Aufgabe II
I. Übersetzung
Übersetze den anliegenden lateinischen Text in angemessenes Deutsch!
II. Interpretation
Nenne vier gattungsspezifische Merkmale der römischen Liebeselegie und weise eins von diesen am Text nach!
Nenne vier verschiedene sprachlich-stilistische Mittel, die im Text vorkommen, und erkläre deren Funktion im Textzusammenhang!
Arbeite den Konflikt heraus, in den Hypermestra durch den Befehl des Vaters gestürzt wird!
Stelle die Wertvorstellungen dar, die Livius der römischen Frühzeit zuschreibt, und erläutere, inwiefern das Verhalten Hypermestras diesen Wertvorstellungen entspricht!
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Anlage 1
Übersetzungstext
Danaus, der König von Argos, hat seine 50 Töchter mit den 50 Söhnen seines verhassten Bruders verheiratet. Er befiehlt seinen Töchtern, in der Hochzeitsnacht ihre Ehemänner zu töten. Nur Hypermestra verschont ihren Mann. Dafür wirft ihr Vater sie in den Kerker; von dort schreibt sie ihrem Mann einen Brief, in dem sie schildert, wie sie die Hochzeitsnacht erlebte:
(108 Wörter ohne die in V. 2 und V. 4 übersetzten Passagen)
Anlage 2
Hilfen
V. 1 gravis, gravis, grave mit Abl. – beschwert von etwas
iacebant – Subjekt sind die Ehemänner der Töchter des Danaus.
V. 2 securumque … erat – und tiefe Ruhe lag über dem sorglosen Argos (vgl. dt. Einleitungstext)
V. 3 morientes, morientum m. – die Sterbenden
videri, videor mit Inf. – glauben, etwas zu tun
V. 4 et … erat. – und da hörte ich es doch wirklich, und was ich fürchtete, war eingetreten.
V. 5 calor, caloris m. – Wärme
corpus – hier: Akk.
V. 6 frigida facta – hier: mit erstarrtem Körper
torus, i m. – Ehebett
V. 7 excutere, excutio, excussi – vertreiben
violenti iussa (orum n.) parentis – die Befehle des brutalen Vaters (Gemeint ist Danaus; vgl. dt. Einleitungstext.)
V. 8 erigi, erigor – sich erheben
tela – Lies: telum
V. 9 sustulit – Lies:〈manus〉sustulit
V. 10 male tollere (tollo, sustuli, sublatum) – in böser Absicht hochheben
reccidere, reccido, reccidi – herabsinken; zu Boden sinken
V. 11 sine mit AcI – gestatte, dass; lass zu, dass
V. 12 tela paterna – Lies: telum paternum
V. 13 ausa, orum n. (Pl.) – Vorhaben; Wagnis (Sg.)
V. 14 refugere, refugio, refugi mit Akk. – vor etwas zurückscheuen
V. 15 iussa parentis – siehe Hilfe zu V. 7
V. 16 germanus, i m. – Bruder (vgl. dt. Einleitungstext)
V. 17 natura et annis – von Natur und aufgrund meiner Jugend
V. 18 facere (facio) ad mit Akk. – geeignet sein für etwas
fera tela – Lies: ferum telum
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?I. Übersetzung (Ov. epist. XIV 33–38; 43–50; 53–56)
Und schon lagen sie beschwert vom Essen und Wein und Schlaf da, und tiefe Ruhe lag über dem sorglosen Argos. Ich glaubte, um mich herum das Stöhnen der Sterbenden zu hören; und da hörte ich es doch wirklich, und was ich fürchtete, war eingetreten. (5) Das Blut entwich; die Wärme verließ den Geist und den Körper, und ich lag mit erstarrtem Körper im neuen Ehebett. Die Befehle des brutalen Vaters vertrieben die Angst. Ich erhob mich und ergriff mit zitternder Hand die Waffe. Ich will nicht Falsches sagen: Dreimal hob meine Hand das scharfe Schwert hoch, (10) dreimal sank sie mit dem in böser Absicht hochgehobenen Schwert zu Boden. Ich bewegte zur Kehle – lass zu, dass ich dir die Wahrheit gestehe – ich bewegte die Waffe des Vaters zu deiner Kehle. Aber Furcht und Liebe widersetzten sich dem grausamen Wagnis, und die reine Rechte scheute vor dem befohlenen Werk zurück. (15) „Hypermestra, du hast einen grausamen Vater. Führe die Befehle deines Vaters aus! Der da soll seinen Brüdern Begleiter sein! Ich bin eine Frau und ein Mädchen, von Natur und aufgrund meiner Jugend sanft. Die zarten Hände sind nicht geeignet für eine grausame Waffe.“
II. Interpretation
-
Subjektivität der Darstellung: Ich-Perspektive der Hypermestra, elegisches Ich, vgl. z.B. „Femina sum et virgo, natura mitis et annis“, V. 17,
-
Konzentration auf das Fühlen und Denken des Individuums,
-
Verwendung von Topoi, z.B.servitium amoris,
-
Wechsel von Hexameter und Pentameter als konstitutives Element für die römische Liebeselegie.
-
Das Hyperbaton „inque novo … toro“ (V. 6) verdeutlicht in abbildender Wortstellung, wie Hypermestra in ihrem Bett liegt.
-
Die Alliteration „frigida facta“ (V. 6) betont lautmalerisch die Kälte, die Hypermestras Körper erstarren lässt.
-
Die Anapher „Admovi iugulo … / admovi iugulo …“ (V. 11 f.) unterstreicht, dass Hypermestra mehrfach vergeblich versucht, den ungeheuerlichen Befehl ihres Vaters auszuführen.
-
Das Hendiadyoin „Femina sum et virgo“ (V. 17) verdeutlicht das Selbstverständnis Hypermestras und den Grund dafür, dass es ihr unmöglich ist, den befohlenen Mord zu begehen.
-
Hypermestra wird durch den Befehl ihres Vaters, ihren Ehemann zu ermorden, in einen Konflikt als Tochter und (Ehe)frau gestürzt.
-
Als Tochter fühlt sie sich einerseits dazu verpflichtet, die Befehle ihres Vaters auszuführen, und versucht dieses auch mehrfach (vgl. V. 8–12 und V. 15 f.).
-
Gleichzeitig schreckt sie andererseits aus Angst (vgl. V. 7 f. und V. 13) und aufgrund ihres Pflichtgefühls (vgl. V. 13 f.) davor zurück, dies zu tun.
-
Als Frau sieht sie sich körperlich und emotional nicht in der Lage, den Mord an ihrem Ehemann zu begehen (vgl. V. 17 f.).
-
Für Livius sind zentrale römische Werte wievirtus, fortitudo, honor, pietasundmoderatiowichtige Bestandteile einer von ihm idealisierten Frühzeit Roms. Sie sind ganz auf Staat, Gesellschaft und Familie ausgerichtet und dienen dem Wohl des Staates und der Gemeinschaft, wobei der persönliche Einsatz für den Staat z. B. in Form vongloriaanerkannt wird.
-
Bei Livius soll das idealisierte Verhalten Einzelner in der Frühzeit seiner eigenen Generation zum Vorbild dienen; das umfasst auch vorbildliches Handeln der Frauen.
-
Hypermestra lässt sich in ihrem Handeln vonpietasundcastitas(vgl. V. 13 f.) leiten und kann so als Vorbild im livianischen Sinne dienen. Der moralische Konflikt, in den Hypermestra von ihrem Vater gestürzt wird, ist allerdings eher untypisch für Livius’ Darstellung der Frühzeit.