Lerninhalte
Inhaltsverzeichnis

Prüfungsarbeit A

1

Erörtere M 1. Bearbeite dabei folgende Aufgaben:

1.1

Erarbeite aus M 1 Aussagen zur Geschichte der internationalen Beziehungen im 19. Jahrhundert.

12 BE

1.2

In M 1 wird auf die Gründung des deutschen Nationalstaates eingegangen. (Z. 60 – 62)

Skizziere den Prozess der deutschen Reichseinigung 1862 bis 1871.

10 BE

1.3

„Welche Rolle Bismarck in diesem Zusammenhang in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten [nach 1871] gespielt hat, ist durchaus umstritten.“ (Z. 65 – 66)

Beurteile Bismarcks Außenpolitik im Kaiserreich unter den Aspekten der Sicherung und Stabilität von Frieden.

14 BE

1.4

Der Verfasser von M 1 reflektiert unter anderem Ursachen des Ersten Weltkrieges. (Z. 33 – 36)

Erläutere den Anteil Deutschlands im Ursachenkomplex des Ersten Weltkrieges.

12 BE

2

Untersuche an der Kubakrise oder der Neuen Ostpolitik Möglichkeiten und Grenzen gewaltfreier Regelung internationaler Konflikte.

12 BE

M 1

Auszug aus dem Artikel „Internationale Mächteordnung vom Wiener Kongress bis zum Ersten Weltkrieg“ des deutschen Historikers Frank Lorenz Müller, erschienen 2023

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Die Geschichte der internationalen Beziehungen in Europa im 19. Jahrhundert wird von zwei
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katastrophalen Kriegserfahrungen eingerahmt. Am Beginn stehen die jahrzehntelangen
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Kämpfe zahlreicher europäischer Staaten und Staatenkoalitionen gegen das revolutionäre und
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später napoleonische Frankreich. Napoleons Versuch, eine gesamteuropäische Hegemonie
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zu errichten, hatte seine Armeen bis nach Ägypten, Spanien und Russland geführt. Diese
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Ambition konnte erst 1815 endgültig vereitelt werden – durch ein Zusammenwirken der
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anderen europäischen Großmächte. […] Am Ende des Zeitalters steht der Erste Weltkrieg, der
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Europa in einen Abgrund der Vernichtung stürzte. […]
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Im Vergleich zu diesen Katastrophen verlief das Jahrhundert, das zwischen der Schlacht von
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Waterloo im Juni 1815 und der österreichischen Kriegserklärung an Serbien im Juli 1914
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lag, verhältnismäßig friedlich. Alle Staaten, die zu Beginn der Epoche als Großmacht agierten,
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nahmen diesen Rang auch hundert Jahre später noch ein. Zudem konnte ein Krieg, an dem
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alle europäischen Großmächte beteiligt waren, in dieser Epoche vermieden werden. […]
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Wiener Friedensordnung (1815 – 1851)
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Die in den letzten Kriegsjahren vorbereitete und dann 1814/15 in Wien erreichte Ordnung der
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internationalen Beziehungen in Europa beinhaltete drei entscheidende Elemente: Erstens eine
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territoriale Neuverteilung, die letztlich für alle Siegermächte akzeptabel war; außerdem wurde
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Frankreich einerseits eingehegt und andererseits so geschont, dass sein Rang als Großmacht
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nicht infrage gestellt wurde; Zweitens die multilaterale Sicherung und Weiterentwicklung der
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erreichten Einigung durch eine gemeinsame vertragliche Bindung der Großmächte über das
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Ende der Kampfhandlungen hinaus und durch die Bereitschaft, neu entstandene Konflikte auf
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einer Reihe von Kongressen und Konferenzen (dem so genannten Europäischen Konzert)
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einvernehmlich beizulegen; und drittens die Eindämmung des Konfliktpotenzials in
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Mitteleuropa durch die Schaffung des Deutschen Bundes, der die preußisch-österreichische
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Rivalität entschärfte und die Instabilität im Herzen des Kontinents reduzierte. […]
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Überwölbt wurden diese Einzelaspekte von einer gemeinsamen Haltung der europäischen
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Pentarchie […], sich mit dem 1814/15 erreichten Ausgleich zu begnügen und innen- wie
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außenpolitisch ein Äquilibrium zu wahren. Damit ist ein Gleichgewicht gemeint, bei dem den
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Flügelmächten GB und Russland eine entscheidende Rolle zur Bewahrung dieses Zustandes
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zukommt. Dies geschah nicht aus Mangel an machtpolitischen Ambitionen, und die dafür
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notwendige Selbstbeschränkung fiel alles andere als leicht. Aber die Staaten hatten erkannt,
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wie der Historiker Paul W. Schroeder es formuliert hat, „dass Krieg und Expansion nicht zu
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Frieden und Sicherheit führen konnten“. Der Niedergang der Wiener Friedensordnung im
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Verlauf der darauffolgenden Jahrzehnte – besonders während des Vierteljahrhunderts vor
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dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges – ist vor allem die tragische Geschichte der Abkehr von
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dieser Erkenntnis.
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Eine besondere Bewährungsprobe für das Wiener System stellten die revolutionären
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Erschütterungen von 1848/49 dar. Die Vertreibung des österreichischen Staatskanzlers
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Metternich – des Architekten dieser internationalen Ordnung – aus Amt und Würden stand
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symbolisch für den Versuch, nun ganz andere Methoden und Motivationen zum Zuge kommen
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zu lassen. Der Wiener Kongress hatte den Impuls zu nationaler Selbstbestimmung
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weitestgehend ignoriert; die Politik der Wiener Ordnung hatte radikale, nationale und
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revolutionäre Kräfte zugunsten eines obrigkeitlichen Äquilibriums unterdrückt. Mit seinem Ruf
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nach befreiten und geeinten Nationalstaaten in Deutschland, Polen, Italien, Ungarn und
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anderswo stellte der „Völkerfrühling“ von 1848 eine radikale Gegenposition dar.
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Gerade dort, wo die nationale Zugehörigkeit von Territorien umstritten war (etwa in Schleswig,
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Posen oder Böhmen) oder bei der existentiellen Bedrohung eines multi-nationalen Staats (wie
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des Habsburgerreichs), barg das revolutionäre Szenario erhebliche Kriegsrisiken. Es gelang
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jedoch zu verhindern, dass sich die Kämpfe in Schleswig, Italien, Baden und Ungarn zu einem
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gesamteuropäischen Konflikt ausweiteten, und sowohl Preußen wie auch Österreich konnten
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relativ schnell davon abgebracht werden, Gewinn aus der Konkursmasse der Revolution zu
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schlagen. […]
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Krieg und Nationalstaatsgründung (1854 – 1871)
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Trotz des scheinbar vollständigen Sieges der Wiener Ordnung über die revolutionäre
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Herausforderung hatten die Jahre 1848 – 1851 das System der internationalen Beziehungen
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in Europa brüchig gemacht. […] An die Stelle einer von „Rechtsbewußtsein, Maßhalten und
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Ruhebedürfnis geprägten Außenpolitik trat nun eine viel stärker machtbetonte Politik“,
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resümiert Winfried Baumgart. […]
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Europa während der Bismarck-Ära (1871 – 1890)
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1871 präsentierte sich das europäische System als tiefgreifend verändert. […] Unter dem
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Banner der nationalen Einigung waren mit dem Deutschen Reich und Italien kriegerisch zwei
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neue Großmächte entstanden. […] Die einstmals souveränen Mittel- und Kleinstaaten Italiens
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und des Deutschen Bundes hatten ihre Unabhängigkeit verloren und waren daher nicht mehr
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in der Lage, wichtige diplomatische Vermittlungsfunktionen auszuführen. […]
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Welche Rolle Bismarck in diesem Zusammenhang in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten
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gespielt hat, ist durchaus umstritten. […]
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Imperialismus, Mächterivalität und Wettrüsten
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[…] Aufgestachelt durch aggressive Denkmuster und imperiale Rivalitäten lieferten sich die
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europäischen Mächte immer bessere Gründe, sich gegenseitig zu fürchten und Schutz
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voreinander zu suchen. […]
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Dass von den Krisen, die sich in diesem Klima immer häufiger entwickelten, so viele
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diplomatisch beigelegt werden konnten, mag auf das schwindende Erbe der Wiener
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Friedensordnung zurückzuführen sein, aber das vernachlässigte Gebäude war nicht mehr
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standfest.
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Mit jeder neuen Erschütterung erhöhte sich die Gefahr des Einsturzes. Die Krise, die der
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Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gattin durch
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serbische Terroristen in Sarajevo im Juni 1914 folgte, führte dann zur Katastrophe. Die
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Mehrzahl der europäischen Regierungen wähnte sich nun in einer Situation, in der die
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Entscheidung unaufschiebbar schien, ob man als Nation leben oder sterben würde, ob man
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Weltmacht sein oder den eigenen Niedergang erleiden müsse. Vor die Wahl gestellt, ein
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weiteres Opfer für die Erhaltung des Friedens zu erbringen oder nun endlich alles auf den von
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vielen als unvermeidlich betrachteten und mancherorts herbeigesehnten Waffengang zu
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setzen, optierten die Kabinette für den Krieg.

(Hervorhebungen folgen der Vorlage.)

Aus: https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/revolution-1848-1849/517886/internationale-maechteordnung-vom-wiener-kongress-bis-zum-ersten-weltkrieg/ (abgerufen am 16.12.2024)

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