Prosa
Bearbeite entweder die Aufgabe „Prosa“ oder die Aufgabe „Dichtung“!
Zu interpretierender Text: Livius, Ab urbe condita 1, 13, 1 – 4
I. HINFÜHRENDE AUFGABEN
Benenne zwei Sachfelder, die für Handlung und Inhalt des Textes zentral sind, und belege diese mit jeweils zwei lateinischen Beispielen aus dem Text!
Beschreibe, inwiefern die deutsche Übersetzung von Movet res cum multitudinem tum duces (Z. 9) in sprachlicher Hinsicht vom lateinischen Originaltext abweicht! Vier Gesichtspunkte genügen.
Paraphrasiere die nachstehende Textpassage aus der Praefatio zu Livius’ Werk Ab urbe condita !
Arbeite aus dem zu interpretierenden Text eine zentrale Wertvorstellung heraus, die Livius am Beispiel der handelnden Personen veranschaulicht! Belege diese mit der bzw. den entsprechenden lateinischen Textstellen!
II. INTERPRETATIONSAUFGABE
Interpretiere den Text – ausgehend vom lateinischen Original und ggf. unter Einbeziehung deiner Erkenntnisse aus der Bearbeitung der Aufgaben Nr. 1 bis Nr. 4 – nach formalen und inhaltlichen Gesichtspunkten!
Aspekte, die du bereits in Teil I „Hinführende Aufgaben“ angeführt hast, werden nur bewertet, wenn du diese für die Interpretation nutzbar machst (die bloße erneute Nennung wird nicht positiv bewertet).
III. WEITERFÜHRENDE AUFGABEN
Weise nach, dass die Darstellung des Raubs der Sabinerinnen in Vergils Schildbeschreibung als Unterstützung der augusteischen Politik verstanden werden kann! Drei wesentliche Gesichtspunkte genügen.
(nach E. und G. Binder)
P. Vergilius Maro: Aeneis. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von E. und G. Binder, Stuttgart 2008, S. 451-453.
Bearbeite von den zwei folgenden Aufgaben (Nr. 7 und Nr. 8) eine Aufgabe nach eigener Wahl!
Erläutere, worin sich die Haltung eines stoischen Philosophen zur ira von der Darstellung des Umgangs mit der ira im Interpretationstext unterscheidet!
Belege, dass die folgenden Ausführungen Senecas über Frauen von der stoischen Philosophie geprägt sind! Drei wesentliche Gesichtspunkte genügen.
(nach A. Forbiger)
Seneca: Vom glückseligen Leben. Auswahl aus seinen Schriften. Herausgegeben von H. Schmidt, eingeleitet von J. Kroymann, Stuttgart 1978, S. 138 (Übersetzung von A. Forbiger, leicht geändert).
Bearbeite von den zwei folgenden Aufgaben (Nr. 9 und Nr. 10) eine Aufgabe nach eigener Wahl!
Untersuche, ob der Krieg der Sabiner gegen Rom als ein bellum iustum im Sinne Ciceros bezeichnet werden kann!
Begründe auf der Grundlage deiner Kenntnis der Cena Trimalchionis, dass die folgende Charakterisierung von Trimalchios Ehefrau Fortunata durch einen der Gäste typisch für das Freigelassenenmilieu ist! Drei wesentliche Gesichtspunkte genügen.
(nach N. Holzberg)
Petronius Arbiter: Satyrische Geschichten – Satyrica. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von N. Holzberg, Berlin 2013, S. 67.
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Nach dem von Romulus befohlenen Frauenraub griffen die Sabiner Rom an. Livius berichtet, wie die Sabinerinnen, die von ihren römischen Männern ihre ersten Kinder erwarteten, während der Kampfhandlungen auf das Schlachtfeld liefen.
Übersetzung (nach K. Heusinger):
Titus Livius: Römische Geschichte. Übersetzt mit kritischen und erklärenden Erläuterungen von K. Heusinger, Braunschweig 1821, in: Titus Livius: Römische Geschichte (https://www.projekt-gutenberg.org/), aufgerufen am 23.03.2023.
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Es sollen zwei der folgenden Sachfelder benannt werden: Familie – Gefühle – Krieg – Verbrechen – Staat.
Die Sachfelder können mit folgenden lateinischen Beispielen aus dem Text belegt werden:
Familie: mulier (vgl. Z. 1), muliebris (vgl. Z. 2), pater (vgl. Z. 4), vir (vgl. Z. 4), sanguis (vgl. Z. 4), socer (vgl. Z. 5), gener (vgl. Z. 5), parricidium (vgl. Z. 5), partus (vgl. Z. 5), nepos (vgl. Z. 6), liberi (vgl. Z. 6), progenies (vgl. Z. 6), adfinitas (vgl. Z. 6), conubium (vgl. Z. 6), parentes (vgl. Z. 8), vidua (vgl. Z. 8), orba (vgl. Z. 9);
Gefühle: crinibus passis scissaque veste (vgl. Z. 1-2), pavor (vgl. Z. 2), ira (vgl. Z. 4), piget (vgl. Z. 7), movere (vgl. Z. 9);
Krieg: bellum (vgl. Z. 1), telum (vgl. Z. 2), impetus (vgl. Z. 3), infestus (vgl. Z. 3), acies (vgl. Z. 3), causa belli (vgl. Z. 7), volnus bzw. vulnus (vgl. Z. 7), caedes (vgl. Z. 7), dux (vgl. Z. 9), pax (vgl. Z. 11);
Verbrechen: iniuria (vgl. Z. 1), malum (vgl. Z. 2), nefandus (vgl. Z. 4), respergere (vgl. Z. 5), parricidium (vgl. Z. 5), maculare (vgl. Z. 5);
Staat: multitudo (vgl. Z. 9), foedus (vgl. Z. 10), civitas (vgl. Z. 11).
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Zu Beginn des lateinischen Satzes steht die Verbalform Movet (Z. 9) in der 3. Person Singular Präsens Aktiv. In der deutschen Übersetzung wird sie durch die Verbalform „wurden gerührt“ (Z. 15) in der 3. Person Plural Präteritum Passiv am Satzende wiedergegeben. Durch die Veränderung von Numerus, Tempus, Genus Verbi und Satzstellung verschieben sich im Deutschen v. a. die Perspektive und die Gewichtung in der Aussage des Satzes.
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Der Plural und das Passiv der Verbalform im Deutschen gehen mit einem Subjektwechsel gegenüber dem Originaltext einher: Während im lateinischen Satz res (Z. 9) das Subjekt ist, werden in der deutschen Übersetzung die lateinischen Objekte multitudinem (Z. 9) und duces (Z. 9) zu den Subjekten „Die Heere und ihre Führer“ (Z. 14); das lateinische Subjekt res (Z. 9) wird nicht übersetzt.
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Die Verbindung der lateinischen Objekte mittels der Konjunktionen cum (…) tum (cum multitudinem tum duces, Z. 9) verleiht im Sinne von „sowohl … als auch besonders“ dem zweiten Glied duces einen größeren Nachdruck. Demgegenüber begnügt sich die deutsche Übersetzung mit der bloß reihenden Konjunktion „und“ (Z. 14) ohne Betonung der „Führer“.
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Der lateinische Begriff multitudo (vgl. Z. 9), der zunächst eine neutrale „Menge“ bezeichnet, wird in der deutschen Übersetzung mit einem Ausdruck für eine militärische Einheit im Plural „Die Heere“ (Z. 14) wiedergegeben. Zugleich werden die duces (Z. 9) in der Übersetzung durch das Possessivum „ihre“ (sc. Führer, vgl. Z. 14) als die Anführer der multitudo im militärischen Sinne verstanden.
Livius fordert Aufmerksamkeit für die gesellschaftlichen Verhältnisse und Kräfte – Lebensweise, Sitten, Männer und Fähigkeiten –, die in Krieg und Frieden zur Entstehung und zum Wachstum des römischen Reiches beigetragen haben.
Zugleich soll man den allmählichen moralischen Niedergang der römischen Sitten seit den Anfängen und die steigende Intensität deren Verfalls verfolgen.
(Livius, Ab urbe condita, Praefatio 9)
Es soll eine der folgenden zentralen Wertvorstellungen herausgearbeitet werden: virtus – fortitudo – pietas.
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Im Interpretationstext zeigt sich im Verhalten der Sabinerinnen der Wert der virtus bzw. der fortitudo. Zum einen wagen (Z. 2: ausae) es die Frauen mutig, in die Kampfhandlungen ihrer Väter und Partner einzugreifen, zum anderen bieten sie sich tapfer in ihrer direkten Rede an die Männer – zumindest aus taktischen Gründen – selbst als Zielscheibe für den Zorn der Männer an (Z. 7: in nos vertite iras).
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Da die Frauen die Initiative ergreifen, um die Kämpfe ihrer männlichen Angehörigen gegeneinander zu beenden, und diese auch mit Blick auf die Nachkommenschaft vor dem Frevel des Verwandtenmords warnen (Z. 4-6: hinc patres, hinc viros orantes, ne sanguine se nefando soceri generique respergerent, ne parricidio macularent partus suos, nepotum illi, hi liberorum progeniem), handeln sie im Sinne des Wertes der pietas. Zudem wird aus ihrer Drohung, dass sie einem Leben ohne Väter oder Männer den Tod vorziehen würden (Z. 8-9: melius peribimus quam sine alteris vestrum viduae aut orbae vivemus), die große Bedeutung der familiären Bindungen (pietas) für sie ersichtlich.
II. INTERPRETATIONSAUFGABE
Inhalt und Struktur
Der Text gliedert sich in drei Sinnabschnitte, die den Ablauf des Geschehens übersichtlich darstellen.
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Z. 1–6a: Livius schildert, wie die Sabinerinnen ihre Angst überwinden und sich zwischen die kämpfenden römischen Männer und sabinischen Väter werfen, um die Schlacht zu unterbrechen.
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Z. 6b–9a: In direkter Rede appellieren die Frauen eindringlich an beide Seiten. Sie verweisen auf die familiären Bindungen und erklären sich selbst zur Ursache des Krieges, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.
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Z. 9b–11: Die Rede zeigt sofortige Wirkung: Es kommt zu Stille und Ruhe, die Heerführer schließen Frieden.
Sprache und Stil
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Der Text ist sprachlich stark gestaltet und dient der dramatischen Zuspitzung des Geschehens: Die Darstellung führt vom chaotischen Kampfgeschehen über den moralischen Appell der Frauen hin zu Ruhe, Frieden und politischer Einigung.
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Im ersten Abschnitt spiegelt die komplexe Hypotaxe mit Relativsatz, mehreren Ablativi absoluti und Partizipialkonstruktionen die Unübersichtlichkeit und Gewalt der Schlacht wider und hebt zugleich das mutige Eingreifen der Sabinerinnen hervor.
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Der Einstieg mit der temporalen Konjunktion tum (Z. 1) macht deutlich, dass die Frauen unmittelbar in eine bereits eskalierte Kampfsituation eingreifen.
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Die Herkunftsbezeichnung Sabinae mulieres rückt die Frauen früh in den Mittelpunkt und betont ihre vermittelnde Position zwischen den Konfliktparteien.
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Bildhafte Ausdrücke und sichtbare Zeichen wie gelöstes Haar und zerrissene Kleidung unterstreichen das Leid der Frauen und verstärken die emotionale Wirkung der Szene.
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Die direkte Rede im zweiten Teil steigert Anschaulichkeit und Eindringlichkeit; durch direkte Anrede, Wiederholungen und Gegensätze machen die Frauen ihre doppelte familiäre Bindung zu Vätern und Ehemännern deutlich.
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Die häufige Verwendung der ersten Person Plural (nos) betont den Zusammenhalt der Frauen und ihre gemeinsame Verantwortung für die Beendigung des Konflikts.
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Im letzten Abschnitt dominiert eine parataktische, knappe Satzstruktur, die den abrupten Übergang von Kampf zu Stille, Frieden und staatlicher Einigung wirkungsvoll verdeutlicht.
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Insgesamt unterstützt die sprachlich-stilistische Gestaltung die zentrale Aussage des Textes, dass moralische Einsicht und familiäre Bindung stärker wirken können als Gewalt.
Die Auswahl der sprachlich-stilistischen Beobachtungen erfolgt exemplarisch. Der Text bietet zahlreiche weitere Ansatzpunkte für eine vertiefende Analyse.
Gattung
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Livius' Werk Ab urbe condita ist der antiken Geschichtsschreibung zuzuordnen, deren Schwerpunkt nicht auf überprüfbarer Faktizität, sondern auf der Vermittlung normativer Vorstellungen liegt. Geschichte wird als Mittel moralischer Orientierung genutzt.
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Entsprechend werden auch Ereignisse wie der Raub der Sabinerinnen nicht als historisch gesicherte Tatsachen dargestellt, sondern als exemplarische Erzählungen mit moralischer Aussagekraft.
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Die Darstellung dient der Veranschaulichung römischer Leitwerte: Im vorliegenden Text treten besonders virtus und pietas als vorbildhafte Haltungen hervor, verkörpert durch das Handeln der Sabinerinnen.
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Charakteristisch für diese Gattung ist der Einsatz gestaltender Elemente wie direkter Rede (Z. 6-8), die emotionale Beteiligung erzeugt und das Geschehen dramatisch verdichtet.
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Spannungssteigernde Erzähltechniken wie der historische Infinitiv (Z. 3) oder der Wechsel ins historische Präsens (Z. 9-11) verstärken den Eindruck von Unmittelbarkeit.
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Die bewusste Verwendung altertümlicher Sprachformen verweist auf die idealisierte Frühzeit Roms und unterstützt die moralische Zielsetzung des Werkes.
Literarhistorische Einordnung
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Ab urbe condita stellt das zentrale Lebenswerk des Livius dar, an dem er über mehrere Jahrzehnte hinweg arbeitete. In diesem Werk entfaltet Livius die römische Geschichte von den mythischen Anfängen bis in seine eigene Gegenwart.
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Die vorliegende Textstelle ist im ersten Buch angesiedelt, das die Königszeit behandelt und damit die Grundlagen für die spätere Entwicklung des römischen Staates legt. Sie schildert ein Ereignis aus der Herrschaft des Romulus, also aus der Frühphase der römischen Geschichte unmittelbar nach Stadtgründung und Proömium.
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Der im Text beschriebene Zusammenschluss von Römern und Sabinern verweist dabei voraus auf den späteren Aufstieg Roms und markiert einen frühen Schritt auf dem Weg zur römischen Weltherrschaft.
Historisch-kulturelle Einordnung
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Livius wirkt in der augusteischen Zeit, ohne dem engeren Kreis um Maecenas anzugehören. Dennoch steht er der neuen politischen Ordnung grundsätzlich wohlwollend gegenüber und bewertet Augustus überwiegend positiv.
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Nach dem Sieg Octavians über Marcus Antonius bei Actium endet die Phase der Bürgerkriege, und mit der Alleinherrschaft des späteren Augustus beginnt eine politisch stabile Friedenszeit. Diese Epoche prägt Livius, der zuvor jahrelange Unruhen erlebt hatte und den Frieden als Voraussetzung für kulturelle und literarische Tätigkeit schätzt.
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Vor diesem Hintergrund erhält der im Text dargestellte Friedensschluss besondere Bedeutung: Durch das Eingreifen der Sabinerinnen und den anschließenden Vertrag zwischen den Befehlshabern beider Seiten wird der Konflikt beendet, was dem augusteischen Ideal von Ordnung und Befriedung entspricht.
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Livius deutet Romulus als vorbildliche Gründerfigur und moralisches Leitbild. In dieser Perspektive erscheint Augustus wie ein „zweiter Romulus“, der Rom nach inneren Konflikten erneuert und stabilisiert.
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Obwohl sich Livius selbst als Bewunderer der republikanischen Vergangenheit präsentiert, unterstützt seine Betonung der mores maiorum indirekt die Wertepolitik des Augustus und dessen programmatisches Ziel einer erneuerten res publica.
Gegenwartsbezug und Rezeption
Persönliche Stellungnahme
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Die Textstelle kann als eindringlicher Appell gegen gewaltsame Konfliktlösung verstanden werden. Die Unterbrechung der Kämpfe gelingt nicht durch militärische Überlegenheit, sondern durch Einsicht, Dialog und das Bewusstmachen gemeinsamer Verantwortung. Diese Perspektive ist auch für heutige gesellschaftliche und politische Konflikte von Bedeutung.
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Zugleich regt der Text zur Reflexion über Geschlechterrollen an: Während die Männer zunächst Gewalt als Mittel der Konfliktlösung wählen, zeigen die Frauen strategische Klugheit und Verantwortungsbewusstsein. Diese Gegenüberstellung besitzt auch aus heutiger Sicht kritisches Potenzial.
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Insgesamt macht die Textstelle deutlich, dass historische Darstellungen nicht nur Fakten vermitteln, sondern Wertvorstellungen transportieren. Der bewusste Umgang mit solchen moralisch geprägten Narrativen bleibt gerade in einer Zeit digitaler Informationsverbreitung und Social Media von aktueller Relevanz.
Rezeption
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Der Stoff um den Raub der Sabinerinnen wurde bereits in der Antike vielfach aufgegriffen und literarisch weitergestaltet, unter anderem bei Aeneis und Ars amatoria.
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Das Motiv hat über Jahrhunderte hinweg Eingang in verschiedene kulturelle Ausdrucksformen gefunden, insbesondere in Literatur und bildender Kunst, was auf seine anhaltende symbolische Wirkung hinweist.
III. WEITERFÜHRENDE AUFGABEN
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In Vergils Schildbeschreibung wird der Blick des Betrachters und des Lesers an dieser Stelle auf die Stadt Rom (V. 1: Romam) und die Szenerie der großen Zirkusspiele (V. 2: magnis Circensibus actis) gelenkt. Das hier erwähnte Ereignis der – kulturell-gesellschaftlich bedeutsamen und außerordentlich beliebten – Spiele steht für eine Form der unbeschwerten Massenunterhaltung und könnte die Rezipienten an Spiele erinnern, die vom Kaiser veranstaltet wurden. Dies mag zum Lob des Augustus beitragen.
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Der Raub der Sabinerinnen, die einst als geladene Gäste bei den Zirkusspielen zusahen, wird nicht – wie im Interpretationstext – als iniuria (Z. 1 des Interpretationstextes) bezeichnet, sondern als ein Akt sine more (V. 1). Dadurch erscheint der Frauenraub dem Leser nicht primär als eine unrechte, sondern als sittenwidrige Handlung, die weder im Einklang mit den traditionellen mores maiorum noch mit den augusteischen Ehegesetzen steht, die u. a. standesgerecht geschlossene Ehen fordern. Dass die Römer die Täter waren, wird nicht erwähnt. Vergils zeitgenössischer Leser mag im Frauenraub vor allem einen Verstoß gegen unterstützenswerte Sittenvorstellungen seines Kaisers erkennen.
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Der neue Krieg, der zwischen „Romuliden“ und Sabinern entstand (V. 3-4), wird nicht explizit mit schuldhaftem Verhalten der Römer in Verbindung gebracht, sondern scheint plötzlich (V. 3: subitoque) über sie hereingebrochen zu sein. Über den Verlauf und die Beendigung des Krieges – etwa durch das Eingreifen der Sabinerinnen wie im Interpretationstext – erfährt Vergils Leser nichts; es wird lediglich festgestellt, dass die politischen Führungskräfte (V. 5: reges) ihr certamen beigelegt hatten. Das könnte als Hinweis auf Augustus’ erfolgreiche Friedensbestrebungen verstanden werden.
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Die in der Schildbeschreibung agierenden Politiker bleiben beim Bündnisschluss in Waffen (V. 6: armati), also kampfbereit, demonstrieren jedoch ihre friedliche Haltung (V. 6: paterasque tenentes) bei einem religiösen Zeremoniell zu Ehren Jupiters, des höchsten Gottes der Römer. Auch diese Signale – Wehrhaftigkeit, friedliche Gesinnung, Religiosität – im Auftreten der Könige könnten den Leser auf Grundzüge augusteischer Politik verweisen.
(Vergil, Aeneis 8, 635 – 641)
Ein stoischer Philosoph bemüht sich generell um das Freisein von Affekten (ἀπάθεια /apátheia), zu denen auch die ira (Zorn, Wut) gehört. Aus stoischer Sicht verleiht die ratio (λόγος /logos) dem Menschen die Fähigkeit, alle Affekte zu beherrschen, und da alles mit der ratio zu kalkulieren und zu bewältigen ist, sind Affekte unnötig.
Im Interpretationstext wird der Begriff der ira zweimal (Z. 4, Z. 7) zur Darstellung einer Regung der kämpfenden Männer angegeben. Sowohl die Sabiner als auch die Römer unterwerfen ihren Affekt nicht der ratio, sondern setzen ihn in einer kriegerischen Auseinandersetzung um.
In Livius’ Darstellung rufen die Sabinerinnen die Männer nicht im stoischen Sinne dazu auf, sich von ihren Zorneswallungen zu befreien. Zum einen versuchen die Frauen, die geradezu personifiziert gesehene Macht der irae zu brechen (Z. 4:dirimere iras), um deren schädliche Auswirkungen im Krieg der Verwandten zu verringern. Zum anderen bieten sie – zumindest vordergründig – an, die irae der Männer von diesen weg auf sich, die Frauen, zu lenken (Z. 7: in nos vertite iras), um mit dieser Kanalisierung des Affekts weitere Kampfhandlungen zu verhindern. Die Sabinerinnen behandeln die ira als eine menschliche Regung, deren zerstörerische Auswirkungen eingedämmt werden müssen.
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Die rhetorische Frage zu Beginn der Textstelle intendiert die Antwort, dass die Natur (natura) wohlwollend für die ingenia undvirtutes der Frauen gesorgt hat (vgl. Z. 1-2). Damit klingt die in der stoischen Philosophie zentrale Verbindung von Natur und Vernunft (ratio / λόγος) an, die im Ideal des secundum naturam vivere bedeutet, das Leben vernunftgeleitet zu führen.
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Neben der Ausstattung der Frauen mit ingenia und virtutes geht Seneca von der Gleichheit der Frauen mit den Männern im Hinblick auf Energie (Z. 2: vigor) und ihre Fähigkeit zum honestum (hier im Plural, Z. 3: honesta) aus. Mit dem Begriff des honestum fällt ein Ausdruck, der – wie virtus und ratio– auf das summum bonum in der Güterlehre der stoischen Ethik verweist. Frauen sind demzufolge genauso wie Männer zu dem im stoischen Sinne Ehrenhaften fähig.
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Die Fähigkeit, Schmerz und Mühen zu ertragen (Z. 3-4: dolorem laboremque […] patiuntur), wird hervorgehoben: Hier ist die stoische Haltung zu widrigen Umständen zu erkennen, die man gelassen ertragen müsse (vgl. das Ideal der stoischen Ruhe).
(Seneca, Consolatio ad Marciam 16, 1)
Cicero nennt die Wiedergutmachung eines Unrechts als einen Grund für einen gerechten Krieg; der Raub der Sabinerinnen wird im Interpretationstext explizit als Unrecht (Z. 1: iniuria) bezeichnet. Dies ist ein Kriterium, das ein bellum iustum rechtfertigt.
Da der Raub der Sabinerinnen in Rom geschah, kann er hingegen kaum als Angriffskrieg, gegen den man sich verteidigen müsse, gewertet werden. Allerdings fügt der Raub der Frauen dem Volk der Sabiner schweren Schaden zu, sodass ein Krieg mit dem Ziel, die Frauen zurückzuholen, durchaus als Verteidigung des eigenen Staates bewertet werden könnte. Damit würde er ein weiteres Kriterium für ein bellum iustum erfüllen.
Ob dem Krieg der Sabiner gegen Rom Verhandlungen und eine formale Kriegserklärung vorausgegangen sind, lässt sich zumindest aus der oben wiedergegebenen Stelle aus Livius’ Ab urbe condita nicht erkennen. Dass der Krieg allein das letzte Mittel zur Lösung eines Konfliktes ist und formal erklärt wurde, gehört laut Cicero zu den weiteren Merkmalen eines bellum iustum.
Die von Cicero als mögliches Merkmal eines bellum iustum genannte Verteidigung verbündeter Völker liegt hier nicht vor.
Insgesamt dürfte es gerechtfertigt sein, den Krieg als ein bellum iustum zu bezeichnen, da die Römer mit dem Raub der Sabinerinnen ein offensichtliches Unrecht begangen haben, das dem Volk der Sabiner erheblichen Schaden zugefügt hat.
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Fortunata wird als soziale Aufsteigerin charakterisiert, die es von einem Status am untersten Rand der sozialen Skala (Z. 2-3: Ignoscet mihi genius tuus, noluisses de manu illius panem accipere) durch die Heirat mit Trimalchio zu Wohlstand gebracht hat (Z. 3-4: Nunc, nec quid nec quare, in caelum abiit et Trimalchionis topanta est). Der soziale Aufstieg ist ein immer wiederkehrendes Leitmotiv der Cena sowohl in Trimalchios Selbstdarstellung (z. B. in seinem autobiographischen Bericht) als auch in den Freigelassenengesprächen.
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Fortunata erfüllt die Pflichten der pietas und fides gegenüber ihrem Mann mustergültig (Z. 5-6: sed haec lupatria providet omnia, et ubi non putes est), aber dies beschränkt sich allein auf die Sicherstellung seines finanziellen Erfolgs (Z. 1-2:nummos modio metitur; Z. 7:tantum auri vides). Das Bemessen des Wertes eines Menschen nach seinem finanziellen Erfolg ist typisch für Trimalchio und seine Gäste (z. B. in Phileros’ Bilanz des Lebens des verstorbenen Chrysanthus).
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Die positiven Charaktereigenschaften, die Fortunata zugesprochen werden (Z. 6-7: Sicca, sobria, bonorum consiliorum), betreffen ebenfalls nur ihre Funktion als Sachwalterin von Trimalchios Vermögen, während der Rest ihrer Persönlichkeit herabgewürdigt wird (Z. 5: lupatria; Z. 7-8: pica pulvinaris). Dies zeigt wiederum die absolute Fokussierung der Freigelassenen auf den materiellen Aspekt.
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Der Sprecher benutzt zur Charakterisierung Fortunatas zahlreiche, z. T. vulgäre metaphorische Ausdrücke aus der Umgangssprache (Z. 3: in caelum abiit; Z. 6: lupatria; Z. 7-8: pica pulvinaris) sowie Gräzismen (Z. 4: topanta; Z. 5: saplutus). Bildlichkeit, emotionale Färbung und Gräzismen sind typisch für die Gruppensprache der Freigelassenen bei Petron.
(Petron, Satyrica 37)