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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe II

Thema:Reformbestrebungen in China

(Rahmenthema 2 mit Übergriff auf Rahmenthema 1)

Aufgaben

1.

Fasse das Material nach einer quellenkritischen Einführung zusammen.

30 %

2.

Vergleiche ausgehend vom Material die chinesischen Reformbestrebungen mit denen im zaristischen Russland hinsichtlich Ursachen, Maßnahmen und Ergebnissen.

40 %

3.

Nimm Stellung zu Rohrbachs Sicht auf China.

40 %

Material

Der deutsche Kolonialschriftsteller Paul Rohrbach schreibt 1908 in seinen „Deutsch-Chinesischen Studien“ unter der Kapitelüberschrift „Das chinesische Problem“:

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Die Chinesen haben bis heute die Europäer aus vollster Überzeugung für kulturlose
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Barbaren gehalten. An dieser Meinung hat sie die wiederholte Erfahrung unserer
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überlegenen Kriegstechnik, samt allem, was damit zusammenhängt, kaum irre ge-
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macht [...]. Was sie für gewöhnlich an europäischen Elementen in den Hafenstädten
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zu sehen bekommen hatten, war rohes Seemannsvolk oder Freibeuter und mehr
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oder weniger zweifelhafte Glücksritter von allerlei Art, - Kaufleute, denen weder an
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dem Verständnis des chinesischen Wesens noch an der daraus entspringenden Rück-
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sichtnahme auf seine Besonderheiten etwas lag, sondern nur am Handelsgewinn [...].
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Am allerwenigsten waren die Erfahrungen, die man in China mit europäischen Trup-
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pen bei den Kriegen der Engländer und Franzosen in den fünfziger und sechziger Jah-
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ren gemacht hatte, dazu geeignet, bessere Vorstellungen von der westlichen Zivilisa-
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tion hervorzurufen. Was die Chinesen bei diesen Expeditionen zu sehen und zu spü-
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ren bekamen, war allerdings von Barbarei nicht nur im chinesischen, sondern auch
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im objektiven Sinne kaum mehr verschieden. [...]
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Die Missionare, evangelische wie katholische, sind im 19. Jahrhundert vom chinesi-
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schen Standpunkt aus eigentlich die Plage Chinas gewesen [...]. Das Schlimme war,
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dass den Missionaren ohne Unterschied der Konfession infolge ihres niedrigen Bil-
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dungsstandpunktes und ihrer mangelhaften Vorbereitung oft die Fähigkeit, zuweilen
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sogar der gute Wille abging, das chinesische Wesen im Zusammenhange mit der gan-
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zen Kultur und den Staatseinrichtungen zu begreifen und die Methode ihrer Tätigkeit
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einer solchen Einsicht anzupassen. [...]
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Bei dem Bestreben, sich der Fremden zu erwehren und ihren Ansprüchen wo möglich
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mit Gewalt zu begegnen, haben sich die Chinesen auffallend lange der Täuschung
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hingegeben, dass es genügen würde, Waffen und Kriegsschiffe zu kaufen, um den
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Europäern gewachsen zu sein. Die Idee, dass hinter der europäischen Waffen- und
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Maschinentechnik mehr stecke, als das bloße Wissen um die Anfertigung dieser
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Dinge, und dass die westliche Kultur als solche ein geschlossenes Ganzes sei, aufge-
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baut auf besonderen, der chinesischen Erfahrung und den chinesischen Ideen über
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Welt und Denken überlegenen Prinzipien, ist den Chinesen in ihrem ungeheuren na-
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iven Selbstbewusstsein, das dem Fremden nicht selten als lächerlicher und aufgebla-
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sener Dünkel erscheint, bis an die Schwelle der Gegenwart nicht gekommen. So
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mussten die Versuche zu einer Militärreform nach westlichem Muster, so mannigfal-
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tig sie waren, doch vergeblich bleiben. China baute Forts nach europäischer Art an
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den wichtigsten Eingangspforten des Fremdenverkehrs: an den Mündungen des Siki-
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ang, des Jangtse und des Peiho und armierte sie mit europäischen Geschützen; es
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kaufte Kanonen und Gewehre in Mengen und versuchte sie nach Möglichkeit selbst
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herzustellen, errichtete Arsenale und hielt sich europäische Instrukteure; es machte
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sogar einen Anlauf zur modernen Seemacht und gab für all diese gänzlich unproduk-
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tiven Anschaffungen Summen aus, die mit Rücksicht auf die wirtschaftlichen Zu-
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stände des Reichs viel zu groß waren - aber natürlich ohne den gewünschten Erfolg.
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Die Fremden zeigten sich nach wie vor als die Stärkeren. [...]
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1902 war die Boxerepisode durch die formelle Wiederaufnahme der Beziehungen mit
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dem chinesischen Hofe abgeschlossen. Zwei Jahre später brach der russisch-japani-
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sche Krieg aus: nicht zuletzt wegen der Erkenntnis der Japaner, dass sie zur Errei-
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chung ihrer Absichten in China Russland erst niederkämpfen müssten. Nach dem
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Kriege verfielen die Chinesen, die während des Jahrzehnts vorher sich daran gewöhnt
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hatten, in Russland ihren gefährlichsten Feind zu erblicken, in den Fehler, zu glauben,
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dass Japan in Russland Europa besiegt und seine Stärke gegenüber dem Westen über-
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haupt dargetan habe. Für die politischen Folgen in China kam es aber auf die Frag-
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würdigkeit dieses Urteils nicht an, sondern nur auf seine durchschlagende Kraft.
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Diese begann sich alsbald in der überraschendsten Weise zu äußern: Der Ausgang des
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Ringens zwischen Russland und Japan hat endgültig über den Anbruch des Reform-
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zeitalters in China und damit über den Eintritt des „Chinesischen Problems" in ein
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akutes Stadium entschieden.
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Wer die Entwicklung der chinesischen Verhältnisse in den letzten drei Jahren über-
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blickt, der wird vor allen Dingen erstaunt sein über den geradezu unglaublichen, frü-
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her für unmöglich gehaltenen Radikalismus, der sich jetzt in den Arbeiten zum Re-
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formwerk bemerkbar macht. Allerdings fehlt dabei immer noch viel an der Einsicht in
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die inneren Gründe der Überlegenheit der westlichen Kultur, die die Chinesen nach
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wie vor im Wesentlichen um ihrer technischen Seite willen wichtig erscheint. Japan
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hat ihnen vor allen Dingen den Beweis geliefert, dass es möglich sei, den Fremden
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durch Aneignung ihrer technischen Besitztümer ebenbürtig zu werden. Das in der
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Hauptsache ist es auch, was China vorläufig bei den in Angriff genommenen Refor-
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men erstrebt. Das Überraschende dabei ist aber die Schnelligkeit, mit der die Reform-
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frage zu einer alles in China beherrschenden staatlichen Wichtigkeit in die Höhe ge-
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wachsen ist, und die Intensität, mit der sie die öffentliche Meinung des Landes be-
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schäftigt. [...]

Fundort: Paul Rohrbach: Deutsch-Chinesische Studien, Berlin 1909, S. 21 f., 26, 29.

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