HT 2
Beschreibe das Werk „Porter Series: Espagne Ancienne (Porter with Dividers)“ (2005) von William Kentridge.
Analysiere die formale Gestaltung des Werks. Berücksichtige dabei insbesondere die Aspekte
-
Bildfläche,
-
Bildraum,
-
Materialität, Farbe und Form (einschließlich der Linienführung),
-
gestalterische Ausführung von Figur und Umraum in Bezug auf deren Abbildhaftigkeit.
Untersuche zunächst mittels einer analysierenden Skizze den Aspekt „Bildfläche“. Beziehe die dadurch gewonnenen Erkenntnisse erläuternd in die Analyse mit ein.
Interpretiere das Werk auf der Grundlage der Analyseergebnisse sowie der Zusatzinformationen. Beziehe dabei die Kenntnisse über Kentridges Verfahren und Strategien der Bildentstehung im Rahmen ihres individuellen und gesellschaftlichen Kontextes in die Überlegungen mit ein. Nimm abschließend Stellung zu der Frage, welches künstlerische Darstellungsinteresse sich in dem Bild aufzeigen lässt.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Bildmaterial:

Abbildung 1: William Kentridge: Porter Series: Espagne Ancienne (Porter with Dividers), Tapisserie, 2005, 244 x 346 cm, Stephen Tapestry Studio

Abbildung 2: Stephens Tapestry Studio: Detail einer Tapisserie: (hier: Wandteppich für Ermenegildo Zegnas Store, London)

Abbildung 3: Stephens Tapestry Studio: Detail einer Tapisserie: (hier: Wandteppich für Ermenegildo Zegnas Store, London)

Abbildung 4: Stephens Tapestry Studio, Diepsloot, Johannesburg/Südafrika (o. J.)

Abbildung 5: Ausstellungsansicht (William Kentridge: Tapestries – A Collaboration with Stephens Tapestry Studio, Wits Art Museum, Johannesburg, Südafrika 2015)
Textmaterial:
Zusatzinformationen:
-
zum Titel:
-
Espagne Ancienne (frz.): ehemaliges, altes Spanien
-
Porter (engl.): Träger, Gepäckträger
-
Dividers (engl.): Teiler, Stechzirkel1
-
-
zum werkspezifischen Kontext:
Das vorliegende Werk gehört zur sogenannten Porter-Serie, die auf der Grundlage von Papiercollagen und Zeichnungen Kentridges entstanden ist und sich mit dem übergeordneten Thema freiwilliger und erzwungener Migration sowie dem „Transportieren“ über Länder und Gewässer auseinandersetzt. Dazu nutzt Kentridge auch Landkarten aus französischen Schulatlanten des 18. Jahrhunderts.
In einem aufwendigen Verarbeitungsprozess entstehen aus diesen Collagen und Zeichnungen Wandteppiche in der Tradition französischer Webtechniken aus dem 17. Jahrhundert. Die Tapisserien werden u. a. aus südafrikanischer Baumwolle und Ziegenwolle angefertigt. Die weitere Verarbeitung erfolgt in enger Zusammenarbeit mit lokalen Webern, Baumwollspinnern und -färbern des Marguerite Stephens Tapestry Studio in Johannesburg.
(Autorentext)
-
Zitat von William Kentridge:
„Mir gefällt, dass eine Tapisserie wie eine eingefrorene Projektion oder ein tragbares Wandbild ist, das man aufrollen und zu seinem nächsten Palast tragen kann.“
Quelle: William Kentridge. A Poem That Is Not Our Own. Katalog zur Ausstellung vom 8. Juni bis 13. Oktober 2019, Kunstmuseum Basel. Köln: Verlag Walther König 2019, S. 125
Zugelassene Hilfsmittel:
-
Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
-
Skizzenpapier DIN A4, Transparentpapier DIN A4, Bleistifte, Buntstifte (6 Farben)
1 In der Navigation wird der Stechzirkel benutzt, um Distanzen auf Karten abzumessen.
Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!
monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Beschreibung des Werks „Porter Series: Espagne Ancienne (Porter with Dividers)“ von William Kentridge
In dem Werk des Künstlers William Kentridge verschmilzt eine historische Landkarte mit einer zeitgenössischen, tiefschwarzen Silhouette. Das Werk ist eine Hybridform aus Druckgrafik, Zeichnung und Collage. Es handelt sich um ein klassisches Querformat, das durch den Rahmen der historischen Landkarte vorgegeben ist. Die Collage besticht durch den harten Kontrast zwischen der filigranen, verblassten Lithografie des Hintergrunds und der massiven, fast scherenschnittartigen Figur im Vordergrund.
Die Gestalt ist in einer dynamischen, raumgreifenden Vorwärtsbewegung von rechts nach links dargestellt. Ihr Körper scheint untrennbar mit einem überdimensionalen Stechzirkel verbunden zu sein, dessen Spitzen die Geografie buchstäblich „abschreiten“ und markieren. Während die Figur durch ihre gebeugte Haltung und die groben, rissigen Konturen eine gewisse Schwere und Mühsal ausstrahlt, verleiht ihr der weite Schritt eine unaufhaltsame Energie.
Grundideen für die analytische Skizze:
-
In der analytischen Skizze werden die westentlichen Bildachsen und Schwerpunkte eingezeichnet. Dabei wird die wesentliche Formensprache herausgearbeitet. Durch Schraffuren werden die verschiedenen Abschnitte des Werks gekennzeichnet. Es werden Farbakzente gesetzt und die Geografie der Karte im Hintergrund erschlossen.
Analyse der formalen Gestaltung des Werks:
-
Aspekt „Bildfläche“
-
Betonung von Aktion und Bewegung
-
Dominanz dynamischer Wirkungsaspekte
-
Blickführung von Zirkel auf Figur
-
Kontrastierung flächiger, textueller sowie zeichenhafter Bildpartien
-
Partielle Uneindeutigkeiten/Irritationen
-
Ambivalenz zwischen Anpassung und Kontrast von Figur und Landkarte
-
-
Aspekt „Bildraum“
-
Fokussierung auf die Elemente im Bildvordergrund bei angedeuteter Räumlichkeit (Schattenriss)
-
Kontrastierung von Vorder- und Hintergrund
-
Dreidimensionale Eigenschaften des Materials
-
Konfrontative Nähe
-
Monumentalisierung
-
-
Aspekt „Materialität, Farbe und Form (einschließlich Linienführung)“
-
Ausdrucksbetonung und -steigerung
-
Dramatisierung und Suggestion von Bewegung
-
Akzentuierung, Betonung/Rhythmisierung durch sich wiederholende Bildelemente
-
Herstellen von Korrespondenzen und Verbindungen bei gleichzeitiger Kontrastierung (fein und grob, hell und dunkel)
-
Homogenisierung
-
-
Aspekt „gestalterische Ausführung von Figur und Umraum in Bezug auf deren Abbildhaftigkeit“
-
Insgesamt abstrahierte Darstellung der Bildelemente (Zirkel, Figur, Landkarte, Schriftzeichen)
-
Starke Reduktion von Räumlichkeit
-
Verschiedene Ansichtigkeiten (Aufsicht, Seitenansicht)
-
Wechsel zwischen den Größenverhältnissen (Kartenmaßstab, Figur, Zirkel)
-
Kontrastierung von flächig ausgeführten Figuren und zeichenhaftem Umraum
-
Interpretation des Werks auf der Grundlage der Analyseergebnisse sowie der Zusatzinformationen:
-
Szenisch-narrativer Charakter der Bildhandlung und die Betonung situativer Momenthaftigkeit
-
Reduzierte Ausformung einzelner Bildelemente sowie deren Kombination zur Eröffnung möglicher Assoziationsräume (Windbewegungen, Breitengrade, Markierungen, Grenzziehung)
-
Spezifische Materialität und Komplexität des Herstellungsprozesses zur Betonung der Bedeutsamkeit der lokalen kulturellen Produkte und Techniken sowie als Verweis auf Kentridges Heimat Südafrika
-
Durch den Titelzusatz („Porter“) suggerierte Anonymisierung und Entindividualisierung als Verweis auf als allgemeingültig geltende Erfahrungen (Mobilität, Bewegung zwischen Ländern und Kontinenten, Globalisierung)
-
Zum Ausdruck gebrachte Pole von freiwilliger und erzwungener Migration
-
Doppeldeutigkeit von Bildträger und Inhalt (transportabler Wandteppich und die gezeigte mühsame Fortbewegung)
-
Spezifische Interaktion von Zirkel, Träger und Landkarte des „alten Spaniens“ als Verweis auf die Ausweitung von Nationalstaaten (hier europäischer Gebiete) und deren mögliche Auswirkungen auf gegenläufige Migrationsbewegungen heute.
Einbezug von Kenntnissen über Kentridges Verfahren und Strategien der Bildentstehung im Rahmen ihres individuellen und gesellschaftlichen Kontextes:
-
Biografische und/oder gesellschaftliche, politische, historische Einflussfaktoren als Impulsgeber für den Schaffensprozess
-
Verwendung kombinatorischer Verfahren als Inspiration für den Prozess der Bildfindung
-
Wiederholter Rückgriff auf individuelle Bildmotive (Schattenfiguren, Silhouette, Zirkel, Träger, Landkarte, Schrift, Text) und das damit verbundene Spiel mit dem Uneindeutigen
-
Transformation (Ergänzung/Erweiterung/Veredelung) von Collagen und (Papier-)Arbeiten zu aufwendig produzierten Tapisserien in Zusammenarbeit mit anderen Kunstschaffenden und Handwerkerinnen und Handwerkern in Kentridges Heimat Südafrika
-
Übertragung individuell erlebter Wirklichkeit in ein existenziell verallgemeinerbares Phänomen für die Rezipientin / den Rezipienten
Anschließende Stellungnahme zu der Frage, welches künstlerische Darstellungsinteresse sich in dem Bild aufzeigen lässt:
-
Aktivierung der Betrachterin / des Betrachters zur Entwicklung eigener Erkenntnisse, einer eigenen Positionsbestimmung zu gesellschaftlichen und/oder historischen Ereignissen
-
Die verhängnisvollen Auswirkungen von Grenzen und der Einteilung in Nationalstaaten
-
Bedeutung des vorliegenden Werkes als allgemeingültiger Kommentar Kentridges zum gesellschaftlichen Phänomen Migration
-
Das Werk als insgesamt aufdeckende und appellierende Bildgestaltung im Kontext gesellschaftlich-politischer, historischer Entwicklungen (Kolonialisierung, Mobilität), Migration (erzwungene/freiwillige) mit Auswirkungen auf die Gegenwart (Machtdynamiken, ökonomische Verhältnisse).