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Inhaltsverzeichnis

Prüfungsarbeit A

Aufgaben

Interpretiere M 1. Bearbeite dabei folgende Aufgaben:

1

Skizziere den Entstehungsprozess der Weimarer Republik von November 1918 bis Januar 1919.

12 BE

2

Erarbeite aus M 1 Aussagen zum Jahr 1932 und zu den Erwartungen an die Zukunft.

10 BE
 

Bestimme den politischen Standort des Verfassers.

02 BE

3

In M 1 wird beschrieben, dass sich Teile der Bevölkerung „von der Demokratie abwandten“. (Z. 41)

Überprüfe, inwieweit mit antidemokratischen Mentalitäten das Scheitern der Weimarer Republik angemessen und umfassend begründet ist.

14 BE

4

Der Verfasser von M 1 geht Ende 1932 vom „Abstieg“ des Nationalsozialismus aus. (Z. 28 – 30)

Widerlege diese Ansicht an der Entstehung des NS-Staates in den Jahren 1933/1934.

12 BE

5

In M 1 wird der Widerstand gegen die Nationalsozialisten thematisiert. (Z. 59 – 62)

Zeige an zwei Beispielen Motive und Mittel des deutschen Widerstandes gegen das NS-Regime auf.

10 BE

M1

Auszug aus einem Artikel der „Dresdner Volkszeitung“ vom 31.12.1932

1
Kampfjahr 1933
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Außer jenen Kraut- und Schlotjunkern, die 1932 gut subventioniert wurden, wird es niemand
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schwerfallen, vom alten Jahre Abschied zu nehmen. Es war seit der Umwälzung nicht nur das
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kampfreichste, sondern für die Volksmassen auch das schwerste, drückendste, düsterste.
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Seltsamer Widerspruch: Dasselbe Jahr, das in Deutschland die Arbeitslosenzahl auf
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6 Millionen schnellen ließ und den vereinten Ansturm aller Werktätigen gegen den
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versagenden, bankrotten Kapitalismus hätte bringen sollen - dasselbe Jahr hob die
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Papensche Halbdiktatur der Kraut- und Schlotjunker in den Sattel.
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Als das Monokelkabinett seine Herrschaft antrat, wurde es als Regierung der „starken Hand"
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bewillkommnet von allen, denen Demokratie, Parlamentarismus, Volksrechte seit langem
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unbequem sind oder „überlebt" erscheinen. Aber selten hat eine Regierung so schnell
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Schiffbruch gelitten, selten ist eine so schnell zum Spielball wirtschaftsmächtiger
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Interessentenhaufen geworden, selten hat eine so rasch verschwinden müssen wie diese.
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Noch einmal, auf dem Scherbenhaufen, pflanzte sie die Fahne der Hoffnung auf und ersuchte
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die geschmähten Parteien um Hilfe, dann versank sie in ihren Trümmern. Der „General mit
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dem Oelzweig" trat an.
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Daß aber dieser Diktaturversuch, diese Verhöhnung des Reichstags und der Volksvertreter
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überhaupt gewagt werden konnte, hängt mit der Naziwelle zusammen, die in der ersten Hälfte
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des alten Jahres über Deutschland aufbrandete und heute ein unaufhaltsames Abebben zeigt.
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Was brachte diese Kurve?
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Großmäulig wie immer hatte die Hitler-Partei schon das Jahr 1931 als Siegesjahr reklamiert.
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Aber Silvester kam heran, und vom Dritten Reich war nichts zu sehen [...]. Also mußte 1932
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das Jahr der Entscheidungen werden. „Wir müssen siegen oder untergehen!" trompetete
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Goebbels. Gesiegt wurde einige Male, aber nur mit dem Maule und dem
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Stimmzettel: 13½ Millionen bei der Hindenburg-Wahl , 168 Mandate in Preußen, 230 im
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Reichstagswahlkampf vom Juli. Nichts , weniger als nichts wußte die zum Riesenvampir
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aufgequollene Demagogenpartei mit diesen Siegen, dieser Macht anzufangen. [...]
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Damit beginnt der Abstieg des nationalsozialistischen Kurpfuschertums: bei der
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Septemberwahl ein Rückgang um 13 Prozent, bei den thüringischen Kommunalwahlen um
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23 Prozent. Die Hitler-Psychose war einmal, die selbstgewundenen Kränze welken. Heute
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zittert die NSDAP vor Neuwahlen. Es dämmert in jenen kleinbürgerlich-proletarischen
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Wählerkreisen, die braunen Rattenfängermelodien nachgelaufen waren.
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In einer Erörterung eines sozialdemokratischen Blattes Sachsens über die Taktik der
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Sozialdemokratie und die Papensche Exekutive gegen die preußische Regierung Braun-
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Severing wurde zur Erklärung dieser Entwicklung ein Wort ins Feld geführt, wonach „die
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Junker und die Kapitalisten den Boden der Demokratie verlassen" hätten. Das ist leider nur
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die Hälfte der Wahrheit, und sie ist nicht gerade neu. Die eine wie die andere Besitzschicht hat
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die Demokratie gehaßt, seitdem sie in Weimar aus der Taufe gehoben wurde. Bei denen gab
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es nicht mehr viel abzuwenden. Praktisch und in der großen Politik konnten sie ihren Haß
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gegen das Mitbestimmungsrecht des Volkes erst betätigen, als sich beträchtliche
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Massen „kleiner Leute" von der Demokratie abwandten , indem sie
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nationalsozialistisch oder kommunistisch wählten. Hier liegt der Knüppel beim Hunde, und
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dies war ein wichtiges Signum dieses Jahres. Das Ende des Brüning-Kabinetts wie der
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preußischen Regierung Braun-Severing wurde nicht durch Papen, sondern vor ihm schon
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durch die Preußenwahlen entschieden, die eine wichtige demokratische Mehrheit
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zerschlugen.
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Und warum dieses Resultat? Weil die Hitler-Demagogen jahrelang alle Nöte der Weltkrise
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verlogen auf Sozialdemokratie, deutsch-französische Verständigungspolitik und Demokratie
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abschoben und die Kommunisten dieser elenden Verlogenheit übelste Beihilfe leisteten,
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anstatt - wie wir - den schuldigen Kapitalismus anzuprangern und marxistische
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Aufklärungsarbeit zu leisten.
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Und doch und trotz alledem hat der demokratische Gedanke noch vor Jahresschluß
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einen deutlichen Erfolg errungen. Papen stürzte über eine Wahlniederlage; mußte abtreten,
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weil er die demokratischen Kräfte unterschätzte. Schleicher war gezwungen, die Paperei zu
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revidieren, weil mit Bajonetten und 46 Deutschnationalen allein nicht zu regieren ist. Wartend
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sind seine Augen auf die Hitler-Partei gerichtet, er sucht eine parlamentarische Mehrheit. Denn
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keiner der „starken Männer" und solche, die es werden möchten, fühlt sich ohne solchen
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Rückenhalt wohl. Auch die Hitlerianer strebten nach dieser verfluchten parlamentarischen
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Mehrheit. Daß sie dem Hakenkreuz nicht wurde, daß die brutalste, blutrünstigste Spielart des
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Faschismus bei den entscheidenden Kämpfen des abgelaufenen Jahres in der Minderheit
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blieb, dankt das deutsche Volk der Eisernen Front, die sich an der Schwelle 1932 zu
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einer tapferen, zähen Phalanx formierte, an der sich die braune Flut brach.
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Heute ist diese freiheitliche, sozialistische Front Deutschlands längst von der Abwehr zum
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Angriff übergegangen, zum Angriff auf das bankrotte kapitalistische Wirtschaftssystem. [...]
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Europa ist überreif für eine sozialistische, übernationale Planwirtschaft. Das ist unsere
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große Forderung, unser höchstes Ziel auch im neuen Jahre.
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Es wird darum ein Großkampfjahr von mindestens derselben Heftigkeit wie 1932. Eine
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ungeheure Heerschar von Menschen, die nicht mehr Opfer und Spielball sinnloser
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Produktionsanarchie sein wollen, fordert immer stürmischer, immer leidenschaftlicher, immer
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verzweifelter eine planmäßige, über nationale Neuordnung der Welt.
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Mögen die freiheitlichen Volksmassen aller Länder bereit und gerüstet sein, im anbrechenden
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Jahre diesen Kampf um unsere großen Ziele mit opfermutigem Angriffswillen und
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sozialistischem Schöpfergeist zu führen! Diesen Silvesterruf der ganzen sozialistischen Welt!

(Hervorhebungen folgen der Vorlage.)

Aus: Dresdner Volkszeitung, Organ für das werktätige Volk, 31.12.1932, 43. Jahrgang, Nr. 306, S. 1 – 2.

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