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Aufgabenstellung
Verfasse ausgehend von dem vorliegenden Material eine fachspezifische Problemerörterung zu der Frage, inwieweit es sich bei dem Gemälde Pieter Bruegels d. Ä. „Die Krüppel“ (auch „Die Bettler“) und seinen anderen Gemälden bäuerischen Lebens um eine Karikatur, eine Allegorie, eine kritische Stellungnahme oder eine Dokumentation handelt.
Gehe in folgenden Teilschritten vor:
Untersuche das vorliegende Text- und Bildmaterial.
Diskutiere und vergleiche anhand der einzelnen Texte, inwieweit es sich um eine Karikatur, eine Allegorie, eine kritische Stellungnahme oder eine Dokumentation handelt.
Nimm unter Rückbezug auf die zuvor erarbeiteten Ergebnisse kritisch Stellung hinsichtlich der Problemstellung. Berücksichtige bei dem Urteil zudem Kenntnisse über den Künstler, andere seiner Werke und eine mögliche heutige Sicht auf das Werk.
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Bildmaterial

Abbildung: Pieter Bruegel d. Ä.: Die Krüppel, 1568, Öl auf Holz, 18,5 x 21,5 cm, Paris, Musée du Louvre
Zusatzinformationen zum Bildmaterial
Zum gesellschaftlichen und historischen Hintergrund:
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Bettler mit Behinderungen gehörten damals zum alltäglichen Erscheinungsbild der Städte und Dörfer. Verstümmelungen waren die Folge von Unfällen, Krankheiten und Krieg. Krücken und Beinprothesen halfen bei einer notdürftigen Fortbewegung. Da es keinerlei soziale Absicherung gab, waren die Betroffenen auf das Betteln angewiesen.
Mit den behelfsmäßig gebastelten Kopfbedeckungen wird auf die verschiedenen Stände angespielt: (von l. nach r.) rote Krone: König; an die Mütze angeheftetes Helmvisier aus Papier: Ritter; Pelzmütze: reicher Bürger; Mitra aus Papier: hoher Geistlicher; graue Mütze und Mantel: Bauer. Der Zweite von rechts trägt noch ein Schellenband, um akustisch auf sich aufmerksam zu machen. Zudem ist die Schelle ein Attribut der Narren.
Um 1566 erreichten die politischen Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken einen ersten Höhepunkt. Der katholische König Philipp II. hatte aus Spanien 1567 ein Heer zur Niederkämpfung der Aufständischen gesendet, was zu einer Hinrichtungswelle führte und überall Angst und Schrecken verbreitete, den Aufstand aber nicht beenden konnte.
(Autorentext auf der Basis von: Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. 2. aktualisierte Auflage. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet, 2009; Ernst Günther Grimme: Pieter Bruegel der Ältere. Leben und Werk. Köln: DuMont 1977; Rose-Marie Hagen; Rainer Hagen: Bruegel d. Ä. sämtliche Werke. Bauern, Narren und Dämonen. Köln: Benedikt Taschen Verlag 1994; Michael North: Geschichte der Niederlande. 4. aktualisierte Auflage. München: C.H. Beck 2013)
Textmaterial
Textauszug 1
Vorbemerkung: Der erste Abschnitt bezieht sich auf Bruegels Bilder im Allgemeinen, der zweite Abschnitt auf ein anderes Gemälde mit der Darstellung einer Gruppe mit Behinderungen: „Der Blindensturz“, welches ebenfalls auf 1568 datiert wird.
Richard Hamann – Geschichte der Kunst
Quelle: Richard Hamann: Geschichte der Kunst. Berlin: Verlag von Th. Knaur Nachf. 1935, S. 552 und S. 555
Textauszug 2
Jürgen Müller & Thomas Schauerte – Bruegel
Quelle: Jürgen Müller; Thomas Schauerte: Bruegel. Das vollständige Werk. Köln: Taschen Verlag 2018, S. 250
Textauszug 3
Manfred Sellink – Bruegel, die Hand des Meisters
Quelle: Elke Oberthaler; Sabine Pénot; Manfred Sellink; Ron Spronk: Bruegel. Die Hand des Meisters. Hrsg. von Sabine Haag. Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien 2. Oktober 2018 bis 13. Jänner 2019. Wien: belser 2018, S. 283
Textauszug 4
Peter Bruegel – Diagnosen
Quelle: ohne Autor/in: Peter Bruegel. Diagnosen. In: DER SPIEGEL 11/1958 (Zugriff: 09.01.2026)
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Darstellung der Figuren: Das kleinformatige Ölgemälde zeigt eine Gruppe von fünf körperlich beeinträchtigten Bettlern auf einer Wiese, die durch Amputationen und Verkrüppelungen gezeichnet sind.
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Technische Hilfsmittel: Die Figuren nutzen zeitgenössische orthopädische Behelfe wie Krücken mit Armstützen, Beinprothesen aus Holz und spezielle Vorrichtungen für Fußamputierte zur mühsamen Fortbewegung.
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Durch unterschiedliche Hüte (Krone, Helmvisier, Pelzmütze, Mitra, Bauernmütze) wird auf die verschiedenen gesellschaftlichen Stände angespielt – Adel, Rittertum, Bürgertum, Klerus und Bauernstand.
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An der Kleidung der Bettler sind Fuchsschwänze befestigt, die als Symbole für Torheit, Täuschung oder als Erkennungszeichen politischer Gruppierungen (Geusen) gedeutet werden können.
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Einer der Männer trägt ein Schellenband, das im historischen Kontext sowohl Aufmerksamkeit erregen sollte als auch als Attribut der Narren galt.
Analyse des Textmaterials:
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Karikatur und moralische Instanz (Hamann): Richard Hamann sieht in Bruegels Werk einen „revolutionären Naturalismus“, der jedoch moralisch stilisiert ist. Die derbe Darstellung diene als Karikatur, um das Lasterhafte abzuschrecken und den Betrachter zu einer mitleidlosen, wertenden Stellungnahme zu zwingen.
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Politische Allegorie (Müller & Schauerte): Dieser Ansatz deutet die Isolation der Figuren als Symbol für die Uneinigkeit der Stände im niederländischen Freiheitskampf gegen die spanische Besatzung. Der mühsame Weg zum Tor wird hierbei als Weg in Richtung Freiheit interpretiert.
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Kulturhistorische und kritische Einordnung (Sellink): Sellink weist auf die Vielschichtigkeit der Interpretationen hin (Parodie, Heuchelei, politische Allegorie). Er gibt zu bedenken, dass die Verbindung von Bettlern und Fuchsschwänzen bereits in früheren Werken Bruegels (1559) auftaucht und somit eher auf volkstümliche Bräuche wie den Karneval hindeuten könnte.
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Medizinische Dokumentation (Spiegel/Torrilhon): Der Mediziner Tony-Michel Torrilhon vertritt die These, dass Bruegel die Pathologien absolut objektiv und ohne phantastische Übertreibung festgehalten hat. Bruegel habe seine Zeit mit dem „Auge eines Arztes“ betrachtet und Krankheitsbilder sowie Hilfsmittel so präzise dokumentiert, dass sie heute noch diagnostizierbar sind
Verschiedene Deutungsansätze des Werkes:
Hinweis: In der Prüfung können verschiedene Interpretationsweisen als richtig gewertet werden, und anhand der folgenden Ansätze begründet oder ausgeschlossen werden:
Das Werk als Karikatur
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Argumente dafür: Richard Hamann sieht in der „übertreibenden, verrenkenden Manier“ ein Mittel der Karikatur. Die Derbheit sei bewusst gesteigert, um beim Betrachter ein mitleidloses Lachen zu provozieren, das „töten oder abschrecken soll“.
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Gegenargumente: Der medizinische Ansatz widerspricht dem und sieht keine „phantastischen Übertreibungen“, sondern eine „objektive pathologische Typologie“.
Das Werk als Allegorie
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Politische Deutung: Die verschiedenen Kopfbedeckungen (Krone, Mitra, Helm etc.) werden als Anspielung auf die gesellschaftlichen Stände gedeutet. Müller und Schauerte sehen darin eine Allegorie auf die politische „Uneinigkeit“ und die „divergierenden Interessen“ der Stände im Freiheitskampf gegen Spanien.
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Moralische Deutung: Sellink erwähnt die Deutung als „moralische Anklage der Heuchelei“ oder als Allegorie auf die „menschliche Entartung“ im Allgemeinen. Die Fuchsschwänze könnten als Symbole für „Torheit und Täuschung“ fungieren.
Das Werk als kritische Stellungnahme
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Soziale/Politische Kritik: Durch die Darstellung isolierter, ohnmächtiger Individuen könnte Bruegel den Zustand der Gesellschaft beklagen. Der „wehmütige Blick“ eines Versehrten und der „mühsame Weg“ zum Tor werden als Aufforderung verstanden, für die Freiheit zusammenzustehen.
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Sellink gibt zu bedenken, dass Bruegel zwar wusste, dass das Bild politische Assoziationen (Geusenaufstand) wecken würde, dies aber nicht zwingend eine absichtliche politische Aussage bedeuten muss.
Das Werk als Dokumentation
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Torrilhon argumentiert, Bruegel habe lediglich „festgestellt, was ist“, ähnlich wie ein Arzt.
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Die präzise Darstellung der orthopädischen Hilfsmittel (Krücken, Armstützen, Prothesen) dient als historisches Zeugnis für die damaligen Lebensumstände und technischen Möglichkeiten.
Synthese der Deutungsansätze:
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Während Hamann eine mitleidlose Karikatur zur moralischen Abschreckung sieht , spricht die von Torrilhon angedeutete medizinische Präzision gegen eine bloße Verzerrung. Die Figuren wirken durch ihre anatomische Korrektheit eher wie dokumentierte Realität.
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Die Kopfbedeckungen sind ein deutlicher Hinweis darauf, dass Bruegel über die reine Abbildung von Elend hinausgehen wollte. Er nutzt die Krüppel als Spiegelbild einer „verkrüppelten“, also uneinigen Gesellschaft aller Stände. Die Fuchsschwänze verstärken diesen symbolischen Charakter, da sie zeitgenössisch als Zeichen für Torheit und Täuschung bekannt waren.
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Aus heutiger Sicht ist der dokumentarische Wert immens. Bruegel hielt die Lebensrealität derer fest, die durch Kriege, Unfälle und mangelnde soziale Absicherung an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden. Er bildete eine ungeschönte Realität ab.
Kritische Bewertung und Fazit:
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Es bleibt ungeklärt, ob Bruegel eine explizite politische Botschaft senden wollte. Wahrscheinlich ist jedoch, dass er die damals herrschende Atmosphäre von Angst und Schrecken (durch die spanische Unterdrückung) in das Motiv der Ohnmacht einfließen ließ.
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Im Gegensatz zur mitleidlosen Sichtweise des 16. Jahrhunderts wird das Werk heute eher als ein empathisches oder zumindest tiefgründig humanistisches Zeugnis betrachtet. Man sieht nicht das „Lasterhafte“, sondern die soziale Verwundbarkeit und die politische Zerrissenheit einer Epoche.
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Abschließendes Urteil: Das Gemälde ist eine allegorisch aufgeladene Dokumentation. Bruegel nutzt die objektive, fast klinische Darstellung körperlicher Gebrechen, um auf einer zweiten Ebene die moralische und politische „Gebrechlichkeit“ seiner Zeit zu kritisieren. Es ist somit eine kritische Stellungnahme, die sich der Mittel der Dokumentation und der Allegorie bedient, um eine universelle Wahrheit über die menschliche Gesellschaft auszudrücken.