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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe A – Wissenschaft vs. Religion

Thema

Krieg zwischen Wissenschaft und Religion

Aufgabenstellung

1)

Gib den Argumentationsgang in M 1 wieder.

18 BE
2)

Stelle eine religionskritische Position dar und setze diese in Beziehung zu M 1.

24 BE
3)

„Wenn du meinst, dass es für deine Überzeugungen gute Gründe gibt, musst du dich zwischen Glauben und Vernunft entscheiden. Und da echte Fakten für unser Wohlergehen und für den Planeten immer wichtiger werden, sollten die Menschen den Glauben als das sehen, was er ist: Keine Tugend, sondern ein Fehler.“ (Z. 72-75)

Setze dich ausgehend von diesem Zitat mit der Position in M 1 auseinander.

18 BE

Material

Ja, es gibt einen Krieg zwischen Wissenschaft und Religion

Jerry Coyne1

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[…] Mein Ansatz ist der folgende: Ich verstehe „Wissenschaft“ als einen Koffer voller
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Werkzeuge, mit denen wir die Wahrheit über das Universum herausfinden – immer in dem
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Bewusstsein, dass diese Wahrheiten eher vorläufig als absolut sind. Zu diesen Werkzeugen
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gehören die Beobachtung der Natur, das Einordnen und Überprüfen von Hypothesen, aber
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auch der Versuch zu beweisen, dass die Hypothese falsch ist, um sich selbst von der
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Richtigkeit zu überzeugen. Darüber hinaus machen wir nicht nur Experimente, sondern
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versuchen, die eigenen Ergebnisse und die anderer zu wiederholen, damit wir uns unserer
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Schlussfolgerungen sicher sein können.
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„Religion“ definiere ich wie der Philosoph Daniel Dennett2: „Soziale Systeme, deren
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Teilnehmer sich zum Glauben an eine übernatürliche Macht oder an ein übernatürliches
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Wesen bekennen, dessen Zustimmung einzuholen ist.“ Natürlich passen viele Religionen nicht
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zu dieser Definition. Aber sie trifft auf genau jene zu, von denen es oft heißt, sie seien mit
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Wissenschaft kompatibel: Judentum, Christentum und Islam.
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Es ist wichtig zu verstehen, dass sowohl Religion als auch Wissenschaft auf
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„Wahrheitsaussagen“ über das Universum beruhen – Behauptungen über die Realität also.
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Der Aufbau einer Religion unterscheidet sich von der Wissenschaft dadurch, dass sie sich
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zusätzlich mit Fragen von Moral, Sinn und Bedeutung auseinandersetzt, und zwar mit
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empirischem Anspruch.
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Man kann sich kaum als Christ bezeichnen, wenn man nicht an die Auferstehung Christi glaubt,
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oder als Muslim, wenn man nicht glaubt, dass der Engel Gabriel Mohammed den Koran diktiert
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hat. Warum sollte man auch die autoritativen Lehren eines Glaubens akzeptieren, wenn man
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seine Wahrheitsansprüche ablehnt? […]
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Der Konflikt zwischen Wissenschaft und Glaube beruht auf den Methoden, nach denen beide
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entscheiden, was wahr ist – und welche weiteren Wahrheiten sich daraus ergeben. Es handelt
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sich also um einen Konflikt zwischen Methodik und Ergebnis.
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Im Gegensatz zu den Methoden der Wissenschaft beurteilt Religion Wahrheit nicht empirisch,
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sondern über Dogma, Schrift und Autorität – mit anderen Worten, durch den Glauben. Dieser
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ist in der Bibel definiert als „feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an
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dem, was man nicht sieht“. […]
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Aber verschiedene Religionen machen unterschiedliche – und oft widersprüchliche Aussagen,
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und es gibt keine Möglichkeit zu beurteilen, welche Aussagen richtig sind. Es gibt über 4.000
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Religionen auf diesem Planeten, und ihre „Wahrheiten“ sind sehr unterschiedlich. […]
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Und während die Wissenschaft immer besser darin wird, das Universum zu verstehen, führt
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die „Methode“ des Glaubens zu keinem Beweis für das Göttliche. Wie viele Götter gibt es?
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Was sind ihre Eigenschaften und Überzeugungen? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Warum
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gibt es moralisches und körperliches Übel? Auf keine dieser Fragen gibt es eine Antwort. Alles
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ist ein Geheimnis, denn alles beruht auf dem Glauben.
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Der „Krieg“ zwischen Wissenschaft und Religion ist also ein Konflikt darüber, ob man gute
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Gründe hat, an das zu glauben, was man tut: ob man also den Glauben als ein Laster oder
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eine Tugend sieht.
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Wie versöhnen die Gläubigen also Wissenschaft und Religion? Oft verweisen sie auf
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Wissenschaftler wie den US-amerikanischen christlichen Genetiker Francis Collins oder auf
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die vielen religiösen Menschen, die Wissenschaft akzeptieren. Aber meiner Ansicht nach geht
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es dabei um eine künstliche Aufteilung und nicht um Kompatibilität. Denn wie kann man
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einerseits das Göttliche in seinem Labor ablehnen, aber andererseits akzeptieren, dass der
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Wein, den man am Sonntag trinkt, das Blut Jesu ist?
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Andere sagen, dass gerade Religionen früher die Wissenschaft gefördert und Fragen nach
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dem Universum gestellt haben. Aber früher war jeder im Westen religiös, und man konnte
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durchaus anzweifeln, dass die Religion den Fortschritt der Wissenschaft auf lange Sicht
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gefördert hat. Sicher ist, dass die Evolutionsbiologie, mein eigener Arbeitsbereich, stark durch
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die Schöpfungslehre behindert wurde – die ausschließlich aus der Religion stammt. […]
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Ein Argument, was ich oft höre, ist die These des Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould.
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Religion und Wissenschaft, argumentierte er, widersprechen einander nicht, denn: „Die
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Wissenschaft versucht, den faktischen Charakter der natürlichen Welt zu dokumentieren und
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Theorien zu entwickeln, die diese Fakten koordinieren und erklären. Die Religion hingegen
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agiert im ebenso wichtigen, aber völlig anderen Bereich der Bestimmung, Bedeutung und
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Werte des Menschen. Das sind Themen, die der sachliche Bereich der Wissenschaft erhellen
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mag, aber nie lösen kann.“
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Das ist in zweifacher Hinsicht falsch. Erstens hat die Religion den Anspruch, das Universum
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faktisch zu beschreiben. Viele Gläubige und Theologen lehnen die Vorstellung ab, dass
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Religionen „frei von jeglichen Ansprüchen auf historische oder wissenschaftliche Fakten“
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seien.
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Religion ist auch nicht allein zuständig für „Bestimmung, Bedeutung und Werte des
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Menschen“, die sich natürlich außerdem von Religion zu Religion unterscheiden. Es gibt eine
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lange und bedeutende Geschichte der Philosophie und Ethik […] die sich auf die Vernunft als
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Quelle der Moral stützt und nicht auf den Glauben. Jede ernsthafte ethische Philosophie ist
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eine weltlich ethische Philosophie.
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Ich kann mich nicht im alltäglichen Leben auf empirische Beweise verlassen und dann aber
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auf Wunschdenken und alten Aberglauben vertrauen, um die „Wahrheiten“ zu beurteilen, die
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meinen Glauben stützen. Dies führt dazu, dass das Denken eines Menschen (egal, wie groß
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sein wissenschaftliches Renommee ist) mit sich selbst im Krieg steht.
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Wenn du meinst, dass es für deine Überzeugungen gute Gründe gibt, musst du dich zwischen
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Glauben und Vernunft entscheiden. Und da echte Fakten für unser Wohlergehen und für den
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Planeten immer wichtiger werden, sollten die Menschen den Glauben als das sehen, was er
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ist: Keine Tugend, sondern ein Fehler.

1 Jerry Allen Coyne (*1949) US-amerikanischer Professor für Biologie

2 Daniel Dennett (1942-2024) atheistischer Philosoph mit Schwerpunkt auf Philosophie der Biologie und Evolutionswissenschaft.

Aus: Jerry Allen Coyne: Ja, es gibt einen Krieg zwischen Wissenschaft und Religion. Viele Menschen sagen, dass religiöser Glaube und Wissenschaft gut vereinbar wären. Das stimmt nicht. In: Krautreporter, 8. Juli 2019. Zitiert nach: https://krautreporter.de/leben-und-lieben/2980-ja-es-gibt-einen-krieg-zwischen-wissenschaft-und-religion. Abgerufen am 15.12.2024.

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