Aufgabe II
Thema: Wirtschaftliche und politische Lage in der frühen Weimarer Republik
(Rahmenthema 3 mit Übergriff auf Rahmenthema 2)
Aufgaben
Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.
Ordne das Material in den historischen Zusammenhang ein.
Vergleiche ausgehend vom Material die Situation Deutschlands unter den Bedingungen des Versailler Vertrags mit der Chinas unter dem Einfluss der westlichen Mächte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Beurteile Duisbergs Ausführungen.
Material
Auszüge aus einem Brief Carl Duisbergs (1861-1935) an den amerikanischen Wissenschaftler William A. Noyes (1857-1941)
Fundort: Kordula Kühlem (Hrsg.), Carl Duisberg (1861-1935). Briefe eines Industriellen, (Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 68), München 2012, S. 514ff.
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Die quellenkritische Einleitung macht insbesondere Angaben zu Quellengattung (privater Briefwechsel auf Augenhöhe), Verfasser (Carl Duisberg, deutscher Industrieller der Chemiebranche, Berater der Reichsregierung), Zeitpunkt (Spätsommer des Krisenjahres 1923), Adressat (William A. Noyes, amerikanischer Chemiker) und trifft Aussagen zur Intention (Werbung um Verständnis für die deutsche Perspektive auf die Bedingungen des Versailler Vertrags).
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Zurückweisung des französischen Vorwurfs, Deutschland betreibe eine Revision der Kriegsergebnisse, und Bekräftigung des deutschen Friedenswillens sowie der deutschen Absicht, den (finanziellen) Verpflichtungen aus dem Versailler Vertrag nachzukommen
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Rechtfertigung der deutschen Reaktion auf die Ruhrbesetzung durch Frankreich, insbesondere des passiven Widerstands, der ein Ausdruck des Zusammenstehens des deutschen Volkes sei im Angesicht französischer Brutalität
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Herausstellung des Widerspruchs zwischen Höhe der Reparationsforderungen und massiver Behinderung der Produktion im industrialisierten Westen der Republik offenbare die politischen Ziele Frankreichs.
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Vorwurf an Frankreich, das Rheinland dem französischen Staat zuschlagen zu wollen
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Überwindung der Wirtschafts- und Finanzkrise und damit Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und Sicherstellung deutscher Zahlungen nur möglich bei realistischer Festsetzung der Reparationen
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Dazu, wie auch zur Erreichung des deutschen Zieles der staatlichen Souveränität, sei es notwendig, die französische Kontrolle Deutschlands zu begrenzen.
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Duisberg verfasste den vorliegenden Brief vor dem Hintergrund der deutsch-französischen Spannungen, die aus dem französischen Sicherheitsbedürfnis nach dem Ersten Weltkrieg im Allgemeinen und dem Streit um die Erfüllung der Reparationen im Besonderen resultierten. Im Januar 1923 erfolgte die Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen, die Frankreich wegen eines (geringfügigen) Lieferrückstands deutscher Reparationen für gerechtfertigt hielt. Die französische Politik sah diese Situation als Chance, die deutsche Westgrenze nach Osten zu verschieben.
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Verfasser stellt sich hinter die Regierung der Republik, also eine Große Koalition unter Stresemann (vgl. Z. 59–62), und hebt die Einigkeit des deutschen Volkes in der Friedensfrage hervor (vgl. Z. 12–18).
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innenpolitische Aspekte:
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Verlust staatlicher Souveränität durch die Bedingungen des Versailler Vertrags: Deutschland unter Kontrolle der Staaten der Entente und zu Reparationsleistungen verpflichtet (vgl. Z. 68–71)
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Ablehnung des Versailler Vertrags und insbesondere des Kriegsschuldartikels in der Bevölkerung, in allen Teilen des politischen Spektrums
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politische Instabilität der jungen Republik, begründet in den Belastungen durch die Kriegsfolgen und dem Wirken antidemokratischer Kräfte (vgl. Z. 7–9)
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Wirtschafts- und Finanzkrise: Kriegsschulden und Reparationszahlungen führten zu steigender Staatsverschuldung und Inflation; Wirtschaft geschwächt durch Kriegsschäden, Demontagen, Produktionsbeschränkungen und Zwang zur Ablieferung von Gütern als Teil der Reparationen.
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Krisenjahr 1923 mit Ruhrbesetzung und „Ruhrkampf“ (vgl. Z. 19–21, 37–42), in der Folge Verschärfung der staatlichen Finanzkrise und rasant fortschreitende Inflation (vgl. Z. 53–59) sowie politische Destabilisierung durch Putschversuche von links und rechts
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Überwindung der Inflation durch Währungsreform im Oktober 1923
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außenpolitische Aspekte:
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französische Politik von Misstrauen geprägt (vgl. Z. 3–6); Ziel der langfristigen Schwächung Deutschlands (z.B. durch Verschiebung seiner Westgrenze an den Rhein; vgl. Z. 33–37)
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Lage Deutschlands erklärt die Notwendigkeit der Werbung um internationales Verständnis für die Notlage Deutschlands (vgl. Z. 27–33, 72 f.), für Zugeständnisse in Bezug auf die Reparationsleistungen (vgl. Z. 62–68) und für ein internationales Einhegen Frankreichs.
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Aufnahme von Verhandlungen, die im April 1924 zum Dawes-Plan führen
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Mögliche inhaltliche Aspekte:
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Ausgangssituation in China und Deutschland grundsätzlich verschieden; China: Überfall imperialistischer Mächte, die ihre technologische Überlegenheit zur politischen und ökonomischen Expansion nutzen und China Bedingungen diktieren, die in den „ungleichen Verträgen“ münden; Deutschland: Kriegsniederlage als Folge eines von Deutschland mitverantworteten Krieges zwischen europäischen Großmächten; Versailler Vertrag als Folge
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wichtige historische Zäsur für China wie für Deutschland: Verlust von staatlicher Souveränität (vgl. Z. 68–71), Eingriff in territoriale Integrität (z. B. Ruhrbesetzung, Vertragshäfen in China), Einschränkung der Handlungsfreiheit der Regierung, Absinken in eindeutig untergeordnete Position in internationalen Beziehungen (vgl. z. B. Z. 66–71)
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Reaktionen der Politik: Ablehnung der Vertragsbedingungen auf deutscher wie chinesischer Seite bei grundsätzlicher Erfüllung; Stabilisierung der außenpolitischen Beziehungen schon in Folge der Verständigungspolitik Stresemanns, während Konfrontation zwischen China und den imperialistischen Mächten fortbestand
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Reaktionen der Bevölkerung: In beiden Staaten Ablehnung und ein Gefühl der Demütigung (vgl. Z. 37–42, 44–46), die sich in Deutschland im passiven Widerstand zeigt, wohingegen in China gewaltsamer Widerstand gegen die Politik der imperialistischen Mächte entsteht (z. B. „Boxeraufstand“); in der Folge Prestigeverlust der Regierung und politische Destabilisierung in beiden Staaten; in China weitreichendere Demütigung durch Erschütterung des sinozentrischen Weltbildes
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kurzfristige wirtschaftliche Folgen: Verschärfung der chinesischen Währungskrise durch Verlust von Einnahmen aus dem Außenhandel; Reparationsleistungen verschärfen Inflation und erschweren wirtschaftlichen Wiederaufbau in Deutschland (vgl. Z. 53–71)
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Ansatzpunkte der Beurteilung können Aussagen des Verfassers zur deutschen Haltung zum Versailler Vertrag, zur französischen Politik und dem deutsch-französischen Verhältnis sein.
Folgende Aspekte in Duisbergs Darstellung können kritisch betrachtet werden:
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Betonung des deutschen Bestrebens, den Versailler Vertrag zu erfüllen (vgl. Z. 21–24): Revision der Bedingungen des Versailler Vertrags als parteiübergreifendes Ziel der deutschen Politik, aber nicht mit militärischen Mitteln
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Einsatz der deutschen Regierung für Erfüllung der Reparationsleistungen (vgl. Z. 12–18): Akzeptanz der Inflation zum Nachweis mangelnder deutscher Leistungsfähigkeit und zum Zwecke der Entschuldung des Staates
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Unterstützung der deutschen extremen Rechten für die Erfüllung der Reparationen (vgl. Z. 6–10): Sie lehnte den Versailler Vertrag grundsätzlich ab und bezichtigte Politiker der Mitte einer „Erfüllungspolitik“.
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Betonung des Zusammenstehens der Deutschen (vgl. Z. 21–24), besonders im Angesicht französischer Aggression: Ablehnung des Versailler Vertrags zog sich zwar durch das ganze politische Spektrum; dennoch war die Gesellschaft tief gespalten (z. B. in der Haltung zur Republik).
Zuzustimmen ist Duisberg hingegen z. B. in diesen Aspekten:
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Bedeutung der 14 Punkte Wilsons (vgl. Z. 14 f.) für die deutschen Erwartungen an den Versailler Vertrag und die folgende Enttäuschung
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langfristige Schwächung Deutschlands als politisches Ziel Frankreichs (vgl. Z. 33–37, 68–71); Ausdruck des Sicherheitsbedürfnisses nach dem Ersten Weltkrieg
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„unser wehrloses Volk“ (Z. 25): Deutschland war wegen der Demilitarisierung tatsächlich nicht in der Lage, gegen die Ruhrbesetzung militärischen Widerstand zu leisten.
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Beschränkung der Reparationsleistungen bzw. spätere Festlegung der Höhe der Reparationen (vgl. Z. 62–71) und ihre zeitliche Begrenzung (Dawes-Plan, Young-Plan) trug zur Überwindung der Finanzkrise bei und führte zu einer Entspannung im deutsch-französischen Verhältnis.
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Bedeutung von Vertrauen für Normalisierung der internationalen Beziehungen (vgl. Z. 44, 72 f.)
Weitere mögliche Ansatzpunkte:
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Betonung der französischen Brutalität (vgl. Z. 24 f., 28) zeigt Wirksamkeit tradierter Feindbilder.
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Begründung für passiven Widerstand gegen Ruhrbesetzung (vgl. Z. 24–27, 46–52) ist stark vereinfachend, emotionalisierend und bedient sich nationalistischer Phrasen.