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Ich blicke zurück in die Geschichte und vollziehe die Entwicklung der vergangenen Jahr-
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zehnte und Jahre gedanklich noch einmal nach. [...]
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Die gute Nachricht ist: Die Entwicklung seit 1945 bis heute ist, gemessen an Vergangen-
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heit und Ausgangslage und dem Erreichten, trotz mancher Fehlentwicklungen, Versäumnisse
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und offener Fragen noch immer eine einzigartige Erfolgsgeschichte und muss Zuversicht
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geben für die Herausforderungen, die in Deutschland und Europa bestehen und die angepackt
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Allerdings - das ist die weniger gute Nachricht - ist die Bilanz der letzten Jahre ausge-
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sprochen ernüchternd. Sie lässt sich in wenigen Sätzen auf den Punkt bringen: Europa be-
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findet sich seit dem Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert in keinem guten Zustand, um es
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sehr vorsichtig auszudrücken. [...]
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Nationale Fragestellungen und europäische Fehlentwicklungen einschließlich einer mit
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voller Wucht auch Europa treffenden Finanz- und Wirtschaftskrise drohen zunehmend die
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eigentliche Idee Europas zu verdrängen. [...]
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Und wenn wir jungen Menschen das Friedensprojekt Europa vor dem Hintergrund der
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ganzen leidvollen Geschichte unseres Kontinents einerseits und der großartigen Erfolgsge-
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schichte Europas seit 1945 bis heute andererseits nicht mehr vermitteln können, wenn wir
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die materiellen Herausforderungen nicht glaubwürdig in den Griff bekommen und wenn wir
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Europa nicht endlich wieder mit einer Politik mit klarem Standpunkt und klarem Kompass
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Richtung Zukunft untermauern, dann hätten wir vor der Geschichte wirklich versagt. [...]
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Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 1945, war der Krieg, den Deutschland begonnen
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hatte, für uns verloren, lagen unser Land und unser Kontinent in Trümmern, nicht nur phy-
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sisch, auch moralisch. So viel Unheil war in deutschem Namen und in der ganzen Welt an-
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gerichtet worden, so viele Opfer hatte es gegeben, so viel Leid, dass viele - nicht nur in
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Deutschland - sich sehr bange fragten, wie es überhaupt weitergehen könnte und sollte. [...]
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Es waren an erster Stelle die Amerikaner unter Präsident Truman, die mit dem nach ihrem
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damaligen Außenminister benannten Marshall-Plan von 1947 ein umfassendes, zukunftswei-
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sendes Wiederaufbauprogramm für das vom Krieg zerstörte Europa auf den Weg brachten.
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Es waren auch die Amerikaner, die Europa und gerade uns Deutschen auf vielfache Weise
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auch in den Folgejahren des Wiederaufbaus und Kalten Krieges treu und fest zur Seite standen.
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Die Bedeutung des Marshall-Plans geht weit über seine unmittelbare wirtschaftliche Wir-
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kung hinaus. Er hatte zugleich große psychologische Wirkung und gab durch seine kluge
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Konzeption einen entscheidenden Anstoß für den Weg der europäischen Integration. Es war
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ein Glücksfall, dass George Marshall in Europa Partner im Geiste hatte, die im gleichen Sinne
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Mit seiner unverrückbaren Entscheidung für die Westbindung mit Wiedervereinigungs-
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vorbehalt führte Konrad Adenauer Deutschland auf einen neuen Kurs: Richtung Westen. Er
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brach damit gegen vielfache Widerstände mutig und weitblickend, radikal und revolutionär
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mit allen Traditionen der deutschen Außenpolitik. Er beendete damit die unglückselige Tra-
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dition einer deutschen Schaukelpolitik zwischen Ost und West und ein zentrales Problem der
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deutschen Außenpolitik seit der Reichsgründung Bismarcks 1871, nämlich die Existenz
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Deutschlands in ungesicherter Mittellage in Europa.
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Die Adenauersche Westbindung ist bis heute die Grundlage dafür, dass wir Deutschen
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und Europäer im Westen seit 1945/49 und in West wie Ost seit 1990 in Frieden und Freiheit
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leben können. Der Begriff der Westbindung steht dabei für eine geistige und ethische Stand-
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ortbestimmung und nur zufällig für eine geographische Ausrichtung. [...]
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Zu Recht und notwendigerweise verstehen sich auch viele der ehemals kommunistisch
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regierten Völker in Mittel-, Ost- und Südosteuropa, von denen die meisten heute der EU an-
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gehören, als Teil der westlichen Werte- und Kulturgemeinschaft.
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[...] Vertrauen ist ein ebenso hohes wie zerbrechliches Gut. Man kann es nicht kaufen
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und nicht erzwingen, man muss es sich erwerben, und zwar immer wieder neu.
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Ich bleibe beispielhaft in der Situation der Umbruchjahre 1989/90. Damals geriet das
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Vertrauen unserer Nachbarn und Partner in der Welt in uns Deutsche kurzzeitig und heftig
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ins Wanken. Zwar hatten wir Deutschen - gegen zum Teil massive innenpolitische Wider-
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stände, das gehört auch zur Wahrheit - vor allem mit Adenauers Westbindung nach 1945
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und meinem Festhalten am NATO-Doppelbeschluss 1982/83 wie ebenso am europäischen
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Integrationsprozess ein festes Fundament der Berechenbarkeit und der Verlässlichkeit im
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Kreis unserer westlichen Bündnispartner geschaffen. Dennoch brach nach dem Mauerfall
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zunächst das alte und vor dem Hintergrund unserer Geschichte aber durchaus verständliche
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Misstrauen plötzlich und mit voller Wucht wieder auf. Alle alten Ängste vor einem über-
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mächtigen, großen und möglicherweise gar wieder imperialistisch agierenden Deutschland
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in der Mitte Europas wurden schlagartig wieder wach.
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Auch mein klarer, zügiger Einheitskurs unter anderem mit dem richtungsweisenden und
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entgegen allen Gepflogenheiten nicht abgestimmten Zehn-Punkte-Plan vom 28. November
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1989, nur drei Wochen nach dem Mauerfall, stieß - entgegen allen vorherigen Bekenntnissen
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in allen westlichen Verträgen zur deutschen Einheit und allen Bekundungen für Frieden und
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Freiheit und Menschenrechte - bei unseren Verbündeten keineswegs überall auf Wohlwollen.
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Im Gegenteil, mein klarer Kurs Richtung Wiedervereinigung sorgte erst einmal für erhebliche
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Widerstände und Abwehrreaktionen bei unseren westeuropäischen Bündnispartnern, die in
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Wahrheit - aufgrund aller möglichen Unsicherheiten mit einem neuen großen Deutschland-
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die Frage nach der deutschen Einheit lieber in die ferne Zukunft verschoben hätten.
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Dass sich unsere Partner und Nachbarn in dieser schwierigen, von Unsicherheiten gepräg-
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ten Zeit 1990 am Ende an unsere Seite stellten, war keineswegs selbstverständlich. Sie taten
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es aus Einsicht in die Notwendigkeit, Sie anerkannten das historische Zeitfenster, sie gaben
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der Einheit der Deutschen und der Freiheit der anderen den Vorzug vor dem eigenen Sicher-
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heitsempfinden, und sie taten dies letztlich vor allem in dem Vertrauen darauf, dass Deutsch-
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land auch als wieder großes, vereintes Land dem Westen ein berechenbarer, verlässlicher
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Bündnispartner bleiben würde. Sie vertrauten darauf, dass es mit dem neuen großen Deutsch-
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land kein Zurück in die nationale Machtpolitik mit Hegemonialansprüchen des 19. und der
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ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geben würde und dass wir mit unseren Freunden und
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Partnern, eingebettet in die westlichen Bündnisse, gemeinsam den Weg von Frieden und
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Freiheit fortsetzen würden.
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Und so bleibt die deutsche Wiedervereinigung 1990 mit dem Ende des Kalten Krieges
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und eingebettet sowohl in die transatlantische Allianz als auch in die europäische Integration
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ein Triumph der Freiheit und die späte eindrucksvolle Bestätigung von Konrad Adenauers
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Politik der Westbindung mit Wiedervereinigungsvorbehalt und seinem Credo, das ich mir
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selbst aus eigener Überzeugung früh zu eigen gemacht habe: „Deutsche Einheit und euro-
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päische Einigung sind zwei Seiten derselben Medaille."