Aufgabe I
I. Übersetzung
Übersetze den anliegenden lateinischen Text in angemessenes Deutsch!
II. Interpretation
Arbeite aus dem Text die Argumente und Beweggründe heraus, die dazu führen, dass Collatinus ins Exil geht!
Nenne fünf verschiedene sprachlich-stilistische Mittel, die im Text vorkommen, und erkläre deren Funktion im Textzusammenhang!
Stelle dar, welche Anforderungen Cicero in seinem Werk de officiis an die Staatsmänner stellt, und beurteile vor diesem Hintergrund, inwiefern Collatinus diesen Anforderungen gerecht wird!
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Übersetzungstext
L. Tarquinius Collatinus hat mitgeholfen, den tyrannischen König Tarquinius Superbus aus Rom zu vertreiben, obwohl er selbst zu dessen Familie gehört. Zum Dank wird er zusammen mit Brutus (vgl. Z. 1) zum Konsul der jungen Republik gewählt. Doch nach der Wahl wachsen in Rom die Befürchtungen, als Verwandter der vertriebenen Könige könne er seine Macht missbrauchen. Die Römer erwarten daher nicht nur seinen Rücktritt, sondern wünschen sich, dass er die Stadt verlässt.
(175 Wörter ohne die in Z. 12-14 übersetzte Passage)
Anlage 2
Hilfen
Z. 1 serere, sero, sevi, satum – ausstreuen; verbreiten
Z. 2 omnium primum – zuallererst
ius iurandum, iuris iurandi n. – Versprechen; Gelöbnis (Die Römer hatten nach der Vertreibung der Könige geschworen, nie mehr zur Monarchie zurückzukehren.)
ops, opis f. – Kraft; Macht
Z. 3 eo pertinere (pertineo) – hier: dafür nützlich sein
regium nomen (n.) – der Name der Könige (Gemeint ist der Familienname der Tarquinier.)
Z. 4 in imperio – hier: im höchsten Staatsamt
tu – Angesprochen wird der anwesende Collatinus (vgl. dt. Einleitungstext).
Z. 5 absolvere, absolvo – vollenden
Z. 6 regium nomen – siehe Hilfe zu Z. 3
res reddere (reddo) – Vermögen erstatten (Collatinus hatte Ländereien und Häuser in Rom, die er nicht mitnehmen konnte.)
auctore me – auf meine Weisung hin
Z. 7 persuasum est animis mit AcI – hier: wir sind zutiefst überzeugt, dass
Z. 7 f. gens Tarquinia, gentis Tarquiniae f. – Familie der Tarquinier
Z. 8 abiturum – Lies: abiturum〈esse〉
Z. 9 Consuli – Gemeint ist Collatinus.
dicere incipere (incipio) – hier: zu sprechen versuchen
Z. 10 ceteri – Gemeint sind alle Senatoren mit Ausnahme des Sp. Lucretius (siehe Hilfe zu Z. 11).
Z. 11 Sp. Lucretius – Name eines vornehmen Römers
socer (soceri m.) ipsius – sein Schwiegervater
agere (ago) varie – auf verschiedene Weise argumentieren
Z. 11 f. rogando alternis suadendoque – indem er abwechselnd bat und empfahl
Z. 12 vinci se pati (patior) – sich überzeugen lassen
Z. 12 ff. Timens … cessit. – Aus Furcht, dass dieselbe Forderung nach seinem Konsulat erneut an ihn herangetragen werden würde und er dann seine Güter entschädigungslos und unter Schimpf und Schande verlieren könnte, trat Collatinus als Konsul zurück, überführte sein gesamtes Vermögen nach Lavinium und verließ die Stadt.
Z. 14 ex senatus consulto – auf der Basis eines Senatsbeschlusses
Z. 15 ferre (fero, tuli), ut – beantragen, dass
omnes, omnium m. – hier: alle Angehörigen
gens Tarquinia – siehe Hilfe zu Z. 7 f.
comitiis centuriatis – in den Zenturiatskomitien (römische Wahlversammlung)
Z. 16 P. Valerius – Name eines vornehmen Römers
quo adiutore – mit dessen Hilfe
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Das Gerede verbreitete sich in der ganzen Gemeinde; und Brutus rief das von Misstrauen aufgeregte Volk zur Versammlung. Dort verlas er zuallererst das Gelöbnis des Volkes. Das müsse mit aller Macht erhalten und keine Maßnahme, die dafür nützlich sei, dürfe verachtet werden. Das Königsgeschlecht, der Name der Könige befinde sich nicht nur in der Gemeinde, sondern sogar im höchsten Staatsamt. Das schade der Freiheit, das stehe ihr entgegen. „Diese Sorge“, sprach er, „beseitige durch deinen eigenen freien Willen, L. Tarquinius. (5) Wir erinnern uns, wir gestehen: Du hast die Könige vertrieben. Vollende deine gute Tat! Entferne von hier den Namen der Könige. Dein Vermögen werden dir deine Mitbürger auf meine Weisung hin nicht nur erstatten, sondern – wenn etwas fehlt – es großzügig vermehren. Geh als Freund! Entlaste den Staat von einer vielleicht unbegründeten Furcht! So sind wir zutiefst überzeugt, dass zusammen mit der Familie der Tarquinier das Königtum von hier verschwinden wird.“
Dem Konsul hatte zunächst die Verwunderung über diese so neue und plötzliche Lage die Stimme verschlagen. Als er dann zu sprechen versuchte, stellten sich die ersten Männer des Staates um ihn. (10) Sie ersuchten ihn mit zahlreichen Bitten um dasselbe. Und die Übrigen richteten allerdings ziemlich wenig aus. Sp. Lucretius – durch sein Alter und seinen Rang bedeutender und vor allem aber sein Schwiegervater – begann, auf verschiedene Weise zu argumentieren, indem er abwechselnd bat und empfahl, dass er sich von der Einigkeit der Gemeinde überzeugen lasse. Aus Furcht, dass dieselbe Forderung nach seinem Konsulat erneut an ihn herangetragen werden würde und er dann seine Güter entschädigungslos und unter Schimpf und Schande verlieren könnte, trat Collatinus als Konsul zurück, überführte sein gesamtes Vermögen nach Lavinium und verließ die Stadt. Brutus beantragte auf der Basis eines Senatsbeschlusses in der Volksversammlung, dass alle Angehörigen der Familie der Tarquinier verbannt sein sollen. (15) Als Kollegen erwählte er sich in den Zenturiatskomitien P. Valerius, mit dessen Hilfe er die Könige vertrieben hatte.
II. Interpretation
Argumente und Beweggründe:
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Das zentrale Argument, mit dem Collatinus konfrontiert wird, ist die Angst des Volkes, dass Mitglieder der Königsfamilie erneut eine Monarchie anstreben könnten (vgl. Z. 3–5); wenn er hingegen freiwillig gehe, befreie er die Bürger von dieser Angst (vgl. Z. 5–7).
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Die Römer würden ihn dann als Freund betrachten und sein Vermögen erstatten (vgl. Z. 6 f.).
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Besonders der Umstand, dass auch der eigene Schwiegervater sich diesen Bitten anschließt, beeindruckt Collatinus (vgl. Z. 10–12).
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Collatinus muss befürchten, dass er nach seinem Konsulat unter schlechteren Bedingungen doch aus der Stadt vertrieben wird (vgl. Z. 12–14).
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Das Hyperbaton „sollicitamque suspicione plebem“ (Z. 1) verdeutlicht in abbildender Wortstellung, wie sich im Volk das Misstrauen ausgebreitet hat.
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Die Anapher „Regium … , regium …“ (Z. 3) verweist auf die drängende Angst der Römer vor einem Wiedererstarken des Königtums.
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Das Hendiadyoin „Id officere, id obstare“ (Z. 4) hebt die fatalen Auswirkungen eines möglichen Vertrauensverlustes in die junge Republik durch die Anwesenheit des Tarquiniers hervor.
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Das Asyndeton „Meminimus, fatemur:“ (Z. 5) handelt in auffälliger Kürze die Erinnerung an die vergangenen Verdienste des Collatinus ab, um den Blick auf das in der Zukunft erwartete Exil zu richten.
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Die Alliteration „Collegam sibi comitiis centuriatis creavit“ (Z. 15) betont mit den harten Anlauten den harten Schnitt, den Brutus durch die Neuwahl eines Kollegen nach der bisherigen Krise vornimmt.
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Die Anforderungen, die Cicero an Staatsmänner stellt, beschreibt er in seinem Werkde officiiseinerseits als Pflichten (officia), andererseits als Tugenden (virtutes); sie werden von ihm als Handlungen verstanden, die sich vorwiegend im sozialen Miteinander zeigen.
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Ein den Anforderungen genügendes und pflichtgemäßes Leben ist daher immer ein politisches Leben, das sich an den vier Kardinaltugenden Weisheit (sapientia), Gerechtigkeit (iustitia), Tapferkeit (fortitudo) und Besonnenheit (moderatio) auszurichten hat.
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Durch seine Leistungen bei der Vertreibung der tyrannischen Könige (vgl. Z. 5) hat Collatinus zweifellos Mut und Gerechtigkeitssinn bewiesen; die Forderung, von seinem Amt zurückzutreten und die Stadt zu verlassen (vgl. z.B. Z. 4 f.), appelliert an diemoderatiodes Adligen, sich im republikanischen Staat in besonderer Weise zurückzunehmen und die eigenen Interessen hintanzustellen.
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Durch seinen Verzicht und seine bisherigen Taten wird Collatinus daher den Anforderungen, die Cicero an einen Staatsmann stellt, gerecht. Gleichwohl wird deutlich, dass Collatinus diese Haltung zumindest hinsichtlich seines Exils nicht aus moralischem Antrieb entwickelt, sondern eine Abwägung des persönlichen Nutzens zugrunde legt (vgl. Z. 12–14).