Vorschlag C – Jungen: Theoretische Aufgabe ohne praktischen Anteil
Beschreibe die Fotografie von Sabine Weiss und ihre Wirkung und erläutere den Zusammenhang zwischen bildsprachlichen Mitteln und Wirkung. (Material 1)
Beschreibe das Gemälde von Otto Dix und seine Wirkung und erläutere den Zusammenhang zwischen bildsprachlichen Mitteln und Wirkung. (Material 2)
Vergleiche und deute beide Darstellungen von Jungen. (Material 1 und 2)
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Sabine Weiss: ohne Titel (1955)
Schwarz-Weiß-Fotografie, 30×19,5cm

Sabine Weiss: ohne Titel, 1955
Material 2
Otto Dix: Streichholzhändler II (1927)
Mischtechnik auf Holz, 120×65cm, Kunsthalle Mannheim

Otto Dix: Streichholzhändler II, 1927
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Inhaltlicher Bezug
Der Aufgabenvorschlag bezieht sich auf das Themenfeld Ausdrucksmöglichkeiten von Fotografie – Hinterfragung der Wirklichkeit, im Bereich Bilderschließung insbesondere auf das Stichwort grundlegende Ausdrucksmittel der Fotografie (Komposition, Bildausschnitt, Blickwinkel, Schärfe, Ausleuchtung/Licht), sowie auf das Themenfeld Ausdrucksmöglichkeiten von Malerei und Zeichnung am Beispiel des Wandels von der gegenständlichen zur ungegenständlichen Kunst, im Bereich Bilderschließung insbesondere auf das Stichwort charakteristische Bildbeispiele von Künstlerinnen und Künstlern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Werk die Grundlagen für die moderne Kunst bilden; Berücksichtigung des kunst- und kulturhistorischen Kontexts, insbesondere anhand der Kunst der Neuen Sachlichkeit am Beispiel von Werken des Verismus von Otto Dix […].
Lösungsvorschlag
In einer Einleitung sollen Künstlerin, Titel, Jahr, Technik, Maße und das Thema genannt werden: Die Schwarz-Weiß-Fotografie ohne Titel von Sabine Weiss von 1955, mit den Maßen 30×19,5cm, zeigt einen kleinen Jungen auf einer Fensterbank sitzend und die Fotografin anschauend.
Beschreibung und Erschließung
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Halbfigurporträt im Hochformat
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Junge in linker Bildhälfte auf Fensterbank sitzend
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dunkle Augen, zusammengepresste Lippen, verschmitzt in die Kamera blickend
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dunkle, verwuschelte Haare, leicht verschmutztes Gesicht
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Arme angewinkelt, Hände im Schoß übereinander gelegt
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helles, langärmliges, zugeknöpftes Hemd tragend, Hose aus kariertem Stoff
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Junge vor geöffnetem Doppelfenster sitzend
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links dunkler Fensterladen, den Jungen leicht verdeckend, kaputtes Mauerwerk am linken Bildrand sichtbar
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Fenster mit hellem, „verschmutzten“ Rahmen, Blick ins Innere durch hell strukturierte Gardine verdeckt, schräg in den Hintegrund führend
Wirkung
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unbeschwert, fröhlich, frech, verspielt, brav, schmutzig, nah, eng, dicht, kontaktfreudig, ärmlich, einfach, ruhig, spannungsvoll, statisch, dynamisch, Aufmerksamkeit weckend, fokussiert, distanziert, unbeschwert
Zusammenhang zwischen bildsprachlichen Mitteln und Wirkung
Komposition
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Reihung von senkrecht ausgerichteten Elementen, wie Fensterladen, Figur, Gardinenfalten – geordnet, ruhig
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Hauptmotiv in linker Bildhälfte angeordnet, leicht verdeckt von Fensterladen – eng, dicht, spannungsvoll
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senkrechte Linien vs. schrägverlaufende Linien, wie Fensterbankkante – spannungsvoll, statisch, dynamisch
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Kopf als Bildschwerpunkt (Goldener Schnitt) – Aufmerksamkeit weckend
Fotografische Mittel
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Hell-Dunkel-Kontrast, z. B. zwischen hellem Gesicht und dunklen Haaren bzw. dunklem Hintergrund – Aufmerksamkeit weckend, spannungsvoll
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halbnahe Einstellung, Normalperspektive – nah, eng, dicht
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selektive Schärfe beim Jungen, dahinter leichte Unschärfe – fokussiert, spannungsvoll
Raum
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Junge überdeckt von Fensterrahmen – distanziert
Motiv
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Gesichtsausdruck des Jungen mit zusammengepressten Lippen und direktem Blick – frech, kontaktfreudig, verspielt, offen
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Haltung, Hände locker im Schoß, auf Fensterbank sitzend – unbeschwert
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schmutzige Kleidung, Schmutz im Gesicht, abgenutzter Fensterrahmen – ärmlich, einfach
In einer Einleitung sollen Künstler, Titel, Jahr, Technik, Maße und das Thema genannt werden: Das Gemälde „Streichholzhändler II“ im Jahre 1927 von Otto Dix mit den Maßen 120×65cm, in Mischtechnik auf Holz gemalt, zeigt einen Jungen an einer Säule stehend, mit einer Streichholzschachtel in der Hand.
Beschreibung und Erschließung
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Ganzfigur im Hochformat
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rechts im Bild aufrecht stehender Junge, nahezu frontal zum Betrachter stehend
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schmales Gesicht, en face, Blick links am Betrachter vorbei
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geöffnete glasige Augen, verschattete Augenhöhlen, blasse Haut, schmale geschlossene Lippen, große abstehende Ohren, fleckige Stirn
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kurzes, links gescheiteltes, rotblondes, strähniges Haar
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schmale Statur, ein Arm seitlich des Körpers hängend, große Hände, angewinkelte Finger
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sein rechter Arm leicht angewinkelt, in rechter Hand eine kleine Schachtel (Streichhölzer) mit gelb-roter Musterung haltend
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grau-grünlich- und beigefarbener Mantel mit Revers, Seitentasche und vier große Knöpfe, roter Pullover mit Kragen, dunkle, kurze Hose, über Knie reichend, grün-braune Strümpfe, geschnürte schwarz-graue Stiefel
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linke Bildhälfte mit glatter weißer verschatteter Säule, nach unten hin mit floralem Dekor, in eckiger Basis endend, oben aus dem Format ragend
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dunkler Hintergrund mit gitterartigen senkrechten braunen Streben, Pflastersteinen, nach rechts und hinten hin zu glattem Boden verlaufend
Wirkung
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ärmlich, düster, steif, trostlos, distanziert, leise, flüchtig, schutzlos, einfach, übersichtlich, nah, ruhig, natürlich, mächtig, unauffällig, blass, kränklich, schüchtern, beobachtend, ängstlich, hervorhebend, gefühlslos, spannungsvoll, bedrohlich, karg, einbindend
Zusammenhang zwischen bildsprachlichen Mitteln und Wirkung
Komposition
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Hochformat, Figur mit aufrechter Ausrichtung dominante Senkrechte bildend – steif, ruhig
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wenig Bildobjekte, Hauptmotiv rechts im Bild – übersichtlich, karg
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klare Zweiteilung der Bildfläche (Säule, Junge) – klar, einfach, ruhig
Farbe
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getrübte, dunkle Farben – trostlos, düster
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sichtbare malerische Spuren, z. B. Kontur der Hände, Pflastersteine – einfach, flüchtig
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schmuddelig, grau-grünlich- und beigefarbener Mantel – einfach, ärmlich
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schwacher Komplementärkontrast, z. B. grünliche Farbigkeit des Mantels vs. roter Pullover – hervorhebend
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Qualiätskontrast, z. B. Pullover und Schachtel – hervorhebend
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schwacher Hell-Dunkel-Kontrast, z. B. helle Haare, helle Haut vs. dunkler Hintergrund – blass, düster, spannungsvoll
Raum
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Überschneidungen, geringe Bildtiefe – nah, übersichtlich, eng, einbindend
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Normalperspektive, leichte Aufsicht – übersichtlich, einfach
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angedeuteter Lichteinfall von rechts, Schlagschatten auf Mantel, auf Säule – natürlich, düster, hervorhebend, plastisch
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dunkler, undeutlicher Bildhintergrund – düster, trostlos, ruhig
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Plastizität der Körperformen, z. B. Modulation durch Schattierungen und Reflexe – natürlich, nah
Motiv
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Junge in einfacher Kleidung neben dekorierter Säule – hervorhebend, kontrastierend, beschützend
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schmutzige, zu große Kleidung, schmale Statur – ärmlich, schutzlos, zierlich
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Blickkontakt vermeidend, Ware zurückhaltend anbietend – trostlos, leise, schüchtern, beobachtend
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helle fleckige Gesichtsfarbe in Kombination mit großen Augen und schmalem Mund – kränklich, ärmlich
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reglose Haltung – ängstlich, schüchtern
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Säule – mächtig, bedrohlich
Vergleich
Gemeinsamkeiten
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zwei schmutzig wirkende Jungen in ärmlicher und einfacher Kleidung
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beide sich auf einer Straße präsentierend
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Jungen in Nähe eines Gebäudes durch Säule oder Fensterrahmen angedeutet
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ruhiger und geordneter Bildaufbau, Betonung der Vertikalen
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Hauptmotiv je in einer Bildhälfte positioniert
Unterschiede
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Fotografie vs. Malerei, schwarz-weiß vs. farbig
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fröhlich, frech wirkender Junge vs. traurig, ausdruckslos wirkender Junge
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dunkle Augen vs. helle, glasige Augen
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Junge ohne erkennbare Absichten entspannt sitzend vs. Junge, der versucht, spärlichen Hinzuverdienst zu erzielen
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intensive, einfordernde Kontaktaufnahme durch grimassenartiges Lächeln vs. eingeschüchterte Kontaktaufnahme durch zarte Geste und leeren Blick
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Junge mit Pausbacken vs. abgemagerter Junge, kränklich wirkend
Deutung
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Weiss dokumentiert durch das Foto einen Moment von Kindheit und zeigt gleichzeitig auch soziale Lebensbedingungen jener Zeit (Streetphotography).
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Weiss schafft durch Normalperspektive und Einstellung ein hohes Maß an unmittelbarer Verbindung und Nähe, wobei der Fokus auf dem fröhlichen und aufgeschlossenen Gesichtsausdruck liegt, was eine stärkere Emotionalität des Betrachters hervorruft und ein positives Bild von „unbeschwerter Kindheit“ prägt.
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Die sozialen Bedingungen, in denen der Junge aufwächst, bleiben teilweise unklar, dennoch wirkt sein äußeres Erscheinungsbild eher ärmlich, woraus sich Rückschlüsse auf sein soziales Umfeld ergeben können. Diese treten aber durch den spaßigen Gesichtsausdruck eher in den Hintergrund.
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Die Fotografie unterstützt eher das klischeehafte Bild des „frechen, aufgeweckten Jungen“. Obgleich er still sitzt und die Hände in seinem Schoß hat, vermitteln seine wilden Locken, seine Mimik und das angedeutete Verstecken einen lebhaften, spielerischen Charakter.
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Dix zeigt ein Kind in der Rolle eines Streichholzverkäufers, der trotz eines dringenden Anliegens zwar Blickkontakt zum Betrachter herstellt, dies aber durch seine Mimik nicht signalisiert. Der Junge wirkt nicht aufgeschlossen und zugewandt und preist seine Ware nicht an. Er hält die Schachtel zwar in einer Hand, scheint die Hoffnung auf Kundinnen und Kunden aber schon aufgegeben zu haben.
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Dix als Vertreter der Neuen Sachlichkeit stellt hier das Elend der Nachkriegszeit unverschönt dar. Der arme Junge bettelt in einer klassisch anmutenden Umgebung (Säule), seine physische Präsenz ist verschwindend, beobachtend, obwohl er das Hauptmotiv des Gemäldes ist.
Fazit
Weiss und Dix zeigen beide auf ihre Art Lebenswirklichkeiten von Jungen ihrer jeweiligen Zeit. Neben den sozialen Bedingungen, die in beiden Werken als prekär gedeutet werden können, liegt der Hauptunterschied darin, wie die Jungen ihre Realität wahrnehmen. Bei Weiss wirkt der Junge unbeschwert und fröhlich, er sieht mit seinen Pausbacken wohlgenährt aus, so dass sein Leben, trotz ärmlicher Verhältnisse, nicht bedroht zu sein scheint und er seine Kindheit ausleben kann. Bei Dix erscheint der Junge eher leidend, seine Lebensituation ist bedrohlicher. Er wirkt abgemagert, was durch die zu große Kleidung verstärkt wird, er muss für seinen Lebensunterhalt betteln. Im Verständnis von Kindheit als einer Zeit unbeschwerten Seins ist der Junge kein Kind mehr.