Aufgabe 1
Thema
Bedeutung des Glaubens
Aufgabenstellung
Fasse die zentralen Aussagen des Autors in eigenen Worten zusammen.
Setze die Überlegungen des Autors in Beziehung zu biblisch-christlichen Jesus- und Gottesvorstellungen.
Der Autor behauptet, dass „unsere Kirchen mit ihren Traditionen und der Fülle ihrer spirituellen Bedeutung eine große Verantwortung für das Gelingen
einer zunehmend vielfältiger werdenden Gesellschaft [tragen]“ (Z. 85-87).
Setze dich vor dem Hintergrund der aktuellen Glaubens- und Kirchenkrise in Deutschland mit der Frage auseinander, ob und inwieweit die Kirchen hierzulande diesem Anspruch gerecht
werden können.
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Kayman, Murat: Verantwortung in einer vielfältiger werdenden Gesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ). Zeitschrift der Bundeszentrale für politische Bildung, 39/2023, S. 4 f. (gekürzt).
Murat Kayman (* 1973) ist Jurist und war unter anderem im muslimischen Verband Ditib tätig. Er ist Mitbegründer der Alhambra Gesellschaft e. V., die sich aktuell mit der Evangelischen Akademie der Pfalz
zusammen bemüht, die Idee einer gemeinsamen „Akademie der Religionen“ zu realisieren.
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Kayman beschreibt in dem vorliegenden Artikel die identitätsstiftende Wirkung der Kirchen seiner Heimatstadt Lübeck für ihn als gläubigen Muslim und betont die Bedeutung von Religionen und Kirchen für ein gelingendes Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft.
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Kayman habe die Lübecker Kirchen immer als Teil seiner Heimat verstanden.
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Obschon er als gläubiger Muslim aufgewachsen sei, hätten ihm seine Eltern ohne Berührungsängste den Kontakt (z. B. im Chor) zu diesen Orten ermöglicht, die seine eigene Identität geprägt und bereichert hätten.
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So habe er am Beispiel der Lübecker Märtyrer gelernt, was es heiße, individuelle Verantwortung zu tragen. In der Auseinandersetzung mit christlicher Symbolik habe er eine umfassendere Vorstellung des eigenen muslimischen Glaubens
entwickelt.
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Wenngleich er die Vorstellung einer göttlichen Natur Jesu als Muslim nicht mittragen könne, hätten ihm die unterschiedlichen Variationen der Kreuzesdarstellungen Jesu in den Kirchen verdeutlicht, dass der menschliche Bezug zu Gott vielschichtig sei und auch in Leid und Schmerz Hoffnung umfassen könne.
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Entscheidend sei es, über den eigenen religiösen und konfessionellen Horizont hinaus für Gotteserfahrungen offen zu sein. Alle Religionen – so Willigis Jäger – seien „Wege zur Erfahrung des Göttlichen“ (Z. 63 f.), indem sie das unfassbare Wesen Gottes unter Inkaufnahme einer Reduktion begreifbarer machen würden.
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Alle Religionen, insbesondere die Kirchen, hätten die Aufgabe, die Menschen in der pluralen Gesellschaft zusammenzuführen und sich für ein gelingendes Miteinander zum Wohle aller einzusetzen.
Aufgabe 2
Murat Kayman betont den Mehrwert für den eigenen Glauben, der sich aus der Begegnung mit anderen Religionen ergibt. Dabei geht er zunächst vorwiegend auf die Unterschiede zwischen den muslimischen und den christlichen Jesus- und Gottesvorstellungen ein, ohne diese weiter zu vertiefen:
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Überzeugung, „dass Gott schön ist und die Schönheit liebt“ (Z. 41), wenngleich das Leben nicht ausschließlich schön ist: Die biblische Tradition stellt Gott als Schöpfer der Welt vor, der das Ziel hat, eine ideale Welt ohne Gewalt, Ausbeutung und Leid
zu gestalten (Gen 1-2). Jedoch blendet die Bibel nicht aus, dass die Realität oft eine andere ist (z. B. Gen 4), und kennt daher die Vorstellung eines zürnenden und richtenden Gottes (z. B. Gen 6) ebenso wie das Bild eines unbegreiflichen Gottes, der scheinbar abwesend in großer Not ist (Ijob).
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Tradition im Islam, auf Bilder und konkrete Vorstellungen des Göttlichen zu verzichten (Vgl. Z. 36 f.): Nach biblisch-christlichem Verständnis offenbart sich Gott den Menschen auf vielerlei Weise. Dabei wird die Spannung zwischen der Selbstoffenbarung Gottes bei bleibender Unverfügbarkeit deutlich (Ex 3). Zwar kennt auch die Bibel für Gott als Unverfügbaren ein Bilderverbot (Ex 20,4), jedoch hat sich nach christlichem Glauben Gott in seiner Menschwerdung in Jesus Christus auf unüberbietbare Weise selbst offenbart und seine Liebe zu den Menschen gezeigt.
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Unvereinbarkeit der christlichen Glaubensvorstellung im Hinblick auf die Natur Jesu mit dem Islam (Vgl. Z. 51 f.): Während Jesus im Koran als großer Prophet und als Gesandter Gottes, nicht aber als Sohn Gottes vorgestellt wird, ist für das christliche Glaubensbewusstsein die Vorstellung von der Menschwerdung Gottes zentral, wobei die christliche Trinitätslehre Jesus ganz an die Seite Gottes rückt. Dieses Spannungsverhältnis wird ausgedrückt durch die Formel von der göttlichen und menschlichen Natur Jesu (Konzil von Chalcedon). Auch in der Bezeichnung Jesu als Christus (Messias) wird dieses Spannungsverhältnis deutlich.
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Widerspruch zwischen der christlichen Verkündigung (Kreuzigung und Auferstehung Jesu) und der muslimischen Lehre (Vgl. Z. 43 f.): Zentral für das christliche Glaubensbewusstsein ist die Darstellung des gekreuzigten Jesus, der als Erlöser die Leiden der Menschen in sein Leiden aufnimmt. Die Evangelien und christliche Spiritualität tragen zur Variation der Kreuzesdarstellungen (Vgl. Z. 45 f.) bei.
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Letztlich bleibt Gott allerdings sowohl nach muslimischer als auch nach christlicher Tradition ein Geheimnis (Negative Theologie). Laut Kayman sei Gottes ganze Fülle ohne eine Offenheit für die Gotteserfahrung anderer Religionen oder Konfessionen nie erfahrbar (Vgl. Z. 58-60; 70ff); diese These ist in der christlichen Tradition umstritten.
Aufgabe 3
Unter Traditionen können Glaubensinhalte, Riten, ethische Normen, aber auch soziale Praktiken verstanden werden, die sich in der Geschichte gebildet und eine prägende geistige Bedeutung (Spiritualität) für Menschen erlangt haben bzw. hatten.
Mögliche Aspekte:
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Kirche steht mit ihrem Angebot für eine bestimmte Art und Weise, die Welt zu deuten. Insbesondere hält sie die Gottesidee, eine bestimmte mit dem Glauben an Gott verknüpfte Vorstellung vom Menschen sowie die Vorstellung von einem Gesamtsinn wach. Hier stößt sie in Mitteleuropa angesichts dominierender agnostischer Tendenzen zunehmend an Grenzen. Christliche Essentials wie Schöpfung, Verdankt-Sein, Schuld und Vergebung, Hoffnung auf Rettung jenseits des Todes werden nur noch von einer Minderheit als geistiges Fundament für
gelingendes Leben angenommen. Andere Glaubenstraditionen werden z. T. mit neuem Sinn gefüllt (Weihnachten, Feiertage/Auszeiten, Pilgern).
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Kirche versteht sich als missionarische Gemeinschaft, die gesellschaftlich, kulturell und politisch wirksam sein möchte. So mischt sie sich in Debatten ein, um für christliche Grundwerte zu werben. Dieses gelingt in verschiedenen Bereichen durchaus (z. B. Blick auf Bedürftige, interreligiöser Dialog), in vielen Fragen findet ihre Stimme zunehmend weniger Gehör (z. B. Lebensschutz).
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Kirche wird seit vielen Jahrzehnten von ihren eigenen Mitgliedern nicht nur als Glaubensgemeinschaft, sondern v. a. auch als Servicekirche wahrgenommen bzw. ausdrücklich gewünscht. Kirchliche Einrichtungen wie Schulen, Kitas, Krankenhäuser oder Pflegedienste werden uneingeschränkt als wichtiger Beitrag für das soziale Miteinander wertgeschätzt. Lebensbegleitende Riten (Hochzeit, Beerdigung) finden nach wie vor Zuspruch, werden aber schon säkular adaptiert. Kirche befindet sich seit geraumer Zeit im Krisenmodus (Legitimations-, Struktur-,
Vertrauens-, Pastoralkrise etc.). Es steht zu erwarten, dass mit dem Auflösen der volkskirchlichen Strukturen nicht nur der gesellschaftliche Einfluss von Kirche schwindet, sondern sich auch die Bindung von Gläubigen an Kirche verändern wird. Insbesondere die katholische Kirche steht vor einer Neudefinition ihres Selbstverständnisses in zentralen Bereichen (z. B. Hierarchie und Synodalität, Rechte von Frauen, Sexualmoral). Allerdings leidet auch die evangelische Kirche an Bedeutungsverlust. Das Christentum scheint nicht nur institutionell, sondern auch als kulturelle Formation in einer Krise zu stecken und damit der von Kayman erhofften Funktion immer weniger gerecht werden zu können.