HT 1
Aufgabenstellung
Beschreibe die vorliegenden Werke „Hurrah, die Butter ist alle!“ von John Heartfield und „Die Bernstein Familie“ von Thomas Struth.
Analysiere und vergleiche die formale Gestaltung der Werke. Berücksichtige dabei insbesondere die Aspekte
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Bildfläche,
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Bildraum (einschließlich der Schriftelemente),
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Farbe und Form,
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Perspektive (Heartfield) und Kameraperspektive (Struth),
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Lichtführung,
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gestalterische Ausführung von Figur und Umraum in Bezug auf deren Abbildhaftigkeit.
Fertige zunächst analysierende Skizzen zum Aspekt „Bildfläche“ an und beziehe die dadurch gewonnenen Erkenntnisse erläuternd in die Analyse mit ein.
Interpretiere vergleichend die Werke auf der Grundlage der bisherigen Analyseergebnisse sowie der Zusatzinformationen. Beziehe dabei Kenntnisse über die künstlerischen Verfahren und Strategien der Bildentstehung im Rahmen ihrer jeweiligen individuellen und gesellschaftlichen Kontexte sowie den jeweiligen Familiendarstellungen in die Überlegungen mit ein.
Erläutere abschließend, welches künstlerische Darstellungsinteresse sich in dem jeweiligen Werk aufzeigen lässt.
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Bildmaterial
Abbildung 1: John Heartfield: Hurrah, die Butter ist alle!, Fotomontage und Veröffentlichung als Kupfertiefdruck, 1935, 38 x 27 cm, eine Seite aus der Zeitschrift: Arbeiter Illustrierte Zeitung aus dem Prager Exil, AIZ, Jg. XIV, Nr. 51, 19.12.1935
Abbildung 2: Thomas Struth: Die Bernstein Familie, Fotografie von 1990, C-Print in der Größe von 125,8 x 158,0 cm, Museum Ludwig, Köln
Textmaterial
Zusatzinformationen:
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zur Bildunterschrift:
Hermann Göring (1893–1946): Mitglied der NSDAP, deutscher nationalsozialistischer Politiker (u. a. Reichstagspräsident, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsminister für Luftfahrt, Wirtschaft) und 1946 als Kriegsverbrecher verurteilt.
Der Bildtitel geht auf eine Rede Hermann Görings von 1935 zurück: „Erz hat stets ein Reich stark gemacht, Butter und Schmalz haben höchstens ein Volk fett gemacht“.
(Autorentext)
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zum Bild:
Die vorliegende Fotomontage erschien zunächst 1935 in der „Arbeiter Illustrierten Zeitung, AIZ“, deren Auflage im Jahre 1933 auf 500 000 Exemplare angewachsen war, und im Jahr 1939 im Magazin „Lilliput“. Die Publikation der AIZ wurde 1933 ins Exil nach Prag verlegt, wo sie noch bis 1938 erschien. John Heartfield arbeitete für die „Arbeiter Illustrierten Zeitung, AIZ“ und floh 1933 nach Prag und 1938 nach London.
(Quelle, (Zugriff: 09.01.2026) und Großer Atlas zur deutschen Geschichte. Chur und Oldenburg: Isis Verlag AG 1994, Personenregister, S. 269)
Zugelassene Hilfsmittel
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Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
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Skizzenpapier DIN A4, Transparentpapier DIN A4, Bleistifte, Buntstifte (6 Farben)
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Beschreibung der Werke und Benennung der wesentlichen Werkdaten:
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John Heartfields Fotomontage „Hurrah, die Butter ist alle!“ (1935) verspottet die NS-Rüstungspolitik. Die Komposition zeigt eine Familie in einer bürgerlichen Stube, die durch Hakenkreuz-Tapeten und Hitler-Porträts als total ideologisierter Raum markiert ist.
Anstatt zu speisen, vollziehen die Figuren – vom Säugling bis zum Hund – eine groteske Handlung: Sie verzehren Gusseisen, Ketten und Werkzeuge. Ihre Körperhaltung ist starr, die Köpfe sind ekstatisch in den Nacken geworfen und die Münder weit aufgerissen, was eine bedingungslose Hingabe an die Ideologie suggeriert. Heartfield nutzt diese Technik, um Görings Parole „Erz statt Butter“ wörtlich zu nehmen und die Absurdität der Aufrüstung auf Kosten der Lebensgrundlagen zu entlarven.
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Thomas Struths großformatige Farbfotografie (1988) zeigt eine italienische Familie in einer bühnenartigen Anordnung auf einer Terrasse. Ein zentraler, weiß gedeckter Tisch dient als kompositorischer Anker vor der ländlichen Kulisse und schafft eine Distanz zum Betrachter.
Die Aufstellung der drei Generationen ist streng hierarchisch und statisch, wobei jede Interaktion zwischen den Personen fehlt. Alle Familienmitglieder blicken mit neutraler Mimik und unbewegter Gestik frontal in die Kamera. Diese „psychologische Sachlichkeit“ erzeugt eine Spannung, die den Betrachter dazu einlädt, die Identitäten und das Beziehungsgeflecht der Gruppe allein durch das Studium der Details zu entschlüsseln.
Analysierenden Skizzen zu beiden Werken zum Aspekt „Bildfläche“:
In Analytischen Skizzen können folgende Punkte dargestellt werden:
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Verhältnis des Bildausschnittes zum Bildformat
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Ausrichtung der Figuren zur Mittelsenkrechten und -waagerechten
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Quantitative Verteilung und Anordnung der Figuren und weiterer Bildelemente im Bildformat
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Linienführung und das Richtungsgefüge, die in Beziehung zueinander gesetzt und in ihren Funktionen erläutert werden
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Bei Heartfield: optische Schwerpunktsetzungen auf Gegenstände, Dynamisierung der Bildmitte, irritierende Blickrichtungen, Kontrastierung und Rhythmisierung von statischen und dynamischen Wirkungsaspekten, Betonung von Richtungsbezügen und ihren Wiederholungen.
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Bei Struth: Ambivalenz zwischen Trennung/Gegenüberstellung der Figurengruppen (Eltern/Kinder, Männer/Frauen) durch vertikale Teilung der Bildfläche und Evokation von Verbindungen/Ähnlichkeiten zwischen Figuren/Figurengruppen. Richtungsbezüge und Rhythmisierung. Betonung von Statik/Unbewegtheit. Akzentuierung von Größenunterschieden. Kontrastierung statischer und dynamischer Akzente.
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Analyse des Aspekts „Bildraum“ (einschließlich der Schriftelemente):
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Bei Heartfield: Suggestion von räumlicher Tiefe, Illusion logisch erscheinender Gegenstände, Differenzierung und Kontrastierung von Figurenelementen und Hintergrund, Hervorhebung der kommentierenden Schrift im Zusammenhang mit dem Göring-Zitat.
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Bei Struth: Gleichzeitigkeit von Verengung und Öffnung des Bildraums durch Betonung der Flucht, Hervorhebung des Tischs als verbindendes und trennendes Element. Fokussierung der Familie vor leicht unscharfem Hintergrund, konfrontative Nähe der Personen, Hervorhebung der mittleren Person.
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Analyse der beiden Werke in Bezug auf den Aspekt „Farbe und Form“:
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Bei Heartfield: Starke Hell-Dunkel-Kontrastierung und Blickführung von den Personen zum weißen Tisch, Gleichzeitigkeit von Unordnung und ordnenden Elementen, Homogenisierung.
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Bei Struth: Differenzierung und Kontrastierung von Figuren und Hintergrund, Erzeugung Verbindung schaffender Korrespondenzen; partielle Verschmelzung von Bildelementen, Ambivalenz von Schwarz/Weil sowie Bunt/Unbunt).
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Analyse der Aspekte „Perspektive“ (Heartfield) und „Kameraperspektive“ (Struth)
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Bei Heartfield: Blickführung auf Porträt an der Wand, bühnenartige Positionierung der Figurengruppe zur Betrachterin / zum Betrachter, Betonung von Inszeniertem und Groteskem, Einbezug der Betrachterin / des Betrachters in die Szenerie
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Bei Struth: Fokussierung auf die nebeneinander in einem offenen Halbkreis/ Dreieck gesetzten Figuren; Konfrontation; Gleichzeitigkeit von Nähe und Distanz
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Analyse des Aspekts „Lichtführung“:
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Bei Heartfield: Kontrastierung der Figuren in Bezug auf Plastizität sowie Materialität; Akzentuierung einzelner Figurenelemente und derer Gestik; raumbetonende Wirkungsaspekte; wirklichkeits- naher Eindruck räumlicher sowie gegenständlicher Gegebenheiten
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Bei Struth: Akzentuierung und Kontrastierung einzelner Figurenelemente und deren Gestik; raumbetonende Wirkungsaspekte; dokumentarischer Eindruck räumlicher sowie gegenständlicher Gegebenheiten.
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Analyse der beiden Werke in Bezug auf den Aspekt „gestalterische Ausführung von Figur und Umraum in Bezug auf deren Abbildhaftigkeit“:
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Bei Heartfield:
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Einbettung von naturnahen Figuren und Figuren in einen überwiegend real wirkenden Bildraum,
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Eindeutige Identifizierbarkeit des Motivs,
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Hohe Körperhaftigkeit der metallischen Gegenstände,
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Eingeschränkte proportionale, farbliche und perspektivische Genauigkeit
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Bei Struth:
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Verzicht auf die Tiefenschärfe,
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Eindeutige Identifizierbarkeit des Motivs,
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Überwiegend hohe Stofflichkeit und Plastizität der einzelnen Bildelemente
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Interpretation und Vergleich der Werke auf der Grundlage der Analyseergebnisse sowie unter Einbezug der Zusatzinformationen:
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Gemeinsamkeiten:
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Motivische Ähnlichkeit,
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Zugrunde liegende technische Verfahren,
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Thematisierung von Familie und deren Rolle in der jeweiligen Gesellschaft auch im historischen Kontext als Anlass der künstlerischen Auseinandersetzung,
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Szenisch-narrativer Charakter zur Eröffnung von Assoziationsräumen,
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Einbezug der Betrachtenden in die jeweilige Szenerie.
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Unterschiede:
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bei Heartfield:
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Fotomontage eines beengten und z. T. überladen wirkenden Innenraumes,
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Schriftmontage als Mittel der Bloßstellung, Rekontextualisierung und Kommentierung,
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Unmittelbare Bezugnahme auf politische Figuren und Ereignisse in Bild und Zitat,
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Symbolhaftigkeit der Gegenstände,
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Motiv Familie als Darstellung einer systemtreuen Familie des Nationalsozialismus,
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Darstellung einer vermeintlich einfachen, mehrere Generationen übergreifende Familie,
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Irritation der Seherfahrung und Erwartungshaltung der Betrachterin / des Betrachters, insbesondere in Bezug auf Darstellungsweise und Handlung (Menschen essen metallene Gegenstände),
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Politische Kritik in direktem Bezug zur Bildunterschrift (Auszug einer Rede von Hermann Göring) mit dem Mittel der Übersetzung in die scheinbare Realität (Satire durch das Wörtlichnehmen)
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bei Struth:
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Teilweise improvisiert und spärlich wirkende Ausstattung in einem Garten im Westerwald und deren Bedeutsamkeit (Lebensweise, Selbstverständnis),
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Möglichkeit der Betrachterin / des Betrachters zur Anknüpfung an eigene fotografische Erfahrungen bei Familienbildern,
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Bei einem Familienporträt besonders zu berücksichtigender Aspekt der physischen und psychischen Bezogenheit der einzelnen Familienmitglieder und ihrer vermeintlichen Beziehungsstrukturen (hier: Hierarchien, Exponiertheit, Verbindungen, Trennungen).
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Einbezug der Kenntnisse über die künstlerischen Verfahren und Strategien der Bildentstehung:
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bei Heartfield:
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Bildunterschrift des Werkes in Bezug zu seiner Arbeit und seinen Veröffentlichungen aus dem Exil,
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Kritische Auseinandersetzung mit dem NS-Regime und dessen Kontext mit der Biografie von Heartfield und der Entstehungszeit seiner Arbeiten,
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Fotomontage als Mittel zur kritischen Hinterfragung der Narrationen des NS-Regimes,
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Spiel mit den stereotypen Darstellungen während der NS-Zeit,
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Bildliche und inhaltliche Übertreibung als satirisches Mittel
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bei Struth:
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Bezüge zur spezifischen Familienporträtdarstellung und deren Ausdrucksgehalt im Kontext zur Werkreihe „family portraits",
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Das sowohl bewusst Inszenierte, distanziert Dokumentarische als auch Appellierende oder Persuasive der Fotografie,
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Vom Künstler bewusst evozierte Vergleichbarkeit unterschiedlicher Familien durch die vorgegebene, sich wiederholende Arbeitsweise innerhalb der Werkreihe
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Abschließede Erläuterung, welches künstlerische Darstellungsinteresse sich in dem jeweiligen Werk aufzeigen lässt:
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bei Heartfield:
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Überführung einer künstlerischen Arbeit in eine Vorlage für eine Zeitschrift,
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Massenhafte Verbreitung als visuelles Mittel der politischen Agitation, Reflexion und Stellungnahme,
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Neukontextualisierung als Mittel der Persuasion.
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bei Struth:
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Überführung des Gebrauchsmediums Fotografie in eine künstlerische Arbeit für den musealen Kontext,
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Konzeptionelles Arbeiten in Serien,
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Effekte des Dokumentarischen und Narrativen als Mittel der Sichtbarmachung von Strukturen (u. a. familiärer, urbaner und politischer Strukturen).
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