Aufgabe I
Thema: Kritik an den Revolutionen in Deutschland und Russland
(Rahmenthema 3 mit Übergriff auf Rahmenthema 1)
Aufgaben
Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einleitung zusammen.
Ordne das Material in den historischen Kontext der Revolution von 1918/19 ein.
Beurteile Heinrich Manns Aussagen zur Situation in Russland.
Material
Auszug aus dem Essay „Kaiserreich und Republik“ von Heinrich Mann , Mai 1919 (veröffentlicht im Juli)
Fundort: Heinrich Mann, Essays und Publizistik. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 3: November 1918 bis 1925, Teil 1: Texte, hrsg. von B. Veitenheimer, Bielefeld 2015, S. 54–57.
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Die quellenkritische Einleitung macht insbesondere Angaben zu Verfasser (bedeutender Schriftsteller, später in Opposition zum Nationalsozialismus) und Zeitpunkt der Veröffentlichung (nach Oktoberrevolution in Russland und Novemberrevolution in Deutschland, unmittelbar nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages). Sie trifft Aussagen zu Adressaten (politisch interessierte Leserschaft) und Intention (Kritik an mangelnder gesellschaftlicher Veränderung durch die deutsche sowie russische Revolution).
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Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches infolge der Kriegsniederlage sei eine zwangsläufige Folge der Verlogenheit und des Missmanagements des alten Systems gewesen.
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Die Revolution habe sich ergeben aus dem Kollaps des Alten, ohne dass ein Plan zur Umgestaltung vorgelegen habe.
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Im entstandenen Machtvakuum würden Klassen um wirtschaftlichen sowie machtpolitischen Einfluss kämpfen.
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Eine geistige Neuerung sei ausgeblieben; an die Stelle der Militaristen seien die wirtschaftlich Reichen getreten, von denen eine Diktatur ausgehe und die jede Sozialisierung mit warnendem Hinweis auf den russischen Bolschewismus ablehnen würden.
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In Russland werde man aufgrund der ureigenen Verfasstheit des Staates die westliche Demokratie problemlos zerschlagen.
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Eine geistige Neuerung werde es auch dort nicht geben, das Unterdrückungssystem des Zarismus werde – unter neuen Herrschern – fortbestehen.
Mögliche inhaltliche Aspekte:
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Die Weigerung von Matrosen der Hochseeflotte Ende Oktober 1918, trotz unabwendbarer Kriegsniederlage (vgl. Z. 5 f.) zu einer militärisch sinnlosen Schlacht gegen die Briten auszulaufen, löste die Revolution (vgl. Z. 7 f.) in Norddeutschland aus, die sich schnell über das gesamte Reich ausbreitete.
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Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten sowie Generalstreik
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Abdankung des Kaisers und somit Ende der Monarchie am 9. November 1918 (vgl. Z. 14 f.)
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Bildung einer provisorischen Regierung unter dem Vorsitz von Friedrich Ebert (SPD) als Reichskanzler
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frühzeitige Weichenstellung in Richtung parlamentarischer Demokratie (Reichsrätekongress, 16. bis 21. Dezember 1918; Wahlen zur Nationalversammlung, 19. Januar 1919)
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Die junge Republik wurde durch verschiedene Probleme belastet:
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eine traumatisierte und gedemütigte Bevölkerung (vgl. Z. 15 f.)
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Verunglimpfung der neuen sozialdemokratischen Verantwortungsträger, auf welche das Militär die Schuld für die Kriegsniederlage in Form der „Dolchstoßlegende“ abwälzen wollte (vgl. Z. 6 f.)
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Aufstände z. B. einer extrem linken Minderheit (Spartakusaufstand), welche die Revolution bis zur Etablierung eines kommunistischen Systems nach dem Vorbild Russlands weiterführen wollte (vgl. Z. 43 f.), zu deren Niederschlagung sich die Anfang 1919 gebildete Regierung unter Scheidemann mit den alten Eliten verbündete
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Versailler Vertrag (Reparationen, Gebietsverluste, alleinige Kriegsschuld), der zu wirtschaftlichen Verwerfungen führte
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Insgesamt ist das Material als sozialistische Kritik an der politischen Situation in Deutschland einzuordnen, da Mann z. B. die Dolchstoßlegende als Lüge einordnet (vgl. Z. 6 f.), den Militarismus (vgl. Z. 27 f.) und das Festhalten der Reichen an ihrem Besitz kritisiert (vgl. Z. 31–39).
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Mögliche Ansatzpunkte zur Beurteilung können die Aussagen des Verfassers zum Zarismus und zu den Voraussetzungen im vorrevolutionären Russland sein.
Mann behauptet, dass das Wesen des Zarismus auch nach Machtübernahme der Bolschewiki in Russland weiterbestehe (vgl. Z. 51 f.), aber:
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Innenpolitisch veränderten die Bolschewiki im Gegensatz zum Zarismus die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundlagen des Staates fundamental durch Enteignung der Gutsbesitzer und Verstaatlichung von Industriebetrieben sowie Bekämpfung der Kirche (zuvor eine der tragenden Säulen der Herrschaft).
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Im Gegensatz zum Zarismus nahmen die Bolschewiki außenpolitisch Abstand vom Erreichen eines Siegfriedens im Ersten Weltkrieg und beendeten den Krieg mit dem Deutschen Reich im Frieden von Brest-Litowsk im März 1918.
Zuzustimmen ist Mann hingegen z. B. in diesen Aspekten:
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Die Bolschewiki agierten wie im Herrschaftssystem des „Zarismus“ (Z. 51) mit autokratischen Zwangsmaßnahmen und installierten eine Parteiendiktatur; durch Geheimpolizei (Tscheka) und repressive Maßnahmen wurde, wie im Zarenreich, jede Form von Opposition rücksichtlos unterdrückt (vgl. Z. 58–60).
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Wirtschaftlich war das vorrevolutionäre Russland im Vergleich zu Westeuropa agrarisch und durch einen geringen Grad an Industrialisierung gekennzeichnet; gesellschaftlich bedingte dies einen sehr großen sozialen Gegensatz zwischen adligen Gutsherren und verarmten Bauern mit einer gering ausgeprägten Arbeiter- und Bürgerschicht, was einen bolschewistischen Umsturz begünstigte (vgl. Z. 45–48).
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Nach der Oktoberrevolution litt die Zivilbevölkerung unter dem Terror der Bolschewiki, der Millionen Opfer forderte (vgl. 58–60).