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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe II

Thema: Wirtschaftliche und politische Lage in der frühen Weimarer Republik

(Rahmenthema 3 mit Übergriff auf Rahmenthema 2)

Aufgaben

1.

Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.

25 %

2.

Ordne das Material in den historischen Zusammenhang ein.

25 %

3.

Vergleiche ausgehend vom Material die Situation Deutschlands unter den Bedingungen des Versailler Vertrags mit der Chinas unter dem Einfluss der westlichen Mächte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

25 %

4.

Beurteile Duisbergs Ausführungen.

25 %

Material

Auszüge aus einem Brief Carl Duisbergs (1861-1935) an den amerikanischen Wissenschaftler William A. Noyes (1857-1941)

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Leverkusen, den 23. August 1923
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Sehr geehrter Herr Professor!
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[...] Wie Sie ausführen und wie es auch anderwärts vielfach zu lesen ist, betont Frank-
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reich immer sehr deutlich, dass wir den Versailler Vertrag nicht in guter Treue ange-
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nommen hätten und darauf warteten, bis wir unsere Kräfte erholt hätten, um Frank-
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reich wieder anzugreifen, und die verlorenen Provinzen wieder zu erobern. - Wir wol-
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len nicht verhehlen, dass es bei uns eine kleine, scharf rechtsgerichtete politische
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Gruppe gibt, welche den Wunsch im Herzen trägt, möglichst bald das von Ihnen an-
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gedeutete Ziel zu erreichen, aber es kann gesagt werden, dass selbst diese Gruppe
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den Vertrag von Versailles voll und ganz zu erfüllen bestrebt ist. Die weit überwie-
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gende Mehrheit des deutschen Volkes und vor allem auch die Bevölkerung an Rhein
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und Ruhr denkt jedoch nicht an einen derartigen Angriff gegen Frankreich. Wir alle
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haben es immer wieder in die Welt hinausgerufen und aus ehrlichem Herzen offen
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bekannt, dass wir das, wozu wir uns anschließend an die 14 Punkte Wilsons, dem wir
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fest vertrauten, bekannt haben, zu halten bestrebt sind, soweit es in unseren Kräften
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steht. Aus voller Überzeugung bekundige ich Ihnen diesen ehrlichen Willen des deut-
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schen Volkes zu einem wirklichen Friedenszustand; er ist von allen Regierungen der
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letzten Jahre betont worden und unbedingt wahrhaftig. [...]
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Nach allem, was ich Ihnen in meinem letzten ausführlichen Schreiben an Beweisma-
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terial überreichte, erschütterte es mich, dass nach Ihrer Behauptung unser Verhalten
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seit der Ruhrbesetzung „your confidence" nicht vermehrt hat. Dabei weiß ich mich
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eins mit der überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes in der aufrichtigen Ab-
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sicht, endlich einen Friedenszustand zu erhalten und die Reparationen nach Kräften
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zu zahlen. Lesen Sie denn nicht diejenigen Zeitungen, welche täglich über die zahllo-
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sen Gräueltaten gegen unser wehrloses Volk, über die täglichen zahlreichen Auswei-
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sungen von ganzen Familien ehrbarer deutscher Männer, welche ihr Vaterland nicht
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verraten wollen, berichten? [...] Müssen wir dadurch Ihr Vertrauen einbüßen, dass
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wir uns gegen diese Brutalitäten aufbäumen und an die „moral sanity" der Welt ap-
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pellieren und dass wir, wie es ja auch England immer und immer wieder hervorhebt,
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uns nur den Hinweis auf den Wahnsinn gestatten, auf der einen Seite unerfüllbare
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Wiedergutmachungen zu verlangen und auf der anderen Seite das ohnehin ge-
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schwächte Fundament unserer deutschen Industrie an Rhein und Ruhr vollständig zu
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vernichten? Diesen Schluss muss auch jeder objektiv die Lage Betrachtende ziehen,
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auch jeder wirtschaftlich denkende Franzose; auch den anderen Schluss, dass es den
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Politikern Frankreichs gar nicht auf die Sachleistungen ankommt, sondern auf die Er-
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reichung des einen politischen Zieles, das ist die Loslösung der Rheinlande vom deut-
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schen Mutterlande. Können Sie dort zu Lande kein Empfinden dafür haben, dass der
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„passive Widerstand" an Ruhr und Rhein nur ein Akt der Verzweiflung ist und trotz
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aller Demütigungen immer aufs Neue wieder gestählt wird durch den großen Gedan-
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ken, dass das Volk den Pulsschlag des deutschen Wirtschaftslebens mit ganzem Her-
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zen am deutschen Vaterlande festhält und seine Brüder und Schwestern im übrigen
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Deutschland nicht verraten will? Es liegt darin wahrhaftig nicht die materialistische
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Auffassung, die Leistungen auf Grund des Friedensvertrages Frankreich zu verwei-
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gern. Ohne Vertrauen kann man allerdings unserer Lage niemals gerecht werden. Da-
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rum liegt für mich und das deutsche Volk in der von Ihnen aufgestellten Behauptung
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eine so kränkende Bitterkeit. Würdigen Sie vorstehend Ihnen offen dargelegte
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Gründe, so werden Sie mir vielleicht darin Glauben schenken, dass die Stilllegung un-
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serer Fabriken, die Einstellung der Kohlenerzeugung und des Eisenbahnverkehrs, was
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wir alle an Rhein und Ruhr nur mit tiefstem Schmerz ertragen müssen, ihre einzige
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Ursache darin hat, dass das werktätige Volk sich weigert, Verrat am Vaterlande zu
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üben und aufgezwungene Frondienste zu leisten, ohne sich irgend einer Schuld an
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der brutal durchgeführten Ruhrbesetzung bewusst zu sein.
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[...] Alle redlichen Bemühungen unserer Regierung in dauernder Zusammenarbeit mit
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den Führern unseres Wirtschaftslebens (bei der auch ich dauernd beteiligt gewesen
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bin) haben es bisher leider nicht fertig gebracht, die Wertbeständigkeit der Staatsein-
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nahmen aus den direkten Steuern und aus den Eisenbahn- und Posttarifen zu errei-
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chen. Seit Monaten hat sich die gesamte wirtschaftliche Intelligenz Deutschlands mit
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der Aufgabe beschäftigt, wie man die Staatseinnahmen, die Preise und Löhne stabili-
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sieren soll, um dem Wirrwarr zu entrinnen. Diese Anstrengungen werden auch von
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unserer neuen Regierung sicherlich mit aller Tatkraft fortgesetzt werden. [...] Seien
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Sie davon überzeugt, dass wir rastlos weiterarbeiten werden, um diesen Schwierig-
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keiten Herr zu werden; nehmen Sie aber auch die unbedingte Überzeugung aus mei-
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nen Ausführungen, dass Deutschland trotz der gewaltigsten Kraftanstrengungen
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nicht aus dieser Krisis herauskommen kann, wenn nicht seine Kriegsschulden auf ein
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wirklich erfüllbares Maß, ohne das Damoklesschwert dauernder zerstörender Ge-
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waltmaßnahmen, festgesetzt werden. Deutschland und die Welt müssen wissen, wel-
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che bestimmt festgelegten erfüllbaren Forderungen Deutschland leisten muss, um
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seine nationale und wirtschaftliche Freiheit wieder zu erlangen. Mit einem Vertrag,
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der Deutschland namentlich zurzeit in der ausübenden Hand Frankreichs für Genera-
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tionen wirtschaftlich und politisch zu knechten sucht, wird es trotz verzweifelter An-
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strengungen nicht aus der Krisis herauskommen können.
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In der Hoffnung, dass Sie aus dem Studium der verwickelten Verhältnisse mehr und
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mehr das Vertrauen auf unseren guten Willen schöpfen, bin ich
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mit vorzüglicher Hochachtung
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Ihr sehr ergebener
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gez. Dr. C. Duisberg

Fundort: Kordula Kühlem (Hrsg.), Carl Duisberg (1861-1935). Briefe eines Industriellen, (Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 68), München 2012, S. 514ff.

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