Aufgabe 2
Thema
Kirchenkrise
Aufgabenstellung
Fasse die zentralen Aussagen des Autors in eigenen Worten zusammen.
Ordne Kossens Onlinebeitrag in die aktuelle Debatte zu den Formen und Ursachen der Glaubens- und Kirchenkrise in Deutschland ein
„Christ*innen stehen ein für eine Kirche, die sich die Hände schmutzig macht für eine bessere Welt.“ (Z. 77 f.)
Belege diese ethische Forderung biblisch-christlich.
Der Autor behauptet, die derzeitige Kirche sei nicht mehr reformierbar. Eine neue und bessere Kirche könne nur „er-scheitert“ werden (Vgl. Z. 21-33).
Setze dich kritisch mit dieser Position bezogen auf die Kirche in Deutschland auseinander.
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Kossen, Peter: Diese Kirche ist nicht reformierbar – eine neue muss „er-scheitert“ werden, in: Kirche+Leben – Das katholische Online-Magazin, 08.12.2022.
Peter Kossen (* 1968) ist Pfarrer in Lengerich (Kreis Steinfurt) und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Bekannt wurde er durch seinen Einsatz
für Arbeitsmigranten und gegen deren Ausbeutung etwa in der Fleischindustrie.
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Kossen kritisiert in seinem Onlinebeitrag das Versagen und selbstbezogene Gebaren der institutionellen Kirche sowie deren Unfähigkeit zu tiefgreifenden Reformen. Er stellt die These auf, dass eine grundlegend erneuerte Kirche nur durch einen radikalen Neubeginn entstehen könne.
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Relevanz erhalte die Kirche in ihrer Aufgabe, den Menschen Gottes Heil zu verkündigen und erfahrbar zu machen. Doch anstatt sich angesichts weltweiter Krisen und Notlagen – auch vor Ort – auf ihr prophetisches und karitatives Wirken zu konzentrieren, kreise die Institution Kirche um ihre eigenen strukturellen Probleme und sei nur auf die Wahrung ihrer Privilegien bedacht.
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Ideologisch und ohne theologische Grundlage verharre das Führungspersonal etwa hinsichtlich der vorherrschenden klerikalen Machtstrukturen, der Rolle der Frau oder des Umgangs mit Homosexualität stur in alten Strukturen, was die Einwände des Vatikans gegenüber der Reformbewegung des „Synodalen Weges“ unterstreichen würden.
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Da die derzeitige Kirche laut Kossen mit den angestoßenen halbherzigen Neuerungen nicht reformierbar ist, könne eine grundlegend erneuerte Kirche nur im Zuge eines radikalen Scheiterns erreicht werden, das die guten Grundlagen offenlege.
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Jesus selbst sei Apokalyptiker gewesen, weshalb Christen es in seiner Nachfolge mutig wagen könnten, an der Gestaltung einer neuen Wirklichkeit, in der das Reich Gottes erfahrbar wird, mitzuwirken. Es gelte daher eine neue Kirche aufzubauen, die integrativ wirke, die Macht teile, die die Würde aller Menschen achte, die an der Seite der Schwachen stehe und sich für die Bewahrung der Schöpfung einsetze.
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Schlussendlich kann sich Kossen eine persönliche Trennung von der Kirche nicht vorstellen und bekennt seine Bereitschaft, an einem „Wiederaufbau“ (Z. 89) mitzuwirken.
Aufgabe 2
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Kossen deutet die aktuelle Kirchenkrise als eine institutionelle Krise. Seine Analyse berührt sich mit Reformbestrebungen innerhalb der Kirche (Synodaler Weg) sowie der universitären Theologie:
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Führungskrise: Papst, Kurie und Bischöfe setzen seiner Ansicht nach kirchenpolitisch und moraltheologisch falsche Akzente. Innerkirchliche Reformbewegungen würden ausgebremst (Vgl. z. B. Z. 19–21; 48–56).
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Organisationskrise: Kirchliche Strukturen seien zu lange vom Vorhandensein geweihter Männer abhängig gemacht worden, ohne die Kompetenzen von Laien angemessen zu berücksichtigen (Vgl. Z. 42–44; 49f).
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Glaubwürdigkeitskrise: Das leitende Personal der Kirche bewerte selbstbezogen die Eigeninteressen der Kirchen höher als die Gerechtigkeit gegenüber Mensch, Tier und Umwelt (Vgl. Z. 8–15; 79–86). Auf innerkirchliche Skandale (z. B. Missbrauchsskandale) und die dadurch ausgelöste Vertrauenskrise geht Kossen explizit nicht ein.
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Pastoralkrise: Menschen würden heutzutage eine vormundschaftliche „Pastoralmacht“ und eine männerdominierte Autokratie mit ihrem repressiven und ausgrenzenden Verhalten ablehnen (vgl. Z. 56–60).
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Anders als der Synodale Weg und die universitäre Theologie hält Kossen eine „lineare Weiterentwicklung“ (Z. 27) der katholischen Kirche auf den Grundlagen des bisherigen Systems für nicht möglich.
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Unerwähnt bleiben bei Kossen Faktoren bezüglich der derzeitigen Kirchenkrise, die über den direkten Handlungsspielraum der Kirche hinausgehen: So geht der Autor nicht darauf ein, dass zentrale Inhalte des christlichen Glaubens sich im Zeitalter der Multipersonalität und der Naturwissenschaften nicht mehr plausibel bewahrheiten lassen (Kognitionskrise) und der Glaube an die Existenz Gottes hierzulande prinzipiell abnimmt (Glaubenskrise), was die Bedeutung der Institution Kirche schmälert.
Aufgabe 3
Im Zentrum der biblischen Ethik sowie auch neuerer lehramtlicher Texte steht der Schutz der Würde des Menschen sowie die Aufforderung zum gesellschaftlichen Engagement.
Mögliche Aspekte:
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Dichtungen der Bibel, die den Menschen als ein von Gott mit Würde und Verantwortung ausgestattetes Wesen hervorheben (z. B. Ps 8, Gen 1–2): Der Mensch soll als Ebenbild Gottes (Gen 1,27) Repräsentant und Verantwortlicher im Namen seines Herrn auf der Erde sein. Wie ein guter König soll er die Schöpfung gegen Feinde schützen und bewahren sowie den Schwachen zu ihrem Recht verhelfen.
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Prophetische Weisungen, in denen die besondere Verantwortung des Menschen für seine Mitmenschen zum Ausdruck kommt (z. B. Amos): Propheten wie Amos verdeutlichen den Auftrag Gottes, eine vom Willen JHWHs geprägte Kontrastgesellschaft zu bilden, in der die menschlichen Mechanismen der Ausbeutung und Unterdrückung nicht mehr funktionieren, auch wenn es gilt, dafür selbst Nachteile in Kauf nehmen zu müssen (Prophetenschicksal).
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Biblische Gebote, in denen die besondere Verantwortung des Menschen für seine Mitmenschen zum Ausdruck kommt (z. B. Dekalog, Bergpredigt): Biblische Gebote offenbaren ein christlich-solidarisches Menschenbild, das eine bessere Welt für alle anstrebt. Auch wenn etwa die Bergpredigt kein politisches Programm für den Umbau der Gesellschaft oder des Wirtschaftssystems enthält, wird ein Christentum der Tat gefordert, etwa im Dienst am Frieden, im Streben nach Gerechtigkeit oder im Einsatz für Schwache.
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Beispielerzählungen und Gleichnisse Jesu, die zur tätigen Nächstenliebe aufrufen (z. B. Lk 10,25–37; Mt 25,31–46): Jesus fordert auf, sich mit Notleidenden unabhängig von deren Ansehen oder Herkunft zu identifizieren und ihrer Not uneigennützig durch tätigen Einsatz Abhilfe zu verschaffen.
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Kirchliche Überlieferungen, in denen eine besondere Sensibilität für die Geschöpfe und deren „Funktion“ im Plan Gottes deutlich wird (z. B. Enzyklika Laudato si’): Papst Franziskus mahnt in franziskanischer Tradition zu einem veränderten Umgang mit der Schöpfung und zu einem Wandel unseres Lebensstils.
Aufgabe 4
Mögliche Aspekte:
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Bereits jetzt hat der Prozess des Scheiterns der Kirche eingesetzt: 2022 sind in Deutschland über 500.000 Menschen aus der katholischen Kirche ausgetreten, volkskirchliche Strukturen zerfallen, Gemeinden müssen zusammengelegt, Kirchengebäude profaniert werden. Ein Zusammenbruch der derzeitigen Gestalt von Kirche ist daher unvermeidbar.
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Aufgrund der Struktur der katholischen Kirche steht nicht zu erwarten, dass die Reformen in Deutschland weltkirchlich akzeptiert werden, zumindest nicht in dem Maße, wie sich die Reformer dies erhoffen. In der Kirche in Deutschland ist zudem eine Polarisierung festzustellen (z. B. Maria 1.0 und Maria 2.0), die sowohl nach innen lähmend wirkt als auch nach außen wenig attraktiv ist.
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Die Kirche selbst versteht sich seit der Urkirche als Nachfolgegemeinschaft Jesu und damit als dienende Gemeinschaft. Das Zweite Vatikanum spricht von der Kirche als Sakrament des Heils für die Welt (Lumen Gentium). Schon in der Vergangenheit ist dieser Anspruch nicht immer eingelöst worden, so dass Hoffnung auf Reformierbarkeit im Sinne dieses Kirchenbildes illusorisch erscheint.
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Die Ansicht, dass die derzeitige katholische Kirche nicht reformierbar ist, muss als zu pauschal erachtet werden, was etwa die Beschlüsse des Synodalen Weges oder auch Verlautbarungen des Apostolischen Stuhles (z. B. Erklärung Fiducia supplicans über die pastorale Sinngebung von Segnungen) untermauern.
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Kossens Kritik an der kirchlichen Selbstbezogenheit und der Vernachlässigung karitativer Aufgaben geht zu weit. Vor allem die Bereiche diakonischen Handelns der Kirche werden von der Gesellschaft weiterhin als hilfreich und den Menschen dienend wahrgenommen.
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Seit der Aufklärung stehen nicht nur einzelne Glaubenssätze, das Selbstverständnis der Kirche und deren institutioneller Aufbau in der Kritik, sondern auch der Glaube an die Existenz Gottes lässt sich nicht mehr in der Breite plausibilisieren (Atheismus, Agnostizismus, Skeptizismus). Wer glaubt, nach einem Scheitern der bisherigen kirchlichen Strukturen problemlos eine neue, bessere Kirche aufbauen zu können, irrt.