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Inhaltsverzeichnis

Block 3 – Textinterpretation

Thema

Ilma Rakusa: Durch Schnee (2006)

Aufgabenstellung

  • Interpretiere den Kurzprosatext Durch Schnee von Ilma Rakusa.

Material

Durch Schnee (2006)

Ilma Rakusa (*1946)

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Im Dezember, bei heftigem Schneetreiben, beschloß Anna Sergejewna, der Lüge ein Ende zu
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setzen. Sie würde in Moskau bleiben. Sie würde ihrem Mann einen langen Brief schreiben und
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ihre Liebe zu Gurow gestehen. Daran war nichts Schändliches, schändlich war nur ihre
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Verzagtheit. Sie lief schon. Klarheit, murmelte sie. Was immer kommen mag. Aufgeregt
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ruderte sie mit den Armen. Klarheit. Und ihr kleiner Körper zuckte.
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Am Abend saß sie in ihrem Zimmer in der Pension und schrieb. Draußen tobte der Sturm, sie
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aber hörte keinen Wind, hörte nichts.
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„…Sie kennen mich kaum. Sie heirateten ein blasses Mädchen, boten ihm Raum, und die
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Zäune erledigten den Rest. Nie sollte ich mich zur Frau mausern. Sie – der Ernährer, ich –
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Ihr Zögling. So vergingen die Jahre in S. Ein Schattenkarussell. Ich war nicht unglücklich, ich
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wußte nicht, was Glück ist.
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Haben Sie je mein Haar gezaust? Meine abgebrochenen Träume zu Ende geträumt? Sie, ein
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Liebhaber schmissiger Operetten, haben mir ein Plätzchen angewiesen. Da saß ich mit dem
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Spitz. Wie sollte ich zu neuen Ufern aufbrechen bei zugefrorenem Fluß?
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Und dann dieses Meer. Diese weiße Sonne. Diese Bäume, in denen die Vögel sich küßten.
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Ich war allein, und so frei. Ich fühlte mich in einer weißglänzenden Geschichte. Lief zwischen
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Hundsrosen die Berge hinauf und hinunter, und viel am Quai entlang. Lorbeer, draußen die
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Schiffe, als wär ich an einem andern Ende der Welt. Bis spät in die Nacht. Und wollte immer
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noch näher an dieses Leben heran. Hinein in die bewegte brennende Gegend.
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Sie glauben mir doch? Glauben mir doch, daß ich heimlich sang. Und einer Wolke winkte.
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Kleiner Wiegeschritt, der Blick gradeaus. Allmählich war nichts mehr beim alten.
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So traf mich Gurow an. Er erkannte mich ohne ein Wort. Meine Erscheinung flößte ihm Mitleid
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ein, doch mein innerer Hunger reizte ihn. Und ich? Verachtete mich dafür, daß ich Sie betrogen
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hatte. Doch war mir klar, es gab kein Zurück. Liederlich oder nicht, schuldbewußt oder nicht,
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ich hielt einen Zipfel des Glücks. Wollte das funkelnagelneue Abenteuer nicht abwürgen, die
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Sonnentage und schnellen Nächte. Grämte mich und gierte. Er hielt meine Zweifel aus. Das
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war der Anfang unserer Liebe.
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Sie glauben, ich hätte leichtsinnig gehandelt? Nein und nochmals nein. Ich habe aufs Spiel
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gesetzt, was nicht mehr hielt, was so stark riecht, weil’s unter ihm modert. Aber ich kehrte zu
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Ihnen heim. In eine häusliche Lage, das war niederträchtig. Das Herz davongeflogen, der Kopf
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in den Wolken, die Lippen einwärts. Und Sie fragten nicht. Sie dachten, immer wieder kommt
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alles gut. Oder machten Sie Gegenpläne?
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Ich war aus jedem Himmel herausgetrieben. Wenn die Luft so ganz still stand, hoffte ich auf
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eine geräuschlose Lösung. Sie kam nicht. Ich gab vor, zu einem Moskauer Frauenarzt zu
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fahren. Ich betrog uns beide. Sie waren großzügig. Oder sind Sie ein Lakai? Ich weiß nicht,
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wer Sie sind. Seit Jahren ist zwischen Ihnen und mir so ein Schrecken, und draußen die Nacht.
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So daß wenig bleibt: etwas Erinnerung, als Überrest einer verlorenen Phrase.
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Ich bleibe in Moskau, wo aber auch kein Himmel ist. Das Mädchen von einst bittet Sie um
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Verzeihung. Es hat gelernt: Traurigkeit, und daß die Flüsse unter der Erde fließen. Jetzt ist die
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Zeit fürs Tageslicht gekommen.
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Ruhen Sie sich aus an einem südlichen Meer.
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Spitz ist mir ein Trost. Er weiß von nichts. Nur seine Augen werden immer kleiner. Ja.“
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Anna Sergejewna schloß und starrte vor sich hin. Wie in ein unergründliches Dunkel, wie in
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ihre eigene Herzkammer. Ich sterbe, dachte sie einen Augenblick. Die Schlüssel sind weg.
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Aber dann dachte sie an Gurow, der von nichts wußte und dem sie morgen schon eröffnen
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würde, daß sie bleibt. Sie war nicht leere Luft. Da stand sie, und sei es ihm im Weg.
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Was wird, wird, murmelte sie. Irgendwo im Schrank hingen ihre wenigen Kleider, lag ein
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Erinnerungsstück aus der Kindheit. Ich habe kein Zuhause. Damit fängt es an.
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Gurow war überrascht, daß sie nicht öffnete. Was sie krank oder ausgegangen? Er fühlte sich
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für sie verantwortlich, weil sie mit ihrer Sanftheit die Zeiten verwirrt und das Paradies in sein
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Hirn gepflanzt hatte. So laufen Kinder durch die Welt, so lieben Narren. Gnadenlos. Er gehörte
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ihr. Warum?
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Schnee. Er fällt auf alles, auf den Gehsteig, auf die Fragen, auf die eigene Verzagtheit. Weiß
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oder grau, großflockig und naß. Gurow lief. Hätte er nur schweben können, aller Schwere
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entrinnen.
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Herrgott! Spitz!
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Er schrie.
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Du hier?
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Sie stand abseits und lächelte.
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Gerührt und erschrocken sah er sie an. Die kleine Frau, das große Kind, seine Gesundheit
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und Krankheit, seine Arche und Not.
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Komm, laß uns Tee trinken, sagte sie heiter. Er glaubte ihr kein Wort.
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Außer Atem kamen sie in der Pension an. Sie bewegte sich leicht, grüßte den Portier flüchtig,
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aber mit Selbstbewußtsein. Im Zimmer warf sie den Mantel ab, bevor Gurow sie auch nur an
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der Schulter fassen konnte.
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Also Tee.
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Gibt es nichts Wichtigeres?
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Sie hatte ihn nicht geküßt. Er begann das Zimmer zu durchmessen. Schwieg. Als der Tee in
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den Gläsern dampfte, zog sie ihn auf einen Stuhl.
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Ich bleibe, sagte sie fast tonlos. Für immer.
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Er fuhr zusammen. Du?
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Seine Pupillen weiteten sich. Sie sah in sein starres, erschrockenes Gesicht, und für einen
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Augenblick empfand sie Mitleid mit ihm.
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Unbequem?
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Als schüttelte er einen Traum ab, zuckte er mit dem Oberkörper, erhob sich und ging zur Tür.
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Wie konntest du nur –
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Ja, sagte sie.
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Hatte sie erwartet, daß er ihr um den Hals fallen würde? Da saß sie, und er stand. Und
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zwischen ihnen lag die Zeit, nicht aufholbar. Oder doch, wenn er seine Feigheit überwinden
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würde, wenn er mit der Lüge ebenso aufhörte –
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Sie lächelte in sich hinein. Wie seltsam alles war, wie verschoben. Sie lächelte und sah nicht,
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daß er weinte.

Quelle: Rakusa, Ilma: Durch Schnee. Erzählungen und Prosaminiaturen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 12006, S. 205-208.

Anmerkung zum Autor: Ilma Rakusa ist eine schweizerische Schriftstellerin mit slowakischen Wurzeln.

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