I Erinnerung – Mut – Aufbruch
„Wie kann die Kultur des Erinnerns in angemessener Form weiter und neu gepflegt werden?“ (M 1, Z. 4f.)
Fasse die Argumentation des Textes M 1 mit eigenen Worten zusammen und arbeite die Antwort des Autors auf das obige Zitat heraus!
Weise an mindestens zwei biblischen Beispielen nach, dass in der jüdisch-christlichen Tradition die Erinnerung zum Nachdenken darüber anregt, „wie wir uns in der stets neu geforderten Verteidigung von Freiheit und Gerechtigkeit verhalten“ (M 1, Z. 12f.).
„… widerständig und mutig zu sein, statt angepasst mitzuschwimmen und sich wegzuducken.“(M 1, Z. 20f.)
Stelle den Gedankengang von Papst Franziskus in M 2 mit eigenen Worten dar und zeige die zentrale Botschaft in dieser Ansprache auf!
Überprüfe an mindestens drei Beispielen aus Dekalog (Dtn 5, 6-21) und Bergpredigt (Mt 5,1-7,29), inwieweit bei der Umsetzung dieser konkreten biblischen Weisungen „Widerstand und Loyalität (…) als sich wechselseitig ergänzende Gegenpole“ (M 1, Z. 26f.) ergeben!
„Man muss sich mutig verausgaben, wieder anfangen, neu anfangen, indem man sich verausgabt, etwas riskiert.“ (M 2, Z. 18f.)
Erläutere, dass Mut und Tatkraft zentrale Aspekte von Jesu Wirken in Wort und Handeln sind!
Setze die Aussagen von Markus Vogt zur Bedeutung der Erinnerungskultur (M 1) in Beziehung zur Botschaft von Papst Franziskus in M 2 und zeige an einem aktuellen Problemfeld der Wirtschafts- und Sozialethik Konsequenzen für zukunftsorientiertes ethisches Handeln auf!
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M 1: „Erinnerung im Dienst einer Ethik des Widerstands“
Der folgende Beitrag mit dem Titel „Erinnerung im Dienst einer Ethik des Widerstands“ von Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München (geb. 1962), wurde im April 2020 auf der Homepage der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) veröffentlicht; die KSZ ist eine Arbeitsstelle der Deutschen Bischofskonferenz und des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und versteht sich als kommunikative Schnittstelle zwischen kirchlichen und wissenschaftlichen Akteuren, die sich vor dem Hintergrund der katholischen Soziallehre und der Christlichen Sozialethik mit sozialen Fragestellungen auseinandersetzen.
Quelle: https://www.gruene-reihe.eu/artikel/erinnerung-im-dienst-einer-ethik-des-widerstands/ (zuletzt eingesehen 24.04.2023)
M 2: Ansprache von Papst Franziskus
Der folgende Auszug stammt aus einer Ansprache, die Papst Franziskus am 1. Mai 2022 anlässlich des Mittagsgebetes vor Gläubigen am Petersplatz in Rom gehalten hat.
Quelle: https://www.vatican.va/content/francesco/de/angelus/2022/documents/20220501-regina-caeli.html (zuletzt eingesehen 27.04.2023)
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Folgende Argumente von M 1, die auch eine Antwort des Autors enthalten, können z. B. genannt werden:
-
Aktuelle Beobachtung und Begründung des Themas: Der immer größere Verlust von Zeitzeugen des Holocaust erfordert die Reflexion über ethische Kriterien einer veränderten Erinnerungskultur.
-
Eröffnung eines weiten Horizonts durch Anknüpfung an das Erinnerungsverständnis des Talmud: Erinnern im Sinne des Talmud zielt auf das präzise Verstehen von Anlässen und Ursachen schicksalsträchtiger Ereignisse. Es ist die Voraussetzung für die Reflexion über richtiges Verhalten bei Bedrohung von Freiheit und Gerechtigkeit.
-
Schlussfolgerung für eine neue Praxis der Erinnerungskultur: Erinnern erfüllt eine doppelte Funktion: Andenken und Befähigung zu einer Ethik des Widerstands.
-
Anbindung an die veränderte Situation und Schaffung eines vertieften Bewusstseins: Neue gesellschaftliche und politische Kontexte erfordern neue Formen von Mut und Widerstand, Wachsamkeit und Zivilcourage zur Abwehr von Ideologie und Unmenschlichkeit.
-
Ethische Fundierung und Kontextualisierung: Grundlage des Widerstands als Tugend ist eine fundierte Gewissensentscheidung, in der Loyalität und Protest abgewogen werden.
-
Besinnung auf den zentralen Wertemaßstab ethischen Handelns: Wichtigster Bezugswert ist die Würde des Menschen als Individuum, die als Dreh- und Angelpunkt der staatlichen Rechtsordnung immer wieder neu verteidigt werden muss.
-
Exemplarische Anwendung auf ein aktuelles Thema: Eine zentrale aktuelle Herausforderung ist die Bewältigung des Klimawandels, die uns zum Widerstand gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen durch rück- und vorsichtsloses Verhalten aufruft.
-
Im Alten und Neuen Testament gibt es den Zusammenhang zwischen dem Indikativ der Heilserfahrung eines befreienden Gottes und dem Imperativ der Orientierung an Weisungen für eine menschliche, heile und gerechte Welt. Die Erinnerung an diese Logik erfolgt in der Glaubenspraxis des Volkes Israel (z. B. Pessachfest) sowie in den christlichen Grundvollzügen (z. B. Gottesdienst).
-
Als Beispiele aus dem Alten Testament eignen sich z. B. die Berufung des Mose (Ex 3,1-15), das Pessachfest (Ex, 12,1-13,16), der Dekalog (Ex 20,1-21), Ps 19 (Lob der Schöpfung), die Berufung eines Propheten (z. B. Jes 6; Jer 1,4-10), prophetisches Handeln (z. B. Amos).
-
Als Beispiele aus dem Neuen Testament eignen sich die Weisungen der Bergpredigt (Mt 5-7), die Rede vom Weltgericht (Mt 25,31-46), die Erzählung vom letzten Abendmahl (Mk 14,17-25), die Emmausgeschichte (Lk 24,13-35).
Bei der Darstellung muss deutlich werden, dass die erinnernde Anknüpfung an das Heilshandeln Gottes eng verknüpft ist mit der tätigen Nächstenliebe und dem Einsatz für eine friedliche und gerechte Welt.
Die Argumentation von Papst Franziskus zeigt sich in M 2 wie folgt:
-
Menschen neigen dazu, aus Bequemlichkeit, Frust oder Überforderung die Gottes- und Nächstenliebe zu vernachlässigen.
-
Demotivation und Sinnlosigkeitserfahrung sollen nicht dazu führen, dass der Mensch selbstmitleidig um sich kreist, sondern dass er in der Nachfolge Jesu bereit ist zu Neubeginn und Mut, das Risiko des Lebens vertrauensvoll einzugehen.
-
Christen gewinnen vom Glauben an die Auferstehung her Kraft und Zuversicht, die Fesseln von Angst, Passivität und Verzagtheit zu lösen und offen zu sein für die Zukunft mit all ihren Wagnissen.
Abschließend muss die zentrale Botschaft des Papstes zusammengefasst werden: Gerade Christen, die ebenso wie andere Menschen nicht vor Enttäuschungen, Schwächen und Schwierigkeiten verschont bleiben, müssen zeigen, dass sie aus dem Glauben an den Auferstandenen immer wieder Kraft, Mut und Zuversicht schöpfen, ihr Leben in Gottes- und Nächstenliebe aktiv und hoffnungsvoll zu gestalten.
-
Aus dem Dekalog bieten sich vor allem die Gebote 4 bis 10 an, da sie auf ein konkretes ethisches Verhalten des Menschen ausgerichtet sind. Zum Beispiel kann das 4. Gebot dahingehend interpretiert werden, dass der Respekt gegenüber den (alten) Eltern Ausdruck der Wahrung der Menschenwürde ist, aber nicht blinder Gehorsam, Unterordnung oder Vernachlässigung legitimer Selbstbestimmung. Die Grenzen zwischen Loyalität gegenüber den Eltern und Widerstand zum Schutz eigener existenzieller Bedürfnisse und Freiräume ist (z. B. bei Pflegebedürftigkeit) nicht immer leicht zu ziehen.
-
Aus der Bergpredigt lässt sich z. B. die sogenannte „neue These“ von der Feindesliebe (Mt 5,43-48) im Kontext der Verteidigung etwa in einem Angriffskrieg im Hinblick auf eine mögliche Überforderung des Menschen kritisch betrachten: Loyalität heißt hier Annahme des Feindes in seiner Menschenwürde in Analogie zur unbedingten Liebe Gottes zu den Menschen; diese steht in Spannung zum legitimen, ja notwendigen Widerstand gegen inhumanes Verhalten des Feindes. Beides zusammen konstituiert jene spezifisch christliche Doppelstruktur von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, deren Spannungspotenzial in der praktischen Umsetzung die handelnden Personen durchaus an Grenzen und darüber hinaus führen kann.
Als Ergebnis der Überprüfung könnte sich ergeben, dass die Orientierung an biblischen Weisungen das bipolare Verhältnis von Widerstand und Loyalität nicht aufhebt, sondern deren Spannung integriert, insofern dem Menschen eine Heilsperspektive eröffnet ist, die auf seine jenseitige Erlösung verweist.
Aspekte, die genannt werden können, um Mut und Tatkraft im Reden und Tun Jesu nachzuweisen:
-
Verkündigung Jesu: Verkündigung der Reich-Gottes-Botschaft; akzentuierte Interpretation des jüdischen Gesetzes; kritische Auseinandersetzung mit religiösen Autoritäten über Einseitigkeiten, Fehlentwicklungen und Missverständnissen; Konzentration auf eine Ethik des Herzens, die die Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt (z. B. Umgang mit dem Sabbatgebot); bildhafte Rede unter Berücksichtigung der Erfahrungs- und Lebenswelt seiner Mitmenschen mit dem Ziel besonderer Eindringlichkeit
-
Heilshandeln Jesu: Zuwendung zu Armen, Ausgegrenzten, Kranken; Ermöglichung heilsamer Begegnungen; Mahlgemeinschaft; Sündenvergebungen
-
Nachfolge Jesu auf dem Weg unbedingter und radikaler Liebe (vgl. Dreifachgebot Mk 12,28-34; Goldene Regel Mt 7,12) sowie unverfälschter Rede und Anklage von Egoismus, Heuchelei und Verantwortungslosigkeit; Berufung zur Freiheit; Geschenk der Gnade
Insgesamt muss deutlich werden, dass das neutestamentliche Gottesbild geprägt ist vom Verständnis des Glaubens als Fundament und Motivation für ein Leben in unüberbietbarer Menschlichkeit, wie es Jesus bis zum Tod am Kreuz vorgelebt hat.
-
Verbindung von M 1 und M 2: Das erlösende Potenzial einer auf Zukunft ausgerichteten Erinnerung motiviert Menschen, sich mutig für Freiheit und Gerechtigkeit einzusetzen und sich zugleich Tendenzen der Unmenschlichkeit zu widersetzen. Christinnen und Christen üben diese Nächstenliebe immer dann aktiv, risikobereit und mit Schwung aus, wenn sie sich am auferstandenen Christus orientieren, der mit seiner Botschaft der Liebe alle Grenzen, sogar den Tod, überwunden hat. Sich immer wieder daran zu erinnern, ist eine nie versiegende Quelle für ein energisches Leben in Solidarität und zum Heil der ganzen Schöpfung.
-
Als aktuelle Problemfelder der Wirtschafts- und Sozialethik können z. B. gewählt werden: Armut, demographischer Wandel, Digitalisierung, Klimaschutz, Mobilität, Tierschutz, Umweltschutz
-
Perspektiven für zukunftsorientiertes ethisches Handeln: Biblische Weisungen als Maßstab; Sozialprinzipien als Instrumente; Mitarbeit an der vorläufigen, präsentischen Verwirklichung des Reiches Gottes (eschatologischer Vorbehalt); verantwortungsethische Reflexion und Güterabwägung bei der Lösung schwieriger und komplexer ethischer Herausforderungen; Primat des Gewissens; gläubiges Vertrauen und Hoffnung auf die begleitende Nähe Gottes bei Unsicherheit und Scheitern