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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe 2 – Reich Gottes

Thema

Reich Gottes und Rechtfertigung

Aufgabenstellung

1)

Fasse den Inhalt des Textes von Matthias Morgenroth zusammen.

30 %
2)

Entfalte unter Berücksichtigung des Textes die christliche Rede von „Sünde“ und „Rechtfertigung“.

40 %
3)

Setze dich mit Morgenroths Position zur Reich-Gottes-Botschaft auseinander.

30 %

Material

Der nahe Himmel

Matthias Morgenroth

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Ich meine, es würde sich lohnen, die Geschichten Jesu und seine Weisungen unter
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diesem Motto zu lesen: Werdet Anfänger.
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Denn das finde ich faszinierend: Jesus denkt von einer irgendwie offenen,
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besseren, gottdurchdrungeneren Zukunft her. Die nennt er Reich Gottes, Reich der
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Himmel oder Himmelreich. Und diese Wirklichkeit ist im Anfangen begriffen, ist
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eine kommende Wirklichkeit, in die Jesus uns alle, sich selbst inklusive, mit
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hineinverwoben sieht. Wie diese Wirklichkeit aussieht? Wo sie zu finden ist? Wie
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wir uns das vorzustellen haben? Darum geht es in vielen Gesprächen, die Jesus mit
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den Menschen, mit denen er es zu tun bekam, geführt hat. Gespannt wartet man
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auf Antwort – und wird enttäuscht. Auch das finde ich – sagen wir:
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außerordentlich.
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Denn was tut Jesus? Er gibt den Ball zurück an die Fragenden. Er sagt: Denk doch
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selbst nach. Wo könnte ein Reich Gottes sein? Er definiert nichts. Er erzählt Ge­-
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schichten. Malt Bilder. Gibt uns Gleichnisse. Das Himmelreich gleicht einem
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Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg; und in seiner
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Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker. Ein
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anderes Mal vergleicht Jesus das Himmelreich mit einem Fest. Oder einem
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Senfkorn. Das erscheint zunächst enttäuschend wenig. Aber ich bin immer wieder
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erstaunt, wie schlau das eigentlich war. Denn sie geben eine Richtung vor – und
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sind daher ein unerschöpflicher Brunnen, um wieder und wieder selbst zu denken.
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Sich selbst mit einzuschreiben in diese Denkgeschichte mit Jesus.
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Wenn man diese Bilder anschaut, merkt man: Es sind allesamt dynamische Bilder.
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Sie zeigen, dass dieses wie immer geartete „Reich“ dann gegenwärtig wird, wenn
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Menschen anfangen, darauf zuzugehen. Wenn sie sich selbst von dieser Zukunft
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her verstehen und damit ihre Gegenwart verändern. Wenn sie Anfänger des
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Reiches Gottes werden. Dann ist es „mitten unter uns“ oder „mitten in uns“. Es ist
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im Werden da.
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Klingt alles sehr paradox. Wie das gehen soll? Mir ist […] klargeworden: Jesus
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denkt von jedem Menschen, mit dem er umgegangen ist, größer, als er oder sie
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jetzt noch sind. Er sieht sie von ihrer Zukunft her. Von dem, was sie werden
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könnten. Er lädt sich ins Haus des Zachäus ein, dieses betrügerischen Zöllners, und
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bringt den Mann allein mit dieser Geste dazu, sich selbst von einer ehrlicheren und
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mitmenschlicheren Seite neu zu verstehen. […] Er feiert mit denen, die am Rande
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der Gesellschaft, am unteren Ende der Hierarchie stehen, die sich selbst kaum in
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die Augen schauen können, mit den „Verlorenen“ – und lässt sie sich selbst
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wiederfinden, indem er ihnen sagt: Du bist Gott recht, so wie du bist. Er hat sogar
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anderes, Größeres mit dir vor, steh auf und suche es. Er zeigt den Menschen, dass
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sie sich eben nicht primär als „Sünder“ verstehen müssen, sondern als Menschen,
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die voller Zukunft gedacht sind, über den Tod hinaus. […]
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Kehrt um: Jesus drängt in seinem Auftreten dazu, ständig, stündlich, minütlich neu
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anzufangen. Mit dem Denken. Mit dem Fühlen. Er liefert dazu keine Rezepturen.
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Er liefert Bilder, Gleichnisse, Rätsel. Die zwingen dazu, sich selbst einen Reim
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darauf zu machen. Anzufangen, mitzudenken. Sie brauchen denjenigen, der seine
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Gedanken hinzufügt, der sie aufschlüsselt, der sie mit Leben erfüllt und für sein
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Leben bedeutsam macht. Sonst haben sie keinen Sinn. […]
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Vielleicht lässt sich diese Überschrift „Werdet Anfänger!“ sogar über die gesamte
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Bibel schreiben. Noah erkennt, dass Gott selbst einen neuen Anfang mit der Welt
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ausprobiert. Abraham wird zugemutet, im Greisenalter neu aufzubrechen ins
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Ungewisse des Gotteslandes Kanaan. Seine Frau Sarah, viel zu alt, um Kinder zu
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gebären, muss erfahren, dass bei Gott nichts unmöglich ist – nach dem Motto:
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Wunder gibt es immer wieder! In der Geschichte von Jona muss der sich
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sträubende Prophet lernen, dass Gott gegen seine ursprüngliche Absicht einen
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neuen Anfang mit der Stadt Ninive macht und sie nicht vernichtet. Der
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entscheidende Impuls der Theologie Israels ist die Erfahrung, dass es einen neuen
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Anfang geben kann – auch nach der Zerstörung des Tempels, nach Niederlage im
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Krieg, Tod und Vertreibung. Dass die Tränen an den Wassern Babels nicht das Ende
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sind. Dass Gott mitgeht nach ganz unten.
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Aus dieser Denktradition wird es verständlich, dass Jesus selbst als der
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entscheidende Neu-Anfänger gesehen wurde. Er steht in der Tradition derjenigen,
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die entdeckt haben, dass Gottes Zukunft größer ist als die Gegenwart […]. Er hat
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aber mit wohl einzigartiger Radikalität gezeigt, dass jede und jeder gemeint ist,
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wenn es um die neuen Anfänge geht, um das kommende Reich Gottes. Dass der
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Himmel auf Erden dort anfängt, wo Menschen in diesem Sinne Anfänger werden,
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egal welcher Kaste, Familie, Tradition sie entstammen oder welchen Geschlechts
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sie sind.

Matthias Morgenroth (geboren 1972) ist Journalist und evangelischer Theologe.

Quelle: Matthias Morgenroth, Der nahe Himmel, in: Publik Forum EXTRA, 1/2013, S. 28–30, gekürzt.

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