Aufgabe 1
Thema
Menschenbilder
Aufgabenstellung
Gib die zentralen Gedanken des Interviews mit eigenen Worten wieder.
Setze die im Text deutlich werdende psychologische Interpretation vom Menschen in Beziehung zu Grundannahmen des biblisch-christlichen Menschenbildes.
Vergleiche die hier präsentierte Jesus-Vorstellung mit Ihnen aus dem Unterricht bekannten Jesus-Deutungen.
Die beiden Psychiater des Interviews setzen Bibeltexte gezielt in ihren Therapien ein. Haben Religion und Glaube noch einen Mehrwert für die Lebensgestaltung
in einer immer säkularer werdenden Gesellschaft?
Nimm zu dieser Frage einen begründeten Standpunkt ein.
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Juckel, Georg; Mavrogiorgou, Paraskeri: Macht die Bibel resilienter? Interview mit Merle Schmalenbach und Christina Fleischmann in: Christ und Welt, Beilage in DIE ZEIT 33/2024, S. 14. (ungekürzt).
Prof. Dr. Georg Juckel (* 1961) und Prof. Dr. Paraskevi Mavrogiorgou (* 1965) sind Psychiater und Psychiaterin und haben 2023 ein Sachbuch herausgegeben zu den Parallelen von Psychotherapie und Religion.
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Die beiden Psychiater erklären im Interview, dass sie die Bibel im Umgang mit ihren Patienten in vielfältiger Hinsicht therapeutisch einsetzen. Niemand müsse dabei jedoch befürchten, mit der Bibel überrumpelt zu werden.
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Die Bibel eigne sich in der Therapie besser als philosophische Texte, da sie in einfacher, allgemein verständlicher Sprache geschrieben sei, Lebenskrisen jeder Art thematisiere und sich schützend vor die Person stelle und ihr Halt gebe. Die Arbeit mit Bibeltexten gehe sogar bei einigen Patienten tiefer als andere psychiatrische Ansätze.
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Die beiden Psychiater würden Patienten mit klassischen psychiatrischen Erkrankungen behandeln, aber auch viele Menschen mit Befindlichkeitsstörungen.
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An der Person Jesu und ihrer Sanftmut im Umgang mit Menschen lasse sich die Fähigkeit der Bewältigung von Krisen in besonderer Weise aufzeigen. Selbst im Kreuzestod habe Jesus seelische Stärke bewiesen. Jesus könne darüber hinaus als der „erste Psychotherapeut“ (Z. 64) bezeichnet werden. Er baue auf die Selbstwirksamkeit des persönlichen Glaubens an die Wirkmacht Gottes.
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Die Bibel könne mit ihren Texten neben einem ganzheitlichen Zugang eine weltanschauliche Dimension in den Blick nehmen, die von der Psychiatrie ansonsten eher ausgeklammert werde. Gott als personales Gegenüber des
Menschen entspreche dem Grundmodell des Dialogischen in der Psychotherapie.
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Als biblische Beispielerzählungen in einer Behandlung nennen die beiden Psychiater die Bücher Kohelet und Hiob, die den Patienten Orientierung und Hoffnung geben bzw. Sinn stiften könnten. Gott erweise sich in ihnen als eine
höhere Macht, der man sich mit seinen Sorgen und Nöten anvertrauen könne.
Aufgabe 2
Die vorliegende psychologische Interpretation vom Menschen beschäftigt sich mit der seelischen Verfasstheit des Menschen, insbesondere mit Krankheitsbildern (Vgl. Z. 31-41). Die beiden Psychiater gehen davon aus, dass auch in der Bibel
vergleichbare Krankheitssymptome und Therapieansätze zu verzeichnen sind. Ihrer Ansicht nach sind Lesarten biblischer Erzählungen grundsätzlich vereinbar mit psychiatrischen Ansätzen (Vgl. Z. 24-29).
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Für die beiden Psychiater ist der Mensch ein Wesen, das Bedürfnisse hat und Beziehungen eingeht (Vgl. z. B. Z. 21f, 100 ff.). Auch in der biblisch-christlichen Anthropologie wird der Mensch als soziales und dialogisches Wesen betrachtet
(Vgl. Gen 2). Die Gottebenbildlichkeit (Gen 1,27) spielt im vorliegenden psychiatrischen Ansatz keine Rolle, wohl aber die Wertschätzung gegenüber dem Einzelnen (Vgl. Z. 19 ff., 41 ff.), die in der christlichen Tradition mit dem Würdebegriff
umschrieben wird.
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Sowohl der psychologische Ansatz als auch die biblisch-christliche Anthropologie sieht den Menschen als grundsätzlich vulnerabel an. Der Mensch macht Erfahrungen des Leidens und Scheiterns und ist auf Hilfe und Trost angewiesen
(Vgl. Z. 13 f.). Beide Denkhaltungen kommen diesem Bedürfnis entgegen; in der christlichen Tradition ist allerdings der Glaube an Gott als Momentum im Heilungsprozess sehr viel stärker ausgeprägt. Auch in der Seelsorge ist der Zuspruch
bedeutsamer als der ebenfalls im biblisch-christlichen Menschenbild verankerte Anspruch.
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Die psychologische Interpretation des Menschen thematisiert ebenso wie die biblisch-christliche Perspektive die Befreiung des Menschen von Krankheit und Leid (Vgl. Z. 72 ff.). Darüber hinaus wird in der christlichen Tradition mit der
Metapher der Erlösungsbedürftigkeit die Befreiung von den Beschränkungen des menschlichen Daseins in den Blick genommen. Leid, Tod und Auferweckung Jesu machen das in besonderer Weise deutlich.
Aufgabe 3
Im Vordergrund der hier vorgestellten Überlegungen zur Person Jesu steht die therapeutische Qualität im Auftreten Jesu. Einige andere Interpretationen betonen
ebenfalls ausschließlich die menschliche Seite Jesu, während andere eine implizite oder explizite Christologie vertreten.
Mögliche Aspekte:
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Jesus als Kyniker, der durch seinen bedürfnislosen Lebensstil Menschen auf provokante Art und Weise herausfordert umzudenken und bürgerliche Werte in Frage stellt (z. B. Kritik am Reichtum, Vgl. Mt 19,16-30; afamiliäres Ethos, Vgl. Mt 12,46-50).
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Jesus als religiös motivierter Umkehrprediger, der in den Evangelien nicht nur als sanft (Vgl. Z. 60 ff.), sondern auch als unnachgiebig und entschieden präsentiert wird und der im Gericht Menschen nach ihren Taten beurteilt (Vgl. Mt 25,31-46).
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Jesus als Vorbild im Sterben: Im Kreuzestod gibt Jesus ein Beispiel dafür, wie Menschen sich von Gott aufgefangen wissen können (Vgl. Z. 57 ff.). Darüber hinaus wird biblisch-christlich die erlösende Macht des Leidens und Todes Jesu betont (1 Kor 15,3).
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In der modernen Popkultur wird Jesus oftmals als Held, Retter und Erlöser präsentiert und mit Figuren aus dem Superheldenuniversum korreliert. Hier wird vor allem seine Qualität als Wundertäter und Kämpfer gegen das Böse in den Blick genommen.
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In der Christologie, die sich insbesondere in den Konzilien der Alten Kirche zeigt, wird Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch sowie als zweite Person der Trinität definiert.
Aufgabe 4
Mögliche Aspekte und Ansätze:
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Im vorliegenden Beispiel wird deutlich, wie Religion und Glaube der Kontingenzbewältigung dienen können. Der Mensch ist ein Wesen, das nach Sinn fragt, insbesondere in Krisenmomenten, und das seine irdische Existenz transzendieren möchte.
Dieses Bedürfnis kann in vielerlei Formen gestillt werden, die nicht immer explizit religiösen Charakter tragen müssen (z. B. politische Ideologien). Gleichwohl sind Religion und Glaube im Bereich der Existenzerhellung und Sinnorientierung nach wie vor etabliert. Die Hoffnung auf
ein gutes Ende (Eschatologie) ist eine Motivation, nicht zu verzweifeln und das „Dennoch“ zur Grundlage des Lebens zu machen.
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Das Christentum wie auch andere (monotheistische) Religionen verkünden Gott als ein personales Gegenüber des Menschen, an das man sich wenden und dem man sich mit seinen Sorgen und Nöten im Gebet anvertrauen kann (Vgl. Z. 95ff). Viele Glaubende nehmen diesen Transzendenzbezug einerseits wahr als Trost, andererseits aber auch als Stärkung in den Konflikten des Alltags. Glaube ermöglicht Freiheit gegenüber Zumutungen und Widerstand gegenüber Ungerechtigkeit.
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Die biblisch-christliche Religion nimmt über ihr Ethos nach wie vor einen bedeutsamen und positiv zu würdigenden Einfluss auf die säkulare Gesellschaft. Zentrale Inhalte des Grundgesetzes (z. B. Bekenntnis zur Unantastbarkeit der menschlichen Würde, Sozialstaatsprinzip), aber auch Prinzipien der Politik und Rechtsprechung (z. B. Recht auf Asyl, Lebensschutz) basieren auch auf biblischen Werten und tragen zu einer Kultur der Mitmenschlichkeit bei.
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Im Rahmen der Religionskritik sind immer wieder auch die lebensfeindlichen und krankmachenden Aspekte von Religion und Glaube benannt worden. Nach wie vor sind Krieg, Terror, Unterdrückung, die Exklusion von Menschengruppen und die Zerstörung der menschlichen Integrität im Namen der Religion festzustellen. Viele Menschen halten deshalb die säkularen Gesellschaften den religiös basierten Gesellschaften für überlegen, da nur in jenen Toleranz, Humanität und Menschenwürde konsequent geachtet würden.