Block 3 – Textinterpretation
Thema
Ilma Rakusa: Durch Schnee (2006)
Aufgabenstellung
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Interpretiere den Kurzprosatext Durch Schnee von Ilma Rakusa.
Material
Durch Schnee (2006)
Ilma Rakusa (*1946)
Quelle: Rakusa, Ilma: Durch Schnee. Erzählungen und Prosaminiaturen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 12006, S. 205-208.
Anmerkung zum Autor: Ilma Rakusa ist eine schweizerische Schriftstellerin mit slowakischen Wurzeln.
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Emanzipation einer jungen Frau in einer schwierigen Beziehungskonstellation
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unterschiedliche Erwartungen an eine Beziehung und Ausbleiben der Aussprache darüber
Hauptteil
Inhalt und Aufbau des Textes
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Darstellung der gegenwärtigen Lebenssituation der Protagonistin in Moskau und ihrer Entscheidung zur Trennung von ihrem Mann (vgl. Z. 1-7)
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Entschluss der Protagonistin, sich von ihrem Ehemann zu trennen und ihm in einem Abschiedsbrief zu eröffnen, dass sie einen anderen Mann (Gurow) liebt (vgl. Z. 1-3)
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Selbstbestärkung zur Überwindung der eigenen Verzagtheit und zur Fortführung des geplanten Vorhabens (vgl. Z. 3 f.)
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körperliche Reaktionen auf die Stresssituation (vgl. Z. 4 f.)
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Formulieren eines Abschiedsbriefes der Protagonistin in einer Pension (vgl. Z. 6 f.)
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Rückblick der Protagonistin auf die gemeinsame Ehe und ihre eigene Entwicklung im Rahmen des Abschiedsbriefes (vgl. Z. 8-42)
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Beschreibung der Ehe als traditionelle, einengende, von gegenseitiger Fremdheit geprägte und leidenschaftslose Beziehung, in der der Ehemann eher die Rolle eines väterlichen Ernährers und Erziehers einnimmt (vgl. Z. 8-14)
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Schilderung des Erlebens von Freiheit, Lebendigkeit und innerer Veränderungen während eines Aufenthalts am Meer ohne den Ehemann (vgl. Z. 15-21)
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Darstellung der ersten Begegnung mit Gurow und des inneren Dranges, sich trotz der Schuldgefühle auf die Affäre mit ihm einzulassen und dem damit verbundenen Glücksversprechen zu folgen (vgl. Z. 22-27)
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Erinnerung an vorläufige Heimkehr zum Ehemann und den wiederholten Ehebruch im Rahmen von Fahrten nach Moskau (vgl. Z. 28-37)
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Eröffnung der Trennungsabsicht gegenüber dem Ehemann zum Abschluss des Briefes, verbunden mit der Bitte, ihr zu verzeihen (vgl. Z. 38-42)
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Rückkehr zur Darstellung der gegenwärtigen Lebenssituation der Protagonistin in Moskau und ihrer Begegnung mit Gurow (vgl. Z. 43-82)
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Plan der Protagonistin, am folgenden Tag ihren Geliebten über ihr Bleiben in Moskau zu informieren, und in ihr aufkeimendes Bewusstsein, nun nach der Trennung vom Ehemann auf sich selbst gestellt zu sein (vgl. Z. 43-48)
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Gurows vergeblicher Versuch, Anna Sergejewna in der Pension aufzusuchen; Einblick in seine innere Situation zwischen Liebesgefühl und Verzagtheit (vgl. Z. 49-55)
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zufälliges Treffen des Paares auf der Straße und Verabredung, im Pensionszimmer gemeinsam Tee zu trinken (vgl. Z. 56-62)
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Ankunft in der Pension und Anna Sergejewnas Eröffnung ihrer Entscheidung, bei Gurow zu bleiben (vgl. Z. 63-70)
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uneindeutige Reaktion Gurows auf die Eröffnung seiner Geliebten als eine Mischung aus Zögern, Verärgerung und Rührung (vgl. Z. 71-82)
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Wesentliche Aspekte der erzählerischen Gestaltung
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Herstellung des Eindrucks von Fremdheit durch die Wahl eines historisch anmutenden Settings
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Schilderung des Geschehens in Moskau durch eine sich außerhalb der erzählten Welt befindliche Erzählinstanz, die die Ereignisse teils von außen und ohne Wertung, vornehmlich aber aus der Sicht der Figuren darstellt und dabei Einblick in ihre Gefühls- und Gedankenwelt gewährt
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subjektive Einfärbung der Darstellung der Beziehung zum Ehemann und der zurückliegenden Ehejahre durch Briefform
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Darstellung der Kommunikationsunfähigkeit der Figuren durch Reduziertheit der wörtlichen Redeanteile der Figuren
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Erzeugen von Mehrdeutigkeit und Offenheit durch uneindeutig zuzuordnende erlebte Rede zum Ende der Geschichte (vgl. z. B. Z. 78 und 79 f.)
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Verstärkung des Eindrucks, dass es für die Liebesbeziehung wahrscheinlich keinen glücklichen Ausgang gibt, insbesondere durch die Beschreibung der Körpersprache Gurows aus der Außen-perspektive
Wesentliche Aspekte der sprachlich-stilistischen Gestaltung
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Konturierung des historischen Settings durch sprachliche Anpassung (z. B. „liederlich“, Z. 24; „grämte, Z. 26)
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Darstellung des als unfrei empfundenen und verrinnenden Lebens in einer nicht erfüllenden Beziehung durch Verwendung von Gefangenschaft ausdrückenden Metaphern (z. B. „Zäune“, Z. 9) und Vergänglichkeit ausdrückenden Verben (z. B. „modert“, Z. 29)
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Verdeutlichung der Handlungsunfähigkeit und Erstarrung der Figuren durch sprachliche Bilder (z. B. „zu neuen Ufern aufbrechen bei zugefrorenem Fluß“, Z. 14)
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Vermittlung von emotionaler Distanziertheit und Hierarchie durch unpersönliche Anrede („Sie“, Z. 8) und Fokussierung auf die Rollen in der Ehe („Sie – der Ernährer, ich – Ihr Zögling“, Z. 9 f.) sowie durch die Verwendung von der Rolle entsprechenden Formulierungen (z. B. „ein Plätzchen angewiesen“, Z. 13.; „das große Kind“, Z. 60)
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Betonung individuell abgelehnter Verhaltensweisen durch Verwendung und Wiederholung von moralische Wertungen ausdrückenden Worten und Wendungen (z. B. „Schändliches, schändlich“, Z. 3)
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Betonung der veränderten Wahrnehmung der Welt und der dadurch ausgelösten Emotionen durch elliptischen Satzbau und mehrmalige, auch anaphorische Verwendung des Demonstrativpronomens „diese“ („Und dann dieses Meer. Diese weiße Sonne. Diese Bäume …“, Z. 15)
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Ausdruck einer als nicht gleichberechtigt wahrgenommenen Position der Frau durch Verwendung von Formen des Wortes und Wortfeldes „Kind“ (z. B. „Das Mädchen“, Z. 38; „das große Kind“, Z. 60)
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Verdeutlichung des Haltungswandels der Frau durch zunächst ein negatives Selbstbild ausdrückende Zuschreibungen („blasses Mädchen“, Z. 8; „Zögling“, Z. 10), später Charakterstärke betonende Worte und Wendungen (z. B. „mit Selbstbewußtsein“, Z. 64)
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Ausdruck der aus der Entscheidung zur Trennung resultierenden Gefühle durch sprachliche Bilder (z. B. „Wie in ein unergründliches Dunkel, wie in ihre eigene Herzkammer“, Z. 43 f.)
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Ausdruck eines plötzlichen Zutrauens, die neue Lebenssituation zu meistern, durch Nutzung der adversativen Konjunktion „aber“ (Z. 45), die metaphorische Wendung „Sie war nicht leere Luft“ (Z. 46) und das Wortspiel „Da stand sie, und sei es ihm im Weg“ (Z. 46)
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Ausdruck von Gurows Liebestaumel und seiner Gefühlsverwirrung durch die Metapher „das Paradies in sein Hirn gepflanzt“ (Z. 50 f.), Analogien („So laufen Kinder durch die Welt, so lieben Narren“, Z. 51) sowie die lakonische Emphase „Gnadenlos“ (Z. 51)
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Vermittlung von emotionaler Nähe und Vertrautheit zwischen Anna Sergejewna und Gurow durch die Verwendung der Anrede „Du“ (vgl. z. B. Z. 58)
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Ausdruck emotionaler Ambivalenz bei der Figur Gurow durch antithetische Fügungen und christliche Bezüge („seine Gesundheit und Krankheit, seine Arche und Not“, Z. 60 f.)
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Aufzeigen des Unvermögens der Figuren, die eigenen Gefühle und Erwartungen gegenüber dem Liebespartner sprachlich zu explizieren, durch kurze, zumeist elliptische syntaktische Konstruktionen im Dialog zwischen Anna Sergejewna und Gurow (vgl. Z. 70-77)
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Ausdruck der unterschiedlichen Erwartungen und Gefühle Gurows und Anna Sergejewnas durch Antithetik („Da saß sie, und er stand.“, Z. 78; „Sie lächelte und sah nicht, daß er weinte.“, Z. 81 f.)
Figurengestaltung
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typenhafte Darstellung eines väterlichen Ehemanns, der zwar fürsorglich ist, der aber seiner Frau kaum Möglichkeiten zur Selbstentfaltung bietet, aus der Perspektive der Protagonistin
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Darstellung eines schrittweisen Emanzipationsprozesses der Protagonistin Anna Sergejewna von einer eher kindlich-naiven zu einer selbstbewussten Frau
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Erleben von Distanz zur Ehe und eigener Lebendigkeit im Rahmen des Aufenthalts am Meer
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Einlassen auf die Liebesbeziehung mit Gurow
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Entscheidung zur Trennung vom Ehemann und Konfrontation Gurows mit dem eigenen Entschluss
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Uneindeutigkeit der Darstellung in Bezug auf die Figur Gurow
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scheinbar leidenschaftliches Einlassen auf die Affäre mit Anna Sergejewna
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uneindeutige Reaktion auf Annas Ankündigung, bleiben zu wollen: deutbar als Mischung aus Zögern, Erschrecken und Rührung
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Herstellung von Vagheit in der Darstellung der Figuren Gurow und Anna Sergejewna zum Ende der Geschichte, da Passagen erlebter Rede (z. B. „Oder doch, wenn er seine Feigheit überwinden würde, wenn er mit der Lüge ebenso aufhörte“, Z. 79 f.) nicht klar einer der beiden Figuren zugeordnet werden
Schluss/Fazit
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Darstellung eines gelingenden Emanzipationsprozesses, der aber nicht die Erfüllung von Glücksansprüchen garantiert und mit Wagnissen verbunden ist
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Aufzeigen der Schwierigkeit, sich über Ansprüche und Erwartungen in Beziehungen zu verständigen
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Darstellung des Spannungsfeldes zwischen Selbstverwirklichung und Verbindlichkeit in Liebesbeziehungen