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Es war über viele Jahrzehnte eine Art Urlaubsritual: Penibel suchte man im
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Souvenirshop Ansichtskarten aus. Der Sonnenuntergang? Geht immer. Die
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Ansammlung von Höhepunkten der örtlichen Sehenswürdigkeiten, zwölf Bilder auf
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176 Quadratzentimetern? Perfekt für die Verwandtschaft, die etwas über das
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Reiseziel erfahren will. […]
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Überzeugte Urlaubsgrußschreiberinnen und -schreiber eilten anschließend zum
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nächsten Postamt, um nicht irgendeine Briefmarke auf ebenjene Karten zu kleben –
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es sollte eine besonders schöne sein. Beim Formulieren des Urlaubsgrußes stockte
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man vielleicht anfangs noch, doch abends an der Bar kam der rettende Einfall:
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„Sonnige Grüße aus dem Schwarzwald“, „aus Paris“ oder einfach nur „aus dem
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Paradies“. Briefkasten gesucht, Karte eingeworfen – so ging das Reisen!
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Heute kommen Urlaubseindrücke nicht selten zeitnah an: als Foto vom Essen, vom
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Hotelzimmer, vom Strand, von sich selbst. Per WhatsApp, Instagram und Co. sind sie
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Sekunden später bei Freunden und Verwandten, ohne Briefmarke und ohne
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Grübeleien über Texte. Ein Selfie sagt mehr als tausend Worte. Oder?
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„Eine Postkarte ist ein kleines Geschenk“, findet Veit Didczuneit, „und kleine
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Geschenke erhalten die Freundschaft.“ Didczuneit ist Abteilungsleiter Sammlungen
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im Museum für Kommunikation in Berlin und insofern schon von Berufs wegen
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Experte für das Thema Ansichtskarten. Deswegen ist es nicht überraschend, dass er
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zu jenen zählt, die nach wie vor Urlaubsgrüße in den Briefkasten werfen. „Die
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WhatsApp-Nachricht erhält man täglich vielfach“, sagt er. Eine Ansichtskarte aber sei
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inzwischen etwas Besonderes. Die Sammlung im Berliner Museum enthält zig
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Beispiele für die lange Geschichte der Postkarten – darunter auch die wahrscheinlich
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erste, die jemals in Deutschland verschickt wurde.
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Der Oldenburger Drucker und Buchhändler August Schwartz schrieb sie am 16. Juli
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1870 an einen Verwandten in Magdeburg. Auf der Adressseite war ein Bild eines
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Kanoniers zu sehen – nichts Ungewöhnliches in jener Zeit. Der Text wurde auf der
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Rückseite geschrieben.
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Die erste Postkarte der Welt war der Verwandtschaftsgruß von Schwartz hingegen
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nicht. Bereits ein Jahr zuvor wurde die sogenannte Correspondenzkarte in Wien
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eingeführt. Vorläufer gab es ebenfalls vereinzelt an unterschiedlichen Orten. So
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wurde 2002 eine handgemalte Karte aus England versteigert, die dort 1840 verschickt
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worden sein soll – dem Jahr, in dem Großbritannien die Briefmarke einführte.
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Ihre Blütezeit erlebte die Postkarte in den Jahren zwischen der Jahrhundertwende
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und dem Ersten Weltkrieg. Allein während der Kriegsjahre wurden rund zehn
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Milliarden Feldpostkarten verschickt. […] Die Postkarte boomte – und sie wurde im
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Alltag zu so etwas wie der analogen WhatsApp-Nachricht. Weniger aufwendig als ein
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Brief, aber persönlicher als ein Telegramm. […]
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Wissenschaftlich gesehen ist die Postkarte mehr als nur ein schnöder Urlaubsgruß.
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Sie ist eine Art Spiegel ihrer Zeit. Bei Forscherinnen und Forschern spielt sie immer
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wieder eine Rolle, wenn es um das Verstehen vergangener Zeiten geht. Die Inhalte
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der handgeschriebenen Texte verraten manche Gegebenheit. Und auch die Motive
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zeigen Krieg und Frieden. Sie sind mal frivol, mal witzig. Fast immer aber sagen sie
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auch etwas über den Versender oder die Versenderin aus. Während der NS-Zeit
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nutzen die Nazis sie für Propagandazwecke. Nach dem Zweiten Weltkrieg lässt sich
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an ihnen unter anderem das Wirtschaftswunder in der Bundesrepublik ablesen. Und
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nicht nur hier: Auch in der damals noch jungen DDR setzte sich die Ansichtskarte mit
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leichter Verzögerung wieder durch. „Vor allem die Farben waren unterschiedlich zur
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Bundesrepublik“, sagt Didczuneit, und auch in der Papierstärke habe es Unterschiede
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Wo Neuerungen entstehen, ist Kritik nie fern: Wie bei sozialen Medien gab es anfangs
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auch Gegner der Postkarte. Sie bemängelten, dass der Datenschutz mangels
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Umschlag nicht gewahrt werden könne. Und mancher hegte – wie heute bei
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Onlinekurznachrichtendiensten – die Befürchtung, dass durch die platzbedingt kurze
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Form der Nachrichten die Fähigkeit des ordentlich formulierten Schreibens verloren
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Ist das Ende der Postkarte inzwischen absehbar? Eine Umfrage des Digitalverbands
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Bitkom gab im vergangenen Jahr leichte Entwarnung. Zwar lag die Zahl der digitalen
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Urlaubsgrüße via Messenger mit 64 Prozent vorn – doch wollten 2021 immerhin 43
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Prozent der befragten Urlauberinnen und Urlauber auch eine Karte oder einen Brief
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schreiben. Im Jahr zuvor waren es noch 45 Prozent.