Aufgabe II „Zeichen setzen – Intervention und Diskurs“
Aufgabe mit gleichwertigen bildnerisch-praktischen und schriftlich-theoretischen Anteilen
Aufgabenüberblick
Im schriftlich-theoretischen Teil untersuchst du die Intervention mit den Mitteln einer Werkerschließung und stellst ein weiteres, zum Kontext passendes Werk vor.
Im bildnerisch-praktischen Teil gestaltest du den Innenraum eines Parkhauses um. Dafür greifst du Verkehrszeichen motivisch auf, führst diese durch kreative Veränderungen ad absurdum und entwickelst ausgehend von ihrer Formensprache ortsspezifische Interventionen.
Abb. 1: Arquus (anonymes Kollektiv): Regenbogen-Präludium, 2020; Fotografie: Peter Kunz, 2020
Abb. 2: Detailansicht der Zeppelintribüne mit dem Regenbogen-Präludium; Fotografie: Peter Kunz, 2020
Daten und Informationen zur Arbeit
Arquus (anonymes Kollektiv): Regenbogen-Präludium, Intervention an der Haupttribüne des Zeppelinfeldes auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, 2020, acht farbige Streifen, je ca. 1 m breit und ca. 4 m hoch, wasserlösliche Farbe, Farbkanister, Abrollschalen, Teleskop-Farbroller
In einer nächtlichen Aktion hat ein anonymes Kollektiv mit dem Namen Arquus die acht zentralen Wandpfeiler der Haupttribüne auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg mit verschiedenen Farben bemalt. Die Aktivistinnen und Aktivisten gaben der Intervention über den Weg der Sozialen Medien den Titel Regenbogen-Präludium. In der Musik ist ein Präludium ein oft improvisiertes Vorspiel mit eröffnendem oder hinführendem Charakter.
Am darauffolgenden Tag wurden die wasserlöslichen Farben von der Verwaltung der Stadt Nürnberg aus denkmalpflegerischen Gründen entfernt. Wenige erlebten die Intervention vor Ort. Die meisten Bilder des Regenbogen-Präludiums gibt es im Netz, z. B. auf Social-Media-Plattformen und in Zeitungen. Im Jahr darauf wurden Fotos und nachgestellte Arbeitsmaterialien der Kunstaktion in einer Kunstgalerie ausgestellt und zum Verkauf angeboten.
Zum Ort und seiner Geschichte:
Die Haupttribüne und das Zeppelinfeld bildeten einen zentralen Schauplatz des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg, das von Albert Speer sowie Walter Brugmann geplant und von 1933 bis 1938 gebaut wurde (Länge 360 m, Breite 36 m, Höhe ca. 20 m). Ab 1933 wurde das Gelände im Osten Nürnbergs von den nationalsozialistischen Machthabern für die Inszenierung der so genannten „Reichsparteitage“ im Rahmen der NS-Propaganda genutzt.
1945 sprengten US-Soldaten das auf dem Dach mittig angebrachte steinerne Hakenkreuz. Seit der Nachkriegszeit wurden die Haupttribüne und das sie umgebende Gelände verschieden genutzt, u. a. für Sportveranstaltungen, Volksfeste und Konzerte. Die Diskussion um die Nutzung des baufälligen Gebäudes hält an.
Abb. 2: Detailansicht der Zeppelintribüne mit dem Regenbogen-Präludium; Fotografie: Peter Kunz, 2020
Schriftlich-theoretischer Teil
Annäherung
Formuliere auf der Basis der Abbildungen sowie der weiteren Daten und Informationen zur Arbeit unterschiedliche erste Eindrücke, die Menschen von der Intervention haben könnten! Dabei sollen kontroverse Aspekte und interessante Zwischentöne aufscheinen.
Analyse formaler Aspekte
Analysiere das formale Zusammenspiel der Intervention mit der Architektur umfassend!
Erweiterte Analyse
Untersuche das Regenbogen-Präludium hinsichtlich sinnvoller Fragestellungen zur Medialität und Kommunikation unter Einbeziehung der Informationen und Zitate! Arbeite dabei mögliche Kontexte und Diskurse heraus, die mit den von dir gewählten Fragestellungen in Verbindung gebracht werden können!
Zitat 1:
Die Journalistin Clara Lipkowski schrieb in derSüddeutschen Zeitung vom 3. November 2020:
„Was sie schufen, war ein Kunstwerk, sagen die einen, Beschädigung, sagen die anderen, in jedem Fall aber erwirkten sie eine überregionale Debatte. Denn am Mittwochmorgen leuchteten die Regenbogenfarben an der historischen Zeppelintribüne auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände: Auf dem früheren Aufmarschplatz der Nationalsozialisten hatte Hitler an der Kanzel Hetzreden zu den Massen gehalten.“
Zitat 2:
Marie Louise Monrad-Møller und Fabian Schäfer weisen in einem Artikel in der Zeitschrift „Monopol“ vom gleichen Tag darauf hin, dass das Künstler-Kollektiv Arquus „mit seiner Aktion eben jenen Umgang mit dem problematischen Bauerbe gewählt hat, der von der Stadt Nürnberg im Jahr 2017 noch offiziell gewünscht wurde. In der Infobroschüre (DER STADT NÜRNBERG) heißt es weiter, man wolle ,(künstlerische) Angebote schaffen', die ,politisch Interessierten und zufälligen Passanten und Freizeitnutzern andere Zugänge in der Beschäftigung mit dem Gelände der NS-Zeit ermöglichen.' Es sollten ,Kontrapunkte zum historischen Erbe' entstehen, weder Mystifizierung noch Monumentalisierung seien angebracht, stattdessen müsse dem brisanten Erbe ,das demokratisch-pluralistische Denken der Gegenwart' entgegengesetzt werden.“'
Interpretationsansätze
Arbeite auf Grundlage der bisherigen Untersuchungen und Erkenntnisse schlüssige Interpretationsansätze heraus!
Kontext
So, wie das Regenbogen-Präludium nicht mehr einem traditionellen Kunstbegriff entspricht, gibt es viele andere künstlerische Positionen, die ihn erweitert und ergänzt haben. Stelle eine passende Arbeit vor!
Bildnerisch-praktischer Teil: „Kreuz & Quer“
Kontext
Ein leerstehendes Parkhaus wird zeitweilig für Kunstprojekte zur Verfügung gestellt. Du bist Mitglied eines jungen Künstlerkollektivs und möchtest dich für eine künstlerische Intervention in einer Etage des ehemaligen Parkhauses bewerben. Thema der Intervention sollen die neuen Freiheiten und Räume sein, die entstehen, wenn nicht mehr der Autoverkehr, wenn nicht mehr Verkehrsschilder und Fahrbahnmarkierungen wie Zebrastreifen, Pfeile und Begrenzungslinien den Rhythmus und die Bewegung im öffentlichen Raum vorgeben und zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen.
Bei dem Kunstprojekt mit dem Titel „Kreuz & Quer“ sollen vertraute Zeichen, die den öffentlichen Straßenverkehr regeln, spielerisch zitiert, umgeformt und in neue Zusammenhänge gebracht werden. Mit Hilfe der dabei entstehenden künstlerischen Gestaltungen werden Teile des Parkhauses bespielt. Das Ergebnis soll Besucherinnen und Besucher des Parkhauses überraschen und ihre vertrauten Sehgewohnheiten hinterfragen.
Grafische Vorüberlegungen
Entwickle ausgehend von den vorliegenden Abbildungen der Verkehrszeichen eine Reihe parodistischer oder absurder Zeichen, indem du z. B. mit einzelnen Bestandteilen oder deren Formensprache spielst und die ursprünglichen Bedeutungen abgewandelst!
Erfinde mindestens drei neue, widersinnige, auch sinnfreie Zeichen in der Bildsprache von Verkehrszeichen!
Ideenskizzen für den Innenraum
Nimm nun die Abbildungen mit Innenansichten des Parkhauses zur Hand! Überlege, welche Flächen und Zonen sich in deinen eigenen Augen am besten für eine Gestaltung zum Thema „Kreuz & Quer“ eignen!
Gehe zunächst von deinen in Aufgabe 6 gesammelten Erkenntnissen zur Gestaltung von Verkehrszeichen aus und entwickle anschließend mehrere freiere künstlerische Interventionen für den Innenraum! Beziehe dabei Bestandteile und die Formensprache von Verkehrsschildern und Fahrbahnmarkierungen mit ein!
Reagiere mit deiner Gestaltung auf die Gegebenheiten der Räume! Du kannst dabei auch mit den Größenverhältnissen der Zeichen zum Raum spielen. Durch geeignete Kombinationen und Ergänzungen können auch Handlungs- bzw. Bewegungsabläufe zur Darstellung kommen, die zeigen, wie deine Intervention täuscht, verwirrt, irritiert oder ins Chaos führt!
Veranschauliche mit Hilfe geeigneter bildnerischer Mittel unterschiedliche Ideen, indem du die Abbildungen der Räume direkt überarbeitest!
Entwurf der Raumgestaltung „Kreuz & Quer“
Visualisiere auf der Basis deiner Vorarbeiten nun für die Bewerbungsunterlagen eine deiner Ideen prägnant auf einem geeigneten Format! Zeige alles in einer dafür passenden perspektivischen Ansicht!
Es ist möglich, architektonische Veränderungen und Ergänzungen vorzunehmen.
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Abbildungen von Innenräumen eines Parkhauses (weitere Bildmaterialien im Anhang)
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Abbildungen von Verkehrszeichen (weitere Bildmaterialien im Anhang)
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Papiere verschiedener Größen und Stärken
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Bleistifte verschiedener Härtegrade bzw. Graphitstifte, Bunt- und Filzstifte, Kugelschreiber
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Zeichenkohle, Zeichenkreiden
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Tusche und Zeichenfedern
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Flüssigfarben wie Gouache- oder Acrylfarben, Wasser- oder Aquarellfarben
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verschiedene Pinsel
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Scheren, Cutter und Schneideunterlagen, Klebstoffe
Weitere Bildmaterialien
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Schriftlich-theoretischer Teil
Annäherung
Hier soll die Fähigkeit gezeigt werden,
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zur Annäherung an die Intervention unterschiedliche Perspektiven zu nutzen,
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dabei verschiedene Wirkungen des Werks vorzustellen,
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diese Perspektiven überzeugend und nachvollziehbar in Worte zu fassen sowie
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bei der Darstellung sowohl Polaritäten als auch Differenzierungen zu erfassen.
Zur Lösung der Aufgabe wäre es z. B. möglich, sich Perspektiven von unterschiedlich Betroffenen vorzustellen, ggf. in einem Spektrum zwischen Ablehnung und Zustimmung:
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Die Intervention könnte als eine ästhetische Aufwertung des desolaten architektonischen Ensembles begrüßt werden, oder
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als unangebrachtes und unsensibles „Aufhübschen“ von NS-Architektur, von „Kulissen der Gewalt“, empfunden werden.
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Nachahmungstaten am gleichen oder an anderen bedeutungsvollen Orten – unter Umständen auch mit anderer politischer Zielsetzung – könnten als gefährlich erachtet werden.
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Die Intervention könnte als Taktlosigkeit gegenüber Opfern des NS-Regimes oder
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möglicherweise als überfällig erachtete Entstigmatisierung eines öffentlichen Ortes oder Befreiung vom Ballast des Täterortes empfunden werden.
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Der Eingriff könnte als Aggression oder Vandalismus angesehen werden und
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Gegenreaktionen provozieren.
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Die Intervention könnte als starkes Zeichen für Frieden, Pluralität, Diversität oder Wiedergutmachung aber auch
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als schwache, opportunistische Geste einer Symbolpolitik erachtet werden.
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Der Eingriff könnte Befürchtungen um den architektonischen Bestand und seine Erhaltung wecken.
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Die Beteiligung von Künstlerinnen und Künstlern und die Weiterentwicklung des historisch erstarrten Ensembles könnte als fruchtbar für die Stadtentwicklung aufgefasst werden.
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Die neuerliche Aufladung des Ensembles könnte als interessant und spannend aber auch als gefährlich und geschichtsvergessen erachtet werden.
Analyse formaler Aspekte
Hier soll die Fähigkeit gezeigt werden,
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die Intervention sowie ihre architektonische Grundlage formal zu analysieren und
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das resultierende Zusammenspiel darzustellen, z. B.:
Der farbliche Eingriff bezieht sich stark auf bereits vorhandene Formen: Die Anlage der Zeppelintribüne ist geprägt von der Staffelung und Schichtung dreier massiver und symmetrisch angeordneter horizontaler Blöcke mit schmucklosen, glatten Oberflächen. Die unteren beiden sind von breiten Treppen gesäumt, der mittlere von einer breiten Treppe bekrönt, die sich frontal an den oberen Block anlehnt. In seiner Mitte gibt es eine Tür, von der aus man aus dem Inneren zur blockhaften Form des mittig angefügten Podestes (des ehemaligen Rednerpults) gelangt, das dem zweiten Block vorgelagert ist. Die obere, dreiseitige Treppe besteht aus neun Stufen, die sich in der Form eines Pyramidenfragments nach oben verjüngen. Der oberste Block ist außerdem vertikal in drei Teile gegliedert. Rechts und links ist dabei jeweils nur eine nackte Wand zu sehen. Der mittlere, etwas höhere Bereich ist von zehn eckigen Halbpfeilern in neun Teilflächen gegliedert. Die Halbpfeiler tragen ein geometrisch strenges, steinernes Gebälk, das von einem horizontal in zwei Teile getrennten Aufbau bekrönt ist. Dieser fungierte wohl ursprünglich als Sockel für das steinerne Hakenkreuzemblem. Ebenso schließen streng geometrisch gestaltete Platten die Halbpfeiler nach oben ab. Die Teilflächen zwischen den Pfeilern sind ebenfalls durch parallele Absätze in ihren Tiefen gegliedert bzw. vertikal gerahmt. Das ganze Bauwerk wirkt dadurch kompakt, geschlossen und festungsartig. Das Regenbogen-Präludium greift diese Zentrierung, Sockelung und Rahmung des Bauwerks auf und nutzt sie, wobei nun die vorher schwächeren vertikalen Formen in einem stärkeren Kontrast zu den dominanten Horizontalen treten.
So besteht die Intervention in der Bemalung der mittleren acht von zehn Pfeiler in den Farben, die die wichtigsten Grund- und Mischfarben umfassen: Magenta, Rot, Orange, Gelb, Grün, Cyan, Blau und Violett. Die Form der Streifen ist in die Architektur integriert. Die Vielfarbigkeit hebt sich vom sehr hellen Braun und Grau der Natursteine des Massivbaus ab. Die Reihe der unterschiedlichen Farben steht der Symmetrie des Bauwerks entgegen. Material und Technik: Eine Aufnahme zeigt, dass die Werkzeuge der Intervention am Ort der Gestaltung stehen gelassen wurden. Zufällig wirkende Kleckse und Farbpfützen am jeweils unteren Ende des Pilasters sowie die dort scheinbar unachtsam hingeworfenen Farbkanister und Farbwannen stehen im Kontrast zur Strenge der Architektur. Lediglich die genau mittig, schräg an den jeweiligen Pilaster gelehnten Farbroller scheinen passgenau auf die Architektur abgestimmt (Ausnahme: Orange), unter und neben ihnen Farbkanister und blaue Farbschalen. Die wohl noch nasse Farbe, die stark deckend aber auch leicht changierend aufgetragen wurde, bringt etwas Glanz auf die sonst matte, steinerne Gebäudeoberfläche. Im Gegensatz zum Bauwerk wirkt die Intervention durch diese Gestaltungsmittel improvisiert, offen, flüchtig und leicht.
Erweiterte Analyse
Hier soll die Fähigkeit gezeigt werden,
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sinnvolle Fragestellungen zur Medialität und Kommunikation auszuwählen und
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die Arbeit anhand dieser zu untersuchen, sowie
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dabei die Informationen der Texte und Zitate sinnvoll anzuwenden.
Medialität
Verschiedene Herangehensweisen sind denkbar, z. B.:
Wo bzw. an welchen (auch virtuellen) Orten ereignet sich die Arbeit? – In einer geheimen Aktion wird ein bekannter öffentlicher Ort verändert. Die Intervention zeigt durch ihr materielles Erscheinungsbild vor Ort, durch die Maluntensilien, die feuchte Farbe und die Spritzer den Prozess, der schnell und unter erschwerten Bedingungen vonstattengehen musste.
Da die kurze physische Präsenz der Intervention mit eingeplant sein musste (wasserlösliche Farbe), wurde für eine gut verwertbare und dauerhaft präsente Dokumentation gesorgt. Ein Fotograf, vielleicht auch Medienvertreterinnen und -vertretern wurden offenbar vorab informiert.
Eine möglichst große Verbreitung der Arbeit in sozialen Medien wurde vom Kollektiv intensiv vorbereitet, die spontanen Reaktionen und Kommentare könnten Teil der Arbeit gesehen werden. Sie provozieren weitere Reaktionen und tragen so zu einer Verbreitung der Intervention bei. Während nur sehr wenige Personen sie vor Ort gesehen haben, wird die Intervention so überregional schnell bekannt und virtuell verortet.
Welche Rolle spielt der Faktor Zeit? – 85 Jahre nach ihrer Errichtung prangt an der Zeppelintribüne ein Zeichen für Toleranz, Vielfalt und Frieden.
Um der Gefahr entgegenzuwirken, dass die Arbeit als schneller Gag verpufft, wird sie ein Jahr später durch eine Ausstellung in einer Galerie in den künstlerischen Kontext gestellt. Mit der Präsentation nachgestellter Relikte der Aktion wird versucht, ihr wieder mehr physische Dauerhaftigkeit zu geben.
Kommunikation
Verschiedene Herangehensweisen sind denkbar, z. B.:
Wie unterscheidet sich die Botschaft des Ortes von der Botschaft der Intervention? – Der Ort diente „den nationalsozialistischen Machthabern für die Inszenierung der so genannten Reichsparteitage“ (Daten und Informationen zur Arbeit), somit einem Regime, das für Intoleranz, Unterdrückung und Missachtung der Menschenrechte steht. Die Farben repräsentieren dagegen z. B. Frieden, Freiheit und gesellschaftliche Vielfalt und damit Toleranz und gegenseitige Achtung.
Wer ist Sender? Wer Empfänger? – Ort und Intervention senden zusammen, das heißt, die Arbeit des Kollektivs ergänzt die Botschaft der ehemaligen NS-Erbauer um ein Zeichen für „das demokratisch-pluralistische Denken der Gegenwart“ (Zitat 2). Somit übermitteln Erbauer und Kollektiv konträre Botschaften. Entsprechend plural kann das Spektrum der Empfängerinnen und Empfänger angenommen werden, alle Menschen, die diese Doppelbotschaft vor Ort oder im Netz rezipieren. Es werden z. B. die Kontexte „Demokratie und Pluralität“ sowie ihr Verhältnis zum Kontext „NS-Vergangenheit“ berührt. Über die Verbreitung in den Sozialen Medien und der Presse partizipieren weitere Sender und Empfänger auch außerhalb eines Kunstkontexts.
Welche Funktionen lassen sich an der Arbeit und den Reaktionen ablesen? Offensichtlich birgt die Intervention das Angebot „politisch Interessierten und zufälligen Passanten und Freizeitnutzern andere Zugänge in der Beschäftigung mit dem Gelände der NS-Zeit ermöglichen.“ (Zitat 2) Es entsteht eine „überregionale Debatte“ (Zitat 1). Die Intervention wirkt wie ein Appell oder eine Provokation gegenüber der Stadtverwaltung und den Diskussionen, wie mit dem Gelände umzugehen sei. Somit wird z. B. der Kontext „Stadtentwicklung“ berührt.
Die Intervention hat einen aktivistischen Charakter und vermittelt den Eindruck, dass ein Zeichen gesetzt und eine bestimmte Botschaft offensiv vermittelt werden soll. Mit der starken Ausrichtung auf ihre Wirkung in sozialen Medien und den provokativen Eingriff in einen öffentlichen Ort, wird womöglich weniger eine differenzierende Diskussion als eine Positionierung und eindeutige Kommentierung angestrebt. Die könnte auch kritisch im Sinne einer Verstärkung der Polarisierung der Gesellschaft gesehen werden.
Wie wird mit Erwartungen gespielt? – Erwartungen an Kunst oder an einen adäquaten Umgang mit Denkmälern werden geweckt und gebrochen. Das Werk erweitert (wie andere auch) traditionelle Erwartungen an Kunst: Materialität, Handwerklichkeit, Beständigkeit, Wertigkeit, Narration, Figürlichkeit oder Schönheit. Es werden z. B. die Kontexte „Kunst“ und „Kulturelles Erbe“ sowie die Diskurse über die Themen „Denkmalschutz“ und „Was ist Kunst?“ berührt.
Die Farben, somit das „Werk“, werden in den Rahmen der NS-Architektur gesetzt (gewissermaßen ein „Framing“ durch Architektur bzw. „Framing“ der Architektur), das durch seine (ehemalige NS-) Botschaft anderes hätte erwarten lassen (gewissermaßen „Priming“ durch Erinnerung und Konnotation). Es wird z. B. der Diskurs über „Möglichkeiten und Grenzen der Kunstfreiheit“ berührt.
Interpretationsansätze
Die Annäherung wurde deutlich, dass durch die Arbeit Kontroversen aufgezeigt und Diskussionen angeregt werden. Dies betrifft zunächst einmal den Umgang mit dem historischen Erbe und seine Erhaltung z. B. als Gedenkort, Mahnmal oder als Bezugspunkt politischer Bildung in einem so weit wie möglich unveränderten Zustand (Denkmalschutz). Dagegen steht der Anspruch, dass das historische Erbe als wandelbaren Ort oder Anlass gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu sehen und zu beleben.
Die formale Analyse legt nahe, dass es dem Kollektiv wichtig war, die Intervention zunächst auf der Basis der zweiten Haltung zu beginnen: Die kontrastierenden Farben deuten klar auf eine Abgrenzung hin, auf den Wunsch, den öffentlichen Ort maßgeblich zu verändern und mit Blick auf Symbolik und Botschaft (vgl. erweitere Analyse) ein deutliches, formal getragenes Zeichen für Diversität und Freiheit zu setzen. Es geht auch darum, die Unantastbarkeit der historischen Aura des Denkmals zu durchbrechen.
Andererseits sind die Farben wasserlöslich. Sie wären also vermutlich selbst dann, wenn sie nicht sofort von der Stadt Nürnberg entfernt worden wären, früher oder später wetterbedingt verschwunden. Das Kollektiv musste demnach auf den medialen Wechsel (z. B. ins Netz) gesetzt haben. Dem historischen Denkmal war kein bleibender Eingriff zugefügt worden. Man kann somit davon ausgehen, dass das Kollektiv die erste o. g. Haltung jedenfalls respektierte.
Eine durchaus kritisch zu sehende, womöglich unterlaufene Form des Respekts gegenüber dem Gebäude ist darin zu sehen, dass die Streifen dazu in ihrer Farbigkeit kontrastieren, nicht aber in ihren Formen. Sie unterstützen die Gliederung und die Symmetrie des Gebäudes, sie (zer-)stören es nicht. Somit könnten Sie bei kritischer Betrachtung wie ein Zitat der im dritten Reich in ähnlicher Weise angebrachten Hakenkreuzfahnen erscheinen.
Die erweiterte Analyse hat gezeigt, dass es mit Hilfe der formalen Gestaltung und der Art ihrer Inszenierung (Nachtaktion) sowie der anschließenden medialen Verbreitung gelang, mehrere Botschaften zu senden, die ganz deutlich an verschiedene aktuelle Diskurse anknüpfen: Vom Umgang mit dem historischen Erbe bis hin zur Kunstfreiheit, vom Zeichen für Toleranz und gesellschaftlichen Austausch bis hin zu Stadtentwicklung. Auf der Basis der o. g. Haltungen lassen sich somit zwei Deutungsansätze herausarbeiten: Aus dem Blickwinkel der ersten Haltung ist es verständlich, im Regenbogen-Präludium einen nahezu vandalistischen Eingriff zu sehen, der mit einem historischen Erbe sowie mit dem Wunsch, es als Ort politischer Bildung zu erhalten, rücksichtslos umzugehen scheint. Laut den Verwaltungsorganen der Stadt Nürnberg widersprach die Intervention den Zielen des Denkmalschutzes und bedurfte der sofortigen Entfernung.
Der zweite Blickwinkel zeigt, dass der erste angezweifelt werden kann. Genau weil das Kollektiv – scheinbar – vandalistisch, jedenfalls spektakulär, jedoch nicht deutlich nachhaltig auf den Ort einwirkte, entzündete sich genau der Diskurs, den sich die Stadt Nürnberg für diesen historischen Ort gewünscht hat: „[P]olitisch Interessierten und zufälligen Passanten und Freizeitnutzern andere Zugänge in der Beschäftigung mit dem Gelände der NS-Zeit ermöglichen“.
Zusammenfassend ergibt sich ein strategisch durchdachtes Vorgehen im Versuch, Konflikte sichtbar werden zu lassen, sich künstlerisch an gesellschaftlichen Diskursen zu beteiligen, auf gesellschaftliche Transformation Einfluss zu nehmen oder sie zu initiieren.
Weiterer möglicher Lösungsansatz: Der Titel „Präludium“ könnte darauf hinweisen, dass die aktivistische Aktion der Beginn weiterer Grenzüberschreitungen ist, mit dem Ziel die Gesellschaft zu eindeutigen Positionierungen und einem aktiveren Handeln zu animieren. Es stellt sich die Frage, inwieweit ein solches Vorgehen allgemein gutgeheißen werden kann und ob es auch tolerierbar wäre, wenn auf diesem Weg demokratiefeindliche oder sozial nicht gewünschte Botschaften verbreitet werden. Mit Blick auf die Kunst, in deren Kontext die Intervention im Nachhinein gestellt wurde, kann diskutiert werden, ob für das Kollektiv die Mehrdeutigkeit und Offenheit des Bildes zentral ist oder eher die Vermittlung einer eindeutigen Botschaft.
Kontext
Hier soll die Fähigkeit gezeigt werden,
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aus der Erinnerung ein geeignetes Beispiel auszuwählen, zu benennen und (an einer kurz gefassten Werkerschließung orientiert) vorzustellen,
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dabei zu erläutern, inwiefern es mit einem erweiterten Kunstbegriff erfasst werden kann, und
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die entsprechende gestalterische Intention in einer sprachlich nachvollziehbaren Weise formulieren zu können z. B. anhand von Künstlerinnen und Künstlern oder Kollektiven wie:
Nest Collective: Return to Sender, 2022: Aspekt einer politischen Aktion im Kontext eines tradierten Kunstsystems; Tatsumi Orimoto: Bread Man Son and Alzheimer Mama, 1996/2007: Aspekt eines künstlerisch-performativen Engagements im sozialen Kontext; coop ASA – Boris Nieslony, Tisch-Transaktion, 1997: Aspekt der Vermittlung zwischen unterschiedlichen Haltungen und Werten in der Art der Wohn- und Lebensgestaltung; Barbara Kruger: I shop therefore I am, 1987: Aspekt der Konsumkritik mit den Mitteln der Werbeästhetik; Joseph Beuys: 7.000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung, 1982: Aspekt des Übergreifens von Kunst in die Belange der Stadtentwicklung; Klaus Staeck: Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?, 1971: Aspekt der Beeinflussung politischer Meinungsbildung mit Hilfe von Plakaten in einem gegebenen Kontext mit besonderer Adressatinnen und Adressaten und außerhalb des Kunstsystems, u. v. a.
Bildnerisch-praktischer Teil: „Kreuz & Quer“
Grafische Vorüberlegungen
Hier soll die Fähigkeit gezeigt werden,
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aussagekräftige Formen aus vorgegebenen Zeichen zu kombinieren, um
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Zeichen zu verändern oder neu zu entwickeln, dabei
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deren Bedeutungen abzuwandeln und mit den Erwartungen der Rezipientinnen und Rezipienten zu spielen, sowie
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für diesen Zweck geeignete zeichnerische Mittel auszuwählen und adäquat einzusetzen.
Ideenskizzen für den Innenraum
Hier soll die Fähigkeit gezeigt werden,
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im Blick auf das eigene Konzept aussagekräftige Bestandteile von Verkehrszeichen und Fahrbahnmarkierungen auszuwählen und zu kombinieren,
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dafür geeignete Innenraumsituationen zu finden und passend auf sie zu reagieren
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das gestalterische Konzept perspektivisch nachvollziehbar als räumliche Illusionen auf die gegeben Abbildungen zu übertragen, sowie
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für diesen Zweck geeignete bildnerische Mittel auszuwählen und adäquat einzusetzen.
Entwurf der Raumgestaltung „Kreuz & Quer“
Hier soll die Fähigkeit gezeigt werden,
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eine Idee auszuwählen und prägnant im gewählten Format umzusetzen,
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die Intervention perspektivisch angemessen darzustellen,
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dabei eine der Gesamtaufgabenstellung entsprechende Lösung zu visualisieren und
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für diesen Zweck geeignete bildnerische Mittel auszuwählen und einzusetzen.