Interpretation
Der Text lässt sich in fünf Abschnitte gliedern:
a) V. 1 – 8 b) V. 9 – 16 c) V. 17 – 24 d) V. 25 – 29 e) V. 30 – 35
Fasse den Inhalt jedes Abschnitts in einem Satz zusammen.
V. 4 – 16:
Jarbas beschwert sich in einer provozierenden Rede bei Jupiter.
Arbeite fünf Gründe, die Jarbas zu seiner Beschwerde veranlassen, mit lateinischen Textbelegen heraus.
Nenne und belege drei verschiedene sprachlich-stilistische Mittel, und erläutere für jedes dieser Mittel, wie dadurch die Provokation verdeutlicht wird.
V. 21 – 35:
Aeneas erfüllt die Erwartungen Jupiters nicht. Arbeite drei Kritikpunkte, die Jupiter vorbringt, mit lateinischen Textbelegen heraus.
Stelle eine weitere Passage der Aeneis dar, in welcher der Sendungsauftrag des Aeneas zur Sprache kommt.
In der Aeneis werden Möglichkeiten und Grenzen göttlichen Wirkens thematisiert. Zeige dies anhand von drei Beispielen aus deiner Lektürekenntnis.
In einer Anekdote des irischen Dichters W. B. Yeats heißt es:
Ein einfacher Matrose hatte sich in den Kopf gesetzt, Latein zu lernen, und sein Lehrer versuchte, es ihm anhand von Vergil beizubringen; nach vielen Unterrichtsstunden fragte er ihn etwas über den Helden. Sprach der Matrose: „Was für ein Held?“ Sprach der Lehrer: „Was für ein Held? Na, Aeneas, der Held.“ Sprach der Matrose: „Ach, der! Der soll ein Held sein? Liebe Güte, ich dachte, er wäre ein Priester.“
[Zitat aus: Pound, Ezra: ABC des Lesens, deutsch von Eva Hesse, Frankfurt / Main 1962, S. 57]
Erläutere vor dem Hintergrund deiner Lektürekenntnis, warum der Matrose Aeneas als Priester und nicht als Helden wahrnimmt, und bewerte seine Position.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Der nordafrikanische König Jarbas, ein Sohn Jupiters, hatte Dido Zuflucht gewährt und ihr später vergeblich einen Heiratsantrag gemacht. Nun hört er gerüchteweise von ihrer Liebesbeziehung zu Aeneas.
Z. 4 Maurusius, -a, -um: aus/von Mauretanien
Z. 5 Lanaeum ... honorem: gemeint ist Wein
Z. 13 Paris: trojanischer Prinz
Z. 14 Maeonia ... mitra: orientale Kopfbedeckung
Z. 21 Zephyrus, -i m: Westwind
Z. 22 Dardanius, -a, um: trojanisch;
Z. 23 Tyrius, -a, -um: von Tyros (Heimatstadt Didos)
Z. 26 Graii, Graium m: die Griechen
Z. 28 Teucer, -cri m: Stammvater der Trojaner
Z. 34 Ausonius, -a, -um: italisch;
Z. 35 Lavinius, -a, -um: von Lavinium (Stadt in Latium)
Übersetzung
Dieser (Jarbas) soll, ganz außer sich und aufgebracht durch das bittere Gerücht, vor den Altären mitten im Wirkungsbereich der Götter mit erhobenen Händen Jupiter flehentlich um vieles gebeten haben: „Allmächtiger Jupiter, dem nun Mauretaniens Volk, nachdem es auf bunten Polstern gespeist hat, das lenäische Trankopfer spendet, siehst du das? Oder fürchten wir dich, Vater, wenn du deine Blitze schleuderst, umsonst, und machen nur ziellose Feuerstrahlen in den Wolken den Menschen Angst und verursachen bloß folgenloses Grollen?
Die Frau, die als Flüchtling in unserem Gebiet gegen Geld eine winzige Stadt baute, der ich einen Küstenstreifen zum Pflügen und der ich Landesrecht gab, hat meinen Heiratsantrag abgelehnt und Aeneas als Herrn in ihr Reich aufgenommen. Und nun bemächtigt sich dieser zweite Paris mitsamt seinem unmännlichen Gefolge – das Kinn und das von Öl triefende Haar in eine mäonische Mitra gehüllt – seiner Beute. Ich dagegen bringe natürlich Gaben zu deinen Tempeln und halte deinen Ruhm umsonst lebendig.“
Als er mit solchen Worten betete und dabei den Altar berührte, hörte ihn der Allmächtige und wandte seinen Blick zu den Stadtmauern der Königin und zu den Liebenden, die ihren besseren Ruf vergessen hatten. Dann sprach er so zu Merkur und erteilte ihm folgenden Auftrag:
„Geh jetzt, mein Sohn, ruf die Westwinde, gleite auf deinen Flügeln hinab und sprich zum trojanischen Anführer, der jetzt im tyrischen Karthago verweilt und sich nicht um die ihm vom Fatum bestimmten Städte kümmert, und überbringe ihm meine Worte durch die schnell dahintragenden Lüfte!
Nicht als einen solchen hat ihn seine wunderschöne Mutter uns versprochen und ihn deshalb zweimal vor den Waffen der Griechen bewahrt, sondern (sie hat versprochen,) er werde derjenige sein, welcher Italien, das Herrschaft in sich trägt und von Krieg tobt, lenkt, welcher das Geschlecht vom edlen Blut des Teucer weiterführt und den ganzen Erdkreis seinen Gesetzen unterwirft.
Wenn ihn schon nicht der Ruhm für so gewaltige Taten anspornt und er noch dazu die Mühsal nicht wegen seiner eigenen Ehre auf sich nimmt, missgönnt der Vater etwa dem Ascanius die römischen Burgen? Was hat er vor? Oder mit welcher Hoffnung verweilt er bei dem feindlichen Volk und kümmert sich nicht um die italische Nachkommenschaft und das Gebiet von Lavinium? Abfahren soll er! Das ist das Wichtigste, dies soll unsere Botschaft sein!“
[Übersetzung nach Edith und Gerhard Binder: Vergil, Aeneis, Stuttgart 2008, S. 181-185]
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?V. 1 – 8: Jarbas wendet sich im Gebet an Jupiter und stellt wütend und vorwurfsvoll dessen Allmacht in Frage.
V. 9 – 16: Jarbas kritisiert Dido, weil sie trotz seiner großzügigen Unterstützung den weibischen Aeneas ihm vorgezogen habe.
V. 17 – 24: Jupiter reagiert und schickt Merkur zu Aeneas, da dieser sich entgegen dem Fatum schon zu lange in Karthago aufhalte.
V. 25 – 29: Jupiter verweist darauf, dass Venus sich durch ihren Einsatz dafür verbürgt habe, dass Aeneas das trojanische Geschlecht von Italien aus zur Weltherrschaft führen werde.
V. 30 – 35: Jupiter missbilligt die Pflichtvergessenheit des Aeneas und erteilt den klaren Auftrag zur Abreise aus Karthago.
z. B.:
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Jupiter achtet nach Meinung des Jarbas nicht auf das Geschehen in Karthago (Iuppiter omnipotens … aspicis haec?, V. 4 und 6).
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Jupiters Handeln hat in seinen Augen für Menschen keine spürbaren Konsequenzen (te … nequiquam horremus, V. 6 f).
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Dido hat ihm die Ehe verweigert, obwohl er sie unterstützt hat (Femina, …, cui litus arandum … dedimus, conubia nostra reppulit, V. 9 – 12).
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Dido hat Aeneas dem Jarbas vorgezogen (dominum Aenean in regna recepit, V. 12).
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Aeneas hat ihm Dido gestohlen, so wie Paris Helena gestohlen hat (ille Paris … rapto, V. 13 und 15).
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Aeneas hat Erfolg, obwohl er in Jarbas’ Augen unmännlich ist (Et nunc ille Paris cum semiviro comitatu … rapto potitur, V. 13 und 15).
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Jarbas hat sich um Jupiter mit Opfern verdient gemacht und erhält dafür keine Belohnung (Nos munera templis … tuis ferimus famamque fovemus inanem, V. 15 f).
z. B.:
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Ironie (Iuppiter omnipotens, V. 4): Kontrast zwischen der ehrenden Anrede und Jupiters Tatenlosigkeit;
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rhetorische Fragen (V. 4 – 6 / V. 6 – 8): Infragestellung der Allmacht Jupiters;
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Hyperbaton (caecique in nubibus ignes, V. 7): bildhafte Darstellung der von Jupiter aus den Wolken hervorgeschleuderten Blitze, die keine Wirkung zeigen;
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Spondeenhäufung und Elisionen (nequiquam horremus, caecique in nubibus, V. 7) / Häufung von Daktylen (terrificant animos et inania murmura miscent, V. 8): ironisches Infragestellen der Ehrfurcht vor Jupiter;
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Alliteration (murmura miscent, V. 8): lautmalerische Wiedergabe des Donnergrollens: viel Lärm um nichts;
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Polyptoton (quae … cui … cui(que), V. 9 – 11): Kette von Vorwürfen gegenüber Dido, die von Jupiter nicht in die Schranken gewiesen wird;
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vierfache Alliteration (Maeonia mentum mitra … madentem, V. 14): Anspielung auf Übermaß im Schmuck der Männer, das Jupiter akzeptiert.
Pro Mittel mit Beleg sind je zwei Bewertungseinheiten zu vergeben, für die Erläuterung zusätzlich je eine weitere Bewertungseinheit.
z. B.:
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Nachlässigkeit: Aeneas verweilt in Karthago und kümmert sich nicht um die Weisungen des Fatums (Dardaniumque ducem, Tyria Karthagine qui nunc exspectat fatisque datas non respicit urbes, V. 22 f).
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Respektlosigkeit / Undankbarkeit: Aeneas wurde von seiner Mutter mehrfach vor dem sicheren Tod bewahrt, um seine Mission erfüllen zu können, kümmert sich aber nicht um diesen Auftrag (Non illum nobis genetrix … talem promisit Graiumque ideo bis vindicat armis, V. 25 f).
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Mangel an Ehrgeiz: Aeneas strebt nicht nach eigenem Ruhm (Si nulla accendit tantarum gloria rerum nec super ipse sua molitur laude laborem, V. 30 f).
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Neid: Aeneas missgönnt seinem Sohn Ascanius womöglich die künftige Herrschaft in Italien (Ascanione pater Romanas invidet arces?, V. 32).
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Egoismus: Aeneas will vermutlich über Karthago herrschen und vergisst deshalb die Zukunft seines eigenen Volkes (qua spe inimica in gente moratur nec prolem Ausoniam et Lavinia respicit arva?, V. 33 f).
z. B.:
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historische Durchblicke und weitere Hinweise auf die Zukunft (z. B.Prooemin Buch 1, Jupiterrede in Buch 1, Offenlegung derFatadurch Anchises in Buch 6, Schildbeschreibung in Buch 8, Götterrat in Buch 10);
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Prophezeiungen (z. B. Cassandra in Buch 2, Creusa in Buch 2, Helenus in Buch 3).
Es muss eine konkrete Textstelle näher ausgeführt werden. Buchangaben sind nicht erforderlich.
Möglichkeiten, z. B.:
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Jupiter erteilt Befehle und Aufträge an Götter und Menschen (z. B. Merkur, Aeneas).
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Venus beschützt ihren Sohn Aeneas (z. B. Verbergen in Wolke, Wecken von Akzeptanz seitens der Karthager).
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Götter setzen häufig ihre Interessen skrupellos durch (z. B. Auftrag Junos an Aeolus, Winde zu entfesseln).
Grenzen, z. B.:
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Juno versucht, dem Fatum entgegenzuwirken, kann es aber nicht aufhalten (z. B. durch Allecto entfachter Krieg führt nicht zum Untergang der Trojaner).
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Jupiter ist Sachwalter des Fatums, ist ihm aber gleichzeitig unterworfen (z. B. Götterversammlung).
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Pläne von Göttern werden von anderen Göttern durchkreuzt (z. B. Juno und Venus).
Um die volle Zahl an Bewertungseinheiten zu erreichen, müssen Möglichkeiten und Grenzen berücksichtigt werden.
z. B.:
Aeneas als Priester:
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Haupteigenschaft:pietas;
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folgt einem göttlichen Auftrag;
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glaubt an die Macht der Götter;
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rettet die Penaten aus Troja;
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opfert regelmäßig;
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hält Zeremonien ab;
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erhält Wunderzeichen;
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ordnet seine eigenen Bedürfnisse einem höheren Ziel unter.
Aeneas nicht als Held:
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menschlich und zu emotional;
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wirkt oft getrieben und hilflos (z. B. Seesturm);
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hadert mit seinem Schicksal und bemitleidet sich oft selbst;
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trifft kaum eigene Entscheidungen;
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agiert nicht unabhängig von Autoritäten und Konventionen;
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verfügt über keine „übermenschlichen“ Kräfte.
Mögliche Bewertung:
Der Matrose hat ein eingeschränktes Heldenverständnis. Gegen dessen Wahrnehmung lässt sich z. B. anführen:
Aeneas
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ist Hauptfigur des Epos;
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ist von göttlicher Abstammung;
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ist auserwählt für höhere Aufgaben;
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entwickelt sich zum Helden durch Aufopferung (labores) für das Fatum;
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vollbringt herausragende Taten (Aristien);
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durchläuft typische Stationen einer Heldenreise (z. B. höherer Auftrag, Abstieg in die Unterwelt).
[Textstelle: Vergil, Aeneis 4, 203 – 237]