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Inhaltsverzeichnis

Aufgabe B – Warum ich daran glaube

Aufgabenstellung

1)

Arbeite den Gedankengang in M 1 heraus.

12 BE
2)

Erläutere unterschiedliche Perspektiven von Naturwissenschaft und der Religion in Bezug auf das Verständnis von Tod und Auferstehung und setze dies in Beziehung zu den Aussagen in M 1.

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3)

Stelle ein anderes theologisches Verständnis der Auferstehung dar und vergleiche es mit dem in M 1.

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4)

„Christen sind Protestleute gegen den Tod in all seinen Varianten: Sie bieten der Bedeutungslosigkeit, der Depression, der Feindseligkeit, der Feigheit, der Inhumanität, der Selbstsucht die Stirn. Gegen alles anzustürmen, was klein, hässlich und verzagt macht, das ist ihre Aufgabe. Das ist meine Aufgabe. Und das ist mein Verständnis von Auferstehung.“ (Z. 55-58)

Beziehe Stellung zu diesem Zitat unter Berücksichtigung des bisher Erarbeiteten.

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Material

Warum ich daran glaube

Sabine Rückert

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[…] Die Auferstehungsgeschichte ist wirklich eine Zumutung – nicht nur für den modernen
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Kopf, sie war es schon immer. Auch in der Antike. Von Anfang an stand sie unter
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Schwindelverdacht. Die römischen und jüdischen Zeitgenossen argwöhnten bereits, die
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Jünger hätten ihren toten Anführer geklaut und irgendwo versteckt und dann wie geniale
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Werbe- und Marketingspezialisten ihre frei erfundene „Botschaft von der Überwindung des
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Todes“ in einer gigantischen Promotionleistung unter die Leute gebracht. Aber warum sollten
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sie sich Mühe machen? Und warum sollte einer ihre Fantasterei ernst nehmen? […]
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Die vier Evangelisten erheben durchaus Anspruch auf eine Wahrheit. […] In einer Art
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Datierungsfetischismus werden im Neuen Testament genaue Zeitangaben gemacht, akribisch
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alle Orte und alle am Geschehen Beteiligten mit Vor- und Nachnamen aufgezählt. Irgendetwas
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muss passiert sein, damals, im Garten des Josef von Arimathia. Irgendwas, dessen Kraftstoß
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ein paar verstörte Fischer zu Gründern einer Weltreligion werden ließ, ein Kraftstoß, der das
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Christentum bis heute vorwärtsträgt. […]
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Ich glaube die Geschichte übrigens inzwischen auch. Auferstehungen gibt es. Nicht in Form
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einer fleischlichen Wiederherstellung, einer Art Neuauflage meiner Person, die plötzlich auf
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dem Planeten herumspaziert. […] Die Auferstehung ist für mich ein Sinnbild für die Befreiung
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aus den lähmenden Gesetzmäßigkeiten – denen der Welt und meinen eigenen. […]
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Das Christentum ist keine Religion der Gesetzlichkeit, sondern proklamiert deren
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Überwindung, so begreife ich es. Der Christ ist frei. Alles ist ihm möglich. Alles ist zu schaffen.
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Yes, we can! Christen können übers Wasser gehen, Stürme stillen, Teufel besiegen. Bei ihnen
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weicht die Physik der Metaphysik. Und genau das illustrieren die Wundergeschichten: Die
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Naturwissenschaft mag die Gesetzmäßigkeit des Machbaren bestimmen, das biblische
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Denken hält sich nicht dran. Natürlich bin ich anatomisch gefangen in der Biologie, ich kenne
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die medizinischen und physikalischen Grenzen meiner Natur, aber diese Erkenntnis hält mich
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nicht am Leben. Nur weil ich weiß, wie viele Haare ich auf dem Kopf habe, warum ich der
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Erdanziehung unterworfen bin und wie mein Stoffwechsel funktioniert, habe ich noch lange
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nicht verstanden, wozu dieses Leben da ist. Was ich bedeuten soll. Und warum ich alt werden
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und sterben muss.
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Das Prinzip des Lebens ist zunächst das Prinzip Angst. Vor den vielen kleinen Verlusten. Und
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vor dem einen großen. […] Das Evangelium und im Besonderen die Auferstehungsgeschichte
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lehren mich das Gegenteil. Ich, die ich mich verzweifelt am Bestehenden – an meinem Besitz,
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meinem Status, meinem sozialen Gefüge – festklammere, bin eine Tote. „Lass die Toten ihre
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Toten begraben“, steht im Neuen Testament. Brutaler geht es nicht. Durch die schiere Angst
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vor der Verarmung, der Erkrankung, dem Verlassenwerden und dem Untergang, durch das
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starre Festhalten an eigenen Bedürfnissen und alten Ordnungen hat sich der Tod in mein
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Leben geschlichen. Eine Art geistiger Tod, der mitten in der Geschäftigkeit von mir Besitz
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ergreift und der mich verfaulen lässt, während ich noch atme.
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Beim Herantasten an letzte Einsichten in eine angstfreie Existenz helfen mir die Parameter,
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denen die Materie gehorcht, nicht weiter – kein Zitronensäurezyklus, keine Newtonschen
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Gesetze, keine Wahrscheinlichkeitsrechnungen. In denen es nicht um richtige oder falsche
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Gleichungen geht, sondern um bewusstseinserweiternde Gleichnisse. Bilder, die mich aus
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meiner Berechenbarkeit, aus meiner Determination reißen und mir helfen, größer zu werden,
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als ich bin. Bilder, in denen ich nicht wiederzuerkennen bin.
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Es ist eben nicht so, dass ein rationaler Mensch – und ich halte mich dafür – die biblischen
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Geschichten nicht verstehen könnte. Ich behaupte das Gegenteil: Nur dem aufgeklärten Geist
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erschließen sie sich überhaupt. Nur wer bei nüchternem Verstand ist, kann sie ertragen und
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glauben. Würden wir die Bibel und ihre Wundergeschichten eins zu eins wörtlich nehmen, wir
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fielen zurück in die Zeiten der Finsternis und der selbst verschuldeten Naivität. […]
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Wenn ich sage, ich glaube an die Auferstehung, meine ich nicht die historische Bejahung, das
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physikalische Für-real-Halten eines widernatürlichen Vorgangs. […] Jetzt und hier will ich mir
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bloß den Himmel ein bisschen offen halten. Und in dem hellen Strahl, der durch den Spalt
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herausfällt, ändert sich für mich die Welt. Nicht im Großen, aber im Ganzen. […] Aus dem
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Blick, den ich auf meine Umgebung werfe, sickert die mich durchströmende Transzendenz in
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meinen schundbeladenen Alltag und verleiht ihm Würde und Dynamik. […]
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Christen sind Protestleute gegen den Tod in all seinen Varianten: Sie bieten der
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Bedeutungslosigkeit, der Depression, der Feindseligkeit, der Feigheit, der Inhumanität, der
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Selbstsucht die Stirn. Gegen alles anzustürmen, was klein, hässlich und verzagt macht, das
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ist ihre Aufgabe. Das ist meine Aufgabe. Und das ist mein Verständnis von Auferstehung.

Sabine Rückert (*1961), u.a. Studium der ev. Theologie, Journalistin und Autorin; stellvertretende Chefredakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Aus: Sabine Rückert: Warum ich daran glaube. In: DIE ZEIT, Nr. 16/2009. Zitiert nach: https://www.zeit.de/2009/16/Ostern, abgerufen am 15.12.2024.

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