Prüfungsarbeit A
Vergleiche die Grundzüge des biblischen Menschenbildes mit einem anderen Menschenbild. Gehe dabei auf geeignete Bibelstellen ein.
Aufgabe der theologischen Anthropologie ist „vielmehr die Kritik fixierter Menschenbilder.“ (Vgl. Z. 76 f.)
Gib die Argumente in M1 wieder, die diese Schlussfolgerung stützen.
„Wenn aber in der biblischen Tradition die Menschen als Ebenbild Gottes verstanden werden, so folgt daraus, daß das Verbot eines Bildnisses auch hier zur Geltung gebracht werden muß.“ (Z. 34 ff.)
Ordne das Zitat in den Kontext der analogen Rede von Gott ein.
Der Mensch ist Ebenbild Gottes und Sünder zugleich.
Erörtere diese These.
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monatlich kündbarSchulLV-PLUS-Vorteile im ÜberblickDu hast bereits einen Account?Wolfgang Schobert: Das christliche Menschenbild
Aus: Wolfgang Schobert: Einführung in die theologische Anthropologie. Darmstadt 2006, S. 24-26.
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Grundzüge des biblischen Menschenbildes
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Das biblische Menschenbild ist vielschichtig und entfaltet sich aus unterschiedlichen biblischen Traditionen. Zunächst wird der Mensch im Alten Testament als Krone der Schöpfung verstanden. In Psalm 8 wird staunend gefragt, was der Mensch sei, dass Gott seiner gedenke. Zugleich heißt es, Gott habe ihn „nur wenig geringer gemacht als Gott“ und ihn mit „Ehre und Herrlichkeit gekrönt“ (Ps 8). Der Mensch nimmt somit innerhalb der Schöpfung eine herausgehobene Stellung ein. Diese Würde gründet nicht in eigener Leistung, sondern in der göttlichen Zuwendung.
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Eng damit verbunden ist die Aussage der Gottesebenbildlichkeit in Genesis 1,26–28. Der Mensch ist als „Ebenbild Gottes“ geschaffen. Daraus folgt eine unveräußerliche Würde, die allen Menschen zukommt. Die Ebenbildlichkeit meint keine äußerliche Ähnlichkeit, sondern eine besondere Beziehung zu Gott: Der Mensch repräsentiert Gott in der Welt. Zugleich erhält er den Auftrag, sich die Erde „untertan zu machen“ – ein Herrschaftsauftrag, der jedoch verantwortungsvoll zu verstehen ist.
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Dieser Auftrag konkretisiert sich in Genesis 2,15f., wo der Mensch als Bewahrer der Schöpfung und Mitschöpfer erscheint. Gott setzt den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn „bebaut und bewahrt“. Der Mensch ist somit nicht Ausbeuter, sondern verantwortlicher Verwalter der Schöpfung. Er nimmt schöpferisch gestaltend an Gottes Werk teil, bleibt aber selbst Geschöpf.
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Weiterhin wird der Mensch als soziales Wesen beschrieben. In Genesis 2,18 heißt es: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“ Die Erschaffung von Mann und Frau (Gen 2,18–24) unterstreicht die Geschlechtlichkeit des Menschen und seine Bezogenheit auf Gemeinschaft. Der Mensch ist auf Beziehung hin angelegt – sowohl in partnerschaftlicher als auch in gemeinschaftlicher Hinsicht.
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Gleichzeitig verschweigt die Bibel nicht die Sündhaftigkeit des Menschen. In Genesis 3–4 wird vom Sündenfall und von Kains Brudermord berichtet. Der Mensch überschreitet die von Gott gesetzten Grenzen, strebt nach Autonomie und wird schuldig. Die Gottesbeziehung wird gestört, ebenso die Beziehung zwischen den Menschen. Dennoch bleibt der Mensch trotz seiner Schuld Geschöpf Gottes.
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Ein weiterer zentraler Aspekt ist die Vorstellung des Menschen als Bundespartner Gottes. In Genesis 12 beruft Gott Abraham und schließt mit ihm einen Bund. Der Mensch wird damit in eine geschichtliche Beziehung zu Gott hineingenommen. Diese Bundesbeziehung prägt das Selbstverständnis Israels und eröffnet dem Menschen eine heilsgeschichtliche Perspektive.
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Im Neuen Testament vertieft sich dieses Verständnis durch das Inkarnationsgeheimnis. In Lukas 2 wird die Geburt Jesu erzählt, und im Johannesprolog (Joh 1) heißt es: „Das Wort ist Fleisch geworden.“ Gott selbst wird Mensch. Dadurch wird die Würde und Berufung des Menschen in einzigartiger Weise bestätigt: In Christus wird die Gottesebenbildlichkeit sichtbar und konkret.
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Ein weiteres zentrales Merkmal des biblischen Menschenbildes ist die Freiheit. Im Galaterbrief (Gal 5,13–26) wird die Freiheit in Christus betont. Der Mensch ist nicht mehr unter das Gesetz gezwungen, sondern zur Freiheit berufen – allerdings zu einer Freiheit in Liebe und Verantwortung.
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Schließlich umfasst das biblische Menschenbild die Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus. In Römer 8 wird die Auferstehungshoffnung entfaltet: Nichts kann den Menschen von der Liebe Gottes trennen. Der Mensch ist auf ewige Gemeinschaft mit Gott hin geschaffen.
Das Menschenbild Sigmund Freuds als Beispiel eines konkurrierenden modernen Menschenbildes
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Als Kontrast kann das Menschenbild Sigmund Freuds herangezogen werden. Freud versteht das Seelenleben in mechanistischer Weise als einen psychischen „Apparat“. Seelische Vorgänge folgen dabei bestimmten energetischen und kausalen Gesetzmäßigkeiten.
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In seinem topischen Modell unterscheidet Freud zwischen Es, Ich und Über-Ich beziehungsweise zwischen Unbewusstem, Vorbewusstem und Bewusstem. Das Es enthält die unbewussten Triebe, das Ich vermittelt zwischen inneren Impulsen und äußerer Realität, und das Über-Ich repräsentiert internalisierte Normen. Der Mensch ist somit kein einheitliches Wesen, sondern innerlich strukturiert und konflikthaft.
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Freud beschreibt die Persönlichkeit als einen stabilisierten Konflikt zwischen diesen Instanzen. Psychische Gesundheit besteht nicht in Harmonie, sondern im relativen Gleichgewicht widerstreitender Kräfte.
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Zentral ist zudem seine Trieblehre, insbesondere der Gegensatz zwischen Eros (Lebenstrieb) und Destruktionstrieb. Menschliches Verhalten wird wesentlich durch diese Triebkräfte bestimmt.
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Freud verzichtet bewusst auf metaphysische Konstruktionen und vertritt einen atheistischen Standpunkt. Religiöse Vorstellungen deutet er als Projektionen oder Wunschvorstellungen.
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Schließlich betont Freud die grundlegende Rolle des Unbewussten, der Triebe und früher Kindheitserfahrungen für das Verständnis der Persönlichkeit. Der Mensch erscheint hier primär als von innerpsychischen Prozessen determiniertes Wesen.
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Während das biblische Menschenbild die Würde, Freiheit und transzendente Bestimmung des Menschen hervorhebt, beschreibt Freud den Menschen als triebgesteuertes, innerlich konflikthaftes Wesen ohne metaphysische Verankerung. Damit stehen sich zwei grundsätzlich verschiedene Anthropologien gegenüber.
Aufgabe 2
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Die Aufgabe theologischer Anthropologie besteht laut M1 nicht darin, ein abgeschlossenes „christliches Menschenbild“ zu formulieren, sondern vielmehr in der Kritik fixierter Menschenbilder.
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Zunächst wird auf das Bilderverbot des Dekalogs verwiesen (Z. 3 ff.), das Bildnisse von allem verbietet, was im Himmel, auf der Erde oder im Wasser ist. Ursprünglich richtet sich dieses Verbot gegen Götzenbilder (Z. 6 f.). Doch es besitzt darüber hinaus strukturelle Bedeutung für die jüdisch-christliche Gottesrede (Z. 6 ff.).
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Ein „Menschenbild“ im Sinne einer Idealvorstellung dessen, was Menschen aus sich machen sollen (Z. 10 ff.), kommt solchen Götzenbildern gefährlich nahe. Es fixiert und normiert.
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Da die biblische Tradition den Menschen als Ebenbild Gottes versteht (Z. 34 f.), muss das Bilderverbot auch hier gelten. In Anlehnung an Max Frisch wird kritisiert, dass Bilder Menschen auf ihre Vergangenheit und auf fremde Vorstellungen festlegen (Z. 13 ff.). Ein solches Festlegen widerspricht der Offenheit menschlicher Existenz.
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Zugleich wird betont, dass in Christus die Gottesebenbildlichkeit des Menschen anschaubar wird (Z. 45 f.). Dennoch bringt erst die in Christus eröffnete Zukunft ans Licht, was der Mensch wirklich ist (Z. 49 f.). Eine endgültige Bestimmung ist daher unmöglich.
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Für die gesellschaftspolitische Debatte bedeutet dies: Die öffentliche Diskussion wird den theologischen Begründungszusammenhängen meist nicht gerecht (Z. 54 ff.). Das öffentlich vertretene „christliche Menschenbild“ enthält oft nichts spezifisch Christliches (Z. 57 ff.) und entzieht sich sogar der Kritik durch das Evangelium (Z. 61 f.). Zudem suggeriert die politische Berufung auf ein „christliches Menschenbild“ eine Einheitlichkeit und Verbindlichkeit, die es faktisch nicht gibt (Z. 62 f.). Solche Berufungen erscheinen daher als ideologische Setzungen (Z. 69 f.).
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Schließlich ist eine abschließende Entfaltung eines „christlichen Menschenbildes“ auch nicht wünschenswert, weil aus dem Bezug auf Christus Freiheit erwächst (Z. 74 f.). Gerade um dieser Freiheit willen besteht die Aufgabe theologischer Anthropologie in der Kritik fixierter Menschenbilder (Z. 76 f.).
Aufgabe 3
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Das Zitat besagt, dass, wenn der Mensch als Ebenbild Gottes verstanden wird, das Bilderverbot auch auf ihn angewandt werden muss. Diese Aussage ist im Kontext der analogen Rede von Gott zu verstehen.
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Die via affirmativa erlaubt es, positiv und analog von Gott zu sprechen, indem menschliche Begriffe auf Gott übertragen werden.
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Die via negativa betont jedoch, dass jedes positive Sprechen von Gott unzureichend bleibt. Gott ist stets größer, als menschliche Begriffe es ausdrücken können.
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Die via eminentiae ergänzt, dass Gott immer mehr ist, als der Mensch denken kann.
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Das 4. Laterankonzil formulierte, dass zwischen Gott und Geschöpf zwar Ähnlichkeit besteht, die Unähnlichkeit jedoch stets größer ist. In der analogia-entis-Lehre, etwa bei Thomas von Aquin, wird dieses Verhältnis weiter entfaltet.
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Überträgt man dies auf die Anthropologie, so gilt: Fixierte Menschenbilder bleiben stets hinter dem zurück, was der Mensch in Wahrheit ist oder sein kann. In diesem Sinne besteht eine Analogie zwischen Gottesrede und Rede vom Menschen. Wie Gott nicht in einem Bild festgelegt werden darf, so darf auch der Mensch nicht endgültig definiert werden.
Aufgabe 4
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Die These „Der Mensch ist Ebenbild Gottes und Sünder zugleich“ bringt eine zentrale Spannung des christlichen Menschenbildes zum Ausdruck.
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Einerseits besitzt der Mensch eine unverlierbare Würde aufgrund seiner Gottesebenbildlichkeit. Diese Würde gründet in der Schöpfung und wird durch die Inkarnation Christi bestätigt. Sie begründet Menschenrechte, Freiheit und Verantwortung.
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Andererseits beschreibt die biblische Tradition den Menschen als Sünder. Die Erzählungen von Genesis 3–4 zeigen, dass der Mensch zur Selbstüberhebung und zur Schuld neigt. Auch moderne anthropologische Modelle – etwa Freud – unterstreichen die innere Konflikthaftigkeit des Menschen.
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Diese Spannung kann produktiv verstanden werden: Der Mensch ist nicht auf seine Schuld reduziert, aber auch nicht idealisiert. Gerade in der Anerkennung seiner Gebrochenheit wird seine Würde nicht aufgehoben. Christlich gesehen wird der Mensch in Christus zur Freiheit berufen, ohne seine Fehlbarkeit zu leugnen.
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Gegen die These könnte eingewandt werden, dass die Vorstellung von Sündhaftigkeit den Menschen negativ festlegt. Doch im christlichen Verständnis ist Sünde kein Wesensmerkmal, sondern beschreibt eine gestörte Beziehung. Die Gottesebenbildlichkeit bleibt bestehen.
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Somit ist die Doppelbestimmung theologisch kohärent: Der Mensch ist zugleich von Gott her bestimmt und zur Freiheit berufen, aber auch schuldig und erlösungsbedürftig. Gerade diese Spannung bewahrt vor einer einseitigen Idealisierung oder Abwertung des Menschen.