Aufgabe 3 – Lebewesen in ihrer Umwelt
Die Stinkende Nieswurz
Hinweis: Von den vier vorliegenden Aufgaben musst du in der Prüfung drei auswählen und bearbeiten.
In Ökosystemen herrschen vielfältige Wechselbeziehungen, die unter anderem am Beispiel der Dunklen Erdhummel, der Stinkenden Nieswurz und des Schöllkrauts experimentell untersucht wurden.
Skizziere die Temperatur-Toleranzkurve für die Dunkle Erdhummel (M 1).
Fasse die Ergebnisse der Untersuchungen aus Abb. 1 zusammen (M 2).
Erläutere die Ergebnisse der Untersuchungen aus Abb. 1 und Abb. 2 (M 2) unter Berücksichtigung der Informationen in M 1.
Begründe, dass die drei Pflanzenarten (Abb. 2) dauerhaft koexistieren können (M 2).
Erläutere die Wechselbeziehung zwischen Schöllkraut und der Ameisenart T. crassispinus hinsichtlich interspezifischer Beziehungen (M 3).
Beurteile die Eignung des in M 4 beschriebenen Experiments zur Untersuchung der genannten Hypothese.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?M1 Temperaturabhängigkeit der Dunklen Erdhummel
Im Nest der Dunklen Erdhummel wird die Temperatur weitgehend konstant bei ca. 30 °C gehalten. Diese Temperatur ist für den Ablauf der Lebensvorgänge im Nest besonders geeignet. Die Dunkle Erdhummel ist schon ab einer Temperatur von 5 °C und damit sehr früh im Jahr unterwegs. Grundsätzlich ist die Körpertemperatur der Hummeln in allen Jahreszeiten stark von der Umgebungstemperatur abhängig. Sie werden als ektotherme Tiere bezeichnet. Die Hummeln fallen in Kältestarre, wenn sie künstlich in eine Umgebung mit Temperaturen unter 5 °C gebracht werden. Erhöht man die Temperatur auf über 40 °C, tritt Hitzestarre ein. In beiden Fällen können die Hummeln einige Zeit überleben. Bei Umgebungstemperaturen unter -6 °C bzw. über 50 °C sterben Hummeln.
(wikipedia.de; nabu.de; Owen, 2013; Oyen, 2018)
M2 Die Blütenökologie der Nieswurz
Die Nieswurz ist Teil der Krautschicht in südeuropäischen Wäldern, ihre Hauptbestäuber sind Erdhummeln. In der Krautschicht von Eichenwäldern der Toskana findet man sowohl die Bocconei-Nieswurz als auch die Stinkende Nieswurz in direkter Nachbarschaft. Forscher untersuchten im Zeitraum von Mitte Januar bis Ende März, wie biotische und abiotische Faktoren die Bestäubung dieser beiden Nieswurz-Arten beeinflussen.
In der nebenstehenden Abbildung sind die klimatischen Bedingungen an einem ausgewählten Untersuchungsstandort der Stinkenden Nieswurz sowie die Anzahl der Blüten der Stinkenden Nieswurz und die durchschnittliche Zahl der Besuche durch Erdhummeln pro Blüte dargestellt. Die Untersuchung erstreckt sich über den gesamten Februar, dargestellt sind jeweils die Wochenmittelwerte.

Abb. 1: Anzahl der Stunden über 5 °C pro Tag an einem ausgewählten Standort der Nieswurz, Blütenzahl und Blütenbesuche an der Nieswurz

Abb. 2: Blütezeiten einiger durch Erdhummeln bestäubter Frühblüher
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Bocconei-Nieswurz |
Stinkende Nieswurz |
|
|---|---|---|
|
Blütenform und Nektarzugänglichkeit |
hängend, kelchartig flach; durch weite Öffnung leicht zugänglich |
hängend, kugelförmig; durch enge Öffnung schwer zugänglich |
|
Relativer Beginn der Nektarproduktion |
mit dem Öffnen der Blüte |
vor dem Öffnen der Blüte |
|
Relative Blütenzahl pro Pflanze |
wenige |
viele |
Tab. 1: Informationen zu Blüten von Nieswurz-Arten
(Vesprini und Pacini, 2010)
M3 Experimente zur Wechselbeziehung zwischen Schöllkraut und der Ameisenart T. crassispinus
Die Diasporen vieler Frühblüher, wie z. B. des Schöllkrauts, bestehen aus dem Samen und einem Ölkörperchen. Ameisen trennen das Ölkörperchen vom Samen ab und verschleppen dieses in ihr Nest.
In einem Experiment wurden in eine Ecke von einem Pflanztablett 80 Schöllkraut-Diasporen auf ein Metallplättchen gelegt. In die schräg gegenüber liegende Ecke wurde ein Nest von Ameisen gesetzt. Nach drei Monaten wurde gezählt, in welchem Abstand vom Metallplättchen Sämlinge gekeimt waren. Ein weiteres Tablett wurde mit Diasporen, aber ohne Ameisennest präpariert. Die Ergebnisse beider Ansätze sind in Abb. 3 dargestellt.

Abb. 3: Verteilung von Schöllkraut-Sämlingen nach drei Monaten mit und ohne Ameisennest
In einem weiteren Experiment wurden Ameisen in künstlich angelegten Ameisennestern Diasporen zur Verfügung gestellt. Nachdem die Ameisenlarven verpuppt waren, wurde die Trockenmasse der weiblichen Ameisenpuppen festgestellt und mit einem Kontrollnest verglichen, das keine Diasporen erhalten hatte. Die Ergebnisse sind in Tabelle 2 zusammengefasst:
|
Kontrolle (µg) |
mit Diasporen (µg) |
|
|---|---|---|
|
Trockenmasse weiblicher Ameisenpuppen |
633 |
730 |
Tab. 2: Trockenmasse weiblicher Ameisenpuppen nach Gabe von Diasporen
(Fokuhl, 2012)
M4 Die Nektarhefen der Stinkenden Nieswurz
Der Nektar in den Blüten der Stinkenden Nieswurz enthält Hefen, die den darin enthaltenen Zucker verarbeiten.
Forscher stellten die Hypothese auf, dass hefehaltiger Nektar die reproduktive Fitness langfristig steigert.
Um diese Hypothese zu untersuchen, wurde folgendes Freilandexperiment durchgeführt:
Die Nektarien der Blüten zweier weit auseinanderstehender Pflanzen der Stinkenden Nieswurz wurden zu Beginn der Blütezeit einmal mit hefehaltigem (Pflanze 1) oder mit hefefreiem Nektar (Pflanze 2) präpariert. Um zu verhindern, dass durch Bestäuber hefehaltiger Nektar in die Blüten eingebracht wird, wurden die Blüten in Kunststoffbeutel eingepackt. Als alle Blüten voll aufgeblüht waren, wurden die Beutel für zwei Tage entfernt, damit Hummeln die Blüten bestäuben konnten. Nach zwei Tagen wurden die Blüten wieder eingepackt, um weitere Besuche zu verhindern.
Bei beiden Pflanzen wurden die Anzahl der gebildeten Samen und das Wachstum der Sämlinge bestimmt.
(Herrera, 2013)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Temperatur-Toleranzkurve:

Wesentliche Ergebnisse:
-
Zunahme der Anzahl der Stunden mit über 5 °C pro Tag von ca. 4 in der ersten Februarwoche auf ca. 10 in den darauffolgenden Wochen
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Zunahme der Besuche pro Blüte von 0,4 in der ersten Februarwoche auf 1,2 in der zweiten Woche, danach Abnahme zunächst auf 0,8 und dann auf 0,6 Besuche pro Blüte
-
Zunahme der Anzahl der Blüten steigt von 250 in der ersten bis 500 in der dritten Woche, danach Abnahme auf 450 mit fallender Tendenz
Ergebnisse der Untersuchungen aus Abb. 1 und Abb. 2:
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06.02.: geringe Temperatur → geringe Aktivität → wenig Blütenbesuche
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13.02.: mehr Stunden mit Temperaturen über 5 °C → mehr Aktivitätszeit für Hummeln → mehr Blütenbesuche bei Stinkender Nieswurz (SN)
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20.02.: mehr Blüten → weniger Besuche jeder einzelnen Blüte
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27.02.: hohe Blütenzahl SN und Angebot weiterer Pflanzen → abnehmende Besuchszahl; trotz sinkender Blütenzahl sinkende Besuchszahl pro Blüte, da Angebot auch vom Weißen Veilchen
Gründe für die Koexistenz der drei Pflanzenarten:
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Bocconei-Nieswurz/SN und Weißes Veilchen: Konkurrenz um Bestäuber
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Konkurrenzvermeidung durch verschiedene Blühzeiten bei Nieswurz-Arten und Weißem Veilchen
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Konkurrenzvermeidung zwischen Nieswurz-Arten durch unterschiedliche Blütenzahl und Nektarangebot
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hinreichende Unterschiede in ökologischen Nischen
Beziehung zwischen Schöllkraut und Ameisenart:
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Mit Ameisennest: Verteilung vieler Sämlinge zwischen Metallplättchen mit Diasporen und Ameisennest
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Ohne Ameisennest: Wenige Sämlinge direkt um die Schale; Ameisen tragen Diasporen von der Metallplatte und verbreiten so die Samen
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Trockenmasse der weiblichen Ameisenpuppen im Nest mit Diasporen höher als bei Kontrollgruppe: Verfüttern der Ölkörperchen an die Ameisenbrut
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Symbiose: Vorteil der Ameisen durch Verfüttern der Ölkörperchen, Vorteil der Pflanze durch Keimung von mehr Samen auf größerer Fläche
Eignung des beschriebenen Experiments:
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Vergleich zwischen hefehaltigem und hefefreiem Nektar als unabhängige Variable, Anzahl der Samen und Wachstum der Pflanzen als abhängige Variablen, Bestäubung durch Hummeln: Experimentelles Design zur Untersuchung der Hypothese grundsätzlich geeignet
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Schwächen des Experiments: Eine direkte Langzeitwirkung auf die Fitness ist nicht nachweisbar, nur 2 Pflanzen wurden untersucht, Umweltbedingungen können im Freiland nicht konstant gehalten werden, Eintrag von Hefen während der zwei unverhüllten Tage dennoch möglich