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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe I

Thema: Politische Opposition gegen den Zarismus

(Rahmenthema 1 mit Übergriff auf 2)

Aufgaben

1.

Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.

25 %

2.

Ordne das Material in den Kontext der politischen Opposition gegen den Zarismus ein.

25 %

3.

Erläutere die Vorgänge in China, auf die sich Lenin im Material bezieht.

25 %

4.

Überprüfe Lenins Darstellung des Vorgehens der imperialistischen Mächte in China.

25 %

Material

Aufsatz Wladimir Iljitsch Lenins in der „Iskra“ , Dezember 1900 [Auszüge]:

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Der China-Krieg
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Der Krieg Russlands gegen China geht seinem Ende zu: Eine ganze Reihe von Militär-
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bezirken ist mobilisiert, Hunderte Millionen Rubel sind verausgabt, Zehntausende
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Soldaten sind nach China geschickt, eine Reihe von Gefechten hat stattgefunden, eine
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Reihe von Siegen wurde erfochten - von Siegen allerdings nicht so sehr über die re-
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gulären Truppen des Feindes wie über die chinesischen Aufständischen und noch
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mehr über unbewaffnete Chinesen, die man ertränkte oder totschlug, ohne haltzu-
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machen vor der Tötung von Kindern und Frauen, ganz zu schweigen von der Plünde-
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rung von Palästen, Häusern und Läden. Und die russische Regierung, im Verein mit
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den vor ihr auf dem Bauche kriechenden Zeitungen, feiert ihren Sieg, jubelt aus An-
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lass der neuen Heldentaten ihrer ruhmvollen Heerscharen, jubelt aus Anlass des Sie-
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ges der europäischen Kultur über das chinesische Barbarentum, aus Anlass der neuen
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Erfolge der russischen „zivilisatorischen Mission" im Fernen Osten.
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In diesem Jubelchor fehlt nur die Stimme der klassenbewussten Arbeiter, dieser fort-
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geschrittenen Vertreter des vielmillionenköpfigen arbeitenden Volkes. Die ganze Last
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der neuen siegreichen Feldzüge hat aber gerade das arbeitende Volk zu tragen: Ihm
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werden Arbeiter entrissen, um sie in entfernte Länder zu schicken, von ihm werden
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besonders erhöhte Steuern zur Deckung der Millionenausgaben eingetrieben. Versu-
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chen wir, uns über die Frage klarzuwerden: Wie haben sich Sozialisten diesem Krieg
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gegenüber zu verhalten? In wessen Interesse wird er geführt? Welches ist die wirkli-
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che Bedeutung dieser Politik, die die russische Regierung verfolgt?
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Unsere Regierung versichert vor allem, sie führe überhaupt keinen Krieg mit China:
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Sie unterdrücke nur den Aufstand, bändige die Aufrührer, helfe der gesetzlichen chi-
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nesischen Regierung, die gesetzliche Ordnung wiederherzustellen. Der Krieg ist nicht
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erklärt worden, aber das ändert nichts am Wesen der Sache, denn es wird doch Krieg
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geführt. Wodurch wurde der Überfall der Chinesen auf die Europäer hervorgerufen,
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dieser Aufruhr, der von den Engländern, Franzosen, Deutschen, Russen, Japanern
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usw. mit so viel Eifer niedergeworfen wird? „Durch die Feindschaft der gelben Rasse
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gegen die weiße Rasse", „durch den Hass der Chinesen gegen die europäische Kultur
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und Zivilisation" - versichern die Verteidiger des Krieges. Ja, die Chinesen hassen tat-
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sächlich die Europäer, aber welche Europäer hassen sie und wofür? Nicht die euro-
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päischen Völker werden von den Chinesen gehasst - zwischen ihnen hat es keine Zu-
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sammenstöße gegeben -, sondern die europäischen Kapitalisten und die den Kapita-
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listen gefügigen europäischen Regierungen. Wie sollten denn die Chinesen Leute
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nicht hassen, die nur, um sich zu bereichern, nach China gekommen sind, die ihre
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vielgerühmte Zivilisation nur zu Betrug, Raub und Vergewaltigung ausnutzen, die ge-
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gen China Kriege geführt haben, um das Recht zu erhalten, mit dem das Volk betäu-
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benden Opium Handel zu treiben (der Krieg Englands und Frankreichs gegen China
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im Jahre 1856), die ihre Raubpolitik durch Verbreitung des Christentums heuchlerisch
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verschleierten? […]
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Wie aber erklärt es sich, dass unsere Regierung diese wahnwitzige Politik in China
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betreibt? Für wen ist diese Politik von Vorteil? Sie ist von Vorteil für ein Häuflein von
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Großkapitalisten, die mit China Handel treiben, für ein Häuflein von Fabrikbesitzern,
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die für den asiatischen Markt Waren produzieren, für ein Häuflein von Lieferanten,
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die jetzt an eiligen Kriegsaufträgen wahnsinniges Geld verdienen (verschiedene Be-
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triebe, die für die Rüstungsindustrie arbeiten, die Heeresartikel usw. herstellen, ar-
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beiten jetzt mit Hochdruck und stellen Hunderte neuer Tagelöhner ein). Eine solche
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Politik ist von Vorteil für ein Häuflein Adliger, die im Zivil- und Militärdienst hohe Äm-
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ter bekleiden. Sie brauchen eine Abenteuerpolitik, denn durch sie kann man sich aus-
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zeichnen, Karriere machen, durch Heldentaten zur Berühmtheit gelangen. Den Inte-
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ressen dieses Häufleins von Kapitalisten und beamteten Gaunern bringt unsere Re-
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gierung ohne Zaudern die Interessen des ganzen Volkes zum Opfer. Die absolutisti-
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sche Zarenregierung erweist sich auch in diesem Falle, wie immer, als die Regierung
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verantwortungsloser Bürokraten, die vor den Großkapitalisten und Adligen auf dem
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Bauche kriechen.
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Welchen Nutzen hat aber die russische Arbeiterklasse und das ganze arbeitende Volk
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von den Eroberungen in China? Tausende ruinierter Familien, denen durch den Krieg
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die Ernährer entrissen wurden, ein ungeheures Anwachsen der Staatsschulden und
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Ausgaben, Erhöhung der Steuern, Stärkung der Macht der Kapitalisten, der Ausbeu-
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ter der Arbeiter, Verschlechterung der Lage der Arbeiter, noch größeres Massenster-
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ben der Bauernschaft, Hungersnot in Sibirien - das verspricht der chinesische Krieg
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zu bringen, ja, bringt es schon jetzt. Die gesamte russische Presse, alle Zeitungen und
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Zeitschriften sind versklavt, sie dürfen nichts ohne Erlaubnis der Regierungsbeamten
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veröffentlichen - und darum haben wir keine genauen Nachrichten darüber, was
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dem Volke der chinesische Krieg kostet, aber zweifellos erfordert er Geldausgaben
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von vielen Hundert Millionen Rubel. [...]
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Der Zarenregierung droht der Bankrott, sie aber stürzt sich in eine Eroberungspolitik,
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- in eine Politik, die nicht nur ungeheure Geldmittel erfordert, sondern auch droht,
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noch gefährlichere Kriege zu bringen. Die europäischen Mächte, die über China her-
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gefallen sind, beginnen schon, sich um die Aufteilung der Beute zu zanken, und nie-
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mand ist imstande zu sagen, wie dieser Zank ausgehen wird.
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Doch die Politik der Zarenregierung in China stellt nicht nur eine Verhöhnung der In-
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teressen des Volkes dar, - sie ist auch bestrebt, das politische Bewusstsein der Volks-
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massen zu korrumpieren. Die Regierungen, die sich nur durch die Gewalt der Bajo-
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nette halten, die stets genötigt sind, die Volksempörung zu dämmen oder zu unter-
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drücken, haben seit langem jene Wahrheit erkannt, dass die Unzufriedenheit des Vol-
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kes durch nichts zu beseitigen ist; es muss der Versuch gemacht werden, diese Unzu-
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friedenheit von der Regierung auf jemand anders abzulenken. [...]
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Es gibt nur ein Mittel, um sich von dem neuen Joch, das der Krieg dem arbeitenden
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Volk aufbürdet, zu befreien: die Einberufung der Volksvertreter, die der Willkürherr-
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schaft der Regierung ein Ende machen und sie zwingen, nicht nur auf die Interessen
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der Hofclique allein Rücksicht zu nehmen.

Fundort: W. I. Lenin, Sämtliche Werke: einzige vom Lenin-Institut in Moskau autorisierte Ausgabe, Bd. 4.1 (Die Periode der „Iskra“ 1900-1902), Wien/Berlin 1928, S. 60f., 63-66.

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