Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Aufgabe B – Selbstbeschränkung

Thema

Selbstbeschränkung als Irrweg

Aufgabenstellung

1)

Gib den Argumentationsgang in M 1 wieder.

18 BE
2)

Stelle eine an den Begriffen Freiheit und Verantwortung orientierte theologische Position dar und vergleiche diese mit M 1.

24 BE
3)

„Die Idee, dass der klassische Freiheitsbegriff irgendwie aktualisiert, dass er an eine Epoche der Knappheit, der notwendigen Selbstbeschränkung und der verfeinerten sozialen Sensibilität angepasst werden müsse, oder auch einfach an eine aktuelle Notlage wie die Pandemie – diese Idee wirkt auf den ersten Blick modern und einleuchtend. Doch im Kern ist sie falsch und am Ende gefährlich.“ (Z. 14-18)

Erörtere diese Aussage vor dem Hintergrund einer verantwortlichen christlichen Lebenshaltung.

18 BE

Material

Selbstbeschränkung: Wir sind so frei. Auf einmal gilt Selbstbeschränkung als höhere Form der Freiheit. Ein gefährlicher Irrweg

Jan Roß

1
Vor der Freiheit wird im Augenblick viel gewarnt. Pardon: vor einem missverstandenen,
2
eingeengten, veralteten Freiheitsbegriff. Wer einer Impfpflicht1 skeptisch gegenübersteht, wer
3
trotz Klimakrise das Recht auf individuelle Mobilität verteidigt, wer im Internet auch hasserfüllte
4
Schimpfreden nicht zensiert sehen will – der hat mit dem Vorwurf zu rechnen, dass er einer
5
Art Steinzeitliberalismus anhängt. […]
6
Ein zeitgemäßer Freiheitsbegriff, so wird in solchen Urteilen unterstellt, müsse ganz anders
7
aussehen, weniger individualistisch und egoistisch. Er müsse die soziale, ökologische oder
8
gesundheitliche Verantwortung gewissermaßen bereits integrieren. Auch das
9
Bundesverfassungsgericht hat, in seiner Klima-Entscheidung im Frühjahr, mit einer
10
Weiterentwicklung des Freiheitsverständnisses experimentiert: Es hat die Freiheit künftiger
11
Generationen ins Spiel gebracht, die nicht durch einen exzessiven (nämlich
12
ressourcenverschleudernden) Freiheitsgebrauch in der Gegenwart ungebührlich
13
eingeschränkt werden dürfe2.
14
Die Idee, dass der klassische Freiheitsbegriff irgendwie aktualisiert, dass er an eine Epoche
15
der Knappheit, der notwendigen Selbstbeschränkung und der verfeinerten sozialen Sensibilität
16
angepasst werden müsse, oder auch einfach an eine aktuelle Notlage wie die Pandemie –
17
diese Idee wirkt auf den ersten Blick modern und einleuchtend. Doch im Kern ist sie falsch und
18
am Ende gefährlich. Worte müssen einen klaren Sinn haben: Freiheit ist Freiheit. Sie ist genau
19
das, was der angeblich anachronistische Freiheitsbegriff des Altliberalismus sagt: das Fehlen
20
von Beschränkung und Bevormundung, die Möglichkeit, nach eigenen Vorlieben, Einsichten
21
und Entscheidungen zu handeln. Der Anspruch, stattdessen einen anderen, umfassenderen,
22
besseren Freiheitsbegriff zu besitzen, ist Schummelei und Etikettenschwindel. Er ermöglicht
23
es, „Freiheit“ zu nennen, was tatsächlich Eingriffe in die Freiheit sind. Die Rede von der
24
„wahren“ Freiheit ist die verführerischste Maske, die man der Unfreiheit aufsetzen kann.
25
Wohlgemerkt: „Freiheit ist Freiheit“ bedeutet keineswegs „Freiheit ist alles“. Wer auf einem
26
klaren Freiheitsbegriff besteht, muss deswegen noch lange nicht die Freiheit absolut setzen.
27
Kein vernünftiger Mensch bestreitet, dass Freiheit eingeschränkt werden kann und manchmal
28
sogar eingeschränkt werden muss. John Stuart Mill, einer der großen Liberalen des 19.
29
Jahrhunderts, hat dafür das Beispiel gebraucht, dass man einen Spaziergänger, der eine
30
baufällige Brücke zu betreten im Begriff ist, durchaus auch ohne seine vorherige Einwilligung
31
erst einmal zurückreißen darf: Man muss sich nicht von der Sorge hindern lassen, er wolle
32
womöglich von seinem legitimen, unveräußerlichen Recht auf Selbstersäufung Gebrauch
33
machen. Die Liebe zur Freiheit hebt die Notwendigkeit der Güterabwägung nicht auf: Eine
34
schwer kontrollierbare Epidemie, eine drohende Umweltkatastrophe und vielleicht auch das
35
gewaltgefährliche Verhetzungspotenzial des Internets liefern starke Argumente für
36
Freiheitsbeschränkungen im Interesse des Gemeinwohls. […]
37
Die Idee einer wahren Freiheit im Gegensatz zu vermeintlich obsoleten liberalen Vorstellungen
38
hat nämlich eine hochgradig bedenkliche, abschreckende Geschichte. Bereits Georg Wilhelm
39
Friedrich Hegel, der Philosoph des preußischen Obrigkeitsstaats, hatte eine Schwäche für
40
diese Denkfigur. Echte Freiheit hieß in seinen Augen nicht, zu tun, was man möchte (das
41
nannte er „Willkür“), sondern vernünftig zu handeln – und da Hegel den Staat als eine Art
42
institutionelle Kristallisation der Vernunft verstand, kam bei seiner Geistesjongliererei
43
schließlich heraus, dass Gehorsam die wahre Freiheit ist. Oder, wie er es in einer anderen
44
Paradeformel repressiver Dialektik ausdrückte: Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.
45
Diktaturen und totalitäre Ideologien aller Art lieben diese „wahre Freiheit“. Kein
46
unterdrückerisches Regime, kein autoritäres System erklärt offen seine Begeisterung für
47
Tyrannei, Entmündigung und Versklavung. Es muss seine Absichten und sein Wesen vielmehr
48
leugnen und verschleiern. Und das gelingt am besten, wenn sich die Diktatur als Anwältin und
49
Hüterin der eigentlichen menschlichen Freiheit darstellt – während das, was Menschen
50
normalerweise unter Freiheit verstehen und unter der Diktatur vermissen, aus Diktatorensicht
51
leider ein beklagenswert primitives Verständnis dieser Idee verrät. […]
52
Wer sagt: Wegen der Pandemie, des Klimawandels oder der Radikalisierungsgefahr durch
53
hate speech im Netz müssen wir der Freiheit gewisse Grenzen setzen, der erkennt einen
54
Konflikt an und legt ihn offen. Er gibt zu, dass etwas Wertvolles geopfert werden soll, wenn
55
auch, seiner Meinung nach, mit guten, sogar zwingenden Gründen. Das ermöglicht eine
56
politische Debatte. Und indem sie erfährt, dass sie auf Freiheit verzichten soll, ein doch
57
immerhin nicht völlig irrelevantes Gut, mag die Öffentlichkeit auf die Frage kommen, ob sie
58
das wirklich will. Erst recht dürfte sie so reagieren, wenn mit programmatischer Deutlichkeit
59
ein postliberales Zeitalter ausgerufen wird. Der offene Angriff auf die Freiheit weckt auch ihre
60
Verteidiger.
61
Ganz anders, nämlich einlullend und lähmend, ist dagegen der Effekt jener neuen, angeblich
62
rücksichts- und verantwortungsvolleren Freiheitsvorstellungen, die derzeit überall propagiert
63
werden. Wenn der Lockdown3, das Fahrverbot oder die Twitter-Sperre gar keine
64
Freiheitsbeschränkungen mehr sind, sondern im Gegenteil Ausdruck eines aktualisierten,
65
umfassenderen, fortschrittlicheren Freiheitsbegriffs selbst – dann gibt es natürlich keinen
66
Grund, sich Sorgen zu machen und die Maßnahmen lebhaft und skeptisch zu erörtern. Das ist
67
ein Rezept zur Diskussionsvermeidung und Debattenerstickung. Eine freie Gesellschaft
68
kommt nicht in Gefahr, weil sie sich Beschränkungen auferlegt, selbst wenn sie es mit ihrem
69
Regulierungseifer zeitweise ein bisschen übertreibt. Aber wenn sie vergisst, was Freiheit
70
eigentlich ist, dann muss man sich Sorgen machen.

1 Impfpflicht: Der Verweis auf „Impfpflicht“ bezieht sich hier auf soziale und berufliche Einschränkungen für ungeimpfte Personen während der Coronapandemie.

2 Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts im Frühjahr 2021 zum Klimaschutzgesetz argumentiert, dass zur Wahrung der Freiheit zukünftiger Generationen, die Freiheit zur Emission von Treibhausgasen heute einzuschränken ist.

3 Lockdown: Staatliche Maßnahme zur Einschränkung des öffentlichen Lebens verbunden mit Ausgangssperren und Kontaktbeschränkungen in den Jahren 2020-21.

Anmerkungen zum Autor: Jan Roß (*1965) Journalist bei der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Autor.

Aus: Jan Roß: Selbstbeschränkung: Wir sind so frei. Auf einmal gilt Selbstbeschränkung als höhere Form der Freiheit. Ein gefährlicher Irrweg. DIE ZEIT Nr. 51/2021, 9. Dezember 2021.

Weiter lernen mit SchulLV-PLUS!

monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?

SchulLV