Aufgabe II
Thema:Reformbestrebungen in China
(Rahmenthema 2 mit Übergriff auf Rahmenthema 1)
Aufgaben
Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einführung zusammen.
Vergleiche ausgehend vom Material die chinesischen Reformbestrebungen mit denen im zaristischen Russland hinsichtlich Ursachen, Maßnahmen und Ergebnissen.
Nimm Stellung zu Rohrbachs Sicht auf China.
Material
Der deutsche Kolonialschriftsteller Paul Rohrbach schreibt 1908 in seinen „Deutsch-Chinesischen Studien“ unter der Kapitelüberschrift „Das chinesische Problem“:
Fundort: Paul Rohrbach: Deutsch-Chinesische Studien, Berlin 1909, S. 21 f., 26, 29.
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Die quellenkritische Einleitung macht insbesondere Angaben zum Verfasser (deutscher Publizist), zur Gattung (wissenschaftliche Publikation), Adressaten (interessiertes deutsches Publikum mit Bildungshintergrund) sowie dem Zeitpunkt (1908/09, beginnendes 20. Jahrhundert, nach dem „Boxeraufstand“, also während der Zeit intensiver europäischer Einflussnahme auf und in China), und trifft Aussagen zur Intention (Darstellung der politischen Verhältnisse in Ostasien unter der Prämisse europäischer Überlegenheit).
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Begegnungen mit überwiegend niveaulosen Europäern (Seeleuten, Soldaten, Missionaren) hätten die Chinesen bis ins 19. Jahrhundert hinein in ihrem Gefühl kultureller Überlegenheit bestärkt.
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Ungebrochenes Selbstbewusstsein habe sich dem Trugschluss hingegeben, dass allein eine waffentechnische Nachrüstung Schutz vor europäischen Übergriffen biete; die grundsätzlichen kulturellen Unterschiede und die Überlegenheit der europäischen Kultur seien übersehen worden; daher Verzicht auf Strukturreformen.
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radikaler Reformeifer in den letzten drei Jahren nach japanischem Vorbild als Reaktion auf den japanischen Sieg im russisch-japanischen Krieg.
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Ursachen der Reformbestrebungen:
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In China lagen die Ursachen der Reformen in den Erfahrungen der militärischen Unterlegenheit gegenüber den imperialistischen Mächten (z. B. Niederlage in den Opiumkriegen [vgl. Z. 9–11], Niederlage im „Boxerkrieg“ [vgl. Z. 42]), die eine erzwungene Öffnung des Landes bewirkten (vgl. Z. 15–21) und einen Souveränitätsverlust bedeuteten (z. B. „ungleiche Verträge“ sowie später „Boxerprotokoll“); auch innere Konflikte (z. B. Taiping-Aufstand) offenbarten Notwendigkeit von Reformen.
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Reformbemühungen in Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden ebenfalls durch die Erfahrung der militärischen Unterlegenheit ausgelöst, die die Rückständigkeit gegenüber den europäischen Großmächten und dem Osmanischen Reich (Krimkrieg, 1853–1856) sowie später auch gegenüber Japan (russisch-japanischer Krieg, 1904/05) offenlegten, die jedoch nicht zu einem Verlust an Souveränität führten; daneben gingen Reformbemühungen in Russland auf politischen Druck einer sich radikalisierenden Opposition zurück, der sich etwa im Terror extremer Narodniki, aber auch in der Revolution von 1905 offenbarte.
Maßnahmen im Rahmen der Reformprogramme:
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In China erfolgten seit den 1860er Jahren Reformprogramme mit dem Ziel, China zu modernisieren: Modernisierung angeregt von „Selbststärkungsbewegung“ (ab 1860) beinhaltete z. B. Einrichtung eines Außenamtes, Gründung von Schulen zur Vermittlung westlichen Wissens, Modernisierung der Armee (vgl. Z. 24, 33–38), beginnende Industrialisierung (vgl. Z. 37); „Reform der hundert Tage“ (1898) beabsichtigte umfassende Reform des Bildungswesens und des Beamtenapparates und sollte eine Steigerung der Effizienz bewirken; „Neue Politik“ (ab 1901) reformierte das Bildungssystem sowie das politische System (vgl. Z. 52–58).
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Auch in Russland sollten Reformen seit 1860er Jahren zu einer umfassenden Modernisierung beitragen: „Große Reformen“ beinhalteten Maßnahmen auf fast allen Ebenen des Staates (z. B. Bauernbefreiung, Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, Justizreform, Einführung einer städtischen Selbstverwaltung, Bildungsreform sowie Industrialisierung); zaghafte politische Reformen erfolgten nach der Revolution von 1905 („Oktobermanifest“); wirtschaftliches Reformprogramm Stoly pins (z. B. Förderung der Industrie, Agrarreform).
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Weder in China noch in Russland war eine grundsätzliche und weitreichende Reform des politischen Systems Teil der Maßnahmen; Reformen dienten jeweils der Festigung und dem Erhalt der Kaiser- bzw. Zarenherrschaft.
Ergebnisse der Reformprogramme:
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Grundsätzlich bewirkten Reformen sowohl in China als auch in Russland Ansätze von Modernisierung in verschiedenen Bereichen.
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Sowohl in China als auch in Russland wurden Reformen nicht konsequent vorangetrieben (Rücknahme der Reform der hundert Tage durch Cixi in China sowie der politischen Reformen nach der Revolution von 1905 in Russland), sodass das Ziel einer weitreichenden Modernisierung zur Stabilisierung und Stärkung der kaiserlichen Herrschaft nach innen und außen in beiden Reichen verfehlt wurde.
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Weder in China noch in Russland gelang infolge der Maßnahmen eine Befriedung der Gesellschaft, so dass es in beiden Staaten schließlich zu politischen Umbrüchen kam (Revolution in China von 1911 sowie Revolutionen des Jahres 1917 in Russland).
Mögliche inhaltliche Aspekte:
Ansatzpunkte für eine Stellungnahme könnten folgende Aspekte aus Rohrbachs Ausführungen sein:
Das eurozentrische Weltbild:
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den Chinesen überlegene europäische Kriegstechnik (vgl. Z. 3) als Ausdruck einer, im Gegensatz zu China, fortgeschrittenen Industrialisierung
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Europas kulturelle Überlegenheit China gegenüber, die über eine rein technische Fortschrittlichkeit hinausgehe (vgl. Z. 22–31)
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daraus resultierend das folgerichtige chinesische Scheitern bei der Umsetzung der Militärreform, bei der China sich als gänzlich unfähig erweise (vgl. Z. 31–33)
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Einordnung der imperialistischen Unterwerfung Chinas als Selbstverständlichkeit, da diese nicht infrage gestellt wird
Fehlende Bereitschaft Rohrbachs, das sinozentrische Selbstbild der Chinesen nachzuvollziehen:
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Vorwurf der Arroganz (vgl. Z. 1 f.) und der fortdauernden Naivität (vgl. Z. 29–31, Z. 58–60) gegenüber den Chinesen
Die – gemessen an den antichinesischen Vorwürfen zurückhaltende – Selbstkritik, dass bestimmte vorangegangene Kontakte mit Europäern verständlicherweise ein negatives Europabild bei den Chinesen zur Folge hätten:
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Einordnung der europäischen Seefahrer z. B. als „rohes Seemannsvolk“ (Z. 5), das ausschließlich Handelsinteressen, aber kein Einfühlungsvermögen in die chinesischen Eigenheiten gehabt habe (vgl. Z. 6–8)
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Bezeichnung des Vorgehens französischer und britischer Truppen im zweiten Opiumkrieg als Barbarei auch aus europäischer Sicht (vgl. Z. 12–14)
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Kritik an der Tätigkeit der christlichen Missionare in China (vgl. Z. 15–21).