Aufgabe I
Thema: Politische Opposition gegen den Zarismus
(Rahmenthema 1 mit Übergriff auf 2)
Aufgaben
Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.
Ordne das Material in den Kontext der politischen Opposition gegen den Zarismus ein.
Erläutere die Vorgänge in China, auf die sich Lenin im Material bezieht.
Überprüfe Lenins Darstellung des Vorgehens der imperialistischen Mächte in China.
Material
Aufsatz Wladimir Iljitsch Lenins in der „Iskra“ , Dezember 1900 [Auszüge]:
Fundort: W. I. Lenin, Sämtliche Werke: einzige vom Lenin-Institut in Moskau autorisierte Ausgabe, Bd. 4.1 (Die Periode der „Iskra“ 1900-1902), Wien/Berlin 1928, S. 60f., 63-66.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Hinweis: Die folgenden Lösungen wurden in Stichpunkten verfasst. Zur vollständigen Umsetzung der Aufgabenstellung wäre grundsätzlich eine zusammenhängende Darstellung in Fließtextform erforderlich. Darüber hinaus sind individuell unterschiedliche, fachlich begründete Lösungsansätze möglich.
Inhaltliche Aspekte:
-
Die quellenkritische Einleitung macht insbesondere Angaben zu Verfasser (russischer Politiker und Revolutionär), Gattung (politischer Aufsatz in der kommunistischen Exilzeitschrift „Iskra“), Zeitpunkt der Veröffentlichung (Dezember 1900, kurz nach Beendigung des russisch-chinesischen Krieges, während der Zeit des Boxerkrieges) und trifft Aussagen zur Intention (Kritik an den gravierenden Missständen in Russland und Appell, einen politischen Wechsel herbeizuführen).
-
Kritik an der Beteiligung Russlands am europäischen Krieg gegen China:
-
Krieg hauptsächlich gegen die chinesische Zivilbevölkerung, nicht gegen reguläre Truppen
-
hohe Kosten für Russland
-
lediglich kapitalistische Profiteure
-
Verschlechterung der Lage der russischen Arbeiterschaft
-
-
Recht Chinas, sich gegen die europäischen Regierungen und deren kapitalistische Interessen zur Wehr zu setzen
-
wachsende Unzufriedenheit in Russland nur noch mit Gewalt einzudämmen
-
Kritik an der zaristischen Finanzpolitik und Willkürherrschaft
-
Forderung einer Kontrolle der Regierung durch ein Parlament
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Zur politischen Opposition gegen den Zarismus zählen:
-
Liberale: Abgrenzung von gewaltbereiten Revolutionsgruppierungen und Versuch, einen Konsens zwischen der Regierung und den eigenen Vorstellungen politischer Partizipation herzustellen mit dem Ziel, eine konstitutionelle oder parlamentarische Demokratie zu schaffen.
-
Slawophile: Anarchisten und Narodniki, aus denen in der Folge 1901 die „Partei der Sozialrevolutionäre“ hervorging. Sie hofften die Landbevölkerung für eine Revolution zu mobilisieren und ein sozialistisches Gemeinwesen aufzubauen.
-
Sozialdemokraten/Sozialisten: Basierend auf den Lehren von Karl Marx, gingen in ihrer Programmatik zunächst von einer bürgerlichen Revolution mit Unterstützung der Arbeiterklasse aus, die das zaristisch-kapitalistische System mit dem Ziel, eine demokratische Republik zu etablieren, stürzen würde.
-
Lenin, Anhänger der letztgenannten Strömung, nutzt die marxistische Terminologie:
-
„klassenbewusste Arbeiter“ (Z. 14)
-
„europäische Kapitalisten und die den Kapitalisten gefügigen europäischen Regierungen“ (Z. 33 f.)
-
die „russische Arbeiterklasse“ (Z. 56), die durch den Krieg in China unter der „Stärkung der Macht der Kapitalisten, der Ausbeuter der Arbeiter“ (Z. 59 f.) zu leiden habe
-
-
Lenin formuliert hier eine eher moderate Haltung, die den Positionen der RSDAP zum Zeitpunkt der Veröffentlichung entspricht:
-
„Einberufung von Volksvertretern“ (Z. 80)
-
Befreiung von den Lasten des Krieges mit China durch die Beendigung der Willkürherrschaft des Zaren und des Einflusses der „Hofclique“ (vgl. Z. 79-82)
-
-
Ein radikaler Aufruf zu Gewalt und proletarischer Revolution findet sich in seinem Aufsatz hingegen nicht.
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Lenin kritisiert den europäischen und japanischen Imperialismus in China:
-
christliche Missionstätigkeit in China (vgl. Z. 39 f.)
-
Opiumhandel in China (vgl. Z. 38)
-
chinesische Auseinandersetzung mit England und Frankreich im sogenannten Zweiten Opiumkrieg 1856 (vgl. Z. 38 f.)
-
„Raubpolitik“ (Z. 39): „ungleiche Verträge“ zwischen 1842 und 1860 mit einseitigen Privilegien für die imperialistischen Mächte
-
China als Absatzmarkt für die imperialistischen Mächte (vgl. Z. 42–47)
-
Expansionsbestrebungen Russlands nach Nord- und Zentralasien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
-
Russisch-chinesischer Krieg hervorgerufen durch den „Boxeraufstand“, der sich in der Folge zum „Boxerkrieg“ u. a. mit russischen Streitkräften in der Mandschurei entwickelte; Ende des Krieges zwischen Russland und China im November 1900 (vgl. Z. 2)
Mögliche Aspekte für eine Überprüfung:
Überwiegend zustimmen kann man Lenin in folgenden Punkten:
-
starke wirtschaftliche Interessen der imperialistischen Mächte (vgl. Z. 41–49), wie sie sich u. a. aus den Bestimmungen der Ungleichen Verträge und deren Umsetzung ergeben
-
gewaltsames, teilweise brutales Vorgehen gegen die Aufständischen und die Zivilbevölkerung sowie umfangreiche Plünderungen (vgl. Z. 5–9, Z. 35 f.), v. a. bei der Niederschlagung des „Boxeraufstandes“
-
Anstreben einer kolonialen Aufteilung Chinas (vgl. Z. 69–71)
-
zumindest teilweise Instrumentalisierung der Missionstätigkeit für andere Zwecke (vgl. Z. 39 f.), etwa bei der Rechtfertigung der Niederschlagung des „Boxeraufstandes“
Kritisch ist gegen Lenin einzuwenden:
-
Das Vorgehen der imperialistischen Mächte ist nicht ausschließlich mit wirtschaftlichen Interessen zu erklären (vgl. Z. 35). Machtpolitische, kulturelle oder auch rassistische Motive spielten eine Rolle.
-
Die wirtschaftlichen Vorteile kamen zwar in erster Linie einer kleinen Gruppe von Industriellen zugute (vgl. Z. 42–47), größere volkswirtschaftliche Effekte wurden in den imperialistischen Staaten aber zumindest behauptet.
-
Regierungen der imperialistischen Staaten handelten den Interessen ihrer eigenen Bevölkerung nicht eindeutig zuwider (vgl. Z. 56–62), sondern große Teile der Bevölkerung unterstützten deren China-Politik.
-
Die christliche Mission in China war nicht ausschließlich ein Vorwand für wirtschaftliche Ausbeutung (vgl. Z. 39 f.), sondern ihre Träger verfolgten teilweise auch religiöse, karitative und philanthropische Zwecke.