) entschärfen die Legitimitätskrise nicht, sondern beschleunigen den Zusammenbruch.
führt Contra-Argumente an, die die Legitimitätskrise als entscheidende Ursache relativieren, z. B.:
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lange Dauer der Legitimitätskrise der DDR (dauerhaft uneingelöstes Versprechen wirtschaftlicher Überlegenheit gegenüber dem Westen trotz bevölkerungsorientierter Wirtschafts- und Sozialpolitik, permanentes Demokratiedefizit, Niederschlagung des Volksaufstandes, Mauerbau, Ausbau des Repressionsapparats, Widerstandsaktionen, Bürgerrechtsbewegung und Massenflucht) stellt die entscheidende Ursächlichkeit infrage;
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zunehmende Staatsverschuldung;
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sowjetische Reformprozesse (Glasnost, Perestroika), relative wirtschaftliche und militärische Schwäche der Sowjetunion und Entspannungspolitik (Abrüstung, Sinatra-Doktrin) tragen auch zu einer Destabilisierung der DDR bei;
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erstarkende Opposition in anderen Staaten des Ostblocks (z. B. Polen, Ungarn, ČSSR);
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Attraktivität des Westens (parlamentarische Demokratie, Marktwirtschaft, EU, NATO).
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formuliert ein nachvollziehbares Fazit, aus dem hervorgeht, dass die umfassende Legitimitätskrise und die anderen Ursachen für den Zusammenbruch der DDR sich wechselseitig bedingten und gegenseitig beschleunigten. In der Gewichtung der Ursachen ist die Schülerin / der Schüler frei, ausschlaggebend ist die Schlüssigkeit der Argumentation.