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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe I

Thema: Kritik an den Revolutionen in Deutschland und Russland

(Rahmenthema 3 mit Übergriff auf Rahmenthema 1)

Aufgaben

1.

Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.

30 %

2.

Ordne das Material in den historischen Kontext der Revolution von 1918/19 ein.

40 %

3.

Beurteile Heinrich Manns Aussagen zur Situation in Russland.

30 %

Material

Auszug aus dem Essay „Kaiserreich und Republik“ von Heinrich Mann , Mai 1919 (veröffentlicht im Juli)

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Dies Reich, wie es angelegt und sittlich begründet war, konnte zu nichts anderem
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führen, es trug die Niederlage in sich von jeher.
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Auch kam sie dann nicht irgendwie, sie kam auf die hier einzig angemessene Art: kei-
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neswegs im Zustand der Verteidigung, sondern als Ausgang der letzten aller miss-
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glückten Angriffsschlachten. Ihre Zeit war erfüllt, weil die Liste der Verkennungen,
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der sittlichen und der technischen Fehlschlüsse endlich erschöpft war. Noch schnell
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die letzte Lüge „Wir sind nicht besiegt", - da brach schon die Wahrheit aus mit der
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ganzen Gewalt, die der Höhe des Druckes entsprach: als Revolution.
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Die Wahrheit war in dem zusammengestürzten Kaiserreich so lange gefangen gehal-
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ten, entehrt und verstümmelt worden, dass sie kein Gesicht und keine Stimme mehr
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hatte. Jetzt war sie erstanden; aber wie sie aussah, wusste niemand, und niemand
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hatte sie sprechen gehört. Eine Revolution ohne Idee! Eine fast wortlose Revolution,
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das Aufstöhnen und Sichschütteln des Besiegten. Wer hatte sie gewollt? Wo waren
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denn Revolutionäre? Sie entwand sich ohne Hilfe den blutigen Resten des Kaiserrei-
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ches, ratlos, wie sie leben solle. Nichts fand sie vor als eine Niederlage, verfallene
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Menschen, zerbrochenes Gerät, entwerteten Besitz. Was immer sie tue, wie sehr sie
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sich verirre, die Revolution wird nicht schuldig sein, sie ist eine traurige Erbin, die
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Vollstreckerin eines Willens, der vor ihr war. Langer, ruheloser Jahre wird sie bedür-
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fen, um sich freizumachen für die Erfüllung ihres eigenen inneren Gebotes, das Ge-
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rechtigkeit und Wahrheit ist. [...]
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Klassen kämpfen jetzt um die Macht, wie vorher ein Reich um die Weltmacht, und
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dies soll alles sein. Einander Gewalt antun, heißt ihnen noch, Recht haben. Wenn die
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einen die Preise hochhalten, steigern die andern die Löhne, und der Streik ist tägliche
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Regel wie der Wucher, wenn nicht der Straßenkampf sie ablöst. Jede der Klassen
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denkt sich wohl der Niederlage zu entziehen, besiegt sie nur die anderen? Stattdes-
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sen wälzen sich alle, einander zerfleischend, nur noch tiefer in sie hinein. [...]
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Wir sind noch immer Untertanen. Noch immer herrscht, auf allen Seiten, die Denkart
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der Militaristen und der Fetischisten des Staates. Die Staatssklaverei der Militaristen
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ist schleunigst ersetzt worden; man kann den Menschen nicht mehr „hinausschi-
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cken", aber man könnte ihn unter eine Wirtschaftsdiktatur stellen, und der Rest sei-
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ner Selbstbestimmung wäre um so sicherer dahin. [...] Den Vorteil haben die Reichen.
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Sie, um deren frühere oder spätere Enteignung es geht, denken nicht daran, sie je-
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mals ruhig hinzunehmen. Wie kämen auch grade sie dazu, ihr Geld dem Gedanken
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einer befreiten Menschheit zu opfern, dem andere nicht einmal einen Glaubensarti-
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kel opfern. Ihr Geld tut das Seine, damit in einer Revolution, die sich selbst nicht
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kennt, noch immer sogar die wirtschaftlichen Dinge nicht viel anders verlaufen als
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vorher. Ihre entschlossene Feindschaft gegen jede, auch die unausweichlichste Sozi-
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alisierung verbergen sie hinter dem Hass und der wütenden Furcht, die ihnen der
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„Bolschewismus" macht.
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Die Feinde der Revolution können von Glück sagen, sie haben ihren Vorwand gegen
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sie, er heißt Bolschewismus. Dieses Gebilde aus Blutdunst und Logarithmen ist das
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offenbar Unmögliche; jeder sieht: wir können es niemals haben, oder es wäre das
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Ende der Welt. „Wozu dann", fragt der Versucher, „unsere Revolution? Blickt nach
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Russland! So muss eine folgerichtige soziale Umwälzung nun einmal verlaufen." -
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Aber Russland, wie es beschaffen ist, wird in seinen großen Unternehmungen, so gut
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als in seinem Alltag, Elemente haben, die mehr als modern, gleich neben anderen,
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die Mittelalter sind, und eine heutige, uns begreifliche Einheit wird nicht gegeben
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sein. Russland wird mit Urinstinkten arbeiten, die längst bei uns geschwächt sind, und
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zugleich mit Spekulationen, die wir noch vermessen finden. Es wird unsere politisch-
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kulturelle Grundtatsache, die Demokratie, mit einem Schlage abgetan haben, aber
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wer hat da zugeschlagen? Der Zarismus. Denn Russland ist noch immer nicht hinaus
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über den Zarismus, und wann kommt es hinaus über ihn? So viel Geist aufgewendet
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zu haben in Jahrzehnten, die schweren Aufstände, das Blut des langen Krieges, - und
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die Freiheit, Seele jeder Revolution, entweicht aus dieser russischen schon einige Mo-
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nate nach ihrer Geburt! Sie waren zu lange Knechte, wie könnten sie leben ohne Aus-
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schweifung und ohne Gewalt. Die Mystik der alten Herrschaft verkörpert sich alsbald
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neu.
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Eine andere Wunderdoktrin, und andere Zaren! Weiter gefoltert, weiter getötet, in
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Massen, ganzen Klassen, und auch die Ausbeutung wechselt einzig ihr Personal. Ein
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verelendetes Volk, aber hunderttausend neue Besitzer [...].

Fundort: Heinrich Mann, Essays und Publizistik. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 3: November 1918 bis 1925, Teil 1: Texte, hrsg. von B. Veitenheimer, Bielefeld 2015, S. 54–57.

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